Luther auf der Bühne

11. Oktober 2017

Meinen ersten Luther-Vortrag habe ich im März gehalten; Schluss ist mit den Reformationsfeierlichkeiten ist zumindest für mich Ende November mit einem Abend-Vortrag. Dazwischen lagen weitere Diskussionen, Vorträge, Ausstellungsbeiträge und -besuche. Am letzten Wochenende habe ich dann zudem das Luther-Stück von Feridun Zaimoglu in Kiel besucht. Es hat der Reformation eine bemerkenswerte Facette abgerungen und war insgesamt sehr überzeugend. Wie’s genau war, habe ich auf nachtkritik ausgeführt.

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Revolution

24. April 2017

Am Samstag, wenige Stunden bevor in Frankreich die Wahllokale geöffnet wurden, habe ich mir das französische Stück der Stunde, Pommerats Ça ira, in Münster angesehen. Wie diese dramatische Auseinandersetzung mit den Anfängen der französischen Revolution realisiert wurde und wie es mir gefallen hat, lest ihr auf nachtkritik.de.


85 Dinge im Literaturhaus-Garten

21. März 2017

Es gibt einen Vers von Donald Berger, den ich einfach nur zitieren möchte. Er ist aus seinem Gedicht I Forget:

At the café outside Literaturhaus once, Monika Rinck took at least 85 things from her pocketbook and covered the table with them, and then she did it again.

Donald Berger: The Long Time. Die währende Zeit. Übers. v. Christoph König. Göttingen 2015, S. 42.

Ich stelle mir das als Gemälde von Max Liebermann vor: „Monika Rinck zeigt Donald Berger den Inhalt ihrer Handtasche (zum zweiten Mal)“.


Volksbühne Berlin

8. Dezember 2016

Eigentlich steht bei meiner Rundreise durch die Berliner Bühnenlandschaft das heutige Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf dem Programm. Aber da die Debatte um die Neuausrichtung der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz weiterhin virulent ist, dachte ich mir, dass ich meinen Beitrag dazu vorziehen sollte. Beginnen wir vielleicht mit einem alternativen Blick. Ich hatte letztens das Glück, den amerikanischen Lyriker Donald Berger folgendes Gedicht lesen zu hören:

People’s Stage

I love how you looked on that day.
I didn’t know you and still
Don’t know you,
The day of the walking X’s, no, the walking wheels.

I have to be home before two.
I let in a miniature face.
The shadow under the S-Bahn bridge is cold.
The man-sized graffiti almost a comfort.

Take those thoughts of a hand the fireflower put it
Over the window that reads, in English,
The Unknown Friends.

(Donald Berger: The Long Time. Die währende Zeit. Poems/Gedichte. Aus d. Englischen v. Christoph König. Göttingen 2015, S. 10).

Als ich schon vor längerer Zeit die Volksbühne nachgebaut habe, hing mir – wie so vielen – noch der Tod von Bert Neumann nach. Ich wollte deswegen auf jeden Fall auch das große ‚OST‘ auf dem Dach der Volksbühne realisieren, was bei Lego ja nicht so leicht ist, weil Lego insgesamt kein Freund von Biegungen, sondern von Ecken und Kanten ist. Dementsprechend war aber der Rest der Volksbühne verhältnismäßig gut zu realisieren.

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Was ich damals hingegen nicht nachgebaut habe, war das ‚Räuber-Rad‘ oder auch ‚laufende Rad‘ aus Castorfs Räuber-Inszenierung (die ich leider nie gesehen habe). Dass ich’s nicht gebaut habe, war auch dem Umstand geschuldet, dass das Rad auf dem Vorplatz steht. Bergers Gedicht aber hat mich daran erinnert, wie sehr das Rad den Besuchern der Volksbühne schon früh signalisiert, dass sie jetzt einen besonderen Raum betreten – einen Raum, in dem andere, nicht-bürgerliche Ordnungen und die ganze Energie des Sturm und Drang herrscht.

Dieser Raum, den die Volksbühne bis heute besetzt, symbolisiert ideal, was sich seinerzeit schon Ivan Nagel und seine Mitstreiter von dem Haus erhofften, als sie das bis heute wirkungsmächtige „Gutachten“ (das ja eher ein Masterplan für die Berliner Theaterlandschaft war) vorlegten:

Das hässlichste große Theater Berlins ist (ebenfalls deshalb) am besten geeignet, um ein junges Theater zu gründen: mit ästhetischer Innovationslust, politischer Schärfe wie (und sicher ganz anders als) die einstige Schaubühne am Halleschen Ufer. In diesem Haus, mit der U-Bahn vor den Pforten, zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg gelegen, den Platz mit dem Programmkino Babylon teilend, dem Liebknecht-Haus brisant benachbart, aus Art déco- und SED-Bau mit kostbar scheußlichem Material zusammengesetzt, ließe sich etwas bewegen. Das Haus ist nicht nur auf der Hauptbühne, sondern in drei Foyers und einer Studio-Bühne bespielbar: in seiner besten Nachkriegs-Zeit haben das Benno Besson, Manfred Karge/Matthias Langhoff, Heiner Müller vorgeführt – in Ostberlin unvergessen.

(Ivan Nagel: Streitschriften. Politik, Kulturpolitik, Theaterpolitik. Berlin 2001, S. 133).

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Verteidiger der aktuellen Entscheidung zur Neuausrichtung der Volksbühne erinnern gerne daran, dass auch das Gutachten von 1991 für viel Widerstand gesorgt hat. Das ist zweifellos richtig. Nur artikulierte sich der damals vor allem, weil die Westberliner Theaterlandschaft beschnitten wurde. Die Entscheidung, Castorf die Volksbühen zu überantworten, wurde zwar nicht immer begrüßt, aber im Zentrum der Debatte stand diese Entscheidung nicht.

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Dieser Blick zurück auf das Gutachten von Nagel führt vor, dass die Vorschläge damals auf der Basis von verschiedenen klar benennbaren Kriterien formuliert wurden: die neue Leitung sollte ein historisches Bewusstsein für den genius loci haben, ästhetisch innovativ, politisch ’scharf‘ sowie ‚jung‘ sein, was sich sowohl auf die Belgeschaft als auch das Publikum beziehen dürfte. Die künstlerische Spannung ergab sich also allein schon aus diesen Voraussetzungen: aus der ästhetischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Ziel, dafür mit ‚anderen‘ Mitteln ein ‚anderes‘ Publikum zu gewinnen.

In Berlin wurde knapp ein Jahrzehnt später, mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung an der Schaubühne, erneut versucht, eine solche Grundspannung zu erzeugen. Auch die Besetzung der aktuellen Intendanz am Gorki, mit Shermin Langhoff seit 2013, war von einer solchen Innovationslust gekennzeichnet. Die aktuellen Entscheidungen in Berlin hingegen orientieren sich ganz augenscheinlich an einer ganz anderen Größe, nämlich am vermeintlichen Publikumsgeschmack. Das hat dazu geführt, dass auf einmal eine Riege älterer und alter Männer zusammen mit Sasha Waltz die Leitung aller demnächst vakanten Häuser überantwortet wird – in der Hoffnung, dass die das schon richten werden, weil sie’s bisher ja auch nicht schlecht gemacht haben.

Dass das bei der Volksbühne besonders viel Widerstand ausgelöst hat – und das sollte man sich in aller Deutlichkeit klar machen –, ist nicht nur dem Umstand zu verdanken, dass Castorf in den letzten 25 Jahren ein ganz einzigartiges Theater mit ganz speziellen Publikumsbindungen geschaffen hat. Es ist auch dem Umstand geschuldet, ästhetische Fragen nicht nur aktuell-diskursiv, sondern auch historisch zu reflektieren und so Ausdrucksformen Raum zu geben, die beispielsweise Nagel sicherlich fern standen. Offenbar ästhetisch wie politisch großzügig hat er gleichwohl ein Theater ermöglicht, das inzwischen ein Viertjahrhundert der Theatergeschichte Berlins geprägt hat. Man kann sich nur wünschen, dass mit dem heutigen Tag eine solche Hellsichtigkeit wieder in die Kulturpolitik Berlins einkehrt.

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„Rondo“

7. November 2016

Ob ein paar Glücksgluckser, Fuchtelfinger, Tamtam und Tutu sowie eine Bühnenbühne schon einen guten Theaterabend machen, könnt Ihr auf nachtkritik.de lesen.


Gender Trouble

30. Oktober 2016

img_5191img_5193Bin gestern wieder im Theater gewesen und habe einen Gender Trouble der etwas anderen Art gesehen. Auf nachtkritik.de habe ich drüber geschrieben.


Frauengold und Realismus

12. September 2016

Derzeit boomt in der Belletristik (wieder einmal) der autobiographisch fundierte Realismus, auch wenn Kempowski bald zehn Jahre tot ist und Kurzeck fast vier. Von Kurzeck ist Anfang des Jahres das Fragment vom sechsten Band seines Zyklus Das alte Jahrhundert erschienen. Gerhard Henschel jagt mit viel eigenem und Kempowskis Witz seinen Helden Martin Schlosser durchs Leben, das sehr dem des Autors gleicht (zuletzt in Künstlerroman). Andreas Meier hat den Horizont seines Erzählers jüngst immerhin bis in den Kreis erweitert und lässt ihn damit die Landschaft erleben, die auch Kurzecks „Ich“ nach der Vertreibung Heimat wurde. Joachim Meyerhoff hat es mit dem dritten Teil seines autobiographischen Roman-Projekts Alle Toten fliegen hoch auf die Longlist zum deutschen Buchpreis gebracht. Benjamin von Stuckrad-Barre hat all diesen Ego-Dokumenten vielleicht gar die Krone aufgesetzt, indem er mit Panikherz eine herzergreifende, anti-ironische Konversionserzählung vorgelegt hat, bei der man sich die ganze Zeit fragt, ob das überhaupt noch Literatur ist oder eine über 550 Seiten lange Beichte.

Dieser Realismus ist sehr traditionsbewusst, auch wenn er sich ganz der Gegenwart bzw. jüngsten Vergangenheit verhaftet gibt. Henschels Romane sind nicht nur eine stillistische Verneigung vor Kempowski. In Bildungsroman wird auch erzählt, wie Martin Schlosser Kempowski kennenlernt. Von Stuckrad-Barre singt nicht nur ein Loblied auf seinen Retter Udo Lindenberg, sondern ebenso auf die Literatur von Bret Easton Ellis. Meyerhoff kokettiert mit dem einfältigen Staunen des Schelmenromans und lässt den Leser gerade dadurch permanent zweifeln, ob das alles tatsächlich so passiert ist.

Auf je unterschiedliche Weise sind die Romane also alle kleine literarische Ereignisse. Aber ihr wesentlicher Kniff ist immer wieder, dass sie den Reiz des Authentischen verströmen. Der ergibt sich bei von Stuckrad-Barre angesichts der Schonungslosigkeit, mit der von seinen Abstürzen berichtet wird. Henschel schildert kleine Details, die die historische Differenz wunderbar ironisch aufblitzen lassen, wenn Schlosser in den 1980er Jahren beispielsweise angeekelt feststellt, dass sich seine neue Freundin die Achseln rasiert.

An diesem Realismus-Boom kommt man also derzeit nur schwer vorbei und ich habe mich ihm zuletzt auch gerne hingegeben. Meist war die Lektüre ein Spaß, selten mal pflichtbewusstes Abarbeiten. Aber irgendwie stellte sich zuletzt immer häufiger das Gefühl ein, dass mir was fehlt. Was das war, wurde mir jetzt deutlich, als ich Christopher Kloebles neuen Roman Die unsterbliche Familie Salz gelesen habe.

img_5121 Anders als die vielen autobiographisch fundierten Romane versucht Kloeble einfach mal eine tolle Geschichte so zu erzählen, wie das eben nur Literatur kann. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Erzähler, die Geschichte der Familie Salz springt zu Beginn von der Gegenwart ein Jahrhundert zurück, um sich dann in Episoden der Gegenwart wieder zu nähern und in der Zukunft zu schließen. Das alles wird entspannt und unspektaktulär erzählt, zielt anders als viele realistische Romanen nie auf billige Pointen.

Zudem ist die Geschichte der Familie Salz eine besondere, wie sie sich nur in der Literatur ereignen kann. Denn besonders die Frauen der Familie haben ein besonderes Verhältnis zu Schatten – ihren eigenen und fremden. Ein Kapitel erzählt gar ein Schatten. Hier zeigt sich dann die ganze erzählerische Meisterschaft von Kloeble, weil das nie phantastisch oder abgedreht klingt, sondern angesichts der besonderen Familiengeschichte schlicht plausibel.

Kloebles Erzählkunst zeigt sich aber auch daran, wie er mit Details umgeht. Man kann das an „Frauengold“ gut erläutern. Bis vor ein paar Monaten wusste ich nicht, was das ist. Dann las ich in Panikherz, wie Thomas Gottschalk Benjamin von Stuckrad-Barre davon erzählte:

Er zeigt mir auf seinem iPhone einen Werbespot aus den 60er-Jahren, um zu illustrieren, wogegen es damals ging und was die Bundesrepubliksnormalität war: „Frauengold“. Das war einfach Alkohol, ein als stimmungsaufhellendes Tonikum getarnter Trümmerfrauenflachmann. Der Mann geht zur Arbeit, die Frau kocht und macht sauber. Und gegen Traurigkeit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit kippt sie sich tagsüber Frauengold genannten Alkohol ins Hirn, dann muss man nicht zickig sein, sonder hat was Warmes auf dem Tisch, wenn Vati heimkommt, oder entschuldigt sich beim Chef, wenn der einen angeschrien hat – mit Frauengold intus konnte man das lockerer sehen, war man wohl mal wieder frauentypisch hysterisch gewesen.
(S. 518)

In Panikherz symbolisiert „Frauengold“ das spießige Patriachat der 50er und 60er Jahre. Der Erzähler distanziert sich davon deutlich und urteilt moralisch über die Zeit.

In Kloebles Roman ist die junge Aveline Salz von „Frauengold“ abhängig. Das wird aus ihrer Sicht erzählt, so dass sich der Blickwinkel auf dieses Gesöff gänzlich ändert. Natürlich geht man zu ihrem Alkoholismus gleich auf Distanz, aber Kloeble schafft zugleich Verständnis für die Figur, statt auf Zeitkritik zu setzen. Ihm gelingt es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, warum ein später dann verbotenes, heute von den meisten Menschen vergessenes Getränk einmal ein wirklicher Erfolg war – gerade weil Aveline Salz keine Trümmerfrau ist und auch keine platte patriachale Erwartung erfüllen muss. Auf dieses und viele andere Weisen führt Die Geschichte der unsterblichen Familie Salz vor, warum es manchmal viel spannender ist, einen Roman zu lesen, der nicht in erster Linie darum bemüht ist, möglichst das zu erzählen was war oder sicher hätte gewesen sein können, sondern eine besondere Geschichte, statt bloß distanziert und ein paar krachende Phrasen rausschießend auf „Bundesrepubliksnormalität“ zurückzublicken.

Aveline Salz ist eine Abiturientin und zu jung für „Frauengold“. Aber Kloebele lässt sich von solchen Eckdaten gar nicht irritieren. Er lässt sie, statt auf die Abifeier zu gehen, lieber drei Flaschen „Frauengold“ kaufen und sich ins Bett legen. So sieht kein Zeitpanorama aus, sondern ein Blick in Abgründe – in zeitlose Abgründe.