Schattensitzer

23. Dezember 2025

Der verwirrte alte Dramatiker, der noch einmal ins Theater schleicht, morgens vor der Probe sich im Parkett verbirgt, hintere Reihe, um die besondere Atmosphäre vor der Probe zu inhalieren. Requisiteur und Inspizient erzählen sich was, Assistent blickt ins Rollenbuch, Kostümbildnerin sortiert Entwürfe, Bühnenarbeiter richten die Probendekoration auf, Beleuchter rufen von der Galerie. Dieser nicht definierbare Raum, Zeitraum der Unordnung vor der Probe – der alte Mann schließt die Augen. Die vielen Male, die er im Zuschauerraum alleine saß, bevor die Probe zu einem neuen Stück von ihm begann. Schließlich wird er bemerkt, der Assistent macht da jemanden im Dunkeln aus, ein Unbefugter im Parkett, er geht zu ihm, der Alte wird sanft, aber nachdrücklich hinausgebeten.

Als ich diese Sätze in Botho Strauß‘ Das Schattengetuschel (S. 229f.) gelesen habe, erinnerte ich mich an ein Praktikum, das ich 1996 an der Schaubühne absolviert habe. Klaus Michael Grüber probte einen Einakter von Vladimir Nabokov mit dem Titel Der Pol. Der Abend sollte eine Verneigung vor der alten Schaubühnenzeit werden.

Während der Probenphase kam an einem Nachmittag Botho Strauß vorbei. Ich konnte den Proben leider nicht beiwohnen, Grüber ließ meistens auch nur diejenigen in den Saal, die direkt mit der Produktion zu tun hatten. Aber ich konnte während eines längeren Gesprächs mit Ellen Hammer in einer Umbaupause einen Blick in den Saal werfen und sah Strauß sehr ruhig und konzentriert im Parkett sitzen. Dieses Bild hat sich mir sehr eingeprägt.

Als ich Strauß‘ Schattensitzer gelesen habe, erinnerte ich mich daran. An Botho Strauß, der diesen „Zeitraum der Unordnung“ (egal ob vor oder während der Probe) genießt. Dass „der Alte“, wie der Erzähler Strauß‘ Alter Ego hier nennt, schließlich herausgebeten wird, weil er nicht mehr dazugehört, weil man vielleicht nicht einmal mehr weiß, wer er ist und ihn für einen Verirrten hält, ist die Pointe der Erzählung, auch wenn ich nach der Premiere 1996 den Eindruck, dass die alte Schaubühne allmählich in die Jahre gekommen war.

Aber Melancholie stellt sich gleichwohl ein. Auch deswegen, weil ich mir nicht sicher bin, ob einer der gegenwärtigen großen Theaterautoren in 20 Jahren so wohl formuliert und dermaßen klar die eigene Lage bilanzierend über seine alte Liebe schreiben wird.

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Die Besetzung von Der Pol erinnerte an die besten Zeiten der Schaubühne. Die Inszenierung, die meinem Eindruck gleichwohl insgesamt einen zu geringen Nachhall hatte, wurde später in Frankreich gezeigt. Christoph Rüter hat diese Aufführung dokumentiert. Zumindest in meiner Erinnerung war die Inszenierung in der Schaubühne weit dunkler, mit viel mehr Grau- und Blautönen ausgeleuchtet.


Theateradaptationen

22. November 2025

Gestern war ich mal wieder im Theater und habe mir in Münster die Bühnenadaptation von Kay Matters Muskeln aus Plastik angesehen. Matters Buch, eine romanhafte Textcollage mit Fußnoten und anderen Paratexten, verweigert sich eine linearen Lektüre. Romanadaptationen sind im Gegenwartstheater keine Seltenheit. Wenn aber die Linearität des Textes durch Paratexte durchbrochen wird, fordert das Theateraufführungen offenkundig heraus. Nun ist es natürlich nicht so, dass moderne Theaterinszenierungen einfach Handlungsabfolgen darstellen. Aber zumindest wenn die Inszenierung die Buchvorlage darauf reduziert, obwohl diese weit komplexer komponiert ist, gerät die Inszenierung in Schieflage. Falls sich noch andere Theater den Text vornehmen, wird es spannend zu sehen, welche Lösungen sie für diese Herausforderung wählen.


Hebbel-Preis 2024

21. März 2024

Am Wochenende fand im Hebbel-Museum Wesselburen die Verleihung des Hebbel-Preises statt. Der Vorstand der Hebbel-Stiftung, dem ich auch angehöre, hat in diesem Jahr die dramatischen Arbeiten der in Eckernförde geborenen Caren Jeß ausgezeichnet. Auf der Homepage der Stiftung finden sich einige Impressionen von der Preisverleihung.


Erinnerungen

31. Januar 2024

Hatte die schöne Gelegenheit, über einige Sätze nachzudenken, die mich bis heute sehr beschäftigen. Die Sätze hat Wilfried Barner schon vor rund 40 Jahren über Lessings „Die Juden“ geschrieben, gelesen habe ich sie vor ungefähr 30 Jahren:


Wider das ‚öde Ablagern von lauter hagestolzen Gedanken‘ – Überlegungen zu Theater und Kritik in der Romantik

27. Dezember 2023

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lösten sich die Grenzen zwischen den verschiedenen dramatischen Textsorten erkennbar auf. Auch gewann der professionelle kritische Blick aus dem Parkett auf die Bühne eine neue Qualität. 
Beide Momente haben Folgen bis in die Gegenwart gezeitigt. Sie lassen sich am Beispiel der Komödie, die in Deutschland bis heute keinen leichten Stand hat, besonders gut erklären. Friedrich Schlegel setzte sich als Philologe mit der bis dahin wenig erforschten Komödie der Griechen auseinander und betonte den Begriff der 'Freiheit' als „Mischung aus Antikenfrömmigkeit und Libertinage“ (Stefan Matuschek: Der gedichtete Himmel. München 2017, S. 73). Schlegel zeigt in Vom ästhetischen Wert der griechischen Komödie, dass Aristophanes' Stücke weniger geschlossen und deutlich episodischer sind als historisch jüngere Komödien. Auf diese Weise sprach er sich für deutlich fragmentierte Dramen aus und opponierte gegen formale Konventionen des bürgerlichen Trauerspiels sowie des klassizistischen Dramas.
Die Wertschätzung des Momenthaften und des Theatralen, des Szenischen und der Illusionsdurchbrechung – all das kann als ein Erbe der Romantik betrachtet werden, das sich auf der Bühne vielfältig durchgesetzt hat. Letztlich hat die romantische Theaterkunst in Auseinandersetzung mit der griechischen Komödie gegen die Ebenmäßigkeit der verschiedenen klassizistischen Traditionen und natürlich gegen Aristoteles' Tragödienpoetik die Voraussetzungen für eine bis heute anhaltende Lust am Konventionsbruch im Theater geschaffen. Das Drama von Kleist und Tieck, von Lasker-Schüler und Pirandello, ja sogar die inzwischen in die Jahre gekommene Postdramatik einer Elfriede Jelinek ist geprägt von großer Kenntnis der dramatischen Traditionen und dem tiefen Verlangen, diese zu fragmentieren und zu zerstören. Damit geht nicht selten ein Ironiebedürfnis einher. Dass René Pollesch schließlich doch noch Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin wurde, ist – derart betrachtet – ebenfalls ein später Triumph der Romantik.
Aber nicht nur die Dramatik selbst und ihre Inszenierungen veränderten sich seit der Romantik fundamental. Das Theater entwickelte sich zu einer eigenständigen Bühnenkunst, die sich zunehmend und mit guten Gründen weigerte, bloße Steigbügelhalterin des dramatischen Textes zu sein. Das veränderte auch die Theaterkritik. Zwar wurde sie schon in der Aufklärung fundamental geprägt, ja eigentlich erst initiiert. Aber so wie Heinrich Heine hat selbst Lessing nicht über das Theater geschrieben:

Die Gunst des Schicksals wollte es nun, daß ich in fremdem Lande einige Lustspiele des Doktors Ernst Raupach mit Muße lesen konnte. Nicht ohne Anstrengung konnte ich mich bis zu den letzten Akten durcharbeiten. Die schlechten Witze möchte ich ihm alle hingehen lassen, und am Ende will er damit nur dem Publikum schmeicheln; denn der arme Hecht im Parterre wird zu sich selber sagen: ›Solche Witze kann ich auch machen!‹, und für dieses befriedigte Selbstgefühl wird er dem Autor Dank wissen. Unerträglich war mir aber der Stil. Ich bin so sehr verwöhnt, der gute Ton der Unterhaltung, die wahre, leichte Gesellschaftssprache ist mir durch meinen langen Aufenthalt in Frankreich so sehr zum Bedürfnis geworden, daß ich bei der Lektüre der Raupachschen Lustspiele ein sonderbares Übelbefinden verspürte. Dieser Stil hat auch so etwas Einsames, Abgesondertes, Ungeselliges, das die Brust beklemmt. Die Konversation in diesen Lustspielen ist erlogen, sie ist immer nur bauchrednerisch vielstimmiger Monolog, ein ödes Ablagern von lauter hagestolzen Gedanken, Gedanken, die allein schlafen, sich selbst des Morgens ihren Kaffee kochen, sich selbst rasieren, allein spazierengehn vors Brandenburger Tor und für sich selbst Blumen pflücken. Wo er Frauenzimmer sprechen läßt, tragen die Redensarten unter der weißen Musselinrobe eine schmierige Hose von Gesundheitsflanell und riechen nach Tabak und Juchten.

Heinrich Heine: Essays über die französische Bühne, 1. Brief
Heines Theaterkritik ist, das muss man sich zunächst vergegenwärtigen, Literaturkritik. Ein 'Ich' schildert seine Eindrücke während der Lektüre eines Stückes. Es lässt seinen Impressionen freie Lauf. Auch arbeitet es deutlich mit literarischen Techniken, wenn es etwa die Gedanken personifiziert und ‚allein vors Brandenburger Tor spazierengehen‘ lässt.
Wer nun jedoch meint, diese Kritik sei schlicht subjektiv, den belehrt Heine erkennbar eines Besseren. Er macht seine Beurteilungsmaßstäbe kenntlich, indem er erwähnt, welche Stücke er im Unterschied zu denen Raupachs wertschätzt: französische Konversationslustspiele etwa. In der Gegenwart wäre Heine wahrscheinlich ein großer Liebhaber der Stücke von Yasmina Reza gewesen.
Theaterkritiken wie die Heines legten den Grundstein, so meine These, für einen Typus der Theaterkritik (es entwickeln sich später selbstverständlich weitere), den ich 'romantisch' nennen möchte. Alfred Kerr hat ihn wie kein anderer verkörpert. Das gilt ungeachtet dessen, dass er die naturalistische Dramenästhetik etwa eines Gerhard Hauptmann weit mehr geschätzt hat als die romantische. Kerr hat die Theaterkritik entschieden geprägt, indem er es sich nicht verboten hat, von sich bzw. hochherrschaftlich von 'uns' zu sprechen. Seine Texte kennzeichnet eine bis heute beeindruckende Prägnanz. Er erreicht sie, da aus seinen Kritiken Text für Text die Lust spricht, das Publikum zu unterhalten und gleichzeitig das Theatererlebnis zu inszenieren, um es nicht zuletzt der Leserschaft, die nicht im Theater war, näherzubringen.
Wie Heines Essay haben die Theaterkritiken Kerrs ein ästhetisches Fundament, ohne dass sie permanent darum bemüht sind, es immer aufs Neue transparent zu machen. Während Lessings aufgeklärte Kritik nicht zuletzt seine Urteile aus der Deskription gewonnen hat, abstrahieren Heine und Kerr vom Stück und seiner Inszenierung. Sie schaffen ein kleines literarisches Meisterwerk, das nicht selten noch gelesen wurde, als die besprochene Aufführung längst abgespielt war. Diese ästhetische Eigenständigkeit der Textsorte 'Theaterkritik' ist deswegen neben der fundamentalen Autonomisierung der Bühnenkunst das zweite große Erbe, das Drama und Theater der Romantik verdanken.

(Die vorliegenden Überlegungen sollten ursprünglich als Eingangsstatement beim Podiumsgespräch „Sie allein ist unendlich, weil sie allein frei ist“: Literaturkritik der Romantik – eine Leseanleitung für uns Heutige? vorgetragen werden. Das Gespräch fand am 22.2.2023 in der Kunsthalle Osnabrück statt, teilgenommen haben Prof. Dr. Tina Hartmann (Universität Bayreuth), Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Prof. Dr. Stefan Lüddemann (Neue Osnabrücker Zeitung und zugleich Organisator). Der Verfasser konnte seine Gedanken krankheitsbedingt kurzfristig am 22.2.2023 nicht vorstellen.)


Theater und Archiv

8. November 2021
Am Donnerstag veranstalte ich einen kleinen Online-Workshop über "Theater und Archiv" am DLA Marbach. Nachdem ich vor wenigen Tagen im Museum für Fotografie die Ausstellung "Theater im Sucher" über Ruth Walz besucht habe, stellt sich mir jetzt die Frage, wie sich das Verhältnis von Theaterfotografie und Textarbeit beschreiben lässt. Eins der zentralen Probleme ist dabei die Frage, in welchem Verhältnis das einzelne Text- bzw. Bildzeugnis zur Aufführung steht. Stammt es aus dem Probenprozess, von einem Pressetermin, einer regulären Aufführung? Ruth Walz' Arbeiten kennzeichnet, dass ihre Fotos oft einerseits vor dem Hintergrund präziser Kenntnisse des Inszenierungsprozesses entstanden sind und andererseits versuchen, die Zuschauerpersepktive - also die der Aufführung - einzunehmen. Das unterscheidet Walz' Blick auf die Bühne etwa von dem des Theaterkritikers (anders als es Gerhard Stadelmaier im Katalog zur Ausstellung meint). Vielleicht findet sich beim Workshop die Gelegenheit, diese Gedanken aufzunehmen und fortzuführen. 

Wirtschaftsdramatik

18. September 2021
1916 hat Franziska Gräfin zu Reventlow ihren Roman Der Geldkomplex veröffentlicht, den sie ihren Gläubigern widmet. Ironischer kann eine Autorin, ein Autor kaum eigene Schulden thematisieren und sich gleichzeitig über sie erheben. Felicia Zeller, die sich in den letzten Jahren wiederholt Fragen des Wirtschaftslebens zugewandt hat, hat den Roman jetzt dramatisiert. Sie hat dabei eine Form gefunden, die mich sehr überzeugt hat. Darüber und über die Uraufführung in Münster habe ich mir auf nachtkritik ein paar Gedanken gemacht. 

Endlich wieder im Theater!

8. September 2020
Mein erster Theaterabend seit Monaten hat viel Spaß gemacht. Das lag nicht zuletzt an der guten Inszenierung von Matthias Brandts Roman "Blackbird". Meine vollständige Kritik findet Ihr auf nachtkritik.de. Da die Aufführung auch akustisch ihre Reize hat, lohnt es sich, ergänzend Martin Burkerts Kritik für den WDR zu hören.