Arbeitsphasen I

13. Februar 2012


Konjekturale Praxis

10. Januar 2012

Jüngst ist eine Rezension zum Sammelband Konjektur und Krux erschienen, den ich 2010 mitherausgegeben habe. U.a. wird dem Band vorgeworfen, dass versucht worden sei, die “Heterogenität der Beiträge [zu] kaschieren.” (in: editio 25 (2011), S. 225-230, hier S. 225). Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es Aufgabe von Herausgebern ist, ‘Homogenität’ herzustellen und alle Beiträge auf Linie zu trimmen, oder ob es gerade für theoretische Überlegungen nicht vielmehr produktiv ist, wenn unterschiedliche Positionen versammelt werden, um sie kenntlich zu machen und um dadurch Meinungsbildung anzuregen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, der Rezensent bevorzugt offenbar den ersten Weg – das ist sein gutes Recht.

Wenn wir vier Herausgeber den Pluralismus der Beiträge aber tatsächlich hätten “kaschieren” wollen, hätten wir wohl kaum bereits auf der ersten Seite der Einleitung u.a. auf “Reibungsflächen” hingewiesen und auf das Bemühen, “kontroverse, gleichwohl konstruktive Standortbestimmungen” vorzunehmen. Wir hätten dann auch nicht Aufsätze, die sich zum Teil explizit widersprechen, nebeneinander publiziert.

Ebenso wie diese Unterstellung hat mich auch die Auseinandersetzung mit den Vorüberlegungen von Uwe Wirth und mir zum Gegenstand des Buches irritiert. Nachdem wir zunächst brav mit “Bremer und Wirth” genannt werden, geht die Rezension dazu über, für den Beitrag nur noch einen Autor zu nennen: “glaubt Wirth”, “Wirths Plädoyer” (ebd., S. 226). Damit macht der Rezensent nun gerade das, was eine Konjektur auszeichnet: Aufgrund seines Kontextwissens stellt er eine Vermutung auf, welcher der beiden Verfasser die kritisierte Passage geschrieben haben dürfte. Der Rezensent zeigt damit zweierlei: 1. Sein Autorverständnis sieht kooperative Schreibverfahren nicht vor. 2. Er vertraut seiner Kritiker-Divination. Klassischer Fall von performativem Widerspruch im kleinen Philologen-Stadel.


Betrug?

2. September 2011

Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman “ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen”, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem “betrogenen Betrüger”, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?

Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.

In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von “Modulhandbüchern” geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.

Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.

Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.


Härte

27. August 2011

Manchmal will ein kleiner Philologe ein harter Kerl sein. Aber weil er tatsächlich ein Einfaltspinsel und Schisser ist, mischt er sich beim Auswärtsspiel nicht unter die Ultras der Heimmannschaft, sondern geht in die Buchhandlung seines Vertrauens und verlangt was Hartes, was richtig Hartes.

Die junge Aushilfe bietet dem Käsegesicht Mankell an. Es stottert verlegen und stammelt was von “Ne, n’ Krimi wollte ich eigentlich nicht.” Zum Glück greift die Besitzerin ein. Sie kennt ihre Schnullis: “Nehmen Sie das hier, 35 Tote von Álvarez, der große Kolumbien-Roman der Gegenwart. Suhrkamp. Knallharte Realität. Abrechnung und Liebeserklärung zugleich.”

Und so sitzt der kleine Philologe, der so gerne richtig hart wäre, in seinem Sesselchen weit entfernt vom bösen Kolumbien, wo offensichtlich ohne Unterlass gekifft und gekokst wird, vergewaltigt und verprügelt. Alle sind total cool und haben dauernd Sex. Manche wollen die Welt ändern, die meisten aber nur Geld machen und Spaß haben. Ein paar liebenswerte Melancholiker trifft man auch.

Was soll unser Philologe sagen? So viele Tote gab’s lange nicht mehr in einem Buch, das er gelesen hat. Im Vergleich zu Mankell sind die Todesarten weniger bestialisch. Sie sind meistens schlicht effektiv, manchmal auch sadistisch. Sieht man einmal davon ab, dass der Roman aus ganz vielen verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt wird (was natürlich auf die Dauer nervig ist, weil man zu Beginn jedes Kapitels wieder überlegen muss, wer jetzt gerade spricht), ist er ästhetisch nicht besonders spektakulär.

Aber der kleine Philologe ist ausdauernd und liest die ganzen gut 500 Seiten. Weil er letztlich doch ein harter Junge ist, ein ganz harter. Wenn die gegnerischen Ultras wüssten, wie das in Kolumbien abgeht und was er darüber jetzt alles weiß, dann würden die aber sowas von weiche Knie bekommen. Das kann ich Euch sagen. Also macht Euch schon mal vom Acker, mir macht keiner mehr was vor. Schließlich habe ich Álvarez’ Roman von vorn bis hinten gelesen. Da könnt ihr mit Euren Bengalos und Schlachtgesängen aber sowas von nicht mithalten, das sag ich Euch aber.


Aller Welt Freund

23. August 2011

Als ich in diesen Tagen Aller Welt Freund von Jurek Becker gelesen habe, hat mich das Nachwort genervt. “Selbst schuld, wer liest schließlich schon Nachworte!?”, könnte ich mir jetzt sagen. Die Antwort lautet natürlich: zumindest die, die selbst welche schreiben. Doch wie auch immer. Ich habe mich auf jeden Fall geärgert. Denn dieses Nachwort ist typisch für die Auseinandersetzung mit DDR-Literatur. Der Roman erschien Anfang der 80er und im Nachwort zu meiner Ausgabe (Leipzig: Faber & Faber 2002) wird sofort losgelegt mit einer klaren politischen Verortung Beckers zwischen Ost und West:

Auch er ist weggegangen. Auch er hatte in den Siebzigern das eine gegen das andere deutsche Land eingetauscht. Wie manche vor ihm und viele andere nach ihm. In seinem Paß, den für mehr als ein Jahrzehnt noch Farbe und Emblem der Deutschen Demokratischen Republik zieren sollten, befand sich ein Visum, das ihm die unbeschränkte Aus- und Einreise erlaubte. Diesen Paß, ein Privilegium, besaß er, ein für damalige Verhältnisse Privilegierter, seit Anfang der Siebziger. (S. 171)

Als ich das Nachwort las, habe ich mich nicht etwa geärgert, weil einer mit einem Privileg naturgemäß ein Privilegierter ist (und auch nicht über die ach so gebildet daherkommende lateinische Schreibweise). Solche sprachlichen Nervereien passieren schon mal. Nein, es war, weil Beckers kurzer Roman in manchen Situationen nicht nur komisch ist (und dementsprechend ganz und gar unmelancholisch), sondern mir geradezu aktuell erschien (was mir selten passiert und mich eigentlich auch gar nicht so sehr interessiert). Auf jeden Fall: Nichts von Ausreise, Einreise, Stasi, Knast, was weiß ich. Nein, ganz anders. Aus der Ich-Perspektive wird geschildert, wie ein depressiver Redakteur nach einem gescheiterten Suizid-Versuch die ersten Tage verbringt. Aktuell ist der Roman dabei nicht nur, weil man an den Gedanken des Erzählers beeindruckend genau teilhat, sondern weil die Menschen um ihn herum vielfach so unkompliziert sind, geradezu vorbildlich. So geht z.B. der Chef regelrecht freimütig mit den Problemen seines Mitarbeiters um:

Der Mann, von dem ich spreche, ist ein Kollege von Ihnen. [...]. Heute nennt er die ganze Geschichte seine depressive Phase. Ich will offen zu ihnen sein, mein Junge: Vor kurzem habe ich ihn gefragt, was für Ratschläge man einer Person geben könnte, der es ähnlich geht wie damals ihm. (S. 156)

Nun kann ich es sehr gut verstehen, dass man in einem Buch, das in einer Reihe namens DDR-Bibliothek erscheint, immer wieder zu historischen Verortungen ansetzt. So wird dann auch in dem Nachwort über Beckers Weggang aus der DDR berichte und über die Schwierigkeiten der Publikation von Aller Welt Freund in der DDR. Aber muss man das wirklich? Kann man nicht einfach mal über ein gutes Buch schreiben, dass es gut ist, ohne zu erwähnen, dass es zu einer Zeit erschienen ist, als zwei deutsche Staaten kooexistierten (kann man sich schließlich ausrechnen), ohne mit dem Zeigefinger auf Beckers gewiss nicht immer leichte Situation hinzuweisen. Weder Ostalgie noch Anklage, das wär’s. Aller Welt Freund ist gerade deswegen ein starkes Buch, weil es weder glorifiziert noch offen kritisiert, sondern den Leser mit diesem Erzähler ganz allein lässt. Und diese Zweisamkeit kommt bestens aus ohne historisches Tralala.


Lesen lernen

11. Juli 2011

Lange Zeit dachte ich, dass die Erforschung der Philologiegeschichte eine recht neue Sache ist. Das lag bestimmt daran, dass die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik eigentlich erst in den letzten 20 Jahren richtig Fahrt aufgenommen und dabei einige schlagzeilenträchtige Ergebnisse zu Tage gefördert hat. Mich interessiert Wissenschaftsgeschichte besonders, wenn sie Methodengeschichte ist. Deswegen habe ich während des Studiums beispielsweise die vier Bände Geschichtsdiskurs von Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen und Ernst Schulin gern gelesen, weil man an ihnen studieren kann, wie die Beschäftigung mit der Fachgeschichte in eigene Methodenreflexionen umschlägt. Leider sind die Bände längst vergriffen, so dass ich hier auf einen Link auf die Verlagsseite verzichte.

Als Uwe Wirth und ich vor etwa drei Jahren den Reader mit Texten zur Philologiegeschichte anfingen vorzubereiten, wurde mir wieder deutlich, wie sehr meine Wahrnehmung in disziplinären Schubladen festsitzt und wie intensiv die Philologie schon Wissenschaftsgeschichte betrieben hat, lange bevor man das so nannte. Besonders angetan war ich damals von Wilamowitz’ Geschichte der Philologie, von der wiederum ausgegangen werden kann, um etwa die philologiegeschichtlichen Bemühungen des 19. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen.

Nun habe ich in diesen Tagen Jean Bollacks Essay über Jacob Bernays gelesen, der nicht nur deswegen faszinierend ist, weil der Autor die gleichen Initialen wie sein Gegenstand hat. Er ist sehr gut zu lesen, weil Bollack einen wunderbar lesbaren Stil pflegt, der zur Beschäftigung mit diesem dem ersten Eindruck nach fernen Gegenstand einlädt und der ihm damit auch ästhetisch gerecht wird. Guter Stil scheint mir insgesamt ein Merkmal philologiegeschichtlicher Studien zu sein, die sich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen. Ein anderes Beispiel dafür ist die Einleitung von Jürgen Paul Schwindt zur Neuauflage von Creuzers Das Akademische Studium des Alterthums.

Wenn man sich diese Studien durchliest, fällt neben der Stilsicherheit das historische Bewusstsein der Philologen heute und damals auf. Es geht weniger um die Rekonstruktion dessen, was war, sondern viel mehr um die Deutung. So schrieb Bernays bezeichnenderweise ein Buch über Scaliger. Wenn also die Beschäftigung mit der Fachgeschichte wahrlich nichts Neues ist, sondern offenbar schon älter, und wenn davon langfristig zahlreiche Impulse ausgehen, dann stellt sich die Frage, warum das so ist.

Bollack gibt darauf eine banale wie überzeugende Antwort: “Ein Buch ist immer die Geschichte seiner Lektüre.” (S. 57) Wenn ich mich mit der Geschichte des eigenen Faches auseinandersetze, erfahre ich viel darüber, wie vor mir gelesen wurde und warum was wie gelesen wurde. Das ist zwar nicht weiter spektakulär, aber man macht es sich viel zu selten bewusst. Bollack führt das am Beispiel von Bernays vor, indem er die Zeitabhängigkeit von Deutungen kenntlich macht (bis hin zu einer steilen Thesen zu Schadewaldts wichtigem Aufsatz zu Furcht und Mitleid, auf die hier vielleicht ein anderes Mal eingegangen wird; vgl. bei Bollack S. 78).

Das große stilistische Bewusstsein von Autoren wie Bernays, aber auch Bollack oder Schwindt ist nun zugleich Voraussetzung dafür, dass die Beschäftigung mit dem Lesen anderer nicht nur selbstbezogen ist, sondern auch als Einladung begriffen werden kann – hier teilt jemand die eigene Freude an einem Buch, also an den Lektüren eines Dritten, seinen eigenen Lesern mit. So gesehen ist es vielleicht gar nicht überraschend, wenn ich mir gut vorstellen kann, dass in wenigen Jahren wissenschaftliche Blogs und ähnliche Formate ein bevorzugter Ort für wissenschaftsgeschichtliche Erörterungen sein dürften. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Klartext gesprochen wird. Bollack schreibt: “Bernays überträgt das moderne Modell des aufgeklärten Herrschers auf die griechische Welt. Ihm zufolge hat Platon es in seinen sizilianischen Träumen vorweggenommen.” (S. 82) Prägnanter kann man Bernays Darstellungsweise und die Kritik daran nicht auf den Punkt bringen. Zugleich aber macht diese Feststellung deutlich, warum es so wichtig ist, sich mit der Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Erst die Kritik macht es möglich, von einem Vorgänger zu lernen, ohne ihn zu verraten.


Eitelkeit

3. Juni 2011

Die Eitelkeit des Schreibenden unterscheidet sich von anderen Eitelkeiten durch ihren sozusagen transzendentalen Charakter: Man kann gar nicht ohne Eitelkeit schreiben. Und auch wenn der Schreibende nicht eitel ist, wird er es im Fortgang seines Tuns.

Schon vor längerer Zeit habe ich diese Feststellung von Hennig Ritter in den hier bereits wiederholt erwähnten Notizheften (Berlin 2010, S. 336) gelesen. Sie fiel mir wieder ein, als mir klar wurde, wie lange ich an diesem Ort nichts mehr publiziert habe. Ich war im ersten Moment nämlich ganz schön stolz auf mich, weil ich fand, dass es ja letztlich für mich spricht, wenn ich mal einige Zeit meine Klappe halte und außerdem auch darauf verzichte, der Welt mitzuteilen, warum ich es im Moment nicht schaffe, etwas zu posten.

Mein Stolz war natürlich nur die besserwisserische Reaktion auf all die Postings, die darüber berichten, warum man jetzt gerade nichts bloggt. Wenn ich sowas lese, möchte ich immer meine letzten Haare raufen und den Kollegen zurufen: “Freunde, schon mal was von performativem Widerspruch gehört?” Aus Ritters Perspektive ist mein Stolz aber nichts weiter als die Kehrseite der Eitelkeit und kein Widerspruch gegen seine These.

Als mir also klar wurde, wie sehr die These richtig ist, habe ich mich gefragt, wie man die Eitelkeit zumindest einhegen kann. Schließlich ist es nicht gerade schön, wenn man sich eingestehen muss, wie sehr das eigene Mitteilungsbedürfnis letztlich durch Eitelkeit angetrieben wird. Ins Zentrum meiner Überlegungen rutschte dabei nicht nur mein eigenes, sondern das Bloggen insgesamt. Schließlich ist es eine Form des Schreibens, die diese Eitelkeit ganz besonders befördert, weil die Zugangshürden so fürchterlich niedrig sind.

Deswegen sollte es eine moralische Regulierung beim Bloggen geben. Erst dachte ich an die typisch deutsche Reaktion auf moralische Probleme: Verbieten! Wieso kann man Eitelkeit nicht einfach mal verbieten, zumindest die im Netz! Löschen und sprerren, nicht nur das eine oder das andere, beides, tabula rasa und zwar total. Gerade hatte ich den Gesetzentwurf dazu im Geiste entwickelt, klingelte der Nerd in mir an (das tut er zum Glück nicht besonders oft!) und meinte: Dummerweise lässt sich das allein schon deswegen nicht machen, weil ein großer Teil der entsprechenden Server außerhalb des deutschen Hohheitsgebietes steht. Musste also eine andere als die typisch deutsche Lösung her.

Ich habe deswegen nach einer transzendentalen Lösung für dieses laut Ritter transzendentale Kernproblem gesucht. Eigentlich ganz konsequent so kurz nach Christi Himmelfahrt und vor Pfingsten, finde ich. Meine Lösung lautet also: Demut! Alle Blogger brauchen Demut. Der Eitelkeit kann man nur mit Demut begegnen. Und wie äußert man Demut? Erst dachte ich an eine Demutsbescheinigung, aber da sich Deutschland angesichts der Haushaltslage derzeit keinen Demutsbeauftragten wird leisten können, braucht es eine unbürokratische Lösung. Im Klartext: Es braucht die altchristliche Lösung – Büßerhemd anlegen und zur Selbstkasteiung schreiten!

Deswegen fordere ich hiermit alle Bloggenden auf: Schaltet Eure Tastatur aus, nehmt die Maus in die Hand und klickt Euch ein Wochenende lang durch die Blogs der Welt – und wenn ihr dann immer noch nicht genug gebüßt (vulgo: gelitten) habt, so geht in den Buchladen und kauft Euch möglichst viele von diesen Büchern, die aus Blog-Beiträgen zusammengeschustert sind. Erst wenn ihr das gemacht habt und Eure Demut die Eitelkeit wirklich überwunden hat, dürft ihr wieder Hotdogs unten am Hafen futtern, die Tastatur wieder anschalten und dem Netz geben, was dem Netz ist. Amen!


Gegenwart! Wessen?

28. März 2011

Vor ein paar Wochen hat Charles Simic im NYR-Blog die Frage gestellt: “Where Is Poetry Going?” Offenbar stört ihn der Realitätsbezug der amerikanischen Literatur: “Here in the United States, we speak with reverence of authentic experience. We write poems about our daddies taking us fishing and breaking our hearts by making us throw the little fish back into the river.” Simic plädiert für die Fiktion, für das Andere in der literarischen Welt, das uns nicht an jeder Straßenecke begegnen muss.

Einen anders akzentuierten Anspruch an die Literatur formuliert der Literaturkritiker Richard Kämmerlings in seinem gegenwärtig viel diskutierten Buch Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89. Anders als ich es erwartet habe, sind seine eigentlichen Helden jedoch nicht die deutschsprachigen Schriftsteller, sondern die amerikanischen Erzähler:

An Autoren wie William Gaddis, Thomas Pynchon, Don DeLillo und David Foster Wallace, aber auch an Philip Roth lässt sich gerade erkennen, dass nur ein kompromissloses Ringen um die erzählerische Form die Stoffe der Gegenwart so fassen kann, dass auch der Leser gefasst und gefesselt wird. (S. 24)

Diese Wertschätzung der Amerikaner ist an sich natürlich nicht schlimm, aber sie irritiert, wenn vor allem über deutsche Schriftsteller gesprochen werden soll und am Ende eine Liste der besten 10 deutschen Romane der letzten 20 Jahre vorlegt wird. Sie irritiert zumal, da sie ihrerseits nicht unumstritten ist (s. Simic).

Wenn ein deutscher Autor ‘amerikanische’ Erzählweisen wertschätzt, wird ein Roman für Kämmerlings schon allein deshalb bedeutend. Doch macht ein bisschen strukturelle Intertextualität tatsächlich bereits einen großen Roman? Natürlich muss Simple Storys von Ingo Schulze genannt werden, wenn es um die 90er geht. Aber m.E. nicht in erster Linie wegen der stilistischen Orientierung an bedeutenden amerikanischen Erzählern (allen voran Raymond Carver), sondern weil Schulze einen Roman geschaffen hat, der die Vielfalt der Erfahrungen nach der Wende auf den Punkt bringt.

Von seinen Helden leitet Kämmerlings auch seine Wertungsprämisse ab: Literatur habe sich mit “Gegenwart” auseinanderzusetzen – aber nicht so, wie sie Simic vertreten sieht, nämlich in erster Linie als Auseinandersetzung mit dem Privaten, sondern als Beschäftigung mit dem, was gesellschaftlich relevant ist.

Deswegen kritisiert Kämmerlings beispielsweise den Boom des Familienromans in den letzten Jahren. Der habe in den allermeisten Fällen nicht das abgebildet, was “Gegenwart” sei. Das meint hier “Patchwork-Realität” (S. 156). Nun könnte man sich wunderbar darüber das Maul zerreißen, dass inzwischen offenbar sogar Redakteure der Welt die Patchworkfamilie zur Realität erklären.

Freilich soll es darum hier gar nicht gehen. Vielmehr ist just das Gerede von der “Realität” verräterisch, weil eigentlich gar nicht die gemeint ist, sondern schlicht ‘Normalität’. Und normal ist das Leben von Kämmerlings mit einer Freundin hier, einem Arbeitsplatz da und einem Kind aus erster Ehe an einem dritten Ort zweifellos. Aber ‘normal’ heißt eben zunächst auch nur: das ist nicht spektakulär. Literatur aber erzählt gerne von dem, was spektakulär ist. Normalität dagegen ist an sich nicht erzählenswert – es sei denn, die Darstellungsweise ist für das Kunstwerk wesentlich. Aber dann ist die Ästhetik entscheidend und nicht die Thematik. Es gibt schließlich auch ganz viele Menschen, die entweder nie Kinder in die Welt setzen oder die einmal heiraten, dann viele Kinder bekommen und ein Leben lang an einem Flecken mit einem Partner leben. Sind sie etwa weniger ‘Realität’ als die Patchworkfamilien? Wenn Kämmerlings “Realität” bzw. “Gegenwart” fordert, meint er Literatur, die seine Lebenssituation spiegelt. Aber warum sollte sie das tun?

Es gibt noch einen zweiten Punkt, der an dem Buch ärgerlich ist: Wenn Kämmerlings “Literatur” sagt, meint er “Roman”: Es wird keine einziges Gedicht, kein einziges Drama in diesem immerhin 200 Seiten langen Buch ausführlicher erwähnt. Statt dessen folgen immer wieder Inhaltsangaben von Romanen, von denen man nun wirklich nicht jeden kennen muss.

Problematisch ist die fehlende Auseinandersetzung mit Lyrik und Dramatik freilich nicht, weil dadurch deutlich wird, dass der im Untertitel formulierte Anspruch nicht eingelöst wird bzw. zu groß ist. Problematisch ist sie, weil viele der Themen, die Kämmerlings für ‘gegenwartsrelevant’ erklärt, eben dort verhandelt werden.

Es mutet schon komisch an, wenn er sich beklagt, dass der Balkan-Krieg der 90er die deutschen Autoren nicht beschäftigt habe. Nicht nur, dass man hier mal kurz auf die gewiss fragwürdige Auseinandersetzung mit dem Krieg durch Peter Handke hätte hinweisen können. Vor allem berücksichtigt diese Kritik nicht, dass die Auseinandersetzung vehement auf dem Theater stattgefunden hat – einem Ort übrigens, wo das Verhältnis von Gesellschaft und Krieg schon seit der Antike verhandelt wird. Und für die Familie als Patchwork und Katastrophe ist das Drama sogar die Gattung schlechthin.

Kämmerlings aber nimmt das literarische Leben jenseits der Romane kaum zur Kenntnis. Wenn er es einmal tut, macht er das nur, um letztlich wieder in der Welt der kommenden Romane zu landen: etwa wenn er vom Bachmann-Preis in Klagenfurt oder von einem Open-Mike-Wettbewerb am Prenzlauer Berg berichtet. Ansonsten aber scheint er immer nur fleißig Romane zu lesen. Das ist ja auch eine schöne Sache. Aber warum mich das interessieren soll, weiß ich nicht – und was das mit Gegenwart zu tun hat, weiß ich auch nicht.

Selbstredend ist seine Gegenwart eine andere als meine. Das ist eh klar. Um den individuellen Zugriff auf Literatur interessant zu machen, muss man also zumindest darlegen, was die eigenen Kriterien für die Auswahl sind, damit die Leser das Gelesene beurteilen können. Bei der Lektüre dieser vermeintlichen Literaturgeschichte aber sind mir die Kriterien für die Auswahl von Anfang bis Ende in keiner Weise deutlich geworden – jenseits der Behauptung, dies oder das sei halt Gegenwart. Ich hätte z.B. schon gerne gewusst, warum Herta Müller nur peripher behandelt wird, während von Romanen aus den 90ern, die heute weitgehend vergessen sind, seitenlange Inhaltsparaphrasen vorgelegt werden.

Statt einer Auseinandersetzung mit wesentlichen Ereignissen des literarischen Lebens finden sich immer wieder kleine Sätze, die nach Zustimmung heischen, aber in Wirklichkeit nichts anderes als intellektueller Populismus sind (linker übrigens). Oder was sollen Feststellungen wie:

Doch möchte man allen Schreibschulen raten, die Studenten strenger zu solchen Begegnungen der dritten Art zu zwingen: Geht doch mal in eine Suppenküche oder verbringt ein paar Wochen in Kenia – statt der immer gleichen Villa Aurora (in Los Angeles) oder Massimo (in Rom). Was dabei rauskommt, können wir uns denken. (S. 150)

Ich würde ja gerne im Umkehrschluss wissen, was aus Goethe oder Thomas Mann geworden wäre, wenn sie mal ein paar Wochen in der Suppenküche oder gar Kenia verbracht hätten. Wahrscheinlich ganz viel Gegenwart und nicht so viel zeitloser Scheiß.


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