Eitelkeit

Die Eitelkeit des Schreibenden unterscheidet sich von anderen Eitelkeiten durch ihren sozusagen transzendentalen Charakter: Man kann gar nicht ohne Eitelkeit schreiben. Und auch wenn der Schreibende nicht eitel ist, wird er es im Fortgang seines Tuns.

Schon vor längerer Zeit habe ich diese Feststellung von Hennig Ritter in den hier bereits wiederholt erwähnten Notizheften (Berlin 2010, S. 336) gelesen. Sie fiel mir wieder ein, als mir klar wurde, wie lange ich an diesem Ort nichts mehr publiziert habe. Ich war im ersten Moment nämlich ganz schön stolz auf mich, weil ich fand, dass es ja letztlich für mich spricht, wenn ich mal einige Zeit meine Klappe halte und außerdem auch darauf verzichte, der Welt mitzuteilen, warum ich es im Moment nicht schaffe, etwas zu posten.

Mein Stolz war natürlich nur die besserwisserische Reaktion auf all die Postings, die darüber berichten, warum man jetzt gerade nichts bloggt. Wenn ich sowas lese, möchte ich immer meine letzten Haare raufen und den Kollegen zurufen: „Freunde, schon mal was von performativem Widerspruch gehört?“ Aus Ritters Perspektive ist mein Stolz aber nichts weiter als die Kehrseite der Eitelkeit und kein Widerspruch gegen seine These.

Als mir also klar wurde, wie sehr die These richtig ist, habe ich mich gefragt, wie man die Eitelkeit zumindest einhegen kann. Schließlich ist es nicht gerade schön, wenn man sich eingestehen muss, wie sehr das eigene Mitteilungsbedürfnis letztlich durch Eitelkeit angetrieben wird. Ins Zentrum meiner Überlegungen rutschte dabei nicht nur mein eigenes, sondern das Bloggen insgesamt. Schließlich ist es eine Form des Schreibens, die diese Eitelkeit ganz besonders befördert, weil die Zugangshürden so fürchterlich niedrig sind.

Deswegen sollte es eine moralische Regulierung beim Bloggen geben. Erst dachte ich an die typisch deutsche Reaktion auf moralische Probleme: Verbieten! Wieso kann man Eitelkeit nicht einfach mal verbieten, zumindest die im Netz! Löschen und sprerren, nicht nur das eine oder das andere, beides, tabula rasa und zwar total. Gerade hatte ich den Gesetzentwurf dazu im Geiste entwickelt, klingelte der Nerd in mir an (das tut er zum Glück nicht besonders oft!) und meinte: Dummerweise lässt sich das allein schon deswegen nicht machen, weil ein großer Teil der entsprechenden Server außerhalb des deutschen Hohheitsgebietes steht. Musste also eine andere als die typisch deutsche Lösung her.

Ich habe deswegen nach einer transzendentalen Lösung für dieses laut Ritter transzendentale Kernproblem gesucht. Eigentlich ganz konsequent so kurz nach Christi Himmelfahrt und vor Pfingsten, finde ich. Meine Lösung lautet also: Demut! Alle Blogger brauchen Demut. Der Eitelkeit kann man nur mit Demut begegnen. Und wie äußert man Demut? Erst dachte ich an eine Demutsbescheinigung, aber da sich Deutschland angesichts der Haushaltslage derzeit keinen Demutsbeauftragten wird leisten können, braucht es eine unbürokratische Lösung. Im Klartext: Es braucht die altchristliche Lösung – Büßerhemd anlegen und zur Selbstkasteiung schreiten!

Deswegen fordere ich hiermit alle Bloggenden auf: Schaltet Eure Tastatur aus, nehmt die Maus in die Hand und klickt Euch ein Wochenende lang durch die Blogs der Welt – und wenn ihr dann immer noch nicht genug gebüßt (vulgo: gelitten) habt, so geht in den Buchladen und kauft Euch möglichst viele von diesen Büchern, die aus Blog-Beiträgen zusammengeschustert sind. Erst wenn ihr das gemacht habt und Eure Demut die Eitelkeit wirklich überwunden hat, dürft ihr wieder Hotdogs unten am Hafen futtern, die Tastatur wieder anschalten und dem Netz geben, was dem Netz ist. Amen!

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One Response to Eitelkeit

  1. Daniel sagt:

    Dem Netz geben, was des Netzes ist, oder?

    Was hilft gegen Eitelkeit? Hier ist die Lösung:

    Deine Empfehlung deckt sich lustigerweise mit Schritt 1 im folgenden Artikel:
    http://www.wikihow.com/Dissuade-Yourself-from-Becoming-a-Blogger

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