Handwerk

28. September 2025

Möser meint in den Patriotischen Phantasien, dass jeder Gelehrte ein Handwerk lernen sollte. Mittlerweile wäre man schon dankbar, wenn jeder Gelehrte sein Handwerk beherrschte.


Akademische Freiheit – historisch betrachtet

4. März 2024

Da einmal mehr wieder viele Menschen viel über akademische Freiheit reden und tatsächlich politische Meinungsfreiheit meinen, hat es mir in den Fingern gejuckt, dazu etwas zu schreiben. Habe mich aber doch beherrscht. Aber lediglich, weil ich dazu schon einmal etwas an anderer Stelle veröffentlich habe. Darauf wollte ich zumindest kurz hinweisen.


Erinnerungen

31. Januar 2024

Hatte die schöne Gelegenheit, über einige Sätze nachzudenken, die mich bis heute sehr beschäftigen. Die Sätze hat Wilfried Barner schon vor rund 40 Jahren über Lessings „Die Juden“ geschrieben, gelesen habe ich sie vor ungefähr 30 Jahren:


Wider das ‚öde Ablagern von lauter hagestolzen Gedanken‘ – Überlegungen zu Theater und Kritik in der Romantik

27. Dezember 2023

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lösten sich die Grenzen zwischen den verschiedenen dramatischen Textsorten erkennbar auf. Auch gewann der professionelle kritische Blick aus dem Parkett auf die Bühne eine neue Qualität. 
Beide Momente haben Folgen bis in die Gegenwart gezeitigt. Sie lassen sich am Beispiel der Komödie, die in Deutschland bis heute keinen leichten Stand hat, besonders gut erklären. Friedrich Schlegel setzte sich als Philologe mit der bis dahin wenig erforschten Komödie der Griechen auseinander und betonte den Begriff der 'Freiheit' als „Mischung aus Antikenfrömmigkeit und Libertinage“ (Stefan Matuschek: Der gedichtete Himmel. München 2017, S. 73). Schlegel zeigt in Vom ästhetischen Wert der griechischen Komödie, dass Aristophanes' Stücke weniger geschlossen und deutlich episodischer sind als historisch jüngere Komödien. Auf diese Weise sprach er sich für deutlich fragmentierte Dramen aus und opponierte gegen formale Konventionen des bürgerlichen Trauerspiels sowie des klassizistischen Dramas.
Die Wertschätzung des Momenthaften und des Theatralen, des Szenischen und der Illusionsdurchbrechung – all das kann als ein Erbe der Romantik betrachtet werden, das sich auf der Bühne vielfältig durchgesetzt hat. Letztlich hat die romantische Theaterkunst in Auseinandersetzung mit der griechischen Komödie gegen die Ebenmäßigkeit der verschiedenen klassizistischen Traditionen und natürlich gegen Aristoteles' Tragödienpoetik die Voraussetzungen für eine bis heute anhaltende Lust am Konventionsbruch im Theater geschaffen. Das Drama von Kleist und Tieck, von Lasker-Schüler und Pirandello, ja sogar die inzwischen in die Jahre gekommene Postdramatik einer Elfriede Jelinek ist geprägt von großer Kenntnis der dramatischen Traditionen und dem tiefen Verlangen, diese zu fragmentieren und zu zerstören. Damit geht nicht selten ein Ironiebedürfnis einher. Dass René Pollesch schließlich doch noch Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin wurde, ist – derart betrachtet – ebenfalls ein später Triumph der Romantik.
Aber nicht nur die Dramatik selbst und ihre Inszenierungen veränderten sich seit der Romantik fundamental. Das Theater entwickelte sich zu einer eigenständigen Bühnenkunst, die sich zunehmend und mit guten Gründen weigerte, bloße Steigbügelhalterin des dramatischen Textes zu sein. Das veränderte auch die Theaterkritik. Zwar wurde sie schon in der Aufklärung fundamental geprägt, ja eigentlich erst initiiert. Aber so wie Heinrich Heine hat selbst Lessing nicht über das Theater geschrieben:

Die Gunst des Schicksals wollte es nun, daß ich in fremdem Lande einige Lustspiele des Doktors Ernst Raupach mit Muße lesen konnte. Nicht ohne Anstrengung konnte ich mich bis zu den letzten Akten durcharbeiten. Die schlechten Witze möchte ich ihm alle hingehen lassen, und am Ende will er damit nur dem Publikum schmeicheln; denn der arme Hecht im Parterre wird zu sich selber sagen: ›Solche Witze kann ich auch machen!‹, und für dieses befriedigte Selbstgefühl wird er dem Autor Dank wissen. Unerträglich war mir aber der Stil. Ich bin so sehr verwöhnt, der gute Ton der Unterhaltung, die wahre, leichte Gesellschaftssprache ist mir durch meinen langen Aufenthalt in Frankreich so sehr zum Bedürfnis geworden, daß ich bei der Lektüre der Raupachschen Lustspiele ein sonderbares Übelbefinden verspürte. Dieser Stil hat auch so etwas Einsames, Abgesondertes, Ungeselliges, das die Brust beklemmt. Die Konversation in diesen Lustspielen ist erlogen, sie ist immer nur bauchrednerisch vielstimmiger Monolog, ein ödes Ablagern von lauter hagestolzen Gedanken, Gedanken, die allein schlafen, sich selbst des Morgens ihren Kaffee kochen, sich selbst rasieren, allein spazierengehn vors Brandenburger Tor und für sich selbst Blumen pflücken. Wo er Frauenzimmer sprechen läßt, tragen die Redensarten unter der weißen Musselinrobe eine schmierige Hose von Gesundheitsflanell und riechen nach Tabak und Juchten.

Heinrich Heine: Essays über die französische Bühne, 1. Brief
Heines Theaterkritik ist, das muss man sich zunächst vergegenwärtigen, Literaturkritik. Ein 'Ich' schildert seine Eindrücke während der Lektüre eines Stückes. Es lässt seinen Impressionen freie Lauf. Auch arbeitet es deutlich mit literarischen Techniken, wenn es etwa die Gedanken personifiziert und ‚allein vors Brandenburger Tor spazierengehen‘ lässt.
Wer nun jedoch meint, diese Kritik sei schlicht subjektiv, den belehrt Heine erkennbar eines Besseren. Er macht seine Beurteilungsmaßstäbe kenntlich, indem er erwähnt, welche Stücke er im Unterschied zu denen Raupachs wertschätzt: französische Konversationslustspiele etwa. In der Gegenwart wäre Heine wahrscheinlich ein großer Liebhaber der Stücke von Yasmina Reza gewesen.
Theaterkritiken wie die Heines legten den Grundstein, so meine These, für einen Typus der Theaterkritik (es entwickeln sich später selbstverständlich weitere), den ich 'romantisch' nennen möchte. Alfred Kerr hat ihn wie kein anderer verkörpert. Das gilt ungeachtet dessen, dass er die naturalistische Dramenästhetik etwa eines Gerhard Hauptmann weit mehr geschätzt hat als die romantische. Kerr hat die Theaterkritik entschieden geprägt, indem er es sich nicht verboten hat, von sich bzw. hochherrschaftlich von 'uns' zu sprechen. Seine Texte kennzeichnet eine bis heute beeindruckende Prägnanz. Er erreicht sie, da aus seinen Kritiken Text für Text die Lust spricht, das Publikum zu unterhalten und gleichzeitig das Theatererlebnis zu inszenieren, um es nicht zuletzt der Leserschaft, die nicht im Theater war, näherzubringen.
Wie Heines Essay haben die Theaterkritiken Kerrs ein ästhetisches Fundament, ohne dass sie permanent darum bemüht sind, es immer aufs Neue transparent zu machen. Während Lessings aufgeklärte Kritik nicht zuletzt seine Urteile aus der Deskription gewonnen hat, abstrahieren Heine und Kerr vom Stück und seiner Inszenierung. Sie schaffen ein kleines literarisches Meisterwerk, das nicht selten noch gelesen wurde, als die besprochene Aufführung längst abgespielt war. Diese ästhetische Eigenständigkeit der Textsorte 'Theaterkritik' ist deswegen neben der fundamentalen Autonomisierung der Bühnenkunst das zweite große Erbe, das Drama und Theater der Romantik verdanken.

(Die vorliegenden Überlegungen sollten ursprünglich als Eingangsstatement beim Podiumsgespräch „Sie allein ist unendlich, weil sie allein frei ist“: Literaturkritik der Romantik – eine Leseanleitung für uns Heutige? vorgetragen werden. Das Gespräch fand am 22.2.2023 in der Kunsthalle Osnabrück statt, teilgenommen haben Prof. Dr. Tina Hartmann (Universität Bayreuth), Andreas Platthaus (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Prof. Dr. Stefan Lüddemann (Neue Osnabrücker Zeitung und zugleich Organisator). Der Verfasser konnte seine Gedanken krankheitsbedingt kurzfristig am 22.2.2023 nicht vorstellen.)


Endlich wieder im Theater!

8. September 2020
Mein erster Theaterabend seit Monaten hat viel Spaß gemacht. Das lag nicht zuletzt an der guten Inszenierung von Matthias Brandts Roman "Blackbird". Meine vollständige Kritik findet Ihr auf nachtkritik.de. Da die Aufführung auch akustisch ihre Reize hat, lohnt es sich, ergänzend Martin Burkerts Kritik für den WDR zu hören.


Polit-Theater

10. Januar 2020

War gestern nach langer Zeit mal wieder für nachtkritik.de im Theater und habe in Münster ein Stück über den vor gut 15 Jahren verstorbenen Politiker Jürgen Möllemann gesehen. War nicht nur wegen des Stoffes interessant, sondern auch, weil der Stücktext sich irgendwo zwischen szenischer Biographie und Textfläche bewegt. Ob’s das überzeugt, könnt ihr bei nachtkritik.de nachlesen.


Erinnerungen an erste und jüngste Lichtenberg-Lektüren

2. Januar 2020

Anfang Juli letzten Jahres hatte ich das Glück, die Tagung der Lichtenberg-Gesellschaft in Osnabrück eröffnen zu dürfen. Als ich zur Vorbereitung meine Lichtenberg-Ausgabe wieder in die Hand nahm – die Zweitausendeins-Ausgabe von Wolfgang Promies –, erinnerte ich mich an mein Studium in Göttingen.

Im Sommer 1994 war das. Damals habe ich am Deutschen Seminar in Göttingen meine Zwischenprüfung absolviert und mir anschließend die Lichtenberg-Ausgabe angeschafft. Unter dem Dach einer kleinen Wohnung weit draußen in Weende begann ich zu lesen. Dabei hat mir Promies‘ Ausgabe die Augen für die Bedeutung von wissenschaftlichen Ausgaben geöffnet. Ich hatte mich in den Wochen davor mit ganz unterschiedlichen Interpretationen von Döblins Berlin Alexanderplatz für die Zwischenprüfung beschäftigt. Aber erst ohne jeden konkreten Sinn und Zweck angeschaffte Lichtenberg-Ausgabe sensibilisierte mich für das Kerngeschäft der Philologie. In dieser Zeit, Mitte der 1990er Jahre, hatten Poststrukturalismus und Kulturwissenschaft Konjunktur. In Göttingen aber stand weiterhin das philologische Kerngeschäft in Blüte. 1994 publizierte Albrecht Schöne die erste Auflage seiner Faust-Ausgabe. Kurz nachdem ich mir die Lichtenberg-Ausgabe gekauft hatte, stellte mich Wilfried Barner als Hilfskraft für seine Lessing-Ausgabe im Deutschen Klassiker-Verlag ein. An all diese Momente erinnerte ich mich, als ich ein Vierteljahrhundert später meine Lichtenberg-Ausgabe zur Vorbereitung der Begrüßung wieder einmal in die Hand nahm.

Doch selbstverständlich nahm ich die Ausgabe nicht nur aus dem Regal, um in Erinnerungen zu schweifen. Vor allem sollte sie mir einen historischen Blick zurück auf Lichtenbergs Aufenthalt in Osnabrück vom Spätsommer 1772 bis zum Februar 1773 ermöglichen. Zwei Punkt interessierten mich besonders.

1. Die Lichtenberg-Tagung in Osnabrück hatte als Motto eine Notiz aus Heft B:

„Er war so witzig, daß jedes Ding ihm gut genug war zu einem Mittelbegriff jedes paar andere Dinge mit einander zu vergleichen.“

Promies bezieht im Kommentar diese Sentenz auf Lichtenberg selbst, auf den ‚Ähnlichkeitssucher‘. Mich veranlasste das gerade nicht über Ähnlichkeiten, sondern über Differenzen nachzudenken – und zwar denen zwischen Lichtenberg und Justus Möser. Der war 22 Jahre älter, was vielleicht erklärt, warum sich Lichtenberg über ihn meinem Eindruck nach zwar ausgesprochen höflich und anerkennend, gleichwohl aber meist distanziert äußert. So schreibt Lichtenberg an Hollenberg im Juli 1781:

„Mösers Aufsatz habe ich mit vielem Vergnügen gelesen, manches, was mir nicht darin gefällt, würde mir gewiß gefallen, wenn ich Mösers Einsichten hätte.“

Lichtenberg betont den Unterschied zwischen den beiden. Die heute in der Forschung immer mehr betonte Komplexität und Differenziertheit der deutschen Aufklärung war also auch den Aufklärern selbst bereits bewusst.

2. Lichtenberg beschreibt seine Aufgabe in Osnabrück in einem Brief vom Januar 1773 folgendermaßen:

„Ich habe mich vergangenes Jahr teils in Hannover und teils hier auf des Königs Befehl aufgehalten, um die Lage der beiden Städte zu bestimmen.“

Lichtenbergs Aufenthalt in Osnabrück ist also ein konkreter Vorläufer von dem, was Daniel Kehlmann mit Blick auf einen anderen großen Göttinger – Carl Friedrich Gauß – und den 2019 besonders geehrten, noch größeren Preußen, Alexander von Humboldt, die „Vermessung der Welt“ genannt hat. Interessant scheint mir, dass diese Vorgeschichte der Globalisierung, die bei Lichtenbergs Aufenthalt in Osnabrück in nuce beobachtet werden kann, zu einem Zeitpunkt erfolgte, da das Fürstbistum Osnabrück reichsrechtlich noch gar nicht Teil vom Kurfürstentum Hannovers war. Lichtenberg und Osnabrück – das führte mir die für die Aufklärung so typische Ungleichzeitigkeit vor: Erkenntnisse und vor allem Erkenntnisinteressen, die mit der politischen Realität nur begrenzt in Einklang gebracht werden können.

Es gehört freilich auch zur wissenschaftlichen Redlichkeit, sich einzugestehen, dass Lichtenbergs Verhältnis zu Osnabrück selbst deutlich weniger akademisch war. Noch im September erklärte er Kaltenhofer:

„Nun bin ich schon 13 Tage in Osnabrück, wollte Gott, daß ich so viele Wochen dagewesen wäre.“

Und an Johann Christian Dietrich schrieb er im Februar von Hannover aus:

„Ich habe mich endlich aus Osnabrück weggeschlichen, wie Jener sich aus der Schenke morgens um 3 Uhr. Ich habe allerlei westfälische Pretiosa für Dich bei mir, als Pumpernickel, Schinken etc.“

Im Heft C notierte sich Lichtenberg ein sprachliches Detail, das er in Osnabrück aufgeschnappt hatte und das vielleicht deutlich macht, warum es bis heute eine Freude ist, ihn zu lesen:

„Herr Westenhof in Osnabrück erzählte mir, daß ihn einmal ein Bauer gefragt hätte: Ich hebbe hört Ihr sollt elendigen schön sprecken. Elendig schön ist eine sehr gemeine Redensart und sagt so viel als sehr schön.“

Lichtenberg ist einfach ein elendig schöner Autor.


Keine „Verbrauchsliteratur“

15. November 2019

Ende Oktober hat Felix P. Ingold in der NZZ weiten Teilen der Gegenwartsliteratur vorgeworfen, dass sie nur für den Moment schreibe. Ulrich Blumenbach hat dem zwar nicht widersproch, aber versucht, dieses Ansinnen zu verstehen. Ich denke aber, dass Ingolds Impuls grundsätzlich nicht berechtigt ist. Meine Begründung hat die NZZ jetzt veröffentlicht.