Klassengesellschaft reloaded

15. September 2019

Aktuell kann im künstlerischen wie im akademischen Diskurs eine Renaissance des Klassen-Begriffs beobachtet werden. Sie war der Ausgangspunkt für ein Arbeitsgespräch der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft. Das Gespräch fand im Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin, statt und wurde von Falk Strehlow und Wolfram Ette zusammen mit mir am 10. und 11. September 2019 veranstaltet. In einem kurzen Statement habe ich einleitend versucht, anhand zweier Beispiele zu skizzieren, wie der Klassen-Begriff im Gegenwartstheater thematisiert wird, um zu fragen, ob sich Bezüge zu Heiner Müller herstellen lassen.

 

1. Beispiel: Im April letzten Jahres hatte im Neumarkttheater Zürich das Stück Café Populaire von Nora Abdel-Maksoud Premiere. Es beginnt mit folgendem „Prolog“:

Rampe. Zum Publikum.

Charmant und einladend.

 

Püppi: Hi

Aram: Hi

Don/Svenja: Hi

Don: Das Thema des heutigen Abends ist Klassismus. Wir nennen es auch: Den unbekannten „Ismus.“ Ja, nicht Klassizismus, Klassismus.

Püppi: Hat zu tun mit Klasse.

Svenja: Sozialer Klasse.

Don: Richtig. Da gibt es zum Beispiel diese ganzen TV-Serien über die Unterschicht, das ist übrigens schon klassistisch, „Unterschicht“, wenn man immer von oben nach unten spricht, Frauentausch und so. Jetzt im Moment ist eher Rassismus en vogue. Und Sexismus. Vor allem am Theater.

(Text hier und im Folgenden nach Nora Abdel-Maksoud:
Café Populaire, Beilage in Theater heute August/September 2019).

Abdel-Maksouds Stück beginnt mit einer Szene, die sich souverän der Theatermittel des ausgehenden 20. und des frühen 21. Jahrhunderts bedient: direkte Publikumsansprache, tendenziell diskursiv, mediale Authentizitätsdiskurse thematisierend und damit reflektierend. Schließlich und nicht zuletzt eine anständige Prise Metatheatralität. Auf diese Weise thematisiert das Stück einen aktuellen Diskurs, den Klassismus-Diskurs, den zuletzt Patrick Eiden-Offe grundlegend erforscht hat (in: Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, Berlin: Matthes und Seitz 2017). Café populaire wählt Theatermittel, denen gewiss nicht abgesprochen werden kann, dass sie aktuell wertgeschätzt werden und dass sie zeitgemäß sind. Die Verbindung zwischen Form und Inhalt überzeugt dadurch, dass wiederholt klassistisches Sprechen sowie diskriminierende Ausdrucksweisen inszeniert werden. In der Schlussszene schießt Svenja in einem Monolog eine Reihe von Prekariatswitzen ab und beendet das Stück mit einer erneuten Hinwendung an das Publikum provokant: „Wieder Scherz. Ich mach nur Witze. Warum man hier so gut Witze über Arme machen kann? Weil sie sich die Karten eh nicht leisten können.“

Der metatheatrale Witz, mit dem Abdel-Maksoud hier arbeitet, gleicht dem, den schon Heiner Müller in Germania Tod In Berlin genutzt hat:

Clown 1 böse: Ich werde dir zeigen, was eine Naturgewalt ist. Schlägt ihn. Ich bin der erste Diener meines Staates.

Clown 2 leckt an dem Krückstock und fängt an, ihn aufzuessen. Den Stock essend, richtet er sich an ihm auf, bis er stocksteif dasteht. Marschmusik, die in Schlachtendonner übergeht. Der Bühnenhintergrund öffnet sich vor einem Feuer, aus dem Sprechblasen aufsteigen: JEDER SCHUSS EIN RUSS JEDER TRITT EIN BRIT JEDER STOSS EIN FRANZOS und in das Clown 2 im Paradeschritt marschiert.

Clown 1 Ich hatt es mir eigentlich anders vorgestellt, weil ich französisch spreche und sehr aufgeklärt bin. Aber es geht natürlich auch.

Der Hund, ebenfalls im Paradeschritt, folgt Clown 2.

Clown 1 zu dem Hund: ET TU, BRUTE!

(Heiner Müller: Germania Tod in Berlin, Berlin 1977, S. 46.)

2. Beispiel. Anfang September hatte Kevin Rittbergers neues Stück IKI.radikalmensch im Rahmen des Festivals Spieltriebe am Theater Osnabrück Premiere. Auch in Rittbergers Drama wird „Klassenpolitik“ thematisiert, ergänzt um das Thema Klimapolitik. Im Zentrum des Stücks von Rittberger stehen die Dialoge zwischen Peter Vogel und der Titelfigur IKI.radikalmensch: eine Intime Künstliche Intelligenz, die aus einer Sexpuppe weiterentwickelt wurde. In einem Monolog schildert Peter eine Begegnung während einer Dienstreise:

Und dennoch schämte ich mich, als ich einem Bauern im Regenwald gegenüber stand, und ihm erklärte, dass der Brandrodungswanderfeldbau nicht mehr klimaverträglich war. Er betrachtete mich von oben bis unten – der weiße Mann erklärt dem Ureinwohner, was er zu tun und zu lassen hat. Aber die Mission war unverzichtbar, darauf hatte sich die progressive Staatengemeinschaft geeinigt, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Religion.

(Alle Zitate aus dem Bühnenmanuskript von Rittbergers Stück.)

Diese Szene gleicht einem monologischen Ausschnitt aus Heiner Müllers Der Auftrag, die Der Mann im Fahrstuhl heißt und künstlerisch schon vielfach bearbeitet wurde:

Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Peru. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. … Auf einem grasüberwachsenen Bahndamm basteln zwei Knaben an einer Kreuzung aus Dampfmaschine und Lokomotive herum, die auf einem abgebrochenen Gleis steht. Ich Europäer sehe mit dem ersten Blick, daß ihre Mühe verloren ist.

(Aus: Heiner Müller: Herzstück. Berlin 1983, S. 60-62.)

Nora Abdel-Maksouds Stück entwickelt formal theatrale Verfahren weiter, die Müller spätestens seit Ende der 1960er Jahre literarisch initiiert hat und die auf dem Theater in das mündeten, was gemeinhin postdramatisches Theater genannt wird und was nach meinem Dafürhalten literaturwissenschaftlich als radikale Episierung begriffen werde sollte.

Kevin Rittbergers Stück folgt Müller weniger ästhetisch nach. Vielmehr ahmt er produktiv eine Szene aus Müllers Drama nach, die konzentriert die Widersprüchlichkeit, ja den Widerstreit verschiedener politischer Anliegen vorführt und zum Ausdruck bringt und dabei – auch das erinnert an Müller – nicht frei von Defaitismus ist.

Was die Beispiele damit zeigen, ist die anhaltende formale und – im Fall Rittbergers auch – thematische Aktualität Müllers. Gleichzeitig scheinen Müllers Ausdrucksweisen mit politischen Positionen assoziiert zu werden. Allerdings überrascht das mehr als es überzeugt, denn die politischen Verhältnisse haben sich seit Müllers radikalen Textexperimenten doch entschieden verändert, so dass sich die Frage stellt, ob seine formalen Angebote für die Gegenwart weiterhin gültig sind oder ob es nicht vielmehr an der Zeit wäre, neue Formen zu suchen. Das Arbeitsgespräch hat das immer wieder thematisiert. Die Antworten waren alles andere als einhellig.

© fkhuhn

Am zweiten Tag hatte ich abends das Glück, das neue Buch von B.K. Tragelehn, Roter Stern in den Wolken 2, vorstellen zu dürfen und mit ihm zusammen über sein Buch zu sprechen. Es ist immer wieder eine ganz besondere Erfahrung, mit Tragelehn über seine Arbeiten, seine Zusammenarbeit mit Heiner Müller und über seine Erfahrungen mit Brecht zu reden, bei dem er 1955 Meisterschüler wurde.

Tragelehns neues Buch beginnt mit einem klugen Essay über Brecht und Benjamin, in dem sich eine Schilderung findet, die das Arbeitsgespräch vielleicht ganz gut zusammenfasst:

Selbst Grundbegriffe führten jetzt in die Irre. Seit Jahrtausenden, seit die Menschheit der Arbeitsteilung gehorchend in Klassen gespalten war, die einander entgegen standen, hat sie so oder so oder so geträumt von einer Wiederkehr der Gemeinschaft: den Traum vom Kommunismus. Seit Marx wurde die Erforschung konkreter Voraussetzungen für die Realisierung solchen Traums Gegenstand des Denkens. Das hat man Marxismus genannt. Und Marx sagte, in elegantem Französisch, dass er jedenfalls kein Marxist sei: Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste. Das erinnert mich an Brechts Antwort, als sich ihm im Theater nach einer Probe eine Mann mit den Worten vorstellte: Ich bin ein Brechtverehrer. Brecht sagte: Ich nicht.

(B.K. Tragelehn: Roter Stern in den Wolken 2. Berlin 2019, S. 11.)


Endlich wieder Theater

8. September 2019

Mein erster Theaterabend in der neuen Spielzeit war ein Besuch beim Festival Spieltriebe. Die begeistern Osnabrück nun schon zum 8. Mal. Wie es mir gefallen hat, lest ihr auf nachtkritik.de

Hier noch ein paar Impressionen:


Matusche und Trolle

5. September 2018

In einer jüngst publizierten Studie über die Dramatiker Alfred Matusche und Lothar Trolle wächst vielleicht nicht unbedingt zusammen, was zusammen gehört. Warum das Buch trotzdem insgesamt für theatergeschichtlich interessierte Leser ein Vergnügen sein dürfte, begründe ich auf nachtkritik.


Kritiker-Inszenierung

29. Januar 2018

Vor einigen Jahren stand ich im oberen Foyer des Schauspiels Frankfurt. Gleich sollte Schnitzlers Liebelei gegeben werden. Ich würde drüber schreiben. Für nachtkritik.de. Damals – in seinem vierten Jahr – zwar schon als theaterkritrischer Blog bekannt, aber längst noch nicht die überregionale Kapazität, die es heute ist.

Das wurde mir im Kontrast deutlich. Kurz nach mir schritt ein zweiter Kritiker die Treppe hinauf: Gerhard Stadelmaier. Falk Schreiber hat auf nachtkritik.de jüngst in Erinnerung gerufen, für was insbesondere Stadelmaier, aber auch einige andere standen, als etwa Falk oder ich anfingen, Kritiken zu schreiben.

Erst war ich versucht, ihn anzusprechen. Konnte man ihn begrüßen mit: „Hallo Herr Stadelmaier, ich bin auch Theaterkritiker und wir haben auch noch denselben Doktorvater! Darf ich Sie auf ein Glas Wein einladen?“

Doch dann sah ich, dass das nicht angemessen gewesen wäre. Stadelmaier betrat den Aufgang zum Theater nicht einfach. Nein. Stadelmaier wandelte die Treppe hinauf, wie es kurz vor ihm Michel Friedman und Bärbel Schäfer getan hatten: Ein Wink nach links, ein Scherz nach rechts, langsames Schreiten als Ausdruck höchster eigener Bedeutung und großer Huld, die dem zu dieser Zeit so erfolgreichen Schauspiel Frankfurt zuteile wurde.

Ich musste an einige seiner Sätze über Lessing denken:

Lessing war bis zum Wahnsinn in Schriften, Bücher, Thesen, Antithesen, Fragen und Streit verliebt. Er genoß fast erotisch jeden öffentlichen Auftritt im Kampf um die Wahrheit oder das, was andere als er für die Wahrheit hielten, er aber nur für eine Gelegenheit hielt, weiterzukommen, frischer zu denken, ungenierter zu polemisieren, sich im Gedankenfluß zu baden.

(Gerhard Stadelmaier: Traumtheater. Vierundvierzig Lieblingsstücke. Frankfurt/M. 1997, S. 211).

Stadelmaiers Charakterisierung Lessings als wenig an der Wahrheit interessierten, sondern in erster Linie zügellos selbstverliebten Kritiker und Denker ist mir bis heute suspekt. Auch entspricht es kaum dem Lessing-Bild, das die meisten zeichnen würden, die wie er und ich bei Wilfried Barner studiert haben – auch wenn der immer wieder betont hat, wie anmaßend Lessings Polemik oft war.

Wer Stadelmaiers Kritiken, aber auch seine Bücher über das Theater kennt (mit Ausnahme seiner Lessing-Dissertation), hat nicht selten den Eindruck, dass er immer auch von sich selbst spricht, wenn er über Lessing schreibt. Das liegt zunächst, so darf man sicher festhalten, an Lessings wie Stadelmaiers Wertschätzung der Polemik. Peter-André Alt hat das in seiner Laudatio zur Verleihung des Deutschen Sprachpreises an den Kritiker auf den Begriff der ‚kalkulierten Explosionen‘ gebracht (abgedruckt in der FAZ vom 24.9.2016, Nr. 224, S. 22). Das trifft das Gemeinsame von Lessing und Stadelmaier, denke ich, sehr gut. Aber es gibt doch mindestens einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden. Zwar ist auch Stadelmaier, das deutet mein Hinweis auf seine akademische Sozialisation bereits an, ein mit allen Wassern der Gelehrsamkeit gewaschener Kritiker. Aber sein Umgang mit seinem akademischen Fundament ist doch ein ganz anderer als der Lessings. Das führt bereits vor, wie er in der FAZ anlässlich des 70. Geburtstags an Wilfried Barner erinnerte:

Seine überlaufenen Seminare waren schwafelfreie Oasen kritischer Sachlichkeit, gedanklicher Schärfe und intellektueller Distinktion. Sein Hausheiliger: Lessing. Dessen kritische Schriften, Polemiken, Dramen, dessen Methoden freier Beweglichkeit und des Verbotes des Denkverbotes, aber auch dessen Lust, in ältesten Papieren neuestes Entwicklungen anzustoßen und vor allem: wirken zu wollen, nutzte Barner als Humus einer nützlichen Wissenschaft.

(FAZ vom 2.6.2007, Nr. 126, S. 23).

Stadelmaiers Geburtstagsgruß hat mich damals sehr erfreut, er trifft sehr gut die verschiedenen Forschungsschwerpunkte Barners und seine Art zu lehren. Gleichwohl bin ich mir sicher, dass Barner sich zumindest an der Bezeichnung Lessings als ‚Hausheiligem‘ gestoßen hat. Was für ein katholischer Gedanke! Und dann noch ein zutiefst unkritischer.

Und so weist denn die Wendung vom ‚Hausheiligen‘ darauf hin, dass das Verhältnis von Barner und Stadelmaier kein unproblematisches ist – zumindest im Hinblick auf Stadelmaiers Umgang mit Barner. Barner, so scheint mir, hat das Verhältnis vergleichsweise pragmatisch betrachtet. Er zitiert Stadelmaiers rezeptionsästhetische Dissertation über Lessing auf der Bühne der 1970er Jahre sehr regelmäßig in seinen eigenen Lessing-Studien.

Im Unterschied dazu ist Stadelmaiers Umgang mit Wilfried Barner höchst ambivalent. Zwar gibt es das wertschätzende Porträt zum 70. Geburtstag. Aber in seinem autobiographischen Roman Umbruch von 2016 ergibt sich ein anderes Bild.

Ausführlich schildert das Ich die Faszination, die es früh erfasst hat, wenn es im Theatersaal oder aber in Redaktionsbüros sitzt und sich so ganz am Puls der Zeit fühlt. Umbruch ist, das ist eigentlich ganz putzig, mehr ein Coming-of-Age-Roman als ein Bildungsroman. Diesen Eindruck unterstützt gerade auch der Erzähler, da er den Protagonisten altväterlich immer nur ‚der junge Mann‘ nennt. Die Befreiung aus der provinziellen schwäbischen Enge vollzieht sich in dem Roman zyklisch wie bei Andreas Maier in allmählicher Erweiterung des Horizonts: erst das Dorf, dann die Kreisstadt, die Universitätsstadt, die Landeshauptstadt und schließlich die Großstadt, die – wenn ich mich recht erinnere – nie Frankfurt genannt wird.

Allein aufgrund dieser Raum gewordenen Dynamik hätte sich ein näherer Hinweis auf das Studium angeboten. Und es ist auch nicht so, dass die Universität unerwähnt bleibt. Aber letztlich nutzt das Roman-Ich sie ausschließlich, um sich über deren Politisierung lustig zu machen. Anders als Stadelmaier in der FAZ-Laudatio vor zehn Jahren erwähnt das Ich des Romans nicht, dass es in den 70ern in Tübingen jüngere Professoren gab, die Wissenschaft und frischen Wind zu vereinen wussten. Dass zudem das Vorbild des Ichs, nämlich der empirische Autor, der Universität sogar so nahe stand, dass er eine Dissertation bei dem Lessing-Forscher schlechthin geschrieben hat, bleibt gänzlich unerwähnt.

Natürlich ist ein Roman kein Abbild der Wirklichkeit. Aber selbstverständlich legt der Roman eine autobiographische Lektüre angesichts der zahlreichen Parallelen und intimen Details nahe. Umbruch ist eine in Romangestalt daherkommende Selbstinszenierung, die alles darauf konzentriert, ein Bild vom theaterkritischen Self-Made-Man zu zeichnen. Ein solcher Umgang mit der eigenen akademischen Sozialisation war Lessing ganz und gar fremd. Das belegen seine literarischen Arbeiten wie seine Kritiken eindrücklich.

Diese Überlegungen gehen zurück auf einen Vortrag, den ich zunächst anlässlich des 80. Geburtstags von Wilfried Barner am 3. Juni 2017 in Göttingen gehalten habe. Für die Diskussion und Kritik danke ich den Teilnehmern des Kolloquiums sehr. Als ich nun Falk Schreibers Essay auf nachtkritik.de las, schien mir dies eine gute Gelegenheit, die Überlegungen zu überarbeiten und hier zu publizieren.

Falsche Hasen und echte Kaninchen

26. Januar 2018

War letzten Samstag in Bielefeld und habe die DEA von Shawn Kings „Chiffren“ gesehen. Auf nachtkritik habe ich geschrieben, warum mich das Stück zwar nicht überzeugt, aber die Regie sehr viel herausgerissen hat. Und auch, was das alles mit der Gattung der Leporidae zu tun hat. Ein für die Inszenierung zentrales Video hat das Theater Bielefeld inzwischen online gestellt. Ist vielleicht für die eine oder den anderen von Euch interessant:


Maxim Gorki Theater Berlin

4. Januar 2018

Ans Maxim Gorki Theater in Berlin habe ich keine frühen Theatererinnerungen, die in meine Schul- oder Studienzeit fallen. Das ist deswegen bemerkenswert, weil ich mich mit dem Bau selbst schon früh befasst habe. Grund dafür war allerdings ein anderes Gebäude bzw. ein Denkmal – die Neue Wache.

Als Anfang der 1990er Jahre gestritten wurde, wie die Neue Wache in die deutsche Erinnerungskultur gewissermaßen ‚eingebaut‘ werden kann, habe ich mich länger mit ihrer Geschichte befasst. In diesem Zusammenhang habe ich mir auch das architektonische Gesamtensemble zwischen Unter den Linden und der Dorotheenstraße (ehedem noch Clara-Zetkin-Straße) mit der Universität, dem Zeughaus, eben der Neuen Wache und schließlich der Sing-Akademie, dem heutigen Gorki-Theater, angeschaut.

Geplant wurde das Haus – wie sollte es anders sein – von Schinkel, allerdings wurde es dann erst von Carl Theodor Ottmer realisiert. Überall kann man lesen, dass Alexander von Humboldt hier Ende der 1820er Jahre Teile der Kosmos-Vorlesungen hielt, also der Vorlesungen über die physische Verfasstheit der Welt, die aus seinen Reisen resultierten.

Genutzt wurde das Gebäude aber vor allem von ihrer Besitzerin, der Berliner Sing-Akademie. Ihr gehört das Gebäude bis heute (wie vor einigen Jahren der Bundesgerichtshof feststellen musste). Die Aufführungen der Sing-Akademie waren aber, wie man bei diesem Namen mutmaßen könnte, keine reinen Gesangsaufführungen. 1829 dirigierte Mendelssohn Bartholdy hier Bachs Matthäus-Passion. Zum Theater wurde das Haus erst 1952, um hier vor allem sowjetische Dramen zu spielen (daher dann auch der bis heute gängige Name).

Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich das Haus vor knapp 15 Jahren erstmals besucht. Erinnern kann ich mich sicher an eine Aufführung von Tschechows Möwe, u.a. mit Burghart Klaußner und Anna Thalbach. Regie führte Katharina Thalbach; die Übersetzung kam von Thomas Brasch, der nur wenige Tage nach der Premiere starb. In dem Programmheft finden sich zwei kleine Gedichte, die er kurz vor seinem Tod anlässlich der Inszenierung geschrieben hat. Das zweite lautet so:

Thalbach und Brasch

Der eine schreibt die Stücke und die andere spielt,
und beide wünschen sich das große Glück
auf dem Theater, wo das Leben schielt.
Was tut die Kunst? Sie schielt zurück.

So schreibt Herr Tschechow über unser Tun:
deines, Katharina, und meines auch.
Ein Lustspiel längst entwachsen seinen Kinderschuhn
sind Schreiber und Spieler auch: Bankkonto mit Bauch.

Wir sollten, sagt Tschechow, lachen
über die Tränen statt sie zu beweinen:
Nur wer sich selbst nicht ernst nimmt kann das machen,
was man Beruf nennt: deinen oder meinen.

(aus dem Programmheft der genannten Aufführung, Rückseite des Titelblatts)

Erinnern kann ich mich an die Aufführung noch sehr gut. Das liegt zunächst an dem Vorhang aus Maschendraht, der den Blick auf die Bühne zwar nicht versperrte, aber eigentümlich unterbrach. Der zweite Grund für meine gute Erinnerung ist, dass ich sehr gespannt war, ob Thalbach, die damals vor allem als Hauptmann von Köpenick von sich reden machte, als Regisseurin überzeugen konnte. Um es ehrlich zu sagen: Ich war eher enttäuscht, was aber vermutlich nicht zuletzt meinem Maßstab geschuldet war. Maßgeblich für meine Ästhetik war damals eindeutig Andrea Breths Möwe an der Schaubühne (aus der Mitte der 1990er Jahre). Thalbach inszenierte selbstredend ganz anders und ich war nicht in der Lage, mich auf ihre eigene Ästhetik einzulassen (da bin ich mir inzwischen sicher).

Ich schildere das alles, weil ich mich inzwischen wiederholt gefragt habe, was mir durch meinen beschränkten Blick alles verborgen geblieben ist. Ich habe mich ehedem z.B. geärgert, dass der Maschendraht-Vorhang so gar nicht zum Innenraum des Gebäudes passte. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, ob die Thalbach sich hier nicht schlicht zu dessen Geschichte verhalten hat, indem sie den Bruch mit seiner Tradition, der sich durch die Umfunktionalisierung 1952 ergeben hatte, optisch thematisierte. Auch habe ich damals viel zu wenig über die Theatertradition nachgedacht, die allein schon durch Brasch als Übersetzer und durch seine und Thalbachs Übersiedelung in die Bundesrepublik aufgerufen wurde. Tschechow – das war damals für mich die beinhae gänzlich leere Bühne am Lehninerplatz, das waren Imogen Kogge und Ulrich Matthes. Und das war nicht dieser feine klassizistische Bau unter den Kastanien, der durch seinen Namen heute die Erinnerung an die DDR-Kulturpolitik bewahrt und an dem die meisten Touristen vorbeispazieren, ohne ihn groß zu beachten. Ein Fehler.

 


„Andorra“ von Max Frisch

29. Dezember 2017

Zuletzt habe ich hier ja nur auf meine Beiträge auf nachtkritik.de hingewiesen. Das möchte ich heute auch tun. War nämlich kurz vor Weihnachten noch in Münster und habe dort eine Inszenierung von Frischs Andorra besucht, um die sich dann eine ganz muntere Dikussion entwickelt hat.

Dass ich hier ansonsten sehr schweigsam war, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass ich durch das Reformationsjubiläum, dann aber auch durch einen beruflichen Wechsel vielfältig eingebunden war und trotz zahlreicher Bahnfahrten nicht dazu gekommen bin, hier ein paar kleine Gedanken zu äußern. Mit dem neuen Jahr kommen aber die Vorsätze. Ob’s was wird, werdet Ihr sehen.