Die Vermessung des Menschen

21. August 2015

Im Urlaub war ich im Centre Pompidou und habe dort die Ausstellung zum Werk Le Corbusiers gesehen. Sie trägt den Titel Mesures de l’homme, was man hübsch kehlmannsch vielleicht mit ‚Vermessung des Menschen‘ übersetzen mag. Ich war sehr froh, dass ich diese Ausstellung besuchen konnte, weil ich die Corbusier-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau vor ein paar Jahren nicht besucht habe.

Allerdings fasst der Titel der Ausstellung den genialen Archtiekten nicht so ganz, weil es in ihr immer wieder auch um seine Weltanschauungen und sein Interesse u.a. für Eurythmie geht. Also nicht nur um Gleich- und Ebenmaß, sondern auch um die dahinter stehenden Weltanschauungen, die teilweise erstaunlich esoterisch angesichts seiner so rationalen Architektur anmuten.

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Wenn mir bei dem Besuch schon die Artikel über Corbusiers Nähe zum Faschismus bekannt gewesen wären (u.a. in der Welt und in Monopol), hätte mich das vielleicht etwas mehr aufhorchen lassen. Aber man muss den Machern der Ausstellung attestieren, dass sie sich für diese Seite Corbussiers nicht interessiert haben – obwohl ihnen die Vorwürfe bestimmt nicht fremd waren.

So hat mich weniger die Philosophie hinter Corbussiers Kunst beschäftigt als vielmehr das Ineinander seiner verschiedenen künstlerischen Interessen, die mir zum Teil bisher unbekannt war. Mit seiner Architektur habe ich mich z.B. schon wiederholt beschäftigt, gerne habe ich seine Villa Savoye mit Lego Architecture nachgebaut.

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In der Ausstellung aber das Ineinander von Architektur und Stadtplanung vorgeführt zu bekommen, hatte eine ganz neue Qualität. Ähnlich Bezüge stellt sich her, als ich seine bekannten Möbel sah und diese auf sein Interesse an Sport und Bewegung bezogen wurden – auch hier ein faszinierendes Ineinander.

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Am meisten hat mich freilich der Maler Le Corbussier beeindruckt, der mir (Kunsthistoriker mögen es mir nachsehen) bisher völlig unbekannt war und dessen produktive Rezeption der Werke zeitgenössicher Kunst (meinem Eindruck nach vor allem Picassos und des Kubismus) in der Ausstellung bestens zu studieren war und durch die direkte Nähe zu den Architektur-Exponaten überzeugend kontextualisiert wurden.

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Jenseits des ideologiekritischen Desinteresses muss man der Ausstellung freilich noch etwas Anderes vorwerfen: Sie feiert den Künstler in zahlreichen faszinierenden Facetten. Doch wie sehr seine architektonischen Arbeiten immer auch das Ergebnis von Kooperation waren (insbesondere mit seinem Vetter Pierre Jeanneret) wird nur am Rande deutlich. Das wurde mir erst jetzt, als ich nach dem Besuch der Ausstellung den auch auf Deutsch erhältlichen Katalog durchgeblättert habe, wieder in Erinnerung gerufen.


Leseliste Juli

1. August 2015

3.7.2015 Heinrich von Kleist: Hinterlassene Schriften. Hg. v. Ludwig Tieck. Berlin 1821. Hatte ich schon mal für meine Reclam-Ausgabe der Herrmannsschlacht durchgearbeitet. Jetzt erneut für einen Vortrag, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe. Ergänzend dazu habe ich in diesen Tagen auch längere Blicke in die beiden anderen Kleist-Ausgaben, die Tieck besorgt hat (Gesammelte Schriften, 1826, und Ausgewählte Schriften, 1846/47), geworfen.

10.7.2015 Roger Paulin: Ludwig Tieck. Stuttgart 1987. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

12.7.2015 Marek Zybura: Ludwig Tieck als Übersetzer und Herausgeber. Zur frühromantischen Idee einer „deutschen Weltliteratur“. Heidelberg 1994. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Claudia Stockinger, Stefan Scherer: Ludwig Tieck. Leben – Werk – Wirkung. Berlin 2011. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Steffen Martus. Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Berlin 2007. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

23.7.2015 Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2/2015 (62. Jg.). Themenheft Plagiat. Hg. v. Mark-Georg Dehrmann, Heinrich Kaulen. Interssante historische und aktuelle Einführungen in dieses derzeit so wichtige Thema. Was mich immer wieder nur nervt, ist, wie eng das Thema ‚Selbstplagiat‘ verhandelt wird. In dem Heft werden die urheberrechtlichen Fragen dazu hervorragend aufgearbeitet. Anders sieht es mit der unterschwelligen Ächtung dieses Themas aus. Die ist meines Erachtens in den meisten öffentlichen Äußerungen derart unterkomplex und unpragmatisch, dass ich immer wieder nur den Kopf schütteln kann. Man spiele die fixe Idee des Selbstplagiats z.B. mal an der Architektur Mies van der Rohes durch.
Sehr gut in dem Heft übrigens der Artikel von Iris Winkler zur Erwartungshaltung von Lehramtsstudenten an das Deutsch-Studium: „Im Übrigen sind sie der Auffassung, dass man Schubkarre-Schieben am besten durch Schubkarre-Schieben lernt.“ (S. 199)

24.7.2015 Trajekte 28 (April 2014). Das immer wieder wunderschöne Heft des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Diese Ausgabe mit einem stadtgeschichtlichen Schwerpunkt zum alten Zeitungs- und Verlagszentrum Berlins (rund um die Schützenstraße, wo das ZfL seit einigen Jahren beheimatet ist).