In Staub …

28. Mai 2010

Seit Wochen nimmt sich das Theater wieder einmal wichtig. Indizien?

1. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier hat sich in Neuhardenberg gegen das Regietheater gewandt und damit deutlich gemacht, dass ein bestimmter Inszenierungstyp bei ihm prinzipiell keine Chance hat.

2. Botho Strauß hat gegen Gegenwartstheater und Schauspieler, die auch sowas Niederes wie den Tatort bedienen, gewettert, um Jutta Lampe zu preisen. Die Lampe ist freilich eine derart großartige Schauspielerin, dass es gewiss nicht notwendig gewesen wäre, den Rest klein zu machen, um sie erstrahlen zu lassen. Deswegen liegt der Verdacht nahe, dass es Strauß in seiner Laudatio gar nicht um die Lampe, sondern um sein eigens Unbehagen am Theater ging. Der Widerspruch liess auf jeden Fall nicht lange auf sich warten. Allerdings waren die Einwände von Ulrich Khuon und Thomas Ostermeier insgesamt derart differenziert, dass sich ein Streit aus Strauß‘ Polemik kaum ergeben wird. Eigentlich ein Jammer, wenn ein Lessing-Preisträger nicht einmal einen anständigen Streit anzetteln kann.

3. Der Jury-Entscheid auf dem Heidelberger Stückemarkt wird derzeit zum Skandal hochgepuscht. Die Jury hat sich geweigert, ein Stück auszuzeichnen und stattdessen dafür plädiert, das Preisgeld an alle ausgewählten Dramatiker auszuschütten. Eigentlich ein kluger Gedanke, trotzdem provozierte er. Glücklicherweise wehren sich die Jury-Mitglieder. So hat Christine Dössel von der SZ eine, wie ich finde, überzeugende Erwiderung verfasst. Zumindest diese Kontroverse hat das Zeug, sich weiterzuentwickeln – man darf gespannt sein.

Der Mai ist für solche Auseinandersetzungen ein günstiger Monat. Schließlich werden in Berlin beim Theatertreffen, eben in Heidelberg und in Mülheim permanent irgendwelche Inszenierungen, Dramen und manchmal auch Schauspieler zum ‚xxx des Jahres‘ erklärt, so dass andauernd irgendwer eine Rede halten oder ein Statement abgeben muss, was offenbar gerne zum Anlass genommen wird, um das eigene Unbehagen zum Ausdruck zu bringen. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das alles nur Stürmchen im Wasserglas sind. Wer sich mit dem Theater auskennt, sollte doch wissen, dass Hybris ein schlechter Ratgeber ist.

Und vor allem fragt man sich, ob das Theater tatsächlich irgendwie von diesen Auseinandersetzungen profitiert. Ich weiß es nicht, doch ich befürchte, dem ist nicht so. Besser beraten scheint das Theater zu sein, wenn es sich vom ganzen Tamtam fernhält, seinen Job erledigt und das Publikum statt mit polemischen Reden mit guten Inszenierungen zu überzeugen versucht.

Am Mittwoch war ich in Bochum im prinz regent theater, einem auch überregional bekannten Off-Theater. Premiere hatte dort Kleists Prinz von Homburg. Regie führte die Hausherrin Sibylle Broll-Pape. Sie hat die bescheidenen Mittel des Hauses hervorragend genutzt und Kleists Drama ganz konzentriert auf die Bühne gebracht, ohne dabei in irgendeiner Weise antiquiert zu wirken. Den Schlachtplan etwa erläutert der Kurfürst an einer großen projektierten Karte von Fehrbellin. Doch lenken solche technischen Hilfsmittel nicht vom Kern des Dramas ab, so dass sein Zentrum auch das Zentrum der Inszenierung bleibt: mit einem Prinzen, dem man seine Zerrissenheit zwischen Lebenssehnsucht und Heroismus voll und ganz abnimmt.

Gleichzeitig ist die Aufführung auch mutig: Den berühmtesten Satz des Stücks („In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“) brüllen die Schauspieler mit einer Begeisterung für die Sache des Kurfürsten, dass man gleich weiß, warum das Drama sich derart gut eignete, um von den Nazis vereinnahmt zu werden. Aber eben weil die Inszenierung die Kriegsbegeisterung nicht ausspart oder ‚dekonstruiert‘, funktioniert die Aufführung: Nur ein Prinz, der alles für den Ruhm zu geben bereit ist und dem gerade deswegen seine Natalie nicht das Einzige ist, dem kann am Ende Kottwitz zurufen: „Ein Traum, was sonst.“

Die Aufführung hat 1. belegt, dass eine starke Regiehandschrift kein Widerspruch zur Auseinandersetzung mit dem Drama sein muss (wie Stadelmaier meint), dass 2. sich ‚das‘ Theater heute nicht durch Bildungsferne auszeichnet (wie Strauß meint) und trotzdem lebendig sein kann und dass 3. gute Stücke nicht vom Himmel fallen und man nicht partout dauernd neue produzieren muss (wie der Kritiker der Heidelberger Jury meinen).

Das Publikum im ausverkauften Haus in Bochum hat den Abend genossen, der lange Schlussapplaus spricht dafür – ganz so als wollte man den Aufgeregten in Berlin, Heidelberg und anderswo zufrufen: „In Staub mit allen Reden vom Theater.“ Nur gingen diesem Ruf die Militanz, die Wut und selbstredend der Patriotismus der Brandenburger ab, was gewiss dazu führen wird, dass die Wichtigtuer den Ruf aus Bochum nicht hören werden. Schließlich sind die, die dauernd brüllen, oft schwerhörig.

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Politik und Kontroverse

24. Mai 2010

Wenn es um Wissenschaft geht, wird gern so getan, als stritte man um die Wahrheit und nichts anderes. Dass es daneben auch um Macht geht, wissen zwar viele Wissenschaftler. Aber wenn sie wissenschaftliche Kontroversen erforschen, berücksichtigen sie das nach meinem Dafürhalten viel zu wenig. Sonst würden sie die Bedeutung der Kontroverse für den wissenschaftlichen Fortschritt vielleicht auch nicht derart positiv bewerten, wie dies vielfach geschieht.

In dem sehr interessanten Aufsatz Die gesellschaftliche Einbettung der Biomedizin: Eine Analyse der deutschen Mediendiskurse (in: Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft, hg. v. Wolf-Andreas Liebert u. Marc-Denis Weitze, 2006, S. 95-112) stellen Peter Weingart, Christian Salzmann und Stefan Wörmann die These auf:

Der Beginn einer Kontroverse ist durch einen allgemeinen, ethisch begründeten Widerstand gegen neues Wissen/neue Technologie charakterisiert. In der Folge wird der Konflikt zwischen ethischen Werten und dem neuen Wissen allmählich durch den Verweis auf detaillierte Probleme wie z.B. konkrete Formen der Implementierung aufgelöst. Die Technologie bzw. das Wissen wird nicht zurückgewiesen, sondern stattdessen werden die infragestehenden Werte angepasst. (S. 99)

Die drei Verfasser relativieren ihre These nach der Diskussion ihrer Fallstudien überzeugend in der Hinsicht, dass sie festhalten, ein derart klar vorhersagbarer Verlauf sei nicht die Regel. Was sie dagegen nicht relativieren, ist ihr Optimismus in die Anpassungsfähigkeit der öffentlichen Meinung an die Wahrheit der Wissenschaft.

Das liegt gewiss auch daran, dass der Idealentwurf einer Wissenschaftskontroverse gerne als Wettstreit, also als eine Art Wettbewerb um die Wahrheit begriffen wird. Wenn die Wahrheit gesiegt hat, kann die öffentliche Meinung letztlich nicht anders, als sich dieser anpassen.

Einmal davon abgesehen, dass das Neue nicht zwingend zu einer Anpassung der bestehenden Meinung führen muss, so denke ich, dass ein solches Model die Möglichkeit einer strategisch motivierten Äußerung zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung einkalkulieren sollte.

Was ist der eigentliche Zweck der Veröffentlichung von Wissen, bzw. gibt es neben dem primären Zweck (‚die Wahrheit’), noch sekundäre Gründe? Gerade in den Biowissenschaften geht es um erhebliche Forschungsmittel und direkt oder indirekt um die Frage des Einflusses der Politik auf die Forschung – insbesondere dann, wenn diese ethische Fragen berührt. Es geht also konkret um Macht und um das Zurückdrängen von Politik und öffentlicher Meinung aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Das kann man sich vielleicht als Wissenschaftler wünschen, nicht aber als Bürger.

Auf dieses Problem weist im genannten Sammelband insbesondere Wolfgang C. Goede hin (Keine Innovation ohne Repräsentation: Die Zivilgesellschaft als neuer Akteur in der Wissenschaft, ebd. S. 165-178). Er betont, wie etwa NGOs sich in wissenschaftliche Diskurse einmischen und diese entschieden verändern. Es handelt sich dabei um ein politisches Engagement, das zu begrüßen ist (auch wenn man nicht vergessen sollte, dass die Motive der vermeintlichen Kritiker ebenso zu hinterfragen sind).

Ob die ethische oder auch politisch motivierte Kritik tatsächlich ein derart neues Verfahren ist, das erst unter den Voraussetzungen des gegenwärtigen Wandels geschehen kann (wie Goede meint), sei dagegen dahingestellt. Im 18. Jahrhundert sprach man zwar noch nicht von Zivilgesellschaft, aber der ethische Anspruch, mit dem Aufklärer etablierte Größen der Wissenschaft angingen, war im Grunde schon derselbe.


E-Books

21. Mai 2010

In letzter Zeit  habe ich zweimal erlebt, dass ein Bekenntnis zum ‚echten’ Buch abgelegt wurde, obwohl das in keiner Weise zum Anlass der Veranstaltung passte – einmal bei der Eröffnungsrede einer Tagung, einmal bei einer Festveranstaltung. Der Zweck der Bekenntnisse war derselbe: Der Redner wollte den im Auditorium versammelten Literaturwissenschaftlern und Historikern zurufen: „Ich kenne Ihr Medium und bin auf Ihrer Seite!“ Ganz so, als bedrohte das E-Book die Geisteswissenschaften. Dieses Bekenntnis wurde dann in beiden Fällen um eine private Nuance ergänzt: „Auf meinem Nachttisch liegt auch weiterhin das gute alte Buch!“

Doch warum dieses Bekenntnis? Zumal sich die Frage stellt, ob Redner und Auditorium überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Ich kenne zumindest niemanden, der einen E-Book-Reader besitzt. Ich habe sie mir zwar auf der CeBIT angesehen, und von Zeit zu Zeit sieht man mal einen im Zug, aber das war’s. Einen Boom haben sie wahrlich nicht ausgelöst. Und erst recht keine Revolution, die ein Bekenntnis notwendig machen würde. Aber vielleicht ändert sich das ja bald, wenn elektronische Bücher anfangen, die Möglichkeiten des Mediums auch wirklich auszureizen – Perlentaucher hat darüber jüngst geschrieben. Sieht aber nicht so aus, als würde das das Ende der geisteswissenschaftlichen Arbeit bedeuten. Vielleicht geben elektronische Bücher der Forschung auch ganz neue Impulse. Wir werden sehen.

Auf jeden Fall sieht es aber derzeit, wie gesagt, noch ganz anders aus. E-Books sind nicht gerade das, was man einen Erfolg nennt. Das liegt gewiss nicht zuletzt daran, dass die Reader nicht ganz billig sind. Warum soll ich mir ein Gerät kaufen, das fast so viel kostet wie ein Netbook, um dann Bücher-Datensätze zu kaufen, die meistens genauso teuer sind wie die gedruckten Bücher (Buchpreisbindung!)?

Klar: Man kann sich bei google books inzwischen unheimlich viele alte Bücher als pdf- oder epub-Datei herunterladen. Aber das ist ein wenig wie mit den Gesamtausgaben, die man sich irgendwann mal ins Bücherregal stellt: Man ist ganz froh, in ihnen nachlesen zu können, aber man kauft sich keine Gesamtausgabe, um sie in der Freizeit mal kurz durchzulesen (bei Büchner oder Kleist kann man das noch versuchen, aber bei Goethe?).

Nein, google books ist kein Argument für einen E-Book-Reader, und mir fiel bisher auch partout kein anderer ein. Aber seit einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen kenne ich zumindest ein Argument fürs E-Book. Ich habe mir nämlich aus Neugier den Datensatz von Andre Hesses Die Schwester im Jenseits gekauft und mir dazu die Adobe Digital Editions heruntergeladen – ein Leseprogramm für epub-Dateien.

Ich saß abends im Zug und hatte irgendwann Lust, den Krimi zu lesen. Dann habe ich meinen Rechner aufgeklappt, die Ansicht auf maximale Vergrößerung gestellt und angefangen zu lesen. Eine wunderbare Sache. Die Buchstaben waren natürlich viel größer als bei jedem Taschenbuch und die Hintergrundbeleuchtung vom Bildschirm machte mich komplett unabhängig vom funzeligen Oberlicht im IC. Natürlich kann man sich mit dem Rechner auf den Knien nicht so gut in den Sitz lümmeln, aber daran war, da ich einen Gangplatz hatte und dort viele Menschen ohne Reservierung hockten, eh nicht zu denken. Ich bin mir seit dieser Fahrt sicher: Der (übrigens hervorragende) Krimi von Hesse war nicht das letztes E-Book, das ich mir gekauft habe. So, jetzt habe ich auch mal eine Bekenntnis abgelegt! Auch wenn der Nachttisch eine Domäne von Papier-Büchern bleiben wird, die nächste Bahnfahrt kommt nämlich bestimmt.


Theaterkritik

18. Mai 2010

Ich seh’s ja ein: gestern von einer Inszenierung zu schreiben, die schon 2 Jahre alt ist, das ist wirklich sowas von old school und wenig netzkonform, dass ich mich schon schämen muss. Wäre ich voll im Trend, wäre ich z.B. am Sonntag nach Neuhardenberg gefahren und hätte mir einen Vortrag über Theaterkritik angehört, statt hier verklärt von Thalheimers Inszenierung zu schwärmen. Dann wäre mir gewiss auch gleich klar geworden, wie verkommen und besch*** das Regietheater ist. So aber hat mir das Regietheater bzw. Regisseurstheater einen wirklich guten Abend beschert, und ich musste mich nicht ärgern wie Esther Slevogt.


Symbolik des Sehens

17. Mai 2010

Gestern habe ich Ibsens Wildente im Deutschen Theater Berlin gesehen – von Michael Thalheimer inszeniert. Er hat das Stück wie schon in seinen vorherigen Arbeiten skelettiert, ohne es zu töten. Seine Arbeit gleicht einem Untoten, der anmutig laufen kann, obwohl ihm Muskeln und Sehnen fehlen, und der eigentlich klappern müsste, dass einem angst und bange wird. Nach gut anderthalb Stunden war Schluss, aber man hatte nicht eine Sekunde den Eindruck, auch nur ein Detail des Dramas verpasst zu haben.

Wesentlich für die Inszenierung ist das Bühnenbild. Auf der Drehbühne ist ein gewaltiger Zylinder angebracht, dessen obere kreisrunde Fläche schräg abfällt, so dass man vom Parkett aus mal eine leicht gekrümmte Wand sieht, die den Blick auf den eigentlichen Bühnenraum versperrt und die Schauspieler an die Rampe zwingt. Wird der Zylinder um 90° gedreht, sieht man eine Schräge, die den Blick in den Bühnenraum diagonal von oben links nach unten rechts durchschneidet. 90° weiter sieht man eine Schräge, die von der Rampe nach hinten gewaltig ansteigt, so dass die Figuren, die sich doch so nah sein sollen, nicht nur weit entfernt voneinander, sondern auch in ganz unterschiedlicher Höhe stehen, sitzen, hocken. Olaf Altmann hat dieses geometrische Experiment genial eingerichtet.

Schon dieser Bau kündigt an, dass es hier ums Sehen geht. Jeder, der das Stück kennt, weiß, dass eine derart offensive Thematisierung der Perspektive mit dem Inhalt korrespondiert. Schließlich möchte der wahrheitsverliebte Gregers Werle seinem Freund Hjalmar Ekdal die Augen öffnen: Nicht Hjalmar ist der Vater der süßen Hedvig, sondern Gregers Vater, der ein skrupelloser Mensch war und vielleicht noch ist, weswegen sein Sohn mit ihm bricht.

Gregers Abscheu gegen seinen Vater hat ihn zu einem fürchterlichen Prinzipienreiter gemacht – zu einem Menschen, den man auf keinen Fall in seinem Freundeskreis haben will, denn er verkündet nicht nur schonungslos jede Wahrheit ungefragt. Vor allem geht ihm jedes Taktgefühl für das Gefühlsleben seiner Mitmenschen ab. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das ist Gregers Lebensmotto. Aber wo nur sie herrscht, da folgen die Kollateralschäden zwangsläufig. Nachdem Gregers ihr was von einem Opfer erzählt hat, erschießt sich die kleine Hedvig, um ihre Liebe zu ihren Eltern zu beweisen.

Thalheimer verzichtet in seiner Inszenierung wie üblich auf Aktualisierungen und politische Bezugnahmen, zu denen sich das Stück gewiss eignen würde. Gregers ist ein Wahrheitspedant – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Katastrophe ist privat, und das Private ist nicht politisch.

Dass niemals der Verdacht aufkommt, es könnte anders sein, liegt an Sven Lehmann, der den Gregers ganz dezent und unaufdringlich spielt, so dass die geballte Ladung Wahrheitssehnsucht nicht nur glaubwürdig, sondern regelrecht zwingend erscheint. Lehmanns Gregers ist einer, der von der Ehe seiner Eltern traumatisiert zu sein scheint und seine einzige Lebensaufgabe darin sieht, die Wahrheit ins rechte Licht zu setzen. Dabei wirkt er niemals komisch oder wie die Karikatur eines Pedanten. Gleichzeitig weckt Lehmanns Spiel auch niemals Mitleid für den Mann mit der schweren Kindheit, auf die sonst so gerne verwiesen wird, um erwachsene Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Hedvig sich das Leben nimmt. Gregers ist schuld, gerade weil er weiß, was Leid heißt.

Am Ende schleicht Lehmanns Gregers von der Bühne, gebeugt, voran tastend – ganz so, wie es sein erblindender Vater und seine erblindende Halbschwester Hedvig das ganze Stück über tun. Gerade in dieser Schlussszene zeigt sich noch einmal die ganze schauspielerische Brillanz Lehmanns. Eine leichte Wölbung der Schultern und eine knappe Geste des Tastens genügen, und jeder im Publikum weiß, dass der Mann, der Hjalmar sehen machen wollte, in Wirklichkeit der Blinde ist.

Thalheimer setzt damit einen symbolischen Schlusspunkt, der vielleicht zu viel des Guten ist, weil er das eh schon symbolgesättigte Drama überfrachtet. Letztlich kommt mit dieser Schlussszene etwas zum Ausdruck, was die Inszenierung an Gregers brandmarkt: das von Selbstzweifeln freie Selbstbewusstsein, genau zu wissen, was man sehen muss und was man vom Gesehenen zu halten hat.

Vielleicht aber wollte Thalheimer auch gerade einen solchen Impuls provozieren: sich frei zu machen, von den Menschen, die uns sehen machen wollen und vorgeben, den einzigen Weg zur Wahrheit zu kennen. Dann wäre Thalheimer nicht nur ein Theater-Pathologe sondergleichen, sondern auch ein Regisseur, der sich einem Skeptizismus öffnet, wie er derzeit ganz selten auf dem Theater ist. Schließlich würde dieser Skeptizimus davon leben, dass man genau hinschaut. Das Gegenwartstheater will davon meist nichts wissen und drischt mit dem Vorschlaghammer auf uns ein: Seid skeptisch, seid kritisch! Dazu ist Thalheimers Bühnenkunst ohne jeden Zweifel ein wunderbarer Gegenentwurf.


Paradigma

6. Mai 2010

Am Ende von Homo sacer schreibt Giorgio Agamben: „Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes.“ Dieser Satz hat – wie auch Agambens Buch insgesamt – für viel Aufsehen gesorgt, als er publiziert wurde. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass damit die Herrschaftsformen, die Lager gebildet haben und bilden, indirekt miteinander verglichen werden bzw. im Hinblick auf ihren Umgang bei der Entrechtlichung von Menschen befragt werden. Das Problem, inwieweit Auschwitz vergleichbar ist, tritt hier durch die Hintertür in den philosophischen Diskurs.

Ich habe die Vorbehalte gegen Agambens These nie verstanden bzw. weitgehend ignoriert. Das liegt vielleicht auch daran, dass er auf Foucault Bezug nimmt und es ihm nicht etwa um konkrete historische Vergleichbarkeit geht. D.h., die Vorwürfe haben die methodischen und theoretischen Voraussetzungen des Buches viel zu wenig berücksichtigt, wenn nicht gar ignoriert. Aber zum Teil lag das auch daran, dass ich schon vor einiger Zeit eine gewisse Scheu entwickelt habe, mich auf Überlegungen einzulassen, wenn von ‚Paradigma‘ die Rede war. ‚Paradigma‘ war lange Zeit eins dieser unsäglichen Modewörter der Geisteswissenschaften. Es wurde derart inflationär verwendet, dass zumindest ich geneigt war, nicht mehr grundlegend über seine Bedeutung nachzudenken. Meine Scheu führte also zu einer Oberflächlichkeit, die dem Gegenstand nicht angemessen war.

Ende letzten Jahres hat Agamben das Buch Signatura rerum. Zur Methode publiziert. Darin klärt er grundlegend, was er unter einem Paradigma versteht. Das ist ein löbliches Unterfangen, schließlich trägt er damit nicht nur zur Klärung des Begriffs innerhalb seiner Überlegungen bei. Er schafft außerdem die Voraussetzung, dass in Zukunft differenzierter von ‚Paradigma‘ gesprochen werden kann.

Nachdem Agamben es in seinem neuen Buch abschließend in Thesenform riskiert, „verschiedene Züge“ des Paradigmas zu definieren, erklärt er, die von ihm untersuchten Paradigmen seien darauf gerichtet, „eine Serie von Phänomenen intelligibel zu machen, deren Herkunft aus dem Blickfeld des Historikers fast oder ganz entschwunden war.“ (S. 37) Sodann bekennt er sich explizit zu Foucaults Archäologie, was nicht weiter überrascht, wenn man Homo sacer kennt. Schließlich zielt dies Buch eben auf die Archäologie dieses Lebensentwurfs und seine Wandlungen und Pervertierungen in der Neuzeit, indem der Bann als „orginäre politische Beziehung“ (Homo sacer. Frankfurt/M. 2002, S. 190) erschlossen wird.

Ich verstehe aber nicht, wieso das Lager ein Paradigma sein kann, wie Agamben schreibt. Meines Erachtens wäre es plausibler, wenn das ‚heilige Leben‘ in dem Sinne, wie es Agamebn in seinem Buch entwickelt, das Paradigma der Neuzeit abgeben würde. ‚Paradigma‘ wäre dann eine Art Abstrahierung. Das Lager wäre dagegen in der Terminologie Agambens das, was er ‚Phänomen‘ nennt, das auf einen Ursprung zurückgeführt werden kann (im Unterschied zum ‚Paradigma‘).

Ich bin mir nicht sicher, ob da irgendwo in der Argumentation von Agamben eine Ungenauigkeit ist oder ob ich nicht alles richtig verstanden habe. Vielleicht findet sich ja ein Leser, der hier mit einem Kommentar weiterhelfen kann. Auf jeden Fall macht Agambens lobenswerter Versuch, sich zu seiner Methode zu äußern, klar, warum Exegese und Kommentierung unendliche Aufgaben sind, da sie nicht zu einer letztgültigen Klärung führen, sondern vielmehr zu einer immer umfassenderen Differenzierung und Problematisierung.

Enttäuscht von Agambens Buch dürften hingegen all die sein, die sich von seiner Darstellung eine präzise methodologische Handreichung im Sinne einer Handlungsanleitung versprechen. Agamben überprüft philosophische Eckpfeiler seines Denkens mittels der von ihm auch sonst gewählten Verfahren, die wesentlich begriffsgeschichtlich und diskursanalytisch geprägt sind. Wer stattdessen eine systematische Analyse und methodische Fundierung seiner bisherigen Arbeiten lesen möchte, der sollte besser Eva Geulens Einführung über ihn lesen.


Archivpluralismus

3. Mai 2010

Marcel Lepper, Leiter der Arbeitsstelle ‚Geschichte der Germanistik‘ in Marbach,  hat 2008 die Frage gestellt: Zu welchem Ende sammelt und ediert man Vorlesungen aus Wissenschaftlernachlässen? (in: Geschichte der Germanistik 33/34, S. 48-56). In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Trajekte des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung zeigt Herbert Kopp-Oberstebrink, dass diese Frage schon vor über hundert Jahren aktuell war.

Unter dem Titel „Archive für Litteratur!“ (Trajekte 20 (2010), S. 37-45) hat der Berliner Philosophiehistoriker Überlegungen Wilhelm Diltheys zur Gründung von Literaturarchiven publiziert. In Auseinandersetzung mit dem damals jungen Weimarer Archiv spricht sich Dilthey für die Gründung von weiteren Archiven aus, die verschiedene Anliegen verfolgen – u.a. auch die Archivierung von Gelehrtennachlässen. Dilthey verfolgte, das zeigt Kopp-Oberstebrink überzeugend, die „Rekontextualisierung“ (S. 44) und arbeitete so einem erweiterten Literaturbegriff vor, der sich erst viele Jahrzehnte später durchsetzen sollte.

In den letzten Jahren ist Marbach wiederholt vorgeworfen worden, dass es sich zu sehr den Gelehrtennachlässen zuwende und zu wenig der Literatur. Dilthey wäre die Schwerpunkterweiterung Marbachs mutmaßlich sehr sympathisch gewesen – sowohl methodisch als auch im Hinblick auf den Archiv-Pluralismus. Schließlich ermöglicht erst dieser die Rekonstruktion einer differenzierten Entwicklungsgeschichte, die Diltheys Anliegen war. Dass wir dieser heute kritischer gegenüberstehen als er, stellt eine Herausforderung eigener Art da – aber keinen Widerspruch dazu, dass es sinnvoll ist, über seine Konzepte erneut nachzudenken.