Unbedingte Universität III

21. September 2010

In der an dieser Stelle schon wiederholt erwähnten Reihe Unbedingte Universität des Diaphanes-Verlags ist auch ein Heftchen mit dem Titel Jenseits der Exzellenz. Eine kleine Morphologie der Welt-Universität von Jan Masschelein und Maarten Simons erschienen. Das Buch bietet in der ersten Hälfte eine präzise Analyse der dominierenden politischen Diskurse, namentlich der EU-Leitlinien für die Hochschulpolitik. Diese Analyse zeigt detailliert, wie sehr Bologna einen Bruch mit der europäischen Bildungstradition markiert.

Doch deutet schon dieses knappe Zusammenfassung auch die Kritik an, die man gegen das Büchlein vorbringen kann. Es ist nämlich schlichtweg undifferenziert und teilweise auch naiv. Zunächst ist es natürlich purer Eurozentrismus, wenn man EU-Verlautbarungen untersucht und im Titel von der Morphologie der Welt-Universität spricht.

Dann wird man selbstverständlich ‚dem‘ europäischen Bildungssystem nicht gerecht, wenn es nicht differenziert wird. Es gibt schließlich ganz unterschiedliche Universitätssysteme, die auf zwei grundlegend differente zurückgehen – nämlich auf das humanistisch-lutherische und das humanistisch-jesuitische Bildungsprogramm, das dann in der Frühen Neuzeit vielfach ausdifferenziert wurde.  Bildungstheoretiker – zumal wenn sie in Belgien forschen, das gewissermaßen an der Nahtstelle zwischen beiden Systemen steht – sollten das eigentlich deutlicher machen. Die Idee von Bologna war ja gerade die Vereinheitlichung und Anpassung einer sehr vielfältigen Hochschullandschaft, um europaweite Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Bologna ging es also gewissermaßen um ein groß angelegtes Artensterben und den Aufbau von Monokulturen – also um das, was die EU im Agrarsektor schon so erfolgreich betrieben hat. Demnächst kommt dann bestimmt die gen-manipulierte Bildungspolitik! Auf das Büchlein gemünzt aber heißt das: Wer diese Artenvielfalt nicht darstellt, der entzieht sich selbst die Grundlage, eine überzeugende Verlustgeschichte zu schreiben.

Schließlich stimmen Masschelein und Simons ein politisch motiviertes Loblied auf die Vorlesung an. Sie begründen dies nicht pädagogisch, sondern bemühen sich in Rückgriff auf Foucaults Heterotopie-Konzept darum, die Vorlesung als einen Ort des gemeinsamen leidenschaftlichen und tendenziell auch subversiven Denkens wiederzugewinnen:

Öffentliche Vorlesungen sind deshalb mit dem Entstehen eines neuen Bewusstseins verbunden oder mit einem Überraschen des Selbst, das die eigenen privaten Angelegenheiten übersteigt, dadurch dass Dinge zu einer öffentlichen Angelegenheit werden. Die Magie der Vorlesung kommt vielleicht dem nahe, was Latour ein „kollektives Experiment“ nennt. (S. 68)

Diese Begeisterung für die Vorlesung teilen ja bekanntlich nicht viele Menschen mit den beiden Autoren. Einmal davon abgesehen, dass Masschelein und Simons stillschweigend voraussetzen, dass die Vorlesung nicht etwa eine bloße Wiedergabe von Fakten ex cathedra ist (was sie in der guten alten Zeit freilich meist gewesen sein dürfte), finde ich an ihrem Vorschlag noch viel irritierender, dass der Erfolg ihres Konzepts vom sich öffnenden Raum des Denkens mit dem Charisma des Dozenten und der Aura der Veranstaltung steht und fällt. Charisma aber ist keine gute Voraussetzung für Kritik, und es stellt sich zudem die Frage, wie man eine solche Aura an einer normalen Massenuniversität schaffen soll. Oder wollen Masschelein und Simons zurück zur Gelehrsamkeit für ganz wenige, die zudem auch noch massiv alimentiert werden, wie das in Mittelalter und Früher Neuzeit oft der Fall war? Wohl kaum!

Es ist gewiss nicht immer verkehrt, sich an der Geschichte zu orientieren. Aber im Hinblick auf die Zukunft der Universitäten bietet ein Mischmasch aus ein paar poststrukturalistischen Ansätzen und einer Beschwörung der Zeit vor dem Sündenfall kaum Perspektiven für die Zukunft!

Werbeanzeigen

Philologische Niederungen

16. September 2010

Nachdem ich vor ein paar Monaten Herta Müllers Atemschaukel gelesen habe, empfahl mir nun der Buchhändler meines Vertrauens („Kunden, die dasselbe suchten wie Sie, haben gekauft“) Niederungen. Irgendwo hatte ich auch eine vielversprechende Kritik über das Buch gelesen, in der u.a. erklärt wurde, wie wunderbar es doch wäre, dass das Buch jetzt in seiner eigentlichen Gestalt zugänglich sei. Das machte auch den Philologen neugierig, obwohl ich die alte, im Rotbuch-Verlag zuerst 1984 erschienene Fassung gar nicht kenne.

Offenbar war es so, dass mit der damaligen Ausgabe irgendwas nicht in Ordnung war. Am Ende der Neuausgabe heißt es nun auf S. 174:

Für die vorliegende definitive Ausgabe der Niederungen wurden die seinerzeit gestrichenen Kapitel wieder eingefügt. Der gesamte Text wurde von der Autorin noch einmal durchgesehen und korrigiert; dabei wurden auch sämtliche Streichungen von 1984 überprüft und zum Teil rückgängig gemacht.

Nun hätte sich das kleine Philologen-Herz natürlich gefreut, wenn die Änderungen auch gleich verzeichnet worden wären. Aber damit muss es wohl klar kommen, schließlich kann man das auch selbst nachholen oder warten, bis eine kritische Ausgabe kommt. Was ich aber nicht verstehe ist, warum dem Leser nicht mitgeteilt wird, warum die deutsche Erstausgabe defizitär war. Was hat die Überarbeitungen und Umstellungen notwendig gemacht? Vor rund einem Vierteljahrhundert haben viele Menschen, die heute Herta Müller lesen, ja noch gar nicht gelebt – oder zumindest noch keine anspruchsvolle Literatur gelesen. Und von den Schwierigkeiten der rumäniendeutschen Autoren wissen die meisten Menschen auch nicht viel. Das mag man bedauern, aber es ist halt so. Wäre also klasse, wenn man in Zukunft all die Leser nicht im Dunkeln stehen ließe, die jetzt erst das Glück haben, Herta Müllers großartige Erzählungen zu entdecken.


Noch Fragen?

13. September 2010

Für alle, die das mit dem Plagiat immer noch nicht begriffen haben oder die denken, dass sich ein paar depperte Philologen damit eh nicht befassen, hier noch einmal in aller Deutlichkeit, dass copy and paste kein Spaß ist!


Unbedingte Universität II

11. September 2010

Gilles Deleuze  hat schon 1990 in Auseinandersetzung mit Foucault die Ablösung der Disziplinargesellschaft durch die Kontrollgesellschaft beschrieben. In seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften (jetzt wieder abgedruckt in: Was ist Universität?, Zürich 2010, S. 11-16) erklärt er mit Hinweis auf Kafka, dass dieser ‚Prozess‘ u.a. durch Permanenz gekennzeichnet sei: Während in der Disziplinargesellschaft Phasen existierten, die weitgehend frei von Überprüfungen waren, wird in der Kontrollgesellschaft die Überprüfung permanent. Das hat auch für die Bildungsinstitutionen weitreichende Folgen:

Das modulatorische Prinzip des „Lohns nach Verdienst“ verführt sogar die staatlichen Bildungseinrichtungen: Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen. Das ist der sicherste Wege [sic!] die Schule dem Unternehmen auszuliefern. (S. 13)

Das perfide an diesem System ist laut Deleuze, dass man niemals fertig wird. In diesem Sinne kann man die Appelle und Angebote zum lebenslangen Lernen auch als Drohung begreifen. Was gerne im Gewand der Chancengleichheit und Gleichberechtigung daherkommt, ist im Sinne von Deleuze nichts anderes als ein Instrument der immer weitreichenderen Kontrolle.

Bemerkenswert an diesem Ablösungsprozess ist dabei, dass Deleuze seine Anfänge offenbar schon vor 100 Jahren sieht. Wenn er damit recht hat, dann wären die Reformen an den europäischen Universitäten der letzten Jahre wohl nichts anderes als eine verspätete Anpassung an die Kontrollgesellschaft. So verstanden wäre selbst die Universität mindestens der 70er, 80er und auch 90er Jahre letztlich nichts anderes als ein Relikt einer längst untergegangenen Epoche. Das würde auch erklären, warum schon damals so viele Studenten sich beschwerten, sie seien für ein Referat nicht richtig motiviert worden, das präsentierte Wissen sei doch gar nicht für den zukünftigen Beruf verwertbar, man lerne an der Uni gar nicht richtig, weil da viel zu wenig Druck gemacht würde. Machen wir uns nichts vor, die Akzeptanz für die Reformen war längst da, weil die Kontrollgesellschaft längst Realität war.

Vielleicht war deswegen auch der Protest vor einem Jahr an vielen Orten so diffus. Nach der Lektüre von Deleuze‘ Aufsatz drängt sich der Eindruck auf, dass manche die Universität der Disziplinargesellschaft zu einem Ideal verklärten (was allerdings nur die tun konnten, die in ihr nicht studiert haben), während andere die Ziele der Modularisierung im Dienste der Kontrollgesellschaft grundsätzlich akzeptierten. Letztlich war dieser Teil der Protestierenden nur unzufrieden nicht mit dem Anliegen, sondern nur mit den Ergebnissen, weil die Bologna-Reformen vielerorts nichts anderes als ein Hybrid aus gestern und heute generierten. Statt Bologna stoppen zu wollen, hätte ihr Schlachtruf lauten müssen: „Forza Bologna!“

Nur in einem Punkt scheint die Anpassung an die Kontrollgesellschaft tatsächlich schon jetzt voll und ganz erfolgreich zu verlaufen, nämlich bei der Anpassung der Universität an die moderne Marktwirtschaft – zumindest wenn Deleuze recht hat: „Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch.“ (S. 15)


Humanität?

9. September 2010

Auf der IFA hat google-Chef Eric Schmidt eine Art neue Weltanschauung zu begründen versucht, die „Augmented Humanity“. Weil google wichtig und Schmidt schlau ist, setzt sich auch prompt die halbe Welt mit seinem Konzept auseinander. So hat Sascha Kösch bei de:bug eine kluge Analyse des Konzepts vorgestellt und die FAZ fühlt heute morgen Schmidt gleich einmal persönlich auf den Zahn, indem sie fragt, ob’s nicht auch bei ‚erweiterter Realität‘ hätte bleiben können (FAZ 209, 9.9.2010, S. 31, online derzeit nicht frei zugänglich- etwas absurd, dass der Artikel „Offenheit ist meine Religion“ heißt).

Nun ist google ja eine Firma, die alles weiß und jeder und jedem bei allen Fragen mit Rat und Tat zur Seite steht. Damit das in Zukunft nicht nur zuhause, sondern auch dann der Fall ist, wenn man gerade unterwegs ist, haben sie bekanntlich Android der Welt geschenkt. Ganz egal wo wir sind, google weiß das, zumindest wenn das smartphone an ist. Dann schenkt google mir viele, viele Infos, die mir das Leben leichter machen. Meine Welt erweitert sich, insoweit hat die FAZ mit ihrer Frage, ob’s terminologisch nicht auch ein bisschen kleiner gegangen wäre, ganz recht.

Das Problem, das hinter dieser Frage steht, ist aber, so scheint mir, vor allem ein sprachliches. Bei einem Begriff wie „Humanity“ neigt der deutschsprachige Hörer oder Leser, ob er will oder nicht, dazu, ihn durch „Humanität“ zu ersetzen. Das meint Schmidt natürlich gar nicht – zumindest nicht im ethischen Sinne. Google ist nicht auf einer humanitären Mission, um die Darbenden der ersten Welt mit Informationen zu versorgen. Was die google-Kreativen aber immerhin meinen, ist die Erweiterung der menschlichen Erfahrungen, wenn nicht gar des Menschseins an sich. Das ist schon ein sehr selbstbewusster Anspruch, der nach meinem Dafürhalten vermessen klingt. Aber das tut hier gar nichts zur Sache.

Was mich bei dieser netten Wortschöpfung in erster Linie verwundert, ist, wie wenig google bei seiner Wortkreation darüber nachgedacht hat, dass sie in anderen Sprachen wie dem Deutschen missverstanden werden und hier für Unwillen sorgen kann – zumal die eigene Reputation im Moment eh nicht gerade besonders gut ist. Die Deutschen tun sich bekanntlich mit humanitärem Engagement schwer – zumindest wenn es Züge unerwünschter Beglückung trägt.

Jetzt wäre es natürlich spannend zu erfahren, ob die google-Kreativen solche Kleinigkeiten wie Bedeutungsnuancen in anderen Sprachen schlicht nicht bedenken (was bezeichnend wäre für ihr Verständnis von Wissen) oder ob sie ihre Diskurshoheit als derart einflussreich bewerten, dass sie sich über solche Bedeutungsnuancen hinwegsetzen, weil sie nicht glauben, dadurch nachhaltig geschädigt zu werden. Eine Antwort auf diese Frage habe ich leider nicht gefunden, sie ließ sich nicht googeln.

P.S.: Wie ich eben sehe, hat die FAZ ihr sehr lesenswertes Interview inzwischen online gestellt.


Gestrandet

3. September 2010

Vor ein paar Tagen habe ich in einer kleinen Buchhandlung ein Bändchen mit vier Erzählungen von Wolfgang Hilbig gefunden, Grünes grünes Grab aus dem Jahr 1995, noch mit DM-Auszeichnung, wie aus einer anderen Welt. Und das Büchlein nahm mich gleich an die Hand und führte mich in noch eine andere Welt. In der ersten Erzählung, Fester Grund (datiert auf 1984), verpasst ein Mann in Leipzig seinen Zug nach Berlin und muss drei Stunden in der Bahnhofskneipe warten. Die hatten noch Zeit, denke ich. Die Geschichte schildert, wie der Ich-Erzähler wartet, ein paar Kaffee mit Weinbrand trinkt und eigentlich nur raus aus dieser Stillstandshalle will, in der es anderen so gut gefällt. Trotzdem bleibt er sitzen, obwohl er weiß, dass sein nächster Zug ihn gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zu seiner Tochter bringen wird. Ohne Zweifel eine Allegorie auf die DDR, auf die „Übergangsgesellschaft“, wie sie Volker Braun so beeindruckend zur gleichen Zeit dramatisierte.

Als ich die Geschichte lese, sitze ich im zugigen Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Die Bahn kann mir, da der Zug, der mich hierher brachte, 20 Minuten Verspätung hatte, erst wieder eine Verbindung in gut zwei Stunden liefern. Es ist nicht all zu spät am Abend, mein Zug nach Gießen kommt vorher an Marburg vorbei. Zwei Uni-Städte und trotzdem keine Verbindung im Stundentakt, außer freitags – wenn alle Welt Marburg und Gießen verlässt und nicht etwa dahin will. Heiliger Fahrplan. Ich bin ratlos. Soll ich’s auch mal mit Kaffee und Weinbrand versuchen? Selbst wenn ich es wollte, solche Wartehallen mit fiesem Filterkaffee, Frittenfett und Fusel in der Luft und auf den Tischen gibt es nicht mehr. Weil die Übergangsgesellschaft nicht mehr ist? Auch im Westen gab es sie. Aber man sieht sie nicht mehr, damit ihr fieser Dunst den freien Blick auf den schicken Sichtbeton nicht mehr behindert.


Warburg

1. September 2010

Heute möchte ich nur auf einen Artikel aufmerksam machen!