Gut genährt

3. August 2016

Selbst die Gegenwartslyrik stellt sich weiterhin dem, was wir Heimat nennen. Judith Zanders Debüt oder tau hat das gezeigt. Maja Haderlap mit langer transit und Daniela Danz mit V haben das 2014 eindrucksvoll bewiesen. Daniela Danz hat das Anliegen ihres letzten Lyrik-Bandes im Gespräch mit mir deswegen auch folgendermaßen zusammengefasst:

Es ging mir darum, die Themen Vaterland, Heimat, Grenzen mit poetischer Anstrengung ein wenig anzuheben und dann wenigstens etwas verändert wieder hinzustellen. Ich glaube, dass wir um diese Themen in der nächsten Zeit nicht umhinkommen werden, und denke, dass es Aufgabe von Kunst ist, das, was an ihnen zur Verfestigung neigt, flüssig zu halten, indem man sie bewegt. (die horen 260, S. 11)

Deutlich organischer als Zander, Haderlap und Danz hat sich nun Kerstin Becker mit Biestmilch dem Thema ‚Heimat‘ bzw. ‚Herkunft‘ gestellt. Beckers Buch ist bei Edition Azur erschienen, einer sehr guten Adresse für zeitgenössische Lyrik. In vier Teilen beschwört sie die Erinnerung an Kindheiten in ländlichen Umgebungen. Das erklärt auch den Titel: ‚Biestmilch‘ ist die erste Milch, die der Kuh nach dem Kalben einschießt und die aufgrund ihrer besonderen Zusammensetzung außerordentlich wichtig für die gesunde Entwicklung sein soll.

Und so sind dann auch dem ersten Eindruck nach Beckers Gedichte: mal kraftstrotzende Erinnerungen an frische Eier, die ausgesogen werden („Säuger“); mal ungemein prägnante Beschreibungen der Landschaften, durch die das kindliche ‚wir‘ treibt („Moosheim“); mal Einblicke in Gefühle der Kindheit, in Verletzungen und Verletztheiten damals („Menschenschlag“). Die Welt, in der das alles stattfindet, ist die Welt der LPGs und Traktoristen, also der großindustriellen Landwirtschaft der DDR, wie die Gedichte immer wieder andeuten, einzelne auch unmissverständlich klar machen.

Damit sind wir auch beim ersten Grund, weswegen die Lektüre von Biestmilch lohnt. Beckers Gedichte rufen nämlich Eindrücke und Gefühle auf, die man mit der Welt der LPGen so gar nicht verbindet. Sie beschwören eine Welt, die zumindest den Kindern trotz der gewaltigen Felder und der Massentierhaltung viele Freiräume und abenteuerliche Welten geboten hat und die heute weitgehend vergessen ist.

Der zweite Grund ist, dass Becker eine ungemein entspannte, nie bemühte Sprache hat, die immer wieder prägnant und geradezu epigrammatisch Erinnerungen und Momente auf den Punkt bringt. Ein Beispiel dafür mag das „Volkslied“ aus dem vierten und letzten Teil des Buches sein (S. 92):

Volkslied
es kommt die Zeit in der wir stark nach Kneipe stinken
und unsre Haut unsterblich in der Sonne glänzt
wir glühen voller Inbrunst unter Linden
am Brunnen vorm Fabriktore im Lenz

Ein Volkslied über einen Brunnen vor dem Tore – prägnanter kann man wohl kaum ein romantisches Setting aufrufen. Becker unterstützt das mit hübsch eingängigen Jamben und dem Hinweis auf die „Inbrunst unter Linden“. Doch ist das nur der oberflächliche Eindruck. Den Volksliedcharakter durchbrechen nicht nur der ostentativ unsaubere Kreuzreim (wenn er denn überhaupt noch einer ist) und die Verkürzung der Verse drei und vier gegenüber den ersten beiden. Am Ende löst sich die Romantik und mit ihr der Jambus eigentümlich („Fabriktore im Lenz“) auf, so dass der kurze Gesang, der als Erinnerung an die Jugend beginnt, im Angesicht des Fabriktors – und damit mutmaßlich im Angesicht der Zukunft als erwachsener Werktätiger – regelrecht ins Stottern gerät.

Becker schafft auf diese Weise Momente, die selbst einem gänzlich anders sozialisierten Leser wie mir eigentümlich bekannt erscheinen. Es gelingt ihr mit ihren Rückblicken das, was Daniela Danz mit ‚ein wenig anheben und verändert hinstellen‘ umschrieben hat. Das führt allerdings dazu, dass Becker die Gegenwart weniger im Blick hat als die eingangs genannten Lyrikerinnen. Sie ist eine lyrische Chronistin, die die Sprache nutzt, um neue und überraschend Rückblicke zu ermöglichen.

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