Historisch

21. November 2010

Gestern hat der Papst erklärt, dass Kondome in manchen Fällen gerechtfertigt sind. Heute ist das für einige Zeitungen eine historische Nachricht.

Gestern habe ich erklärt, dass Thomas Mann vielleicht doch einige bedeutende Texte geschrieben hat. Wider Erwarten hat diese historische Aussage heute den Weg in die Zeitungen nicht gefunden.

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Forschungsbilanzen

20. November 2010

In den vergangenen Tagen sind aus verschiedenen europäischen Ländern Nachrichten eingegangen, die vermuten lassen, dass die sog. Haushaltskonsolidierung sich jetzt die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche sowie die kulturwissenschaftlichen Institute vornimmt. In Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich vor allem.
In Deutschland scheinen die Regierungen in Bund und Land da noch etwas defensiver zu sein.

Hier geht es zwar landauf landab den Theatern und Museen ans Leder. Nicht schön, aber da unser aller Schutzpatron St. Florian und nicht St. Martin ist, sind wir ganz still und brav. Schließlich kommt bald St. Nikolaus und dann bekommen nur die lieben Kinderchen Nüsschen und Äpfelchen. Und Solidarität kann man schließlich auch dadurch bekunden, dass man im Netz virtuelle Unterschriftenlisten signiert. Hab ich auch schon gemacht letzte Woche.

Für die Politik aber ist das gegenwärtige Nicht-Sparen auch deswegen eine tolle Sache, weil sie so ihre Forschungsbilanz im EU-Vergleich aufbessert, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Die Pressesprecher in den Ministerien können schon mal die entsprechende Mitteilungen vorbereiten: Deutsche Forschunsbilanz im EU-Vergleich deutlich verbessert!


Unbedingte Universität IV

14. November 2010

In den letzten Wochen habe ich den Reader „Was passiert?“ aus der Reihe „Unbedingte Universität“ gelesen. Die Mischung von Forderungskatalogen, die an verschiedenen Universitäten vor einem Jahr formuliert wurden, über einige kluge Originalbeiträge bis hin zu Nachdrucken von ein paar neueren und älteren Texten zum Thema ist sehr gelungen und abwechslungsreich.

Nur eine Frage drängt sich mir immer mehr auf: Wer hat das, was weiterhin für so viel Ärger sorgt, eigentlich zu verantworten? Ich habe inzwischen auf verschiedenen Tagungen folgendes erlebt. In gemütlicher Runde fängt auf einmal eine unbestrittene Kapazität an, über den Bologna-Prozess zu klagen. Wirklich zu viel wurde es mir, als mir vor einem Jahr ein Ordinarius ins Gesicht sagte, dass er nicht verstehen könne, warum wir ‚jungen Leute‘ nichts dagegen machten. Einmal davon abgesehen, dass ich mich nicht gerade für besonders ‚jung‘ halte: Ich habe den ‚älteren Herren‘ daraufhin gefragt, was ER eigentlich dagegen getan hat. Er ist bundesweit eine Stimme, der man zuhört. Er war in verschiedenen Gremien seiner Heimatuni und in vielen anderen Institutionen tätig. Aber gemeckert wird erst jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und dann auch nicht da, wo entschieden wird. Ganz toll. Und die Kohlen sollen die aus dem Feuer holen, die sie nicht reingeschimssen haben und sich auch sonst nur die Finger verbrennen können.

Die Beiträge in dem o.g. Reader sind insgesamt wirklich gut. Aber hier findet sich wieder das gleiche Problem. Teilweise offene Polemik gegen die Bologna-Reformen und beste Anregungen, was in Zukunft besser laufen könnte. U.a. von einem ehemaligen Vordenker einer Bundesregierung und einem ehemaligen Staatsminister. Wäre ganz nett, wenn solche Artikel auch einmal mit ein bisschen Selbstkritik einhergingen und der Ankündigung, dass man beim nächsten Abendessen mit einem Wissenschaftsminster oder gleich Ministerpräsidenten die Klappe aufmachen wird und erklärt, dass es so nicht weitergeht. Wird aber nicht passieren, ich weiß. Ich darf mich also schon auf den nächsten klugen Ratschlag freuen und überlegen, ob ich mir erlaube, mehr als nur bestimmt zurückzufragen. Prost Mahlzeit!


Bibliothekswandeln

6. November 2010

Während des Studiums bin ich samstags nach dem Frühstück gerne in die Bibliothek gefahren (die SUB in Göttingen, damals war der Neubau gerade so alt, dass die Kinderkrankheiten durch waren – also eine faktisch perfekte Bibliothek). Nachdem ich ein paar Dinge nachgeschlagen hatte, bin ich dann gerne durch die Gänge gegangen und habe Bücher und vor allem Fachzeitschriften ganz unterschiedlicher Diziplinen in die Hand genommen, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Das war manchmal frustrierend, weil man merkte, wie wenig man kennt und weiß. Aber es war auch unheimlich spannend – eine banale wie überraschende Weise, ganz unterschiedliche Bücher kennenzulernen. Gegen 15:30 bin ich dann in eine der nahe liegenden Kneipen gegangen, Premiere gucken.

In der letzten Ausgabe von „Forschung und Lehre“ in der FAZ (3.11.2010, Nr. 256, S. N5) hat Thomas Ewald beklagt, dass niemand mehr durch die Bibliotheken schlendere und in ihren Beständen stöbere. Das liege auch daran, dass die Bibliotheken immer nutzerfreundlicher würden und die Wege zum Buch, angefangen mit der Recherche, immer kürzer. Der Zufallstreffer werde minimiert.

Das ist natürlich naiv. Zunächst wird faktisch der Zufall bei der Recherche meistens nicht reduziert, weil viele Bibliotheksbenutzer die Filter nicht präzise genug bzw. schlicht falsch einstellen. Und wer ein Buch sucht, der möchte es in der Regel auch lesen und zwar mit möglichst wenig Aufwand. Wenn also im kommenden Jahr tatsächlich einige Bibliotheken die RFID-Technik einsetzen, um den Nutzer direkt zum Buch zu navigieren, dann ist das doch eine sehr kluge Sache, finde ich.

Wie oft ist ein Buch schlicht verstellt? Wie oft habe ich schon in einer fremden Bibliothek gestanden und wollte nur ganz schnell etwas nachschlagen? Nun wird man tatsächlich nicht mehr genötigt, die Regalmeter abzugehen, die gar nicht interessieren, sondern findet gleich das Objekt seiner Wissensbegierde.

Den Glücklichen, die die Zeit zum Stöbern weiterhin haben und die sich gerne vom bibliothekarisch organisierten Prinzip Zufall lenken lassen, die müssen ja nicht auf die RFID-Navis zurückgreifen. Beim Autofahren gibt’s ja auch keine Navi-Pflicht. Und wenn ich meine Sonntagserfahrungen hochrechne, gibt es immer noch sehr viele Menschen, die beispielsweise am Tag des Herrn völlig unmotiviert durch die Gegend schleichen und den Ausblick in die Herbstlandschaft genießen. Da werden sich von Zeit zu Zeit gewiss auch ein paar Bibliothekswandler finden.