Philologen-Traum

23. April 2010

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht über den Mathematiker Grisha Perelman bzw. über eine Biographie über ihn. Das hier ist also ein über-über-über-Artikel, ein Beispiel für den notorischen Wahnsinn im Netz, an dem vielleicht sogar Niklas Luhmann verzweifelt wäre. Aber das ist jetzt auch egal. Der Artikel trägt auf jeden Fall die Überschrift: „He Conquered the Conjecture“.

Letzte Nacht nun folgte darauf ein fulminanter Anflug von philologischem Größenwahn: Ich wühlte in alten Drucken und Handschriften herum, tippte meine Beobachtungen in den Rechner und auf einmal las ich: „He Conquered the Conjecture“. Ich war mir sicher, dass nur ich gemeint sein konnte, sogar noch als ich aufwachte. Beim Frühstück war der Größenwahn selbstredend einem normalen Arbeitselan gewichen. Immerhin aber noch etwas euphorisiert, machte ich mich an die Arbeit und überlegte mir, wie ich eine kleine Studienausgabe von Kleists Käthchen konzipieren möchte. Und bumms ist der Traum nicht einmal mehr ein Traum. Einen Moment noch denke ich: „Na gut, nix mit Eroberung, aber immerhin vielleicht der Zwerg auf den Schultern der Riesen.“ Aber jetzt, da ich sehe, wie hervorragend die Riesen gearbeitet haben, wird aus dem Zwerg eine Laus. Keine schöne Vorstellung, davon nächste Nacht zu träumen.


Boulevard

15. April 2010

Theaterpause. Nach den ersten fünf Szenen von Botho Strauß‘ Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau. Neunzig Minuten sind vorbei. Neunzig Minuten folgen. Doch keine Ermüdung angesichts des leichten Spiels. Und vor allem angesichts des Dramas, das endlich wieder einmal zeigt, warum Strauß ein großer Dramatiker ist. Knappe, witzige Dialoge. Spiel im Spiel-Situationen und ironische Durchbrechungen der Illusion. Eine Revue, die durch sieben hervorragende Jazz-Musiker gerahmt und begleitet wird. Und der kleine Philologe im Publikum darf sich auch noch freuen, dass er einige intertextuelle Bezüge entdeckt hat, die er besonders komisch findet.

Der Mann vor mir in der Warteschlange an der Bar raunt seiner Frau zu: „Na ja, ist halt schon ein bisschen Boulevard.“ Sie nickt, zögert und meint dann vorsichtig: „Aber mir hat’s gefallen.“ Er: „Aber Tiefgang hat es nicht.“

Tiefgang. Leichtes Spiel ist keine Schenkelklopfer. Ich musste immer wieder lachen, weil Strauß auf ganz vielfältige Art und Weise Alltagsabsurditäten aufnimmt und weiterspinnt. Bei ihm gibt es keinen running gag, aber immer wieder fällt ein ängstlich oder gar hysterisch gehauchtes „Bald!“ – verbunden mit einer Miene, die die freundlichen Wachturm-Verkäufer aufsetzen, um mein Interesse an der Endzeit zu wecken. In diesem „Bald!“ kommt die ganze deutsche Beladenheit zum Ausdruck, die wunderbare Momente nicht wahrnehmen will. Wer im Alltag „Bald!“ sagt, sagt „Tiefgang“ im Theater.

Am Ende von Leichtes Spiel spricht Cornelia Froboess den Schlussmonolog, bestimmt zwanzig Minuten lang. Ein langer Rückblick auf ein Leben mit seinen Abgründen und seinen schönen Facetten. Aber am Ende steht das Alter, die Entmutigung. Kein Untergang, ein langsamer Niedergang. Froboess‘ Käthchen spricht von einem Leben, das eine Revue war, aber jeder Versuch, die Revue noch einmal zu spielen, scheitert. Der Akku ist leer. Zwanzig Minuten lang ein erlahmendes Aufbäumen gegen die Zeit. Vielleicht war das der Tiefgang, nach dem der Herr sich sehnte. Ich bin auf jeden Fall eingenickt.


Im Zug

14. April 2010

Habe mir wie meist einen Gangplatz reserviert, weil dann mehr Platz für die Beine ist. Ich strecke die Füße aus und lese. Den Servicewagen hinter mir höre ich nicht. Ich spüre ihn aber, als ihn mir eine junge Frau mit viel Schwung über den Fuß rollt.

„Vorsicht!“

Ich zucke zurück. Nicht weil der Fuß wirklich weh tut, sondern weil ich zur Vorsicht gemahnt werde. Ist lange her, dass mir jemand „Vorsicht!“ zugerufen hat. Da denkt man gleich, es wäre sonstwas passiert. Ich schaue die Frau an, sie lächelt und schiebt weiter.

„Entschuldigen Sie bitte!“ sage ich und frage mich umgehend, ob mein Tonfall wohl zu freundlich war, denn sie sieht mich lächelnd an und fragt: „Kaffee, Cola, was zu knabbern?“

„Entschuldigen Sie bitte!“, sage ich noch einmal, „Sie sind über meinen Fuß gerollt.“

„Ja, habe ich gemerkt.“

Betroffen blicke ich zu Boden. Die anderen Reisenden machen mir mit ihren Blicken unmissverständlich klar, dass ich nun endlich Ruhe geben soll. Mir wird das alles immer unangenehmer. In solchen Fällen verlasse ich mich gerne auf meine Höflichkeit. Ich stehe auf, blicke in die Runde und sage: „Entschuldigen Sie bitte!“ Der junge Mann, dem vor einiger Zeit die Bierflasche aus der Hand gefallen und die dann durch den Zug gerollt war, blinzelt verschlafen zu mir auf und fühlt sich irgendwie angesprochen:

„Vorsicht!“

Das klingt nicht gut. Ich drehe mich zu der Frau mit dem Servicewagen um: „Entschuldigen Sie bitte!“ „Was ist denn jetzt noch?“ „Haben sie auch Bier? Für den jungen Mann hier?“ Er sieht mich versöhnt an: „Nichts für ungut, Mann.“ Ich setze mich und schwöre mir, nie mehr einen Gangplatz zu reservieren.


Schrott im Ausnahmezustand

7. April 2010

Raoul Schrott, der nicht nur ein hervorragender Schriftsteller ist, sondern auch ein Philologe der S-Klasse, ist jetzt auch noch unter die politischen Theologen gegangen und hat im aktuellen Heft von Lettre international (der findige Leser ahnt gleich, dass der Verfasser dieser Zeilen zu Ostern mal wieder lange Bahn gefahren ist) einen Artikel über die Politik des Heiligen verfasst. In diesem Artikel nimmt er präzise eine Auseinandersetzung mit der Begriffsgeschichte von sacer vor, perspektiviert seine Überlegungen auf das Verhältnis von Heiligkeit und Nationalem und landet schließlich bei der Frage, inwieweit ‚Holocaust‘ die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten angemessen bezeichnet:

Wo der Eine sich für die Menschen opferte, wurden hier Menschen für einen einzelnen ausgelöscht. Sieht man darin einen kollektiven Opfertod, wird daraus das Schicksal einer spiegelverkehrten Heilsgeschichte. (LI 88, S. 10)

Schließlich geht Schrott zur Frage nach den Möglichkeiten ästhetischen Reagierens auf die Vernichtung ein – selbstverständlich mit der obligatorischen Auseinandersetzung mit Adorno.

Sieht man einmal von den Überlegungen zur Ästhetik ab, so finden sich alle wesentlichen Punkte Schrotts schon in Agambens Homo sacer. Teilweise widerspricht Schrott Agambens Positionen implizit, teilweise übernimmt er sie. Genannt wird Agamben aber an keiner Stelle. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die philologische Praxis von Schrott. Agamben ist bei seinen Überlegungen wesentlich konzentrierter als Schrott (obwohl er zu diesem Gegenstand gleich mehrere Bücher vorgelegt hat) , indem er sich ganz auf die Region des Rechts und des Politischen beschränkt. Welche Konsequenzen seine Überlegungen für das Ästhetische haben, lässt Agamben also unerörtert.

Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass Agamben nicht zu einem seltsamen Chiasmus gelangt wie Schrott, der den Holocaust als ’spiegelverkehrte Heilsgeschichte‘ der Kreuzigung Christi begreift. Agamben hat deutlich gezeigt, dass der Homo sacer eben deswegen getötet werden kann, weil er nicht geopfert werden kann. Deswegen ist ja auch der Begriff ‚Brandopfer‘ so problematisch. Aber die Forschungen anderer zur Kenntnis zu nehmen, das kann halt auch dazu führen, dass die eigenen Überlegungen und Thesen fragwürdig werden – und wer will das schon?