Literatikkritur

2. September 2016

Pflichtbewusst habe ich mich jetzt einmal durch Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech gearbeitet: eine Anthologie mit zeitgenössischer Lyrik, herausgegeben von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Als ich mir das Buch gekauft habe, habe ich mich vom Werbetext auf der Rückseite einladen lassen: „Die wichtigsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik“ heißt es da. Ist natürlich vielversprechend.

War dann aber nicht so. Vielmehr habe ich mich über viele Gedichte in dem Buch geärgert, über die harmlose Renaissance der Erlebnislyrik darin, über die einfallslosen Enjambements und lyrischen Ichs, die gern Celan wären, obwohl sie selbst für Rilkes Andächtigkeit zu schlicht sind. Natürlich sind bei über 300 Seiten auch starke Gedichte dabei. Immerhin kennen sich die Herausgeber ja wie nur wenige in der Gegenwartslyrik jenseits des Suhrkamp-Mainstreams aus. Aber ich muss hier jetzt nicht das Aschenputtel geben und Euch meine Favoriten oder die Harmlosigkeiten vorstellen. Denn das hat Konstantin Ames auf Signaturen längst getan. Und da er im Unterschied zu mir ein wirklicher Kenner der Gegenwartslyrik ist, verweise ich schlicht auf seine Kritik.

Trotzdem schreibe ich hier ein paar Dinge zu der Anthologie auf, weil im Anschluss an Ames‘ Kritik ein Text erschienen ist, den man Metakritik nennen kann. Auf Ames hat auf Signaturen nämlich Tristan Marquardt reagiert. Marquardt hat zwar in Lyrik von Jetzt 3 vier Gedichte publiziert. Gleichwohl fühlt er sich nicht genötigt, die Anthologie zu verteidigen, was ich sehr überraschend fand, als ich seinen Text las. Vielmehr nutzt er die Kritik von Ames, um über den Stand der Lyrik-Kritik nachzudenken. Das Problem von Anthologien wie Lyrik von Jetzt 3 ist nämlich nicht nur, dass in solchen Büchern neben einigen Schätzen oft auch Gedichte versammelt sind, die besser im privaten Raum verblieben wären. Viel problematischer ist, und da stimme ich Marquardt zu, dass die Kritik vielfach unqualifiziert ist.

Es gibt aktuell, das belegt das Buch schon rein quantitativ, eine wirklich breite zeitgenössische Lyrik. Sie hat formal und inhaltlich viele Facetten. Das Problem der unqualifizierten Kritik ist nun, dass die meisten Kritiken etwa in den einschlägigen Online-Portalen oder Zeitschriften von denen geschrieben werden, die besonders viel Ahnung von der Materie haben. Das sind die Lyriker selbst. Die sind aber – naturgemäß – keine Kritiker. Das birgt das Risiko von Gefälligkeitsrezensionen oder von Fachidiotie.

Daneben gibt es dann einige wenige professionelle Kritiken in Zeitungen und ähnlichen Rezensionsorganen. Die Kritiker dort, spätestens aber die Redakteure, die die Kritik dann redigieren, kennen sich leider aber oft viel zu wenig mit dem ästhetischen Kontext aus, in dem die Gedichte erscheinen, so dass sie sich entweder auf die Zusammenfassung beschränken oder historisch problematische Vergleiche anstrengen.

Veranschaulichen lässt sich das beispielsweise an einer insgesamt gar nicht schlechten Kritik, die über die Anthologie in der Welt erschien. Sie trägt, das kann man vermutlich nicht dem Autor Tom Schulz anlasten, den Titel In Babylon kennt man keine Reime mehr. Das ist im Hinblick auf den Titel (Babelsprech) und die Textsorte Anthologie ein kluger Titel. Nur impliziert das „mehr“, dass in der Lyrik bis vor kurzem all überall noch Reime waren – egal, ob das jetzt ironisch gemeint ist oder ernst. Diejenigen von Euch, die bis hierher gelesen haben, muss ich wohl nicht davon überzeugen, dass das mit dem Reim nicht erst seit gestern „nicht mehr“ ganz so zwingend im Gedicht ist.

Schulz‘ Kritik hat zudem das Problem, das Marquardt berechtigterweise beklagt: Erst fasst er sehr lang zusammen und lobt höflich ein paar der beteiligten Lyriker (weniger ihre Texte), um schließlich den „Zauber der Poesie“ (Eichendorff!, Rilke!) zu beschwören und elegisch festzustellen: „Das Gedicht kennt von Hause aus keine Grenzen, es will ins Freie und Offene. Es will leuchten und manchmal brennen.“

Eine derartige Gedicht-Anthropologie mag der eine gerne lesen, der andere nicht. Was solche Sentenzen – zumal in ihrem Absolutheitsanspruch – aber sicherlich nicht liefern, ist eine kritische, die Ästhetik berücksichtigende Auseinandersetzung. Das kann nur eine konkrete, z.B. exemplarische Betrachtung einzelner Gedichte.

Dafür muss man übrigens gar kein Lyrik-Nerd sein. Wie man sehr gut an den Arbeiten von Max Czollek zeigen kann. Er ist einer der drei Herausgeber des Bandes. Dass er zu dem Buch selbst kein Gedicht beigetragen hat, ist nur angemessen. Auch wenn ich selbst sehr gerne etwas in der Anthologie von ihm gelesen hätte. Czollek ist sehr gut vernetzt, u.a. Mitglied des Lyrik-Kollektivs G13, das man nur empfehlen kann. Mehrere Mitglieder des Kollektivs finden sich auch in Babelsprech. Ich schildere Euch das, weil man sich all das zwar in den biographischen Notizen des Buches anlesen kann. In der Gliederung des Buches schlägt sich das hingegen in keiner Weise nieder. Warum hilft mir die Anthologie nicht, künstlerische Zusammenhänge in der jungen Lyrik zu finden? Indem in dem Buch immer hübsch ein Dichterlein nach dem anderen mit drei, vier Beispielen seines Schaffens vorgestellt wird, verliere ich mich als Leser nicht nur. Mir wird die Orientierung, die die Autoren selbst durch ihren Zusammenschluss zum Kollektiv geben, genommen.

Zugleich führt dieses Beispiel noch ein anderes Ärgernis vor: Viele der vertretenen Dichter produzieren nicht nur für die heimische Lektüre am Rechner oder im Buch. Viele von ihnen, wie z.B. G13, treten auch gerne auf und setzen darauf, dass sich ihre Lyrik erst im Vortrag voll entfaltet. Das hätte die Anthologie durch die Beigabe einer CD oder schlicht einer Download-Lizenz leicht berücksichtigen können, ja m.E. müssen. Stattdessen liest man und liest. Irgendwann schimmert eine Erinnerung an ein früheres Gedicht auf – eine Technik, ein Motiv, ein überraschender Klang –, doch ist man längst verloren in der Vielzahl der Gedichte und findet nichts wieder, was man irgendwann gelesen hat. Schließlich liest man eine solche Anthologie ja nicht in ein paar Tagen durch wie einen Roman.

Mir ist völlig klar, dass professionelle Literaturkritik historisch betrachtet keine Selbstverständlichkeit ist. Aber Marquardts Überlegungen machen deutlich, dass Kritik – obwohl für den Schriftsteller vielfach ein Ärgernis – letztlich ein Gut innerhalb des literarischen Feldes ist, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte, weil nur die unabhängige und urteilende Kritik in der Lage ist, ein Kunstwerk überzeugend einzuordnen.

Angesichts von Marquardts Überlegungen stellt sich nur die Frage, wie eine solche Position wiedergewonnen werden kann. Wenn man sich die aktuelle Situation der Literaturkritik anschaut, ist sie sehr divergent. Die klassische Literaturkritik zerfasert, so mein Eindruck, aktuell sehr. Zunächst: Literaturkritik ist in der Masse Roman-Kritik. Schon kleinere erzählerische Formate haben es schwer. Die Roman-Kritik hat – mit allen faktischen Verschränkungen – aktuelle drei Kernbereiche:

  • die nicht-professionelle Roman-Kritik in Blogs, Foren und in den Kommentarspalten des Versandhandels,
  • die professionelle Roman-Kritik, die aber faktisch empathische Annäherung an den Autor und seine nicht zuletzt merkantilen Bedürfnisse ist (Jürgen Kaube hat dazu heute ein schönes Beispiel in der FAZ geliefert) und schließlich
  • die ‚klassische‘ Roman-Kritik, wie sie seit der Aufklärung etabliert ist.

Bei der Lyrik-Kritik gibt es diese drei Bereiche theoretisch auch, aber faktisch gibt es vor allem den Bereich a. und dann eben ein Hybrid aus b. und c., weil sich vielfach keine professionellen Kritiker für Lyrik finden, so dass die Redaktionen dann Kenner, die meist Teil der Szene sind, um eine Kritik bitten. Und da sagt selbstredend keiner „Nein“. Nur ist dann eben die Gefahr der Gunst-Kritik groß.

Was bedeuten diese Überlegungen nun aber für die Lyrik-Kritik? Lyrik hat aktuell nicht unendlich viele, aber doch einige Leser und vor allem Besucher von Lesungen. Es ist naiv, von den Zeitungen und anderen kritischen Formaten mehr gute Lyrik-Kritiker zu fordern, weil sich das für die Feuilletons, die eh schon unter Beschuss stehen, nicht rechnet. Bleibt die Möglichkeit, dass sich die Lyriker selbst nicht für Kritiken zur Verfügung stellen. Das erwägend, bedeutet freilich auch, sich resignativ einzugestehen, dass diese Option ein frommer Wunsch ist. Denn wem wollte man einen Vorwurf machen, wenn eine etablierte Tageszeitung um einen Artikel bittet, der immer noch weit besser bezahlt ist als jedes Gedicht?

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte zumindest in Ansätzen sein, dass endlich mehr über Lesungen und Lyrik-Performances berichtet wird. Die Zuschauerzahlen sprechen deutlich dafür, dass es Leser solcher Kritiken geben könnte. Vielleicht sollte es ein Vorsatz für die professionelle Lyrik-Kritik werden, wenn möglich immer sowohl über den Text als auch über seine Aufführung zu schreiben. Also raus aus dem Kämmerlein der stillen Lektüre und rein ins pralle Leben der Lesebühnen und Literaturhäuser, liebe Kritik. Ein wenig Bewegung ist für die Figur eh nicht schlecht.