Kriegstüchtig

17. Januar 2026

Das kleine, nicht gerade junge Wort ‚kriegstüchtig‘ ist inzwischen vielleicht nicht in aller Munde. Es wird aber zumindest wieder häufiger verwendet als noch vor wenigen Jahren. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Ingo Schulze hat sich dazu jüngst im Forum „Sprachkritik“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung geäußert. Zwar schätze ich Ingo Schulze sehr. Seine Kritik hat aus meiner Sicht aber einige wichtige Dimensionen des Begriffs ‚kriegstüchtig‘ nicht berücksichtigt. Mein Kommentar zu seinem Artikel wurde jetzt von der Akademie publiziert.


An Apology for Philology – Antigone

31. Dezember 2025

An Apology for Philology – Antigone
— Weiterlesen antigonejournal.com/2025/09/apology-for-philology/


Schattensitzer

23. Dezember 2025

Der verwirrte alte Dramatiker, der noch einmal ins Theater schleicht, morgens vor der Probe sich im Parkett verbirgt, hintere Reihe, um die besondere Atmosphäre vor der Probe zu inhalieren. Requisiteur und Inspizient erzählen sich was, Assistent blickt ins Rollenbuch, Kostümbildnerin sortiert Entwürfe, Bühnenarbeiter richten die Probendekoration auf, Beleuchter rufen von der Galerie. Dieser nicht definierbare Raum, Zeitraum der Unordnung vor der Probe – der alte Mann schließt die Augen. Die vielen Male, die er im Zuschauerraum alleine saß, bevor die Probe zu einem neuen Stück von ihm begann. Schließlich wird er bemerkt, der Assistent macht da jemanden im Dunkeln aus, ein Unbefugter im Parkett, er geht zu ihm, der Alte wird sanft, aber nachdrücklich hinausgebeten.

Als ich diese Sätze in Botho Strauß‘ Das Schattengetuschel (S. 229f.) gelesen habe, erinnerte ich mich an ein Praktikum, das ich 1996 an der Schaubühne absolviert habe. Klaus Michael Grüber probte einen Einakter von Vladimir Nabokov mit dem Titel Der Pol. Der Abend sollte eine Verneigung vor der alten Schaubühnenzeit werden.

Während der Probenphase kam an einem Nachmittag Botho Strauß vorbei. Ich konnte den Proben leider nicht beiwohnen, Grüber ließ meistens auch nur diejenigen in den Saal, die direkt mit der Produktion zu tun hatten. Aber ich konnte während eines längeren Gesprächs mit Ellen Hammer in einer Umbaupause einen Blick in den Saal werfen und sah Strauß sehr ruhig und konzentriert im Parkett sitzen. Dieses Bild hat sich mir sehr eingeprägt.

Als ich Strauß‘ Schattensitzer gelesen habe, erinnerte ich mich daran. An Botho Strauß, der diesen „Zeitraum der Unordnung“ (egal ob vor oder während der Probe) genießt. Dass „der Alte“, wie der Erzähler Strauß‘ Alter Ego hier nennt, schließlich herausgebeten wird, weil er nicht mehr dazugehört, weil man vielleicht nicht einmal mehr weiß, wer er ist und ihn für einen Verirrten hält, ist die Pointe der Erzählung, auch wenn ich nach der Premiere 1996 den Eindruck, dass die alte Schaubühne allmählich in die Jahre gekommen war.

Aber Melancholie stellt sich gleichwohl ein. Auch deswegen, weil ich mir nicht sicher bin, ob einer der gegenwärtigen großen Theaterautoren in 20 Jahren so wohl formuliert und dermaßen klar die eigene Lage bilanzierend über seine alte Liebe schreiben wird.

***

Die Besetzung von Der Pol erinnerte an die besten Zeiten der Schaubühne. Die Inszenierung, die meinem Eindruck gleichwohl insgesamt einen zu geringen Nachhall hatte, wurde später in Frankreich gezeigt. Christoph Rüter hat diese Aufführung dokumentiert. Zumindest in meiner Erinnerung war die Inszenierung in der Schaubühne weit dunkler, mit viel mehr Grau- und Blautönen ausgeleuchtet.


Geschwätzigkeit

19. Dezember 2025

Von der Geschwätzigkeit der Schriftsteller. — Es giebt eine Geschwätzigkeit des Zornes, — häufig bei Luther, auch bei Schopenhauer. Eine Geschwätzigkeit aus einem zu grossen Vorrathe von Begriffsformeln wie bei Kant. Eine Geschwätzigkeit aus Lust an immer neuen Wendungen der selben Sache: man findet sie bei Montaigne. Eine Geschwätzigkeit hämischer Naturen: wer Schriften dieser Zeit liest, wird sich hierbei zweier Schriftsteller erinnern. Eine Geschwätzigkeit aus Lust an guten Worten und Sprachformen: nicht selten in der Prosa Goethe’s. Eine Geschwätzigkeit aus innerem Wohlgefallen an Lärm und Wirrwarr der Empfindungen: zum Beispiel bei Carlyle.

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft II, 97

Neben den genannten Varianten der Geschwätzigkeit, die Nietzsche hier überzeugend aufspießt, ließen sich sicherlich noch weitere finden. Sie alle sind meist anstrengend, manchmal aber auch unterhaltend und in seltenen Fällen anregend. Viel schlimmer als alle Varianten wahrer Geschwätzigkeit scheint mir aber, dass es auch eine nachgeahmte Geschwätzigkeit gibt. Sie behauptet, mit Luthers Zorn für eine Sache zu streiten oder mit kantischer Präzision Begriffe zu schärfen. Tatsächlich aber ist sie lediglich Fassade, Maske. In den 1990er und frühen 2000er Jahren brachte diese Geschwätzigkeit Unmengen an vermeintlich an Foucault geschulten Tiraden hervor. Sie sind verklungen, ohne jeden Nachhall. Weil sie nicht mehr waren, als die Behauptung von Intellekt oder Witz.


Vortreffliche Ausstattung

13. Dezember 2025

Die Rezension von Byks Der Hellenismus und der Platonismus beendet Nietzsche mit der Feststellung: „Stil und Composition des Aufsatzes sind schlecht, Druck und Ausstattung vortrefflich.“ (Kritische Gesamtausgabe, Abt. 2, Bd. 1, S. 379).

Wenn heute eine wissenschaftliche Rezension nicht eh lediglich eine Gefälligkeit ist, reduziert sie sich meist auf eine Inhaltsangabe und zwei, drei kritische Schlussbemerkungen. Stil und Komposition werden hingegen nur noch ausnahmsweise, Druck und Ausstattung eigentlich gar nicht mehr beurteilt. Die Konzentration auf den vermeintlichen Inhalt kann auch als Verlustgeschichte begriffen werden.

Das gegenwärtige Desinteresse an all dem in wissenschaftlichen Rezensionen steht in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis zu den zahlreichen Kundenkommentaren großer Online-Buchhändler. Das Cover, die Beschaffenheit des Buches, Satzspiegel oder auch Schriftgröße liefern hier nicht selten Argumente, um ein Buch zu beurteilen („deswegen nur vier Sterne“). Aber Bücher, denen eine solche äußerliche Bewertung zuteil wird, sind für sog. Liebhaber gemacht. Offenbar finden sich die nur noch selten in der Wissenschaft.


Herbst in Gotha

4. Dezember 2025

Durch ein Hiob-Ludolf-Fellowship hatte ich die Gelegenheit, diesen November am Forschungszentrum Gotha zur europäischen Bibeltragödie zu forschen. Nicht nur, dass man dort ideale Arbeitsbedingungen vorfindet und in einem sehr anregenden Umfeld die eigenen Überlegungen diskutieren kann (vielen Dank an das Seminar zur Intellectual History von Martin Mulsow und die vielen guten Gespräche mit den übrigen Stipendiaten). Auch die Stadt selbst ist schön und hat wunderbare Ecken.

Gearbeitet habe ich meistens in Schloss Friedenstein. Es beheimatet neben dem berühmten Ekhof-Theater eine beeindruckende Bibliothek. Ich verfolge seit einigen Jahren Überlegungen zur europäischen Bibeltragödie. Sie sollen allmählich in einen längeren Text, vielleicht ein Buch, münden. Um das voranzutreiben, war ich in Gotha.

Gelesen habe ich dort vor allem französische und deutschsprachige Bibeltragödien vom späten 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, von Racine bis Klopstock. In Gotha wurden diese Bibeltragödien aus ganz unterschiedlichen Gründen gesammelt. Die Bücher, die ich in die Hände bekam, waren dementsprechend in ganz unterschiedlichen Formaten. Auch wiesen sie sehr unterschiedliche Benutzungsspuren auf. Ein Buch waren nicht einmal aufgeschnitten. Andere waren offenbar schon oft gelesen worden. Da man in Gotha zudem sehr guten Zugang zur Forschungsliteratur hat, hat mein Vorhaben von dem Aufenthalt sehr profitiert.

Einige Hypothesen muss ich allerdings noch mal überprüfen. Denn die Bibeltragödien, die ich gelesen habe, hielten inhaltlich und auch formal doch die eine oder andere Überraschung bereit. Das wird in dem geplanten Buch zu berücksichtigen sein. Deutlich wurde auf jeden Fall wieder einmal, dass ein Bibliotheksbesuch die Lektüre von Digitalisaten nie ganz ersetzen kann.


Theateradaptationen

22. November 2025

Gestern war ich mal wieder im Theater und habe mir in Münster die Bühnenadaptation von Kay Matters Muskeln aus Plastik angesehen. Matters Buch, eine romanhafte Textcollage mit Fußnoten und anderen Paratexten, verweigert sich eine linearen Lektüre. Romanadaptationen sind im Gegenwartstheater keine Seltenheit. Wenn aber die Linearität des Textes durch Paratexte durchbrochen wird, fordert das Theateraufführungen offenkundig heraus. Nun ist es natürlich nicht so, dass moderne Theaterinszenierungen einfach Handlungsabfolgen darstellen. Aber zumindest wenn die Inszenierung die Buchvorlage darauf reduziert, obwohl diese weit komplexer komponiert ist, gerät die Inszenierung in Schieflage. Falls sich noch andere Theater den Text vornehmen, wird es spannend zu sehen, welche Lösungen sie für diese Herausforderung wählen.


Mystisch

19. November 2025

Man kann mit dem Gebrauch des Wortes ‚mystisch‘ nie vorsichtig und genau genug sein.

Jaccottet, Sonnenflecken, S. 200

Jaccottet schult die eigene Lektüre präziser als jedes philologische Traktat.