Walter

12. März 2012

Und wie das Programmheft schon beweist, ging’s nach der Lektüre ins Theater.


Exekution eines traurigen Hallodris

20. Februar 2012

am letzten Freitag in Frankfurt!


Dogland remixed

5. Januar 2012

Es ist schon eine Weile her, da ist Memo durch Baumheide gestreunt – einem sog. sozialen Brennpunkt im Nordosten von Bielefeld. Memo war Türsteher in einem Club, saß verloren an Bushaltestellen herum, hörte Eminems Cleaning out my closet und hatte seinen Vater früh verloren. Seine Mutter war so knapp bei Kasse, dass sie nicht mal einen Grabstein kaufen konnte.

Dargestellt wurde das in den Theaterstücken Dog eat Dog sowie Dogland von Nuran David Calis; vor einiger Zeit habe ich Memo mal etwas unfreundlich als “Hamlet von Ostwestfalen” bezeichnet (vgl. Theater heute 12/2005, S. 39f.).

Jetzt ist Calis’ erster Roman Der Mond ist unsere Sonne erschienen, dessen Handlung der der Stücke eigentümlich nahe ist. Alen aus Baumheide arbeitet als Türsteher im Glashaus, gegen Ende nimmt seine Freundin Flo Abschied an einer Bushaltestelle und ein Grabstein für den Vater fehlt auch. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob Calis eigentlich nichts anderes einfällt, als leicht variiert die immer gleiche Geschichte zu erzählen, die zudem zumindest zum Teil auch seine ist. Aber dieser Eindruck verflüchtigte sich gleich wieder, weil rasch deutlich wird, dass das Buch nicht etwa ein episch ausgebreitetes Cover der Stücke ist (so eine Art ‘das Buch zur Aufführung’), sondern ein beeindruckender Remix.

Denn Calis hat den Stil der Darstellung gegenüber den Theaterstücken fundamental verändert. Natürlich klingen immer wieder Hip-Hop-Anspielungen an, die er beherrscht wie vielleicht kein anderer seriöser deutscher Autor. Aber anders als in den Stücken dominiert im Roman nicht der Dialog, sondern der innere Monolog. Während man sich bei den Theaterstücken immer wieder fragt, was Memo umtreibt und wie es in seinem Kopf aussieht, versteht man Alen sehr – auch wenn er selbst das kaum glauben und das als Mitleidsgequatsche abtun würde.

Calis schafft das durch ein Ensemble von Erinnerungssplittern und längeren Schilderungen, die durch einen sachlichen, gänzlich unpathetischen Ton bestechen. Dabei geht es um zwei Fragen, die schon in den beiden Stücken wesentlich waren und vielmehr miteinander zu tun haben, als man zunächst meinen könnte: Was ist Heimat? Und: Gibt es heute noch sowas wie Tragik?

Calis stellt sich beiden Fragen ausführlich, jedoch niemals langatmig, pathetisch oder gar kitschig. Das macht seinen Debutroman sehr lesenswert – gerade weil seine Antworten auf die Fragen schonungslos ausfallen, schnell und hart.


Sisyphos-Müller

3. Dezember 2011

Vor knapp einem Jahr hat Kristin Schulz eine beeindruckende Sammlung von vier Mp-3-CDs mit 36 Stunden O-Ton von Heiner Müller im Alexander Verlag veröffentlicht. Diese Sammlung ist in den folgenden Monaten mehrfach rezensiert worden – teilweise sogar sehr bald nach dem Erscheinen, so dass ich mich immer wieder gefragt habe, wer die CDs wirklich durchgehört hat; ob also die Kritiker wirklich in der Lage waren, sich ein zuverlässiges Urteil zu bilden.

Letzte Woche habe ich die letzten Tracks gehört – allerdings möchte ich gleich eingestehen, dass ich immer wieder einmal beherzt zum nächsten Track gesprungen bin, wenn mich der aktuelle gelangweilt hat oder er schlicht zu schwer zu verstehen war (die Qualität der frühen Aufnahmen entspricht nicht immer gegenwärtigen Standards). Dazu kommt noch, dass Tracks teilweise sehr umfangreiche Lesungen Müllers von anderen Autoren (Benjamin, Brecht, Kafka) bieten. Das ist vielleicht für den interessant, der gerade eine Studie zu Müllers Rezeption von X oder Y schreibt – aber warum sollte man sich das sonst anhören? Auch wiederholen sich seine Pointen und Analysen auf die Dauer. So kommt denn beim Hören immer mehr der Eindruck auf, dass die Tondokumente zwar auf jeden Fall durch das Heiner-Müller-Archiv hätten zugänglich gemacht werden müssen, aber warum sie auf dem freien Buchmarkt angeboten werden müssen, das leuchtete mir, je länger ich zuhörte, immer weniger ein, obwohl ich nun wirklich die für ein solches Vorhaben notwendige Begeisterung für Müller mitbringe.

Als ich dann aber die letzte CD einlegte, kam auf einmal die große Überraschung. Da ich längst schon nicht mehr in dem hilfreichen Buch zu den CDs nachlas, was mich erwartet, war ich sehr erstaunt, als auf einmal neben der Stimme Müllers eine zweite zu hören war. Die CD macht auf mit einer Brecht-Lesung von Ekkehard Schall und Müller, in der sich Schalls zerbrechlicher Moritat-Gesang und Müllers trockener, emotionsfreier Leseduktus abwechseln, was sehr reizvoll wirkt. Im Anschluss an diese Lesung folgt eine Diskussion, an der u.a. auch der jüngst verstorbene Friedrich Kittler teilnimmt. Es schließen sich kurze Gedicht-Lesungen an, die Müller nach seiner Speiseröhren-OP im Rahmen eines Fernsehgesprächs mit Alexander Kluge gehalten hat. Schließlich sind auch seine letzten öffentlichen Äußerungen wie etwa die Büchner-Laudatio auf Durs Grünbein zu hören.

Diese letzte CD wird damit – vermutlich ungewollt und nur wegen der chronologischen Anordnung der Dokumente – zu einem mehrere Stunden dauernden memento mori. Das geht deswegen so sehr unter die Haut, weil Müller sich nicht mehr mit Zynismus und Sarkasmus panzert. Wenn er im Gedicht über sein Spätwerk nachdenkt, dann geschieht das offensichtlich im Bewusstsein, eine großes (wenngleich auch kein umfangreiches) Werk hinterlassen zu haben. Zugleich stellt er sich aber nicht nur seinem Tod. Er kehrt zu seinen Anfängen zurück, indem er noch einmal betont, dass seines Erachtens nach politisch alles auf die Frage “Selektion oder Revolution?” hinausläuft. Wie früh er diese Frage schon gestellt hat, wird erst beim Hören dieser CDs wirklich deutlich – und das macht klar, wie sehr Müllers Werk dem des Sisyphos ähnelt. Glücklicherweise scheint er darunter nicht so sehr gelitten zu haben wie sein berühmter Ahnherr.


Neofeminismus

26. November 2011

im Setzkasten – gestern in Osnabrück auf der Bühne.


Gestern gab’s

11. November 2011

gegenüber von Occupy Frankfurt einen starken Theaterabend: Der große Gatsby in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt. Darauf sei auch hingewiesen, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte nichts mehr zu schreiben. Wird halt nur nicht hier publiziert.


Romane auf der Bühne

16. Oktober 2011

Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.


Blut, Schweiß und ???

20. Juni 2011

Ekkehart Krippendorff hat letztens im Freitag (Nr. 22, S. 15) die Frage aufgeworfen, warum wir im Theater nicht mehr weinen. Ich habe mich natürlich sofort gefragt, wann ich zum letzten Mal im Theater geweint habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, ist das schon sehr lange her. Ich war acht Jahre alt, als Winnetou direkt vor meinen Augen auf der Freilichtbühne in Elspe erschossen wurde. Ich kämpfte mit den Tränen, hatte sie aber noch unter Kontrolle. Winnetou wurde abgedeckt, Old Shatterhand trat an den Bühnenrand und hielt eine Trauerrede. Er schloss mit den Worten: “Winnetou ist tot, aber in unseren Herzen lebt er weiter.” Und in dem Moment ritt Winnetou wieder am oberen Rand der Freilicht-Bühne hervor. Da konnte ich nicht mehr – zumal natürlich punktgenau die Winnetou-Melodie von Martin Böttcher erklang.

Ich erzähle das hier nicht, weil ich mich über Krippendorf lustig machen will. Ich finde Wirkungsästhetik in vielerlei Hinsicht eine spannende Sache. Aber mir fiel diese Situation sofort ein, weil sie zeigt, dass es solche und solche Tränen gibt: Krippendorf meint, wenn er von Tränen spricht, Lessings Mitleidsästhetik. Sie ist im Kern eine politische Theorie. Meine Tränen aber hatten mit Mitleid in diesem Sinne nichts zu tun, sondern mit Traurigkeit und Rührung durch Pathos. Die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen sind natürlich nicht immer klar zu ziehen, aber ich bin mir schon sicher, dass ich kein Mitleid fühlte bei meinem Tränenausbruch. Ich weinte auch nicht, weil ich in Winnetous Tod sowas wie das Ende der Humanität symbolisiert sah. Ich weinte, wie andere in Titanic weinten.

Es gibt also unterschiedliche Motivationen für Tränen. Und es gibt auch sowas, das vielleicht Tränen-Konjunkturen genannt werden könnte. Das Beispiel, das Krippendorf nennt (die Reaktionen auf Schillers Räuber), stammt aus einer Zeit, als es eine ganz andere soziale Akzeptanz von Tränen im Theatersaal gab als heute. Wer heute medial zu großen Emotionen angeregt werden will, dem fällt nicht gleich das Theater ein. Meistens legt er eine DVD ein. Das war im 18. und 19. Jahrhundert selbstredend nicht möglich und so ging man dafür ins Theater. Man kann also beklagen, dass das Theater in diesem Bereich seine Vorherrschaft an den Film abgegeben hat. Die Frage ist nur, ob Krippendorffs Hinweise damit schon erledigt sind.

Im Kern formulieren sie nämlich ein ganz anderes, ein strukturelles Problem jenseits des Medienwandels. Der Hinweis auf die Tränen des 18. Jahrhunderts mag dem ersten Eindruck nach erscheinen wie eine um ein paar Aspekte der Wirkungsästhetik erweiterte Werktreue-Debatte. Doch darum geht es nicht. Krippendorf hat sehr präzise zur Kenntnis genommen, dass die derzeit erfolgreichen Theatermodelle just der Gegenentwurf zum oben skizzierten Theaterverständnis sind. Sie firmieren vielfach unter dem Schlagwort ‘Diskurs’. Auch dazu gibt es derzeit, gegen Ende der Theatersaison, zahlreiche Überlegungen. So hat diese Woche dradio Kultur einen Beitrag über das Theater als “Theorie-Tanker” gesendet.

Krippendorffs Artikel wirft letztlich nichts anderes als die Frage auf, warum dieses Theater entgegen seinem Anspruch kaum politische Wirkung zeitigt. Seine Antwort lautet schlicht, dass politische Wirkung ohne emotionale Beteiligung kaum erreicht werden kann. Das ist bestimmt ein berechtigter Einwand. Das Problem seiner Kritik scheint mir nur zu sein, dass es anders als zu anderen Zeiten im Moment sehr schwer zu sagen ist, wie sowas wie eine Emotionalisierung des Theaters erreicht werden kann.

Der ‘Theorie-Tanker’ ist schließlich nicht selten eine Mischung aus antimimetischer Ästhetik und einer Portion postmoderner Ironie. Die meisten Theatererfolge feierte er letztlich schon in den 1990er Jahren. Wenn man sich an sie erinnert, sollte man nicht so tun, als wären sie ohne emotionale Beteiligung ausgekommen. Aber sie setzten eben nicht auf Gefühle, die man vielleicht auf den gemeinsamen Nenner ‘Mitleid’ bringen kann, sondern eben auf ironische Distanzierung.

So gesehen zielt der Angriff Krippendorffs eben doch ins Leere, weil er unterstellt, dass die Theatermacher Gefühle einfach außer Acht ließen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht findet sich derzeit schlicht kein gemeinsamer Nenner, so dass alles disparat erscheint und weder eine neue Tränen-Konjunktur am Horizont heraufzieht, noch von den Harald Schmidts des Theaters die alte Strahlkraft ausgeht.

Eine Lösung könnte vielleicht eine Rückbesinnung auf eine möglichst vielfältige, den Zuschauer durch den Reichtum der Ideen überfordernde Ästhetik sein, die dem Diskurs ebenso wie dem Mitleid eben nicht absagt, aber auch nicht das eine oder das andere in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Ästhetik versucht eben gerade nicht, primär durch die Referenz auf das Außerhalb des Theaters zu überzeugen, sondern dadurch, dass es eine im besten Sinne des Wortes phantastische Gegenwelt erzeugt. Kulturwissenschaftler würden eine solche Form des Theaters mit Foucault vielleicht als Heterotopie bezeichnen.

Anlass für diesen Gedanken war die Uraufführung von Tom Peuckerts Gedächtnisambulanz in der Regie von Patrick Schimanski. Was da in Bielefeld geleistet wurde, war nicht weniger als ein surrealer Theaterabend, dessen Stärke gerade darin bestand, dass er so vielfältig war, dass wohl in jedem Zuschauer andere Assoziationen ausgelöst wurden und so die emotionale Beteiligung auch ganz unterschiedlich ausfallen konnte. Als die Zuschauer aus dem Theater traten, schienen einige noch ganz betroffen zu sein, andere angesichts der Bilderflut erschlagen, andere wiederum sprachen über eigene Erfahrungen mit Demenz-Kranken. Und der kleine Philologe freute sich zudem noch über die mal versteckten, mal offensiven Anspielungen auf die große und kleine Literatur in Peuckerts kurzem Stück.

Vielleicht besteht die große Herausforderung des Theaters eben darin, dass es nicht überlegt, ob es die großen Gefühle an- oder ausschalten soll, sondern darin, Theater so zu machen, dass die, die Gefühle anschalten wollen, das auch tun können, während die, die es nicht wollen, sie auch ausgeschaltet lassen können, ohne sich gleich über die ‘Anschalter’ lustig machen zu müssen.


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