Endlich wieder Theater

8. September 2019

Mein erster Theaterabend in der neuen Spielzeit war ein Besuch beim Festival Spieltriebe. Die begeistern Osnabrück nun schon zum 8. Mal. Wie es mir gefallen hat, lest ihr auf nachtkritik.de

Hier noch ein paar Impressionen:

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Meese im Nietzschehaus

28. August 2019

Im August war ich einige Tage im Nietzsche-Haus in Sils Maria. Am Wochenende vor meiner Anreise war Jonathan Meese da. Hier drei Eindrücke.

 


Fremdgehen

3. Januar 2019

Dass ich hier viel zu selten publiziere, seht Ihr ja selbst. Das liegt auch daran, dass ich über meine Theaterbesuche meist auf nachtkritik.de schreibe. Das wissen die meisten von Euch auch. Zuletzt wurde da beispielsweise eine Kritik einer tollen Inszenierung von Michael Heicks online gestellt. Heicks hat überzeugend Pink Floyds Dark Side of the Moon mit einer nachdenklich stimmenden Erzählung von Ray Bradbury gekreuzt.

Neu ist aber, dass ich jetzt auf nachtkritik.de über eine philologische Frage geschrieben habe, konkret über http://www.faustedition.net/ – nachdem darüber ja neben viel klugen Dingen auch schon gehörig viel inkompetenter Blödsinn publiziert wurde. Wenn Ihr wissen wollt, wie es aussieht, wenn ich meinem eigenen Blog untreu werden, dann geht doch auf nachtkritik.de.


Unendlichkeit

27. September 2018

Kommentierung kommt niemals zu einem Ende. In den Welten des interpretatorischen und kritischen Diskurses zeugt […] ein Buch das andere, bringt ein Essay den anderen hervor, setzt ein Artikel den anderen in die Welt. Die Mechanik der Unaufhörlichkeit ist die der Schwärme der Wanderheuschrecke. Monographie zehrt von Monographie, Vision von Revision.

George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? Übers. v. Jörg Trobitius. München, Wien 1990, S. 60.

Steiners hier geäußerte Verachtung des Sekundären, der mitgeteilten Exegese und der daraus resultierenden Unendlichkeit hat mich lange und nachhaltig beschäftigt. Hat er nicht recht, schon allein ganz quantitativ? Führt nicht jede Lektüre von Forschungsliteratur oder Kommentaren unweigerlich dazu, dass für die wichtigen, großen, vielleicht gar wahren Texte weniger Zeit bleibt? Und führt das nicht zugleich dazu, dass weniger Zeit zur eigenen Urteilsbildung bleibt?

Ein anderer großer Leser, Alberto Manguel, sieht das deutlich entspannter, indem er auf das historische Bewusstsein der Kommentatoren schon seit dem Spätmittelalter hinweist:

Die humanistischen Gelehrten des ausgehenden Mittelalters bereiteten dann der Erkenntnis den Boden, dass der Text (auch Platons Dialoge über die Thesen des Sokrates) und alle nachfolgenden Kommentare wechselnder Lesegenerationen nicht nur eine einzige Deutung, sondern eine nicht endende Kette von Deutungen ermöglichte.

Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Übers. v. Chris Hirte. Frankfurt/M. 2008, S. 168.

Beide Positionen eint die Einsicht in die Unendlichkeit des Lektürevorgangs und die daraus resultierende Verbunden- und letztlich auch Vernetztheit von Texten. Sie beschreiben also Dynamiken, die für die Intertextualitätstheorie fundamental wurden. Gerade aber der Blick auf die zeitlichen Dimensionen führt zugleich auch vor, wie sehr Steiners Unterscheidung von Primärem und Sekundärem nicht mehr als ein individuelles Geschmacksurteil ist.

Jüngst las ich ein Gedicht von B.K. Tragelehn:

BEIM WIEDERLESEN DER BUCKOWER ELEGIEN

Dunkel steigt auf, schwarz steht Geäst

Vorm helleren Himmel, dann wird auch

Der schwarz und Sterne winken weit her

Nacht hat uns eingefangen und für lange.

 

Brecht las bei Horaz, les ich, daß selbst

Die Sintflut nicht ewig gedauert hat.

Und wieder werden die schwarzen Gewässer verrinnen.

Und wieder werden wenige länger dauern.

(1990)

B.K. Tragelehn: NÖSPL. Gedichte 1956-1991. Frankfurt/M. 1996, S. 143.

Tragelehn setzt sich mit seinem Gedicht explizit mit Brechts letztem Gedicht der Buckower Elegien auseinander:

BEIM LESEN DES HORAZ

Selbst die Sintflut

Dauerte nicht ewig.

Einmal verrannen

Die schwarzen Gewässer.

Freilich, wie wenige

Dauerten länger!

Bertolt Brecht: Die Gedichte. Hg. von Jan Knopf. Frankfurt/M. 2000, S. 300.

Indem das „Ich“ in Tragelehns Gedicht Brechts Horaz-Lektüre (erneut?) liest, beginnt es, über Wiederholungen von Ereignissen, von Zeit also, nachzudenken. Tragelehns Gedicht ist damit eins, das nicht nur selbst die Unendlichkeit der Lektüre in Szene setzt und also Steiners Unterscheidung in Primäres und Sekundäres dekonstruiert. Zugleich führt Tragelehns Gedicht vor, wie durch die Reflexion über die verschiedenen Lektüren der Diskurs nicht nur fortgesetzt, sondern vor allem immer facettenreicher wird.

Das zeigt ergänzend ein Gedicht, das Tragelehn hier nicht nennt, an das er aber vielleicht dachte, als er sein metapoetisches Gedicht schrieb. Es ist von Heiner Müller:

GESPRÄCH MIT HORAZ

Silbenzähler beiläufig dein Vers unterm Schritt der Kohorten

Die Kohorten wo sind sie Mein Vers geht ins zweite Jahrtausend

Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hg. von Kristin Schulz. Berlin 2014, S. 17.

Müllers Horaz-Lektüre ist keine, die über das Vergehen der ‚Sintflut‘ nachdenkt, sondern eine, die gewissermaßen gegen die Sintflut darauf vertraut, dass die Verse bleiben. Hoffnung im Fatalismus gewissermaßen. Ergänzend führt Tragelehns Gedicht vor, dass diese Hoffnung eine Voraussetzung hat: Lektüre und die potentielle Unendlichkeit der produktiven Rezeption.

 


„Ich übe.“

18. September 2018

In Alberto Manguels wunderbarer Geschichte des Lesens wird deutlich, wie insbesondere die spätantiken Anfänge des stillen Lesens eng mit dem Memorieren in Verbindung stehen. Manguel kontrastiert das mit den Erinnerungen an seine Schulzeit in Buenos Aires, als er begann mit dem Bleistift zu lesen. Das hatte unbestrittene Vorteile, hatte gleichzeitig aber den Nachteil, dass das Gelesene wie das Notierte weit weniger präsent war als das, was er auswendig gelernt hatte.

Manguel nutzt diese Beobachtung, um vorsichtig auf die Gefahren des Lesens hinzuweisen, das die Gedanken außerhalb des eigenen Gedächtnisses gewissermaßen speichert. Insbesondere erinnert er daran, wie rasch digitale Gedächtnisspeicher prekär werden können.

Gleichwohl ist ihm das stille, gerade auch einsame Lesen ein Ideal, weil es erlaubt, unabhängig vom Speichermedium zu werden – zumindest bei der erneuten Auseinandersetzung mit bereits zuvor Gelesenem. Diese stille, memoriende Lektüre ist letztlich die Lektüre des Schülers, der etwas auswendig lernt, um es in bestimmten Situationen (also nicht zuletzt während der Prüfung) wieder abrufen zu können, wenn kein Buch o.ä. verfügbar ist.

Als ich all das in Manguels Buch las, musste ich daran denken, dass mich immer mal wieder eine ältere Dame in meinem Arbeitszimmer sitzen sah. Eines Tages hörte ich, wie sie auf der Straße erklärte: „Der sitzt da immer und übt.“ Ich fand das dermaßen nett, dass ich diese Wendung bis heute als WhatsApp-Status habe („Ich übe.“).

Aber erst bei der Lektüre von Manguels Buch wurde mir deutlich, wie unterschiedlich stille Lektüren sein können. Denn ich musste mir leider eingestehen, dass ich nur sehr wenige Texte auswendig kenne (um gar nicht erst von ‚beherrschen‘ zu sprechen). Meine stille Lektüre (auch die ohne Bleistift) zielt nie darauf, dass ich über das Gelesene verfügen kann, um es reproduzieren zu können, auch wenn es abwesend ist. Meine Lektüre zielt meist darauf, dass ich verstehe, warum der Text so verfasst ist, wie er es ist. Demenstsprechend kann ich mich auch oft nicht gut an bestimmte vermeintlich besonders schöne Stellen oder beeindruckende Charaktere erinnern, sondern immer (nur?) bestimmte Einschätzungen über den Text abgeben – etwa über bestimmte kompositorische Verfahren oder über den Gebrauch bestimmter Wendungen. Über diese Urteile aber verfüge ich meist sehr lange und auch verhältnismäßig präzise (so bilde ich mir zumindest ein), so dass ich zumindest ihnen attestieren kann, dass ich sie eingeübt habe. Philologische Lektüre als Selbstübung gewissermaßen.


Matusche und Trolle

5. September 2018

In einer jüngst publizierten Studie über die Dramatiker Alfred Matusche und Lothar Trolle wächst vielleicht nicht unbedingt zusammen, was zusammen gehört. Warum das Buch trotzdem insgesamt für theatergeschichtlich interessierte Leser ein Vergnügen sein dürfte, begründe ich auf nachtkritik.


Exklusiver Realismus

24. August 2018

Aktuell wird in den Geisteswissenschaften wieder intensiv über „Realismus“ nachgedacht. Aus diesem Grund habe ich mir noch mal das „Lob des Realismus“ von Bernd Stegemann vorgenommen. In der FAZ habe ich dazu und zu #Aufstehen ein paar Gedanken formuliert, die Ihr hier nachlesen könnt: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/bernd-stegemanns-manifest-aufstehen-aesthetisch-15747724.html