Staatsoper Unter den Linden

20. September 2016

Als noch um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gestritten wurde, erinnerten die Befürworter einer vollständigen Rekonstruktion gerne daran, dass Unter den Linden bereits einige komplett wiederaufgebaute Gebäude stünden – neben der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Alten Wache insbesondere die Staatsoper, ehedem Königliche Oper Unter den Linden. Sie war, gut hundert Jahre alt, 1843 bis auf ihre Grundmauern abgebrannt und wurde anschließend innerhalb von vier Jahren wieder komplett an gleicher Stelle nachgebaut.

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In meinem Arbeitszimmer hängt ein kolorierter Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert, der den Blick Richtung Schloss freigibt. Am linken Rand sieht man die Fassade der Staatsbibliothek, am rechten das Reiter-Standbild Friedrichs II. Das eigentliche Zentrum des Bildes aber ist die Staatsoper, das Schloss verschwindet dahinter blass, seine Kuppel löst sich fast schon im hellblauen Himmel auf, der das Bild ganz eigentümlich verwaschen überwölbt.

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Bis heute erinnert mich das Bild an die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses. Wenn man sich das Bild anschaut, bekommt man eine Ahnung vom historischen Gesamtensemble Unter den Linden und begreift, was gegen eine Lücke hinter der Oper sprach; der Linden-Boulevard hätte eigentümlich offen gewirkt. Das war auch ein Argument der Befürworter des Schlosses. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn zumindest in meinem Bild ist die Oper das Zentrum, nicht das Schloss. Das mag erklären, warum sich der preußische König 1843 entschied, die Oper wieder aufzubauen. Sie ist sehr markant und verkündet den musenfreundlichen Anspruch des preußischen Staats.

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Gleichzeitig aber führt eben dieser Blick noch ein Zweites vor, das dem Opernbesucher immer sogleich klar ist und das sich in der Architektur des Portikus mit ihren seitlichen Treppenaufgängen niedergeschlagen hat: Notgedrungen nähert man sich der Staatsoper von der Seite, entlang der Linden. Das irritiert mich immer wieder (auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Opernhaus vor seiner renovierungsbedingten Schließung nicht oft besucht habe). Anders als bei anderen Musentempeln kann man sich der Oper nicht frontal nähern. Die Linden sind hier sogar durch den gegenüberliegenden Ostflügel der Humboldt-Universität verhältnismäßig eng. Ein gezielter, den Zuschauer quasi zu einem säkularen Kunstgottesdienst einladender Gang direkt auf das Gebäude zu ist bei der Staatsoper anders als beim nur wenige Meter entfernten Alten Museum, dem der Lustgarten vorgelagert ist, oder beim ehemaligen Schauspielhaus, dem heutigen Konzerthaus am Gendarmenmarkt, nicht möglich.

Der Stich in meinem Arbeitszimmer vermittelt den Eindruck eines uneingeschränkten Bekenntnisses zur Kunst in Preußen, die Orientierung des Portikus parallel zum Boulevard lässt daran hingegen Zweifel aufkommen. Kein frontales Zuschreiten auf das Haus, sondern praktisches Vorfahren, um in ihm zu verschwinden. Der Blick entlang der Linden und zumal auf die Oper führt das Bekenntnis zur Fassade vor. Der Neubau des Schlosses hat dieses Bekenntnis in sein historisches Recht gesetzt.

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Zukunftsmusik

17. September 2016

War es bislang statusfördernd, möglichst mobil und kosmopolitisch aufzutreten, wird eine feste regionale und lokale Verankerung in Zukunft zum eigentlichen Luxus. Auf eigene, lokal beschränkte gegenständliche Ressourcen zurückzugreifen, darunter eine nicht nur virtuelle Bibliothek, wäre dann wieder Statussymbol.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 643.


Normalfall

14. September 2016

Dass Philologie vielsprachig ist, bildet den Normalfall; irreführend wäre es gerade deshalb, die Komparatistik als komplementäre Ergänzung von Einzelphilologien aufzufassen (wie es seit dem 19. Jahrhundert, mancherorts noch heute, geschieht).

Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Berlin 2016, S. 14.


Frauengold und Realismus

12. September 2016

Derzeit boomt in der Belletristik (wieder einmal) der autobiographisch fundierte Realismus, auch wenn Kempowski bald zehn Jahre tot ist und Kurzeck fast vier. Von Kurzeck ist Anfang des Jahres das Fragment vom sechsten Band seines Zyklus Das alte Jahrhundert erschienen. Gerhard Henschel jagt mit viel eigenem und Kempowskis Witz seinen Helden Martin Schlosser durchs Leben, das sehr dem des Autors gleicht (zuletzt in Künstlerroman). Andreas Meier hat den Horizont seines Erzählers jüngst immerhin bis in den Kreis erweitert und lässt ihn damit die Landschaft erleben, die auch Kurzecks „Ich“ nach der Vertreibung Heimat wurde. Joachim Meyerhoff hat es mit dem dritten Teil seines autobiographischen Roman-Projekts Alle Toten fliegen hoch auf die Longlist zum deutschen Buchpreis gebracht. Benjamin von Stuckrad-Barre hat all diesen Ego-Dokumenten vielleicht gar die Krone aufgesetzt, indem er mit Panikherz eine herzergreifende, anti-ironische Konversionserzählung vorgelegt hat, bei der man sich die ganze Zeit fragt, ob das überhaupt noch Literatur ist oder eine über 550 Seiten lange Beichte.

Dieser Realismus ist sehr traditionsbewusst, auch wenn er sich ganz der Gegenwart bzw. jüngsten Vergangenheit verhaftet gibt. Henschels Romane sind nicht nur eine stillistische Verneigung vor Kempowski. In Bildungsroman wird auch erzählt, wie Martin Schlosser Kempowski kennenlernt. Von Stuckrad-Barre singt nicht nur ein Loblied auf seinen Retter Udo Lindenberg, sondern ebenso auf die Literatur von Bret Easton Ellis. Meyerhoff kokettiert mit dem einfältigen Staunen des Schelmenromans und lässt den Leser gerade dadurch permanent zweifeln, ob das alles tatsächlich so passiert ist.

Auf je unterschiedliche Weise sind die Romane also alle kleine literarische Ereignisse. Aber ihr wesentlicher Kniff ist immer wieder, dass sie den Reiz des Authentischen verströmen. Der ergibt sich bei von Stuckrad-Barre angesichts der Schonungslosigkeit, mit der von seinen Abstürzen berichtet wird. Henschel schildert kleine Details, die die historische Differenz wunderbar ironisch aufblitzen lassen, wenn Schlosser in den 1980er Jahren beispielsweise angeekelt feststellt, dass sich seine neue Freundin die Achseln rasiert.

An diesem Realismus-Boom kommt man also derzeit nur schwer vorbei und ich habe mich ihm zuletzt auch gerne hingegeben. Meist war die Lektüre ein Spaß, selten mal pflichtbewusstes Abarbeiten. Aber irgendwie stellte sich zuletzt immer häufiger das Gefühl ein, dass mir was fehlt. Was das war, wurde mir jetzt deutlich, als ich Christopher Kloebles neuen Roman Die unsterbliche Familie Salz gelesen habe.

img_5121 Anders als die vielen autobiographisch fundierten Romane versucht Kloeble einfach mal eine tolle Geschichte so zu erzählen, wie das eben nur Literatur kann. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Erzähler, die Geschichte der Familie Salz springt zu Beginn von der Gegenwart ein Jahrhundert zurück, um sich dann in Episoden der Gegenwart wieder zu nähern und in der Zukunft zu schließen. Das alles wird entspannt und unspektaktulär erzählt, zielt anders als viele realistische Romanen nie auf billige Pointen.

Zudem ist die Geschichte der Familie Salz eine besondere, wie sie sich nur in der Literatur ereignen kann. Denn besonders die Frauen der Familie haben ein besonderes Verhältnis zu Schatten – ihren eigenen und fremden. Ein Kapitel erzählt gar ein Schatten. Hier zeigt sich dann die ganze erzählerische Meisterschaft von Kloeble, weil das nie phantastisch oder abgedreht klingt, sondern angesichts der besonderen Familiengeschichte schlicht plausibel.

Kloebles Erzählkunst zeigt sich aber auch daran, wie er mit Details umgeht. Man kann das an „Frauengold“ gut erläutern. Bis vor ein paar Monaten wusste ich nicht, was das ist. Dann las ich in Panikherz, wie Thomas Gottschalk Benjamin von Stuckrad-Barre davon erzählte:

Er zeigt mir auf seinem iPhone einen Werbespot aus den 60er-Jahren, um zu illustrieren, wogegen es damals ging und was die Bundesrepubliksnormalität war: „Frauengold“. Das war einfach Alkohol, ein als stimmungsaufhellendes Tonikum getarnter Trümmerfrauenflachmann. Der Mann geht zur Arbeit, die Frau kocht und macht sauber. Und gegen Traurigkeit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit kippt sie sich tagsüber Frauengold genannten Alkohol ins Hirn, dann muss man nicht zickig sein, sonder hat was Warmes auf dem Tisch, wenn Vati heimkommt, oder entschuldigt sich beim Chef, wenn der einen angeschrien hat – mit Frauengold intus konnte man das lockerer sehen, war man wohl mal wieder frauentypisch hysterisch gewesen.
(S. 518)

In Panikherz symbolisiert „Frauengold“ das spießige Patriachat der 50er und 60er Jahre. Der Erzähler distanziert sich davon deutlich und urteilt moralisch über die Zeit.

In Kloebles Roman ist die junge Aveline Salz von „Frauengold“ abhängig. Das wird aus ihrer Sicht erzählt, so dass sich der Blickwinkel auf dieses Gesöff gänzlich ändert. Natürlich geht man zu ihrem Alkoholismus gleich auf Distanz, aber Kloeble schafft zugleich Verständnis für die Figur, statt auf Zeitkritik zu setzen. Ihm gelingt es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, warum ein später dann verbotenes, heute von den meisten Menschen vergessenes Getränk einmal ein wirklicher Erfolg war – gerade weil Aveline Salz keine Trümmerfrau ist und auch keine platte patriachale Erwartung erfüllen muss. Auf dieses und viele andere Weisen führt Die Geschichte der unsterblichen Familie Salz vor, warum es manchmal viel spannender ist, einen Roman zu lesen, der nicht in erster Linie darum bemüht ist, möglichst das zu erzählen was war oder sicher hätte gewesen sein können, sondern eine besondere Geschichte, statt bloß distanziert und ein paar krachende Phrasen rausschießend auf „Bundesrepubliksnormalität“ zurückzublicken.

Aveline Salz ist eine Abiturientin und zu jung für „Frauengold“. Aber Kloebele lässt sich von solchen Eckdaten gar nicht irritieren. Er lässt sie, statt auf die Abifeier zu gehen, lieber drei Flaschen „Frauengold“ kaufen und sich ins Bett legen. So sieht kein Zeitpanorama aus, sondern ein Blick in Abgründe – in zeitlose Abgründe.

 

 


Welterklärer

7. September 2016

Marshall McLuhans berühmte Gutenberg-Galaxis wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein temporal begrenzter Ausschnitt aus Spenglers umfassenderem Gebäude und teilt mit diesem mehr als die Geste universaler Welterklärung.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 578.

Yeeha!


Werkpflege

6. September 2016

In dem Moment, da die Philologie als Disziplin zur Verwaltung und kritischen Einordnung der Überlieferung auf den Plan tritt, wird es für jeden um sein Werk bemühten Autor überlebensnotwendig, Voraussetzungen zu schaffen, um selbst Objekt der Philologie werden zu können. Die sichersten und offensichtlichsten Strategien sind zum einen Demonstrationen, wie das eigene Werk philologisch erschließbar wäre – und zum anderen die Bereitstellung von Manuskripten, dem hauptsächlichen Arbeitsgebiet der Philologen.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 253f.

Das zum Thema Poetik-Vorlesung und Schriftsteller-Vorlass.


Geisteswissenschaftler

5. September 2016

Wenn du ihm bei kleineren Reparaturen hilfst, sieht er dir jedes Mal ungläubig zu, als wärst du die erste Frau der BRD, die mit Werkzeug umgehen kann. Er tut dir leid. Du tröstest ihn: „Bist eben ein Geisteswissenschaftler.“

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz. München 2016, S. 207.