Hass spricht

9. Februar 2010

Vom Schluss von Kleists Hermannsschlacht existieren zwei Varianten. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit einem Appell des Germanenfürsten schließen. In der frühen Fassung heißt es:

Und dann – nach Rom selbst muthig aufzubrechen.
Wir oder unsre Enkel, meine Brüder,
Denn eh‘ doch, seh‘ ich ein, erschwingt der Kreis der Welt
Vor dieser Brut der Wölfin keine Ruhe,
Als bis das Raubnest ganz zerstört,
Und nichts als eine schwarze Fahne
Von seinem öden Trümmerhaufen weht!

Dass angesichts des in diesen Zeilen offen zum Ausdruck kommenden Nationalismus das Stück von nationalistischen Schwachköpfen vereinnahmt wurde, kann man sich denken. Was man aber kaum für möglich hält, ist dass Kleist diesen Schluss sogar noch verschärft hat. Der viertletzte Vers lautet in der vollständigen Ausgabe, die 1821 posthum von Ludwig Tieck publiziert wurde:

Vor dieser Mordbrut keine Ruhe,

Die Römer zur Brut einer Wölfin zu deklarieren, war – Roms Gründungsmythos hin oder her – auch zu Kleist Zeit schon keine Höflichkeit. Schließlich hatte ‚Brut‘ auch damals einen eindeutig ‚gehässigen‘ Sinn, wie das Grimmsche Wörterbuch belegt. ‚Mordbrut‘ in der jüngeren Fassung verschärft die Aggression nun schon deswegen, weil die hier angesprochene ‚Brut‘ nach allen Gesetzen der Wortbildung aus dem Mord hervorgeht. Die Römer mutieren am Ende von Kleists Drama also von den Abkömmlingen der Wölfin zu solchen, die aus dem Morden erwachsen sind.

Von Judith Butler kann man lernen, dass hate speech erst wirkungsmächtig wird, wenn sie wiederholt wird. Zumindest die Wendung ‚Mordbrut‘  ist bemerkenswert wirkungslos geblieben. Grimms Wörterbuch kennt als einzigen Beleg diesen Kleist-Vers und selbst die allmächtige Suchmaschine wirft in erster Linie Hinweise auf die Hermannsschlacht aus. Möge ‚Mordbrut‘ in Ewigkeit ruhn!