Wer

15. April 2011

möchte sie nicht kennenlernen, die schrägen Enkel der Liz Taylor?


Einen Männerversteher

14. Januar 2011

habe ich gestern abend kennengelernt.


Schweizer Standort

4. Januar 2011

Für mein Seminar zur Gegenwartsdramaturgie habe ich Frischs Graf Öderland. Eine Moritat in zwölf Bildern gelesen. Das Stück ist eigentümlich emotionsfrei. Die Figuren sind keine Charaktere; Identifikation fällt damit aus. Doch sind sie auch keine Typen; damit fallen Komik und Parabel aus. Die Szenen bauen aufeinander auf, Aktion und Reaktion sind in sich schlüssig. Doch ändert das nichts daran, dass die Fabel dermaßen absonderlich ist, dass ich mich eher an eine Pro7-Mystery-Serie erinnert fühlte, denn an eine überzeugende dramatische Handlung (immer wenn Graf Öderland auf Widerstand stößt, holt er seine Axt raus und zerdeppert ein paar Schädel …). Glücklicherweise sah das Seminar das in den beiden sehr lebhaften Diskussionen anders als der Dozent.

Einen konventionellen Spannungsbogen habe ich auch nicht so richtig gefunden, gleichzeitig aber ist die Dialogführung sehr konzentriert. Das ganze Stück erinnert in seiner Formvollendetheit an das absurde Theater von Beckett, nur dass es nicht absurd ist. Immerhin aber endet es mit einem hübschen performativen Widerspruch. Von allem also ein bisschen. Selten hat mich ein Stück so dermaßen überfordert und gleichzeitig gelangweilt. Warum weckt es nicht meinen Ehrgeiz, es endlich zu verstehen. Vielleicht ist es einfach nur schlecht?

Jetzt lese ich im knappen und trotzdem in jeder Beziehung überzeugenden Sammelband Wir stehen da, gefesselte Betrachter. Theater und Gesellschaft (hg. von Elio Pellin und Ulrich Weber. Göttingen, Zürich 2010) einen wunderbaren Aufsatz von Peter Utz (Die Katastrophe im Blick. Literarische Betrachtungen zur Schweiz auf der Zuschauerbank, S. 15ff.) zu Frischs Überlegungen zum Schweizer “Standort”. Frisch meinte – unter Rückgriff auf verschiedene Vorgänger -, das Schweizer Bewusstsein sei wesentlich vom Zuschauen bei den historischen Tragödien (zumal denen des 20. Jahrhunderts) geprägt. Deswegen grenzte er die Katharsis auch entschieden aus seinen Überlegungen aus.

Diese Information korrespondiert mit einem Gedanken, der auch schon im Seminar geäußert wurde: Wenn man Frischs Überlegungen zum ‘Standort’ kennt, dann wird Graf Öderland zumindest in einer Hinsicht interessant. Denn hier sitzt nicht nur das Publikum im Theater und sieht dem Aufstieg Graf Öderlands zu einer Art Staatschef unbeteiligt zu. Es gibt zugleich auch Figuren, die dem Aufstieg ihrerseits recht teilnahmslos zuschauen. Das Publikum kann sich gewissermaßen selbst beim Zuschauen zuschauen. Das ist natürlich ein netter Gag und etwas subversiver als beispielsweise Brechts Zeigefinger Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Nur kann man diese luhmannsche Freude an der Beobachtung zweiten bzw. dritten Grades heute noch irgendwie vermitteln? Sie setzt eine Lust an der Neutralität voraus, die schon vielen Zeitgenossen von Frisch suspekt war. Trotzdem mag sie in der Schweiz weiterhin lebendig sein. Zugestanden. Aber außerhalb der Schweiz? Gibt es eine Aktualität des Stücks, die es rechtfertigt, Graf Öderland heute noch auf eine Bühne zu bringen? In Basel ist es jüngst versucht worden, an diesem Wochenende folgt auch das Theater in Gießen, was auch Anlass für die Beschäftigung mit dem Stück im Seminar war. Ich bin gespannt, ob man in Mittelhessen eine Löung unabhängig vom Schweizer Standpunkt findet. Ein Probenbesuch vor Weihnachten ließ das zwar hoffen, aber er machte zugleich auch deutlich, dass bei Frisch immer alles wie Reißbrett wirkt.

Moritz Rinke erinnert gern daran, dass Frisch seine Dramen auf einem Bierdeckel konzipieren konnte und er (Rinke) das nicht könne, Frisch deswegen aber bewundere. Als ich die Geschichte vom Bierdeckel zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Friedrich Merz denken. Was die Leute so alles auf Bierdeckel bringen wollen. Mir reicht es voll und ganz, ein Bier ‘drauf abzustellen, damit es nicht auf den Tresen suppt. Frischs Dramatik hat mir die Geschichte auf jeden Fall nicht näher gebracht, aber vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass ich mich im Theater fürs Zugucken interessiere und nicht fürs Zugucken beim Zugucken.


Irrtümer

30. Dezember 2010

Vor 15 Jahren starb Heiner Müller. Als gut zwei Jahre nach seinem Tod die Nachricht die Runde macht, dass seine Gedichte den Auftakt zur Werk-Ausgabe bilden werden, bestelle ich das Buch umgehend vor und kann es nach mehreren Nachfragen endlich bei meinem Buchhändler in Göttingen abholen.

1998 war das. In Göttingen nahm man die Trauer nicht wahr, die in Berlin auch zwei Jahre nach seinem Tod vielfach zu spüren war, vor allem an den Theatern dort. Die Distanz erleichterte die Lektüre. In den folgenden Tagen las ich nicht nur den Band, sondern auch alle Rezensionen der Ausgabe in den einschlägigen Tageszeitungen. Noch heute finden sich einige von ihnen in mein Exemplar eingelegt; sie belegen, wie sehr die Gedichte ein Ereignis waren.

Gerade seine letzten Gedichte habe ich wieder und wieder gelesen. Auch kenne ich dazu einige Interpretationen, die meinen Eindruck bestätigt haben, dass diese Gedichte herausragende Auseinandersetzungen mit der Todesliteratur und insbesondere der Todeslyrik verschiedener Epochen und Literaturen sind – vor allem mit der stoischen Literatur Senecas.

Vor einigen Wochen nahm ich den 2005 erschienenen Band “Der Tod ist ein Irrtum” erstmals in Ruhe in die Hand und las dieselben Gedichte wieder, eingebettet zwischen den Polaroidfotos von Brigitte Maria Mayer und den handschriftlichen, oft schwer leserlichen Notizen Müllers. Diese Rahmung verändert alles – die Gedichte sind andere, wenn sie neben den Fotos des schwerkranken Autors abgedruckt sind.

Müller hat wie kein anderer den Tod des Autors dramatisiert und dadurch einen unvoreingenommenen Blick auf die Bilder unmöglich gemacht. Man kommt sich vor wie ein Voyeur, obwohl man zum Zuschauen eingeladen wird. Kein Gedanke mehr an die Literaturgeschichte, volle Konzentration auf Müller. Nie war mir deutlicher, wie sehr Wahrnehmung variieren können. Eigentlich banal. Nur weiß ich nicht, wie ich damit umgehen, in welcher Ausgabe ich lesen soll, wenn ich die Gedichte wiederlesen möchte. Nicht nur der Tod ist ein Irrtum.


Marionettentheater

13. Dezember 2010

Wenn der Autor weiß, daß er Bedeutung produziert, und die von ihm produzierte Bedeutung kennt, dann ist seine Herrschaft gesichert. Doch wenn das nicht der Fall ist, wenn Bedeutungen erzeugt werden, die er nicht intendierte, und wenn, andererseits, die intendierte Bedeutung das gewünschte Ziel verfehlt, dann ist er in Schwierigkeiten. Eine der Konsequenzen eines solchen Verlusts von Kontrolle über die Bedeutung ist die, daß er nicht länger fähig ist, sie vorzutäuschen.
(Paul de Man: Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater, in: ders.: Allegorien des Lesens. Frankfurt/Main 1988, S. 205-233, hier S. 223f.)

De Mans Überlegungen zu Kleists kurzem Text Über das Marionettentheater sind in den letzten gut zwei Jahrzehnten vielfach reflektiert und weiterentwickelt worden. De Man selbst hat das mit seinem Aufsatz schon gebahnt, indem er deutlich gemacht hat, wie groß die Differenz zwischen Schillers Idealismus und Kleists Formästhetik ist.

Aber nicht nur in der Literaturwissenschaft, auch auf dem Theater gilt Kleist mindestens seit den 80ern als ein wesentlicher Wegbereiter der Postmoderne. Das liegt zum einen daran, dass viele theoretische Überlegungen zum postdramatischen Theater eben an der Dekonstruktion de Mans geschult sind. Das liegt zum anderen daran, dass einflussreiche Dramatiker wie Müller oder Jelinek sich ihrerseits intensiv mit Kleist auseinandergesetzt haben und seine – im wörtlichen Sinne – ‘Bedeutungslosigkeit’ betont und in ihrem Werk produktiv rezipiert haben.

De Man hat seine Überlegungen zu Kleists kurzem Prosa-Text vor allem auf Erzählliteratur bezogen:

Daher die Notwendigkeit, den Leser durch einen beständigen Wechsel von Finten und wirklichen Schlägen in die Irre zu führen: um seine Kontrolle sicherzustellen, bedarf der Autor der Verwirrung des Lesers. Lesen ist einem Gefecht vergleichbar, dessen Kämpfer über die Realität oder Fiktionalität ihrer Äußerungen streiten, über die Fähigkeit zu entscheiden, ob der Text eine Fiktion oder eine (Auto-)Biographie, eine Erzählung oder historisch, spielerisch oder ernsthaft sei.
(Ebd., S. 224)

Doch was passiert bei diesem Verwirrspiel, wenn eine zweite Autorität in Gestalt eines Theaterregisseurs hinzutritt, die zunächst ihr eigenes Gefecht mit dem Text führt, dann dieses Gefecht durch den Meta-Reflektionswolf dreht, das Ergebnis präsentiert und schließlich doch nicht verhindern kann, dass zumindest ein Teil der Zuschauer das Gefecht mit dem dramatischen Text suchen und am Gefecht mit der Meta-Reflexion gar nicht interessiert sind. Manche Regisseure stellen sich dann hin und rufen: “Ätsch! Wenn Du Dich nicht für meine Meta-Reflexion interessierst, dann bleib doch gleich mit Deinem blöden Drama zuhause!” Die meisten Regisseure aber sind schlauer und nicht so schnell eingeschnappt. Das liegt schon daran, dass sie meistens ganz gute Nehmerqualitäten haben. Viel bessere als Kritiker oder Publikum.

Denn auch wenn es Kritik und Publikum oft nicht wahrhaben wollen, sind die Gefechte mit dem Text, die auf der Bühne reflektiert werden, alles andere als subjektiv oder zufällig. Die Inszenierung zeigt in vielen Fällen den Kontrollverlust, von dem de Man spricht, auf, macht den Autor damit ohnmächtig und zeigt diese Ohnmacht zugleich an. So kann gerade derjenige Regisseur, der den Text auf der Bühne weiterentwickelt, dem Autor gerecht werden. Nur schade, dass die Autoren es den Regisseuren meist nicht danken.

Die Frage ist nur, wie man mit einem Drama umgehen soll und kann, dessen Autor das mit Finten und Irreführung nicht befriffen hat und stattdessen Texte schreibt, die um jeden Preis versuchen, die Inszenierung festzulegen. Wenn es sich um einen Autor mit offensichtlichem Regulierungswahn handelt, hat es der Regisseur einfach. Er kann sich dazu verhalten oder nicht.

Viel schwieriger wird es, wenn der Autor sein Werk für wer weiß wie offen und gleichberechtigt hält und in Wirklichkeit ein starres Bedeutungsmonster geschrieben hat. Mir scheint das bei der so vielfach gerühmten britischen Blut- und Spermadramatik der Fall zu sein. Anders als Sarah Kane pflegen Autoren wie Mark Ravenhill oftmals eine starre Kammerspielästhetik. Die pubertäre Freude an der Grenzverletzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie konventionell Dialogführung, Handlungskomposition sowie der Umgang mit Raum und Zeit sind. Die Spießer der Welt sollen mittels der vermeintlichen Wirklichkeit und einem zynisch-kalten Lächeln schockiert werden. Doch die schockierend einfältige Spießigkeit der Ausdrucksform dieser Dramatik wird viel zu selten wahrgenommen.

Kleist, dessen kleiner Text Über das Marionettentheater gestern seinen 200. Geburtstag feierte, meinte in einem Epigramm mit dem Titel Voltaire im Phöbus (April/Mai-Heft 1808):

Lieber! ich auch bin nackt, wie Gott mich erschaffen, natürlich,
Und doch häng’ ich mir klug immer ein Mäntelchen um.


Aufrüstung

30. August 2010

Das Kleist-Jahr 2011 wirft seine Schatten voraus. 200. Todestag, da muss schon was kommen. Fleißig aktualisieren die Verlage ihre Bestände und bereiten neue Ausgaben vor. Doch aus den heiligen Hallen der Textkritik wollen wir heute einmal nicht berichten.

Nein. Heute gilt es, einen großen Theatermann zu preisen, der im nächsten Jahr mal gleich die ganze Dramatik von Kleist (großartiges Wortspiel, nicht wahr?) in seinem Theater geben will: Armin Petras. Und das nicht als so ein Spaß-Ding à la ‘Shakespeare in 90 Minuten’, sondern so richtig ernsthaft und anspruchsvoll (was bei Petras zum Glück ja nicht meint, dass das Spektakel zu kurz kommt). Aber angesichts dieser Kleist-Flut fragt man sich natürlich sofort, ob er schon mal heimlich auf den guten Heinrich angestoßen hat, dass der so früh Sch(l)uss gemacht hat mit Werk und Leben (keine Sorge, mehr Kalauer gibt es heute nicht). Solche ‘Der ganze X oder Y’-Projekte zielen schließlich so dermaßen auf Öffentlichskeitswirkung ab, dass man sie meiner Meinung nach jedem Intendanten und Regisseur verbieten sollte.

Im Klartext: Was soll das? Auflösung auf diese Frage versprach Anfang des Monats ein Interview in der Berliner Zeitung, mit dem Titel “Kämpfen, fallen, saufen” was eher nach Kreisklasse klingt und nicht nach Bundesliga. Auf jeden Fall meinte Petras da über Kleists Hermannsschlacht:

“Eigentlich geht es doch nur um ideelle oder emotionale Aufrüstung. Alles was Herrmann tut, ist dazu da, die Deutschen zum Kämpfen zu bringen. Das ist für mich interessant, auch die Ausgangssituation. Ich finde, dass Deutschland heute moralisch ähnlich darniederliegt.”

Ich verzichte jetzt mal auf Hinweise, in welche Tradition Petras damit gewollt oder ungewollt tritt – von einem Regisseur, der sich im Interview als guter Kenner der Hermannsschlacht und von dessen Rezeptionsgeschichte ausweist, kann man eigentlich ein wenig mehr Vorsicht bei der Wortwahl erwarten. Ich will jetzt auch gar keine Mutmaßungen darüber anstellen, an was sich nach Petras’ Meinung dieser Niedergang festmachen lässt. Und leider klärt das der Interviewer der Berliner Zeitung auch nicht so richtig.

Viel spannender finde ich die Frage, ob Petras dann auch mit dem Käthchen “Aufrüstung” betreiben und mit dem Zerbrochenen Krug die Moral wieder aufrichten will – das dürfte dann vielleicht kein spannender Theaterabend sein, aber zumindest ein komischer …


Maske und Gegenwartstheater

2. August 2010

In der SZ hat vor einigen Wochen Christopher Schmidt berichtet, dass Hans Belting in München über „Theater und Maske“ gesprochen und dabei „implizite Kritik am Gegenwartstheater“ geübt habe (SZ 162, 17./18.7., S. 16). Der Artikel lässt vermuten, dass Beltings Vortrag auf seinen umfassenden Überlegungen aufbaut, die er in Das echte Bild (München 2005) formuliert hat. Schon dort hat er sich ausführlich zum Umgang mit der Maske seit der Antike geäußert und ist dabei weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinausgegangen. So hat er etwa die Bedeutung des lateinischen Worts persona gewohnt souverän dargelegt. Seine Ausführungen nutzt er in seiner Studie, um zu erklären, in welchem Verhältnis Maske und Gesicht primär in der darstellenden Kunst zueinander stehen.

Beltings Pointe in seinem Vortrag scheint nun gewesen zu sein, dass er seine bildwissenschaftlichen Überlegungen in Beziehung gesetzt hat zum Umgang des Theaters mit der Maske. Schmidt schreibt: „Theater hat sich von jeher als Spiegel verstanden, doch als es unter dem Schlachtruf der Natürlichkeit die Maske zerbrach, hat es sich von seiner eigenen Natur entfremdet.“ Dass das Postulat der Natürlichkeit im Widerspruch zur Maske als Requisit steht, ist klar. Nur muss man an dieser Stelle doch zwei Fragen stellen, nämlich:

1. Bedeutete das Natürlichkeitspostulat tatsächlich das Ende der Maske?

2. Ist das Natürlichkeitspostulat im Gegenwartstheater tatsächlich weiterhin existent?

Die Fragen zu stellen, heißt, sie zu verneinen: Natürlichkeit ist die große Forderung des bürgerlichen Trauerspiels. Lessing und vor allem Diderot können hierfür als wichtige Repräsentanten genannt werden. Ihre Bedeutung für das europäische Theater kann kaum unterschätzt werden. Aber ebenso dürfte auch unbestritten sein, dass sie in den vergangenen 200 Jahren nicht nur auf Zustimmung gestoßen sind. Goethes Faust 2 und Brechts Dramatik (welch eigentümliche Allianz in diesem Punkt!) mögen hier als Gegenbeispiele genügen. Noch viel wichtiger scheint mir aber zu sein, dass Beltings Hinweis nichts mit dem Gegenwartstheater zu tun hat. Ich war in der letzten Spielzeit nicht oft im Theater, aber eine Inszenierung, an die ich mich besonders gerne zurückerinnere, arbeitete mit Masken, nämlich Karin Beiers wunderbare Kölner Aufführung von Grillparzers Das goldene Vlies. Und die ist immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden.

Vielleicht ist der Ausdruck „Gegenwartstheater“ in dem Artikel von Schmidt aber gar nicht auf das bezogen, was ich darunter verstehe (und ob Belting sich tatsächlich auf die Gegenwart bezogen hat, wird auch nicht recht klar). Vielleicht meint Schmidt in seinem Artikel schlicht eine Ästhetik, die durch die Aufklärung angestoßen wurde und der heute noch viele Zuschauer anhängen – trotz Brecht und seiner Epigonen, trotz der Rückkehr zur antiken Dramatik etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder dann erneut seit den 70er Jahren.

Die eigentliche Pointe des Vortrags von Belting wäre dann nur, dass er gerade keine Kritik am Gegenwartstheater üben würde, sondern an einer bestimmten Rezeptionserwartung des Publikums. Nämlich an der Erwartung, ‚natürliches’, also maskenfreies Theater zu sehen. Dieses Bedürfnis äußert sich in fast jeder Aufführung im Pausengespräch, wenn sich gut situierte Menschen endlich mal wieder einen ‚echten’ Schiller o.ä. wünschen, wie das vor einiger Zeit ein Bundespräsident tat, der dann auch umgehend zurückgetreten ist, als er eingesehen hat, dass er von Theater keine Ahnung hat. Doch das nur am Rande.

Das eigentliche Problem ist also, was ‚echt’ meint. Wer eine Antwort darauf sucht, dem sei das genannte Buch von Belting nur empfohlen – auch wenn es vom Theater nur am Rande handelt: es ist echt gut!


Zeitfenster

11. Juni 2010

Letzte Woche war Moritz Rinke für drei Tage in Gießen zu Besuch. Am Mittwoch hat er im Literarischen Zentrum aus seinem Roman gelesen. Von Donnerstag an haben meine Kollegin Petra Bolte-Picker und ich einen Workshop mit und über ihn veranstaltet. Wir haben zu diesem Zweck einige Theaterpraktiker und Kollegen eingeladen, um in unterschiedlichen Einheiten an Rinkes Texten zu arbeiten.

Zur Vorbereitung des Workshops haben wir in zwei parallelen Seminaren Rinkes Dramen und den Roman gelesen, so dass wir sehr intensiv vorbereitet waren und ganz konkret arbeiten konnten. So haben wir mit Unterstützung von Sibylle Broll-Pape vom prinz regent Theater Bochum Szenen aus den Nibelungen erarbeitet und uns mit Unterstützung des Kritikers Thomas Irmer mit der Hörspiel-Fassung davon auseinandergesetzt. Stephan Kraft aus Bonn hat kritisch die Verfilmung von Vineta mit dem Drama verglichen, und Harald Wolff vom Staatstheater Braunschweig hat anhand von Umberto dramaturgische Perspektiven für das Stadttheater entwickelt. Dazu kamen noch Einheiten, die Petra, Rinke und ich angeboten haben.

Das einzige Problem, das sich während des Workshops immer wieder ergab, war, dass die angesetzten Zeitfenster viel zu knapp waren. Dabei wurden einige Einheiten schon parallel angeboten und niemals die viel zu knappen 90 Minuten Seminareinheiten angesetzt. Manchmal dachte ich, wir hätten aus jeder Einheit einen ganzen Workshop machen können. Die gemeinsame Arbeit in der alten UB in Gießen war auf jeden Fall eine ganz tolle gemeinsame Erfahrung. Man soll’s nicht glauben, aber die Arbeit im Elfenbeinturm kann richtig Spaß machen!


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