am letzten Freitag in Frankfurt!
Konjekturale Praxis
10. Januar 2012Jüngst ist eine Rezension zum Sammelband Konjektur und Krux erschienen, den ich 2010 mitherausgegeben habe. U.a. wird dem Band vorgeworfen, dass versucht worden sei, die “Heterogenität der Beiträge [zu] kaschieren.” (in: editio 25 (2011), S. 225-230, hier S. 225). Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es Aufgabe von Herausgebern ist, ‘Homogenität’ herzustellen und alle Beiträge auf Linie zu trimmen, oder ob es gerade für theoretische Überlegungen nicht vielmehr produktiv ist, wenn unterschiedliche Positionen versammelt werden, um sie kenntlich zu machen und um dadurch Meinungsbildung anzuregen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, der Rezensent bevorzugt offenbar den ersten Weg – das ist sein gutes Recht.
Wenn wir vier Herausgeber den Pluralismus der Beiträge aber tatsächlich hätten “kaschieren” wollen, hätten wir wohl kaum bereits auf der ersten Seite der Einleitung u.a. auf “Reibungsflächen” hingewiesen und auf das Bemühen, “kontroverse, gleichwohl konstruktive Standortbestimmungen” vorzunehmen. Wir hätten dann auch nicht Aufsätze, die sich zum Teil explizit widersprechen, nebeneinander publiziert.
Ebenso wie diese Unterstellung hat mich auch die Auseinandersetzung mit den Vorüberlegungen von Uwe Wirth und mir zum Gegenstand des Buches irritiert. Nachdem wir zunächst brav mit “Bremer und Wirth” genannt werden, geht die Rezension dazu über, für den Beitrag nur noch einen Autor zu nennen: “glaubt Wirth”, “Wirths Plädoyer” (ebd., S. 226). Damit macht der Rezensent nun gerade das, was eine Konjektur auszeichnet: Aufgrund seines Kontextwissens stellt er eine Vermutung auf, welcher der beiden Verfasser die kritisierte Passage geschrieben haben dürfte. Der Rezensent zeigt damit zweierlei: 1. Sein Autorverständnis sieht kooperative Schreibverfahren nicht vor. 2. Er vertraut seiner Kritiker-Divination. Klassischer Fall von performativem Widerspruch im kleinen Philologen-Stadel.
oder lyrik
30. Dezember 2011Durch einen Zufall bzw. einen aufmerksamen dtv-Mitarbeiter bin ich vor ein paar Wochen auf Judith Zanders Gedichtsammlung oder tau aufmerksam geworden. Schon das zweite Gedicht hat mich sehr neugierig gemacht, weil es unvermittelt plattdeutsch endet: “tja dien mudder”. Mit dieser unscheinbaren Wendung eröffnet sich die nordostdeutsche Landschaft, die Gegenstand vieler Gedichten von Zander ist – so wie auch das dem Band titelgebende Gedicht oder tau, bei dem selbstredend ‘Odertau’ mitzulesen ist.
Zander schreibt, sonst würde ich hier auch kaum auf ihr Buch hinweisen, keine Heimatlyrik. Vielmehr nutzt sie die Landschaft, um sich zugleich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Ihre Lyrik weiß, obwohl die Autorin erst neun Jahre alt war, als die Mauer fiel, von LPGs, von Mähdreschern und Legebatterien.
Zugleich aber ist Zander keine Erzählerin, sondern vielmehr eine Sammlerin von vielerlei Eindrücken – Geräuschen, Gerüchen, Lektüren, Augenblicken. Sie sammelt akustische Momente und spielt mit Erinnerungen an andere Gedichte. Manche dieser Erinnerungen scheinen der Autorin bewusst zu sein, so verweist sie im Anhang auf Hölderlin, Sarah Kirsch und Sylvia Plath. Andere werden nicht klar markiert. So stößt man unvermittelt auf ein Sonett, das ironisch mit seiner eigenen Formtradition spielt, zugleich an Barock- und Pop-Literatur erinnert und dabei noch entspannt mit einer alltäglichen Phrase spielt: “flache Bälle // sind schwer zu spielen”. Das mag wohl sein – aber wie der belohnt wird, der’s versucht, weiß zumindest der fußballerfahrene Leser auch.
Ergänzend dazu nimmt Zander ihre Leser immer wieder an die Hand und führt sie fort aus dem Nordosten Deutschlands, mal in die Ferne nach Finnland und Indien, schließlich aber auch ins nicht ganz so weite Bitterfeld. Dabei wird man den Eindruck nicht los, das zumindest das Ich ihrer Gedichte sich in Sachsen-Anhalt wohler fühlt als in der Ferne. Der ironische Unterton, die souveräne Stimmenvielfalt Zanders wirkt konzentrierter, wenn das Ich über die Fremde spricht. Eleganter und zugleich entspannter aber klingt oder tau, wenn es um die Landschaften zwischen Saale, Oder und Ostsee geht.
So lässt Zanders lyrisches Debut eine Ahnung davon aufkommen, dass die Lyrik eines Kunert oder auch eines Kolbe, Lyrik also, die Formbewusstsein nicht mit Verseschmiederei verwechselt und Geschichtsbewusstsein nicht mit Nostalgie, dass diese Lyrik auch weiterhin nicht nur wertgeschätzt, sondern durch neue Stimmen erweitert wird.
Gestern gab’s
11. November 2011gegenüber von Occupy Frankfurt einen starken Theaterabend: Der große Gatsby in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt. Darauf sei auch hingewiesen, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte nichts mehr zu schreiben. Wird halt nur nicht hier publiziert.
Romane auf der Bühne
16. Oktober 2011Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.
Betrug?
2. September 2011Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman “ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen”, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem “betrogenen Betrüger”, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?
Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.
In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von “Modulhandbüchern” geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.
Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.
Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.
Härte
27. August 2011Manchmal will ein kleiner Philologe ein harter Kerl sein. Aber weil er tatsächlich ein Einfaltspinsel und Schisser ist, mischt er sich beim Auswärtsspiel nicht unter die Ultras der Heimmannschaft, sondern geht in die Buchhandlung seines Vertrauens und verlangt was Hartes, was richtig Hartes.
Die junge Aushilfe bietet dem Käsegesicht Mankell an. Es stottert verlegen und stammelt was von “Ne, n’ Krimi wollte ich eigentlich nicht.” Zum Glück greift die Besitzerin ein. Sie kennt ihre Schnullis: “Nehmen Sie das hier, 35 Tote von Álvarez, der große Kolumbien-Roman der Gegenwart. Suhrkamp. Knallharte Realität. Abrechnung und Liebeserklärung zugleich.”
Und so sitzt der kleine Philologe, der so gerne richtig hart wäre, in seinem Sesselchen weit entfernt vom bösen Kolumbien, wo offensichtlich ohne Unterlass gekifft und gekokst wird, vergewaltigt und verprügelt. Alle sind total cool und haben dauernd Sex. Manche wollen die Welt ändern, die meisten aber nur Geld machen und Spaß haben. Ein paar liebenswerte Melancholiker trifft man auch.
Was soll unser Philologe sagen? So viele Tote gab’s lange nicht mehr in einem Buch, das er gelesen hat. Im Vergleich zu Mankell sind die Todesarten weniger bestialisch. Sie sind meistens schlicht effektiv, manchmal auch sadistisch. Sieht man einmal davon ab, dass der Roman aus ganz vielen verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt wird (was natürlich auf die Dauer nervig ist, weil man zu Beginn jedes Kapitels wieder überlegen muss, wer jetzt gerade spricht), ist er ästhetisch nicht besonders spektakulär.
Aber der kleine Philologe ist ausdauernd und liest die ganzen gut 500 Seiten. Weil er letztlich doch ein harter Junge ist, ein ganz harter. Wenn die gegnerischen Ultras wüssten, wie das in Kolumbien abgeht und was er darüber jetzt alles weiß, dann würden die aber sowas von weiche Knie bekommen. Das kann ich Euch sagen. Also macht Euch schon mal vom Acker, mir macht keiner mehr was vor. Schließlich habe ich Álvarez’ Roman von vorn bis hinten gelesen. Da könnt ihr mit Euren Bengalos und Schlachtgesängen aber sowas von nicht mithalten, das sag ich Euch aber.
Verfasst von kai bremer