oder lyrik

30. Dezember 2011

Durch einen Zufall bzw. einen aufmerksamen dtv-Mitarbeiter bin ich vor ein paar Wochen auf Judith Zanders Gedichtsammlung oder tau aufmerksam geworden. Schon das zweite Gedicht hat mich sehr neugierig gemacht, weil es unvermittelt plattdeutsch endet: „tja dien mudder“. Mit dieser unscheinbaren Wendung eröffnet sich die nordostdeutsche Landschaft, die Gegenstand vieler Gedichten von Zander ist – so wie auch das dem Band titelgebende Gedicht oder tau, bei dem selbstredend ‚Odertau‘ mitzulesen ist.

Zander schreibt, sonst würde ich hier auch kaum auf ihr Buch hinweisen, keine Heimatlyrik. Vielmehr nutzt sie die Landschaft, um sich zugleich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Ihre Lyrik weiß, obwohl die Autorin erst neun Jahre alt war, als die Mauer fiel, von LPGs, von Mähdreschern und Legebatterien.

Zugleich aber ist Zander keine Erzählerin, sondern vielmehr eine Sammlerin von vielerlei Eindrücken – Geräuschen, Gerüchen, Lektüren, Augenblicken. Sie sammelt akustische Momente und spielt mit Erinnerungen an andere Gedichte. Manche dieser Erinnerungen scheinen der Autorin bewusst zu sein, so verweist sie im Anhang auf Hölderlin, Sarah Kirsch und Sylvia Plath. Andere werden nicht klar markiert. So stößt man unvermittelt auf ein Sonett, das ironisch mit seiner eigenen Formtradition spielt, zugleich an Barock- und Pop-Literatur erinnert und dabei noch entspannt mit einer alltäglichen Phrase spielt: „flache Bälle // sind schwer zu spielen“. Das mag wohl sein – aber wie der belohnt wird, der’s versucht, weiß zumindest der fußballerfahrene Leser auch.

Ergänzend dazu nimmt Zander ihre Leser immer wieder an die Hand und führt sie fort aus dem Nordosten Deutschlands, mal in die Ferne nach Finnland und Indien, schließlich aber auch ins nicht ganz so weite Bitterfeld. Dabei wird man den Eindruck nicht los, das zumindest das Ich ihrer Gedichte sich in Sachsen-Anhalt wohler fühlt als in der Ferne. Der ironische Unterton, die souveräne Stimmenvielfalt Zanders wirkt konzentrierter, wenn das Ich über die Fremde spricht. Eleganter und zugleich entspannter aber klingt oder tau, wenn es um die Landschaften zwischen Saale, Oder und Ostsee geht.

So lässt Zanders lyrisches Debut eine Ahnung davon aufkommen, dass die Lyrik eines Kunert oder auch eines Kolbe, Lyrik also, die Formbewusstsein nicht mit Verseschmiederei verwechselt und Geschichtsbewusstsein nicht mit Nostalgie, dass diese Lyrik auch weiterhin nicht nur wertgeschätzt, sondern durch neue Stimmen erweitert wird.

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Sisyphos-Müller

3. Dezember 2011

Vor knapp einem Jahr hat Kristin Schulz eine beeindruckende Sammlung von vier Mp-3-CDs mit 36 Stunden O-Ton von Heiner Müller im Alexander Verlag veröffentlicht. Diese Sammlung ist in den folgenden Monaten mehrfach rezensiert worden – teilweise sogar sehr bald nach dem Erscheinen, so dass ich mich immer wieder gefragt habe, wer die CDs wirklich durchgehört hat; ob also die Kritiker wirklich in der Lage waren, sich ein zuverlässiges Urteil zu bilden.

Letzte Woche habe ich die letzten Tracks gehört – allerdings möchte ich gleich eingestehen, dass ich immer wieder einmal beherzt zum nächsten Track gesprungen bin, wenn mich der aktuelle gelangweilt hat oder er schlicht zu schwer zu verstehen war (die Qualität der frühen Aufnahmen entspricht nicht immer gegenwärtigen Standards). Dazu kommt noch, dass Tracks teilweise sehr umfangreiche Lesungen Müllers von anderen Autoren (Benjamin, Brecht, Kafka) bieten. Das ist vielleicht für den interessant, der gerade eine Studie zu Müllers Rezeption von X oder Y schreibt – aber warum sollte man sich das sonst anhören? Auch wiederholen sich seine Pointen und Analysen auf die Dauer. So kommt denn beim Hören immer mehr der Eindruck auf, dass die Tondokumente zwar auf jeden Fall durch das Heiner-Müller-Archiv hätten zugänglich gemacht werden müssen, aber warum sie auf dem freien Buchmarkt angeboten werden müssen, das leuchtete mir, je länger ich zuhörte, immer weniger ein, obwohl ich nun wirklich die für ein solches Vorhaben notwendige Begeisterung für Müller mitbringe.

Als ich dann aber die letzte CD einlegte, kam auf einmal die große Überraschung. Da ich längst schon nicht mehr in dem hilfreichen Buch zu den CDs nachlas, was mich erwartet, war ich sehr erstaunt, als auf einmal neben der Stimme Müllers eine zweite zu hören war. Die CD macht auf mit einer Brecht-Lesung von Ekkehard Schall und Müller, in der sich Schalls zerbrechlicher Moritat-Gesang und Müllers trockener, emotionsfreier Leseduktus abwechseln, was sehr reizvoll wirkt. Im Anschluss an diese Lesung folgt eine Diskussion, an der u.a. auch der jüngst verstorbene Friedrich Kittler teilnimmt. Es schließen sich kurze Gedicht-Lesungen an, die Müller nach seiner Speiseröhren-OP im Rahmen eines Fernsehgesprächs mit Alexander Kluge gehalten hat. Schließlich sind auch seine letzten öffentlichen Äußerungen wie etwa die Büchner-Laudatio auf Durs Grünbein zu hören.

Diese letzte CD wird damit – vermutlich ungewollt und nur wegen der chronologischen Anordnung der Dokumente – zu einem mehrere Stunden dauernden memento mori. Das geht deswegen so sehr unter die Haut, weil Müller sich nicht mehr mit Zynismus und Sarkasmus panzert. Wenn er im Gedicht über sein Spätwerk nachdenkt, dann geschieht das offensichtlich im Bewusstsein, eine großes (wenngleich auch kein umfangreiches) Werk hinterlassen zu haben. Zugleich stellt er sich aber nicht nur seinem Tod. Er kehrt zu seinen Anfängen zurück, indem er noch einmal betont, dass seines Erachtens nach politisch alles auf die Frage „Selektion oder Revolution?“ hinausläuft. Wie früh er diese Frage schon gestellt hat, wird erst beim Hören dieser CDs wirklich deutlich – und das macht klar, wie sehr Müllers Werk dem des Sisyphos ähnelt. Glücklicherweise scheint er darunter nicht so sehr gelitten zu haben wie sein berühmter Ahnherr.