„Ich übe.“

18. September 2018

In Alberto Manguels wunderbarer Geschichte des Lesens wird deutlich, wie insbesondere die spätantiken Anfänge des stillen Lesens eng mit dem Memorieren in Verbindung stehen. Manguel kontrastiert das mit den Erinnerungen an seine Schulzeit in Buenos Aires, als er begann mit dem Bleistift zu lesen. Das hatte unbestrittene Vorteile, hatte gleichzeitig aber den Nachteil, dass das Gelesene wie das Notierte weit weniger präsent war als das, was er auswendig gelernt hatte.

Manguel nutzt diese Beobachtung, um vorsichtig auf die Gefahren des Lesens hinzuweisen, das die Gedanken außerhalb des eigenen Gedächtnisses gewissermaßen speichert. Insbesondere erinnert er daran, wie rasch digitale Gedächtnisspeicher prekär werden können.

Gleichwohl ist ihm das stille, gerade auch einsame Lesen ein Ideal, weil es erlaubt, unabhängig vom Speichermedium zu werden – zumindest bei der erneuten Auseinandersetzung mit bereits zuvor Gelesenem. Diese stille, memoriende Lektüre ist letztlich die Lektüre des Schülers, der etwas auswendig lernt, um es in bestimmten Situationen (also nicht zuletzt während der Prüfung) wieder abrufen zu können, wenn kein Buch o.ä. verfügbar ist.

Als ich all das in Manguels Buch las, musste ich daran denken, dass mich immer mal wieder eine ältere Dame in meinem Arbeitszimmer sitzen sah. Eines Tages hörte ich, wie sie auf der Straße erklärte: „Der sitzt da immer und übt.“ Ich fand das dermaßen nett, dass ich diese Wendung bis heute als WhatsApp-Status habe („Ich übe.“).

Aber erst bei der Lektüre von Manguels Buch wurde mir deutlich, wie unterschiedlich stille Lektüren sein können. Denn ich musste mir leider eingestehen, dass ich nur sehr wenige Texte auswendig kenne (um gar nicht erst von ‚beherrschen‘ zu sprechen). Meine stille Lektüre (auch die ohne Bleistift) zielt nie darauf, dass ich über das Gelesene verfügen kann, um es reproduzieren zu können, auch wenn es abwesend ist. Meine Lektüre zielt meist darauf, dass ich verstehe, warum der Text so verfasst ist, wie er es ist. Demenstsprechend kann ich mich auch oft nicht gut an bestimmte vermeintlich besonders schöne Stellen oder beeindruckende Charaktere erinnern, sondern immer (nur?) bestimmte Einschätzungen über den Text abgeben – etwa über bestimmte kompositorische Verfahren oder über den Gebrauch bestimmter Wendungen. Über diese Urteile aber verfüge ich meist sehr lange und auch verhältnismäßig präzise (so bilde ich mir zumindest ein), so dass ich zumindest ihnen attestieren kann, dass ich sie eingeübt habe. Philologische Lektüre als Selbstübung gewissermaßen.

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Matusche und Trolle

5. September 2018

In einer jüngst publizierten Studie über die Dramatiker Alfred Matusche und Lothar Trolle wächst vielleicht nicht unbedingt zusammen, was zusammen gehört. Warum das Buch trotzdem insgesamt für theatergeschichtlich interessierte Leser ein Vergnügen sein dürfte, begründe ich auf nachtkritik.


Exklusiver Realismus

24. August 2018

Aktuell wird in den Geisteswissenschaften wieder intensiv über „Realismus“ nachgedacht. Aus diesem Grund habe ich mir noch mal das „Lob des Realismus“ von Bernd Stegemann vorgenommen. In der FAZ habe ich dazu und zu #Aufstehen ein paar Gedanken formuliert, die Ihr hier nachlesen könnt: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/bernd-stegemanns-manifest-aufstehen-aesthetisch-15747724.html


„Krisengerede“?

16. August 2018

Auch wenn ich hier aktuell nicht besonders aktiv bin, so heißt das doch nicht, dass ich nicht philologisch arbeite. Aktuell geht es um einen Streit über einen Artikel von Melanie Möller in der FAZ, auf den letzte Woche drei Kolleginnen geantwortet haben und in dem sie Möller „Krisengerede“ unterstellen. Ich habe zunächst auf Twitter deutlich gemacht, dass ich das nicht für richtig halte. Heute erschien dazu außerdem mein Leserbrief in der FAZ, den Patrick Bahners auf Twitter dankenswerterweise online gestellt hat:


Kritiker-Inszenierung

29. Januar 2018

Vor einigen Jahren stand ich im oberen Foyer des Schauspiels Frankfurt. Gleich sollte Schnitzlers Liebelei gegeben werden. Ich würde drüber schreiben. Für nachtkritik.de. Damals – in seinem vierten Jahr – zwar schon als theaterkritrischer Blog bekannt, aber längst noch nicht die überregionale Kapazität, die es heute ist.

Das wurde mir im Kontrast deutlich. Kurz nach mir schritt ein zweiter Kritiker die Treppe hinauf: Gerhard Stadelmaier. Falk Schreiber hat auf nachtkritik.de jüngst in Erinnerung gerufen, für was insbesondere Stadelmaier, aber auch einige andere standen, als etwa Falk oder ich anfingen, Kritiken zu schreiben.

Erst war ich versucht, ihn anzusprechen. Konnte man ihn begrüßen mit: „Hallo Herr Stadelmaier, ich bin auch Theaterkritiker und wir haben auch noch denselben Doktorvater! Darf ich Sie auf ein Glas Wein einladen?“

Doch dann sah ich, dass das nicht angemessen gewesen wäre. Stadelmaier betrat den Aufgang zum Theater nicht einfach. Nein. Stadelmaier wandelte die Treppe hinauf, wie es kurz vor ihm Michel Friedman und Bärbel Schäfer getan hatten: Ein Wink nach links, ein Scherz nach rechts, langsames Schreiten als Ausdruck höchster eigener Bedeutung und großer Huld, die dem zu dieser Zeit so erfolgreichen Schauspiel Frankfurt zuteile wurde.

Ich musste an einige seiner Sätze über Lessing denken:

Lessing war bis zum Wahnsinn in Schriften, Bücher, Thesen, Antithesen, Fragen und Streit verliebt. Er genoß fast erotisch jeden öffentlichen Auftritt im Kampf um die Wahrheit oder das, was andere als er für die Wahrheit hielten, er aber nur für eine Gelegenheit hielt, weiterzukommen, frischer zu denken, ungenierter zu polemisieren, sich im Gedankenfluß zu baden.

(Gerhard Stadelmaier: Traumtheater. Vierundvierzig Lieblingsstücke. Frankfurt/M. 1997, S. 211).

Stadelmaiers Charakterisierung Lessings als wenig an der Wahrheit interessierten, sondern in erster Linie zügellos selbstverliebten Kritiker und Denker ist mir bis heute suspekt. Auch entspricht es kaum dem Lessing-Bild, das die meisten zeichnen würden, die wie er und ich bei Wilfried Barner studiert haben – auch wenn der immer wieder betont hat, wie anmaßend Lessings Polemik oft war.

Wer Stadelmaiers Kritiken, aber auch seine Bücher über das Theater kennt (mit Ausnahme seiner Lessing-Dissertation), hat nicht selten den Eindruck, dass er immer auch von sich selbst spricht, wenn er über Lessing schreibt. Das liegt zunächst, so darf man sicher festhalten, an Lessings wie Stadelmaiers Wertschätzung der Polemik. Peter-André Alt hat das in seiner Laudatio zur Verleihung des Deutschen Sprachpreises an den Kritiker auf den Begriff der ‚kalkulierten Explosionen‘ gebracht (abgedruckt in der FAZ vom 24.9.2016, Nr. 224, S. 22). Das trifft das Gemeinsame von Lessing und Stadelmaier, denke ich, sehr gut. Aber es gibt doch mindestens einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden. Zwar ist auch Stadelmaier, das deutet mein Hinweis auf seine akademische Sozialisation bereits an, ein mit allen Wassern der Gelehrsamkeit gewaschener Kritiker. Aber sein Umgang mit seinem akademischen Fundament ist doch ein ganz anderer als der Lessings. Das führt bereits vor, wie er in der FAZ anlässlich des 70. Geburtstags an Wilfried Barner erinnerte:

Seine überlaufenen Seminare waren schwafelfreie Oasen kritischer Sachlichkeit, gedanklicher Schärfe und intellektueller Distinktion. Sein Hausheiliger: Lessing. Dessen kritische Schriften, Polemiken, Dramen, dessen Methoden freier Beweglichkeit und des Verbotes des Denkverbotes, aber auch dessen Lust, in ältesten Papieren neuestes Entwicklungen anzustoßen und vor allem: wirken zu wollen, nutzte Barner als Humus einer nützlichen Wissenschaft.

(FAZ vom 2.6.2007, Nr. 126, S. 23).

Stadelmaiers Geburtstagsgruß hat mich damals sehr erfreut, er trifft sehr gut die verschiedenen Forschungsschwerpunkte Barners und seine Art zu lehren. Gleichwohl bin ich mir sicher, dass Barner sich zumindest an der Bezeichnung Lessings als ‚Hausheiligem‘ gestoßen hat. Was für ein katholischer Gedanke! Und dann noch ein zutiefst unkritischer.

Und so weist denn die Wendung vom ‚Hausheiligen‘ darauf hin, dass das Verhältnis von Barner und Stadelmaier kein unproblematisches ist – zumindest im Hinblick auf Stadelmaiers Umgang mit Barner. Barner, so scheint mir, hat das Verhältnis vergleichsweise pragmatisch betrachtet. Er zitiert Stadelmaiers rezeptionsästhetische Dissertation über Lessing auf der Bühne der 1970er Jahre sehr regelmäßig in seinen eigenen Lessing-Studien.

Im Unterschied dazu ist Stadelmaiers Umgang mit Wilfried Barner höchst ambivalent. Zwar gibt es das wertschätzende Porträt zum 70. Geburtstag. Aber in seinem autobiographischen Roman Umbruch von 2016 ergibt sich ein anderes Bild.

Ausführlich schildert das Ich die Faszination, die es früh erfasst hat, wenn es im Theatersaal oder aber in Redaktionsbüros sitzt und sich so ganz am Puls der Zeit fühlt. Umbruch ist, das ist eigentlich ganz putzig, mehr ein Coming-of-Age-Roman als ein Bildungsroman. Diesen Eindruck unterstützt gerade auch der Erzähler, da er den Protagonisten altväterlich immer nur ‚der junge Mann‘ nennt. Die Befreiung aus der provinziellen schwäbischen Enge vollzieht sich in dem Roman zyklisch wie bei Andreas Maier in allmählicher Erweiterung des Horizonts: erst das Dorf, dann die Kreisstadt, die Universitätsstadt, die Landeshauptstadt und schließlich die Großstadt, die – wenn ich mich recht erinnere – nie Frankfurt genannt wird.

Allein aufgrund dieser Raum gewordenen Dynamik hätte sich ein näherer Hinweis auf das Studium angeboten. Und es ist auch nicht so, dass die Universität unerwähnt bleibt. Aber letztlich nutzt das Roman-Ich sie ausschließlich, um sich über deren Politisierung lustig zu machen. Anders als Stadelmaier in der FAZ-Laudatio vor zehn Jahren erwähnt das Ich des Romans nicht, dass es in den 70ern in Tübingen jüngere Professoren gab, die Wissenschaft und frischen Wind zu vereinen wussten. Dass zudem das Vorbild des Ichs, nämlich der empirische Autor, der Universität sogar so nahe stand, dass er eine Dissertation bei dem Lessing-Forscher schlechthin geschrieben hat, bleibt gänzlich unerwähnt.

Natürlich ist ein Roman kein Abbild der Wirklichkeit. Aber selbstverständlich legt der Roman eine autobiographische Lektüre angesichts der zahlreichen Parallelen und intimen Details nahe. Umbruch ist eine in Romangestalt daherkommende Selbstinszenierung, die alles darauf konzentriert, ein Bild vom theaterkritischen Self-Made-Man zu zeichnen. Ein solcher Umgang mit der eigenen akademischen Sozialisation war Lessing ganz und gar fremd. Das belegen seine literarischen Arbeiten wie seine Kritiken eindrücklich.

Diese Überlegungen gehen zurück auf einen Vortrag, den ich zunächst anlässlich des 80. Geburtstags von Wilfried Barner am 3. Juni 2017 in Göttingen gehalten habe. Für die Diskussion und Kritik danke ich den Teilnehmern des Kolloquiums sehr. Als ich nun Falk Schreibers Essay auf nachtkritik.de las, schien mir dies eine gute Gelegenheit, die Überlegungen zu überarbeiten und hier zu publizieren.

Falsche Hasen und echte Kaninchen

26. Januar 2018

War letzten Samstag in Bielefeld und habe die DEA von Shawn Kings „Chiffren“ gesehen. Auf nachtkritik habe ich geschrieben, warum mich das Stück zwar nicht überzeugt, aber die Regie sehr viel herausgerissen hat. Und auch, was das alles mit der Gattung der Leporidae zu tun hat. Ein für die Inszenierung zentrales Video hat das Theater Bielefeld inzwischen online gestellt. Ist vielleicht für die eine oder den anderen von Euch interessant:


Maxim Gorki Theater Berlin

4. Januar 2018

Ans Maxim Gorki Theater in Berlin habe ich keine frühen Theatererinnerungen, die in meine Schul- oder Studienzeit fallen. Das ist deswegen bemerkenswert, weil ich mich mit dem Bau selbst schon früh befasst habe. Grund dafür war allerdings ein anderes Gebäude bzw. ein Denkmal – die Neue Wache.

Als Anfang der 1990er Jahre gestritten wurde, wie die Neue Wache in die deutsche Erinnerungskultur gewissermaßen ‚eingebaut‘ werden kann, habe ich mich länger mit ihrer Geschichte befasst. In diesem Zusammenhang habe ich mir auch das architektonische Gesamtensemble zwischen Unter den Linden und der Dorotheenstraße (ehedem noch Clara-Zetkin-Straße) mit der Universität, dem Zeughaus, eben der Neuen Wache und schließlich der Sing-Akademie, dem heutigen Gorki-Theater, angeschaut.

Geplant wurde das Haus – wie sollte es anders sein – von Schinkel, allerdings wurde es dann erst von Carl Theodor Ottmer realisiert. Überall kann man lesen, dass Alexander von Humboldt hier Ende der 1820er Jahre Teile der Kosmos-Vorlesungen hielt, also der Vorlesungen über die physische Verfasstheit der Welt, die aus seinen Reisen resultierten.

Genutzt wurde das Gebäude aber vor allem von ihrer Besitzerin, der Berliner Sing-Akademie. Ihr gehört das Gebäude bis heute (wie vor einigen Jahren der Bundesgerichtshof feststellen musste). Die Aufführungen der Sing-Akademie waren aber, wie man bei diesem Namen mutmaßen könnte, keine reinen Gesangsaufführungen. 1829 dirigierte Mendelssohn Bartholdy hier Bachs Matthäus-Passion. Zum Theater wurde das Haus erst 1952, um hier vor allem sowjetische Dramen zu spielen (daher dann auch der bis heute gängige Name).

Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich das Haus vor knapp 15 Jahren erstmals besucht. Erinnern kann ich mich sicher an eine Aufführung von Tschechows Möwe, u.a. mit Burghart Klaußner und Anna Thalbach. Regie führte Katharina Thalbach; die Übersetzung kam von Thomas Brasch, der nur wenige Tage nach der Premiere starb. In dem Programmheft finden sich zwei kleine Gedichte, die er kurz vor seinem Tod anlässlich der Inszenierung geschrieben hat. Das zweite lautet so:

Thalbach und Brasch

Der eine schreibt die Stücke und die andere spielt,
und beide wünschen sich das große Glück
auf dem Theater, wo das Leben schielt.
Was tut die Kunst? Sie schielt zurück.

So schreibt Herr Tschechow über unser Tun:
deines, Katharina, und meines auch.
Ein Lustspiel längst entwachsen seinen Kinderschuhn
sind Schreiber und Spieler auch: Bankkonto mit Bauch.

Wir sollten, sagt Tschechow, lachen
über die Tränen statt sie zu beweinen:
Nur wer sich selbst nicht ernst nimmt kann das machen,
was man Beruf nennt: deinen oder meinen.

(aus dem Programmheft der genannten Aufführung, Rückseite des Titelblatts)

Erinnern kann ich mich an die Aufführung noch sehr gut. Das liegt zunächst an dem Vorhang aus Maschendraht, der den Blick auf die Bühne zwar nicht versperrte, aber eigentümlich unterbrach. Der zweite Grund für meine gute Erinnerung ist, dass ich sehr gespannt war, ob Thalbach, die damals vor allem als Hauptmann von Köpenick von sich reden machte, als Regisseurin überzeugen konnte. Um es ehrlich zu sagen: Ich war eher enttäuscht, was aber vermutlich nicht zuletzt meinem Maßstab geschuldet war. Maßgeblich für meine Ästhetik war damals eindeutig Andrea Breths Möwe an der Schaubühne (aus der Mitte der 1990er Jahre). Thalbach inszenierte selbstredend ganz anders und ich war nicht in der Lage, mich auf ihre eigene Ästhetik einzulassen (da bin ich mir inzwischen sicher).

Ich schildere das alles, weil ich mich inzwischen wiederholt gefragt habe, was mir durch meinen beschränkten Blick alles verborgen geblieben ist. Ich habe mich ehedem z.B. geärgert, dass der Maschendraht-Vorhang so gar nicht zum Innenraum des Gebäudes passte. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, ob die Thalbach sich hier nicht schlicht zu dessen Geschichte verhalten hat, indem sie den Bruch mit seiner Tradition, der sich durch die Umfunktionalisierung 1952 ergeben hatte, optisch thematisierte. Auch habe ich damals viel zu wenig über die Theatertradition nachgedacht, die allein schon durch Brasch als Übersetzer und durch seine und Thalbachs Übersiedelung in die Bundesrepublik aufgerufen wurde. Tschechow – das war damals für mich die beinhae gänzlich leere Bühne am Lehninerplatz, das waren Imogen Kogge und Ulrich Matthes. Und das war nicht dieser feine klassizistische Bau unter den Kastanien, der durch seinen Namen heute die Erinnerung an die DDR-Kulturpolitik bewahrt und an dem die meisten Touristen vorbeispazieren, ohne ihn groß zu beachten. Ein Fehler.