Grunewald, Wannsee…

28. Oktober 2015

Grunewald, Krumme Lanke, Schlachtensee, Wannsee, eine Landschaft, die mich schon heute, kaum haben wir die Fahrkarten bestellt, mit sicherem Heimweh erfüllt. Was ist es? Die Kiefern im Sand, der Himmel zwischen den Kiefern, die Luft, die spröde Weite – jedenfalls fühle ich mich unbändig wohl, man kennt sich selber nicht, oft versteige ich mich zur fixen Idee, daß ich in dieser Luft ein anderer, ein durchaus fröhlicher und sprühender Kerl geworden wäre, komme mir vor wie ein Fisch gesetzteren Alters, der eines Tages, Gott weiß wieso, nicht mehr im Aquarium ist mit den spärlichen Bläschen, sondern im fließenden Wasser! Ha! denkt er …

Max Frisch: Tagebücher 1946-1949. Fankfurt/M. 1950, S. 204.


Nihilismus

22. Oktober 2015

Das Wort, womit man zur Zeit am meisten Unfug treiben kann, heißt Nihilismus – man muß nur durch unsere Zeitungen blättern, und schon haben sie wieder einen! Sartre ist einer, Wilder ist einer, Jünger ist einer, Brecht ist einer … Wahrlich ein verbindendes Wort! Ich sehe sie förmlich, unsere Rezensenten zweiten Ranges, sie stöbern wie mit einer Flitspritze umher, und kaum erschreckt sie etwas Lebendiges, spritzen sie mit geschlossenen Augen:
„Nihilismus, Nihilsmus -“

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/M. 1950, S. 192.

So hat denn jede Zeit ihre Sau, die sie durchs Dorf treibt. Nur hat nicht jede Zeit solche Schriftsteller.


Dilettanten

13. Oktober 2015

Nur wer das Schöne selber vermag, scheint es, erträgt auch den Anblick des Häßlichen, und zwar so, daß er es darstellen kann.
Woran verrät sich der Dilettant?
Seine Gegenstände sind immer schön.

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/M. 1950, S. 193.

Besser kann man nicht auf den Punkt bringen, warum die Genialen Dilletanten keine Dilettanten waren.


Der Flaneur von Montmartre

7. Oktober 2015

Jeder Paris-Besucher kennt den Blick über die Stadt – vom Eifelturm aus, von Notre Dame oder vom Centre Pompidou, egal. Deswegen kennt jeder Paris-Besucher Sacré-Cœur, auch wenn er es gar nicht dorthin schafft. Stolz thront die (nicht eben anmutige) Basilika auf Montmartre.

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Wenn man vom Zentrum dorthin blickt, scheint die Stadt Sacré-Cœur zu Füßen zu liegen. Nur der Wasserturm ein paar Meter nordwestlich davon macht der Basilika ihre herausragende Stellung keck ein wenig streitig.

Man bekommt heute gar nicht mehr eine Ahnung davon, dass Montmartre vor rund hundert Jahren, als sich der Ruf des Hügels als Künstlerviertel bildete, noch nicht dermaßen eng an den Rest der Stadt angeschlossen war, sondern dass dazwischen noch Obstgärten lagen und zahlreiche Mühlen rund um die Basilika standen und eine Grenze bildeten.

Um nach Sacré-Cœur zu gelangen, gibt es viele Möglichkeiten. Nähert man sich der Hügelspitze zu Fuß (etwa indem man mit der U-Bahn bis zur Station Abbesses oder Lamarck gefahren ist) oder mit dem Auto (indem man die steilen Kopfsteinpflasterstraßen hinauftuckert), stellt sich ein eigentümlicher Eindruck ein. IMG_3911IMG_3912Paris ist in den Straßen unterhalb von Montmartre wunderschön. In den südlich davon liegenden Straßen und Treppen, etwa denen, die zur Rue des Abbesses vom Hügel herabführen, meint man permanent, in eine Filmkulisse versetzt zu sein. Alles ist sehr lebendig. Die Dichte der Händler, die Dich gleich auf Englisch ansprechen, lässt rasch ahnen, wie touristisch alles ist. Gleichwohl darfst Du Dich dem romantischen Gefühl hingeben, Teil von Paris zu sein. IMG_3926IMG_3925In den nördlichen von Montmartre liegenden Straßen rund um die Rue Lamarck darfst Du Dich ebenfalls diesem Gefühl hingeben. Aber die Leute, die hier in den Cafés sitzen, beim Marokkaner Lamm und Minze kaufen oder beim Bio-Händler Käse, machen Dir schnell klar, dass hier deutlich mehr Menschen wohnen, die nicht von den Touristen leben. Aber unabhängig davon, welche Ecke Dir besser gefällt. In beiden lässt es sich wunderbar aushalten.

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit, um auf die Spitze von Montmartre zu gelangen – nämlich die, sich am Fuß des Berges in den Funiculaire zu zwängen, statt die Treppen zu gehen. Sie wählt der Flaneur von Montmartre.

Er lebt hier rund um Sacré-Cœur und bewegt sich auf Montmartre in eigentümlich unsichtbaren Grenzen. Wenn Du durch die steilen, schönen Straßen gehst oder fährst und Dich allmählich der Spitze näherst, etwa wenn Du in die Rue Norvins biegst, durchbrichst Du diese Grenze unvermittelt. Auf einmal tummeln sich ungeheure Menschenmassen in beängstigender Langsamkeit über das Kopfsteinpflaster. Es ist, als ob der genius loci den Menschen einflüstert: „Du bist jetzt der Flaneur von Montmartre, Du interessierst Dich jetzt für Kunst.“

Den Flaneur von Montmartre erkennst Du an drei Dingen:
1. an der Crêpe mit Nutella, die ihm immer wieder aus der Hand wächst – quasi eine süße Schrumpfform der Medusa,
2. an dem verklärten Kennerblick, mit dem er vor den laminierten Reproduktionen verharrt, und
3. an dem irritierten Blick, wenn die mit Baskenmütze ausstaffierten Porträtzeichner und Karikaturisten andeuten, dass sie für das ‚Selfie mit Künstler am Montmartre‘ zumindest ein, zwei Euro haben wollen.

Dem Flaneur von Montmartre ist eigen, dass er einen wahnsinnig eingeschränkten Bewegungsradius hat. Dieser Umstand ist auf jeden Fall für die unsichtbaren Grenzen verantwortlich. Mir ist nicht klar, ob ihn der Aufstieg zum Hügel schon derart gefordert hat, dass er es im Normalfall nicht schafft, den Hügel auf der anderen Seite auch nur noch 20 Meter hinabzugehen. Vielleicht hat er auch Angst, dass hinter der nächsten Straßenecke marodierende Jugendliche aus der Banlieue warten, um ihn abzuziehen. Egal. Der Flaneur von Montmartre kennt die Grenze und vollführt seinen langsamen Reien immer wieder auf denselben zwei, drei Straßen und auf dem Vorplatz von Sacré-Cœur.

Nun wäre natürlich auch der kleine Philologe gern ein Flaneur von Montmartre. Aber ihm fehlte letztlich das Feingefühl für die Grenzen, die dieser sieht und wahrt. Immer wieder verschlug es den kleinen Philologen in kleinere Straßen ohne Crêpe und Reproduktionen – und schon war’s einsam. Wie traurig.

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Leseliste September

2. Oktober 2015

2.9.2015 Peer Trilcke (Hg.): Felicitas Hoppe. München 2015 (= Text + Kritik 207). Starkes Text+Kritik-Heft, das zahlreiche Anregungen gerade auch für Leser bietet, die Hoppe schätzen. Man bekommt sofort Lust, Ihre Bücher gleich noch mal in die Hand zu nehmen, um über ihren Facettenreichtum zu staunen.

5.9.2015 Thomas Köck: paradies fluten. Bühnenmanuskript. 2015; 7.9.2015 Anis Hamdoun: The Trip. Bühnenmanuskript. 2015; Peter Helling, Annette Pullen nach Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah. Bühnenmanuskript. 2015; habe ich alle drei zur Vorbereitung auf die Spieltriebe 6 gelesen.

6.9.2015 Brian Wood, Ryan Kelly: DMZ. No future. Stuttgart 2010. 8. Band der großartigen DMZ-Serie. Dystopische Graphic Novel über den junge Journalisten Matty Roth in der Demilitarisierten Zone Manhatten. Meine absulte Comic-Lieblingsserie.

10.9.2015 Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Frankfurt/M. 2007. Habe ich zur Vorbereitung auf die Spieltriebe 6 gelesen, über die ich auf nachtkritik geschrieben habe.

17.9.2015 Eva-Marie Felschow, Irene Häderle (Hg.): Im Visier der Staatsgewalt. Die Universität Gießen als Zentrum von Revolution und Repression 1813 bis 1848. Gießen 2015. Katalog zu einer Ausstellung, die 2013 in Gießen stattgefunden hat. Der Katalog geht allerdings über die Ausstellung damals deutlich hinaus, indem er einen Werkstattbericht über „Formen politischen Handels von Frauen“ in der Zeit sowie eine umfangreiche Quellenedition mit Verhörprotokollen und Briefen im Kontext der Landboten-Prozesse liefert.

21.9.2015 Lutz Hübner: Frau Müller muss weg und andere Stücke. Berlin 2011. Hatte ich mir zur Vorbereitung meines Seminars zur Jugenddramatik im Sommersemester besorgt, dann aber nicht darauf zurückgegriffen. Die Verfilmung habe ich immer noch nicht gesehen.

23.9.2015 Margarita Broich (Fotos), Brigitte Landes (Texte): Alles Theater. Frankfurt/M. 2015; Margarita Broich: Wenn der Vorhang fällt. Berlin, Köln 2011. Tolle Schauspieler-Fotografien mit kurzen kleinen Texten von ihnen (in Alles Theater) . Die Fotografin konnte ich vor ein paar Monaten im Sendessaal des HR meinerseits fotografieren bzw. schnappschießen.

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24.9.2015 Julius Wellhausen: Briefe. Hg. v. Rudolf Smend. Tübingen 2013. Hatte ich schon vor über einem Jahr angefangen zu lesen, jetzt bin ich endlich dazu gekommen, das Buch abzuschließen. Faszinierende Einblicke in die Philologiegeschichte (Orientalistik!) vor rund 100 Jahren.

26.9.2015 Susanne Zepp (Hg.): Textual Understanding and Historical Experience. On Peter Szondi. Paderborn 2015. Habe ich für einen Aufsatz über Szondis Vorlesungen zum bürgerlichen Trauerspiel gelesen, den ich seit einiger Zeit beenden möchte.