Kunze-Retro!

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Lk 2,14) Diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte kennt fast jeder. Heute wird er meist etwas anders übersetzt („bei den Menschen seines Wohlgefallens“), aber das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass hier ein deutlicher Unterschied zwischen drei Instanzen markiert wird: zwischen Gott, dem Erzähler und ‚den‘ Menschen. Das geht in der Bibel ganz gut, weil der Erzähler quasi außerhalb des Erdenrunds steht und erzählt, wie Christius in die Welt gekommen ist. Der Erzähler weiß, dass der kleine Junge Jesus der Christus ist – anders als ‚die‘ Menschen, die nur ein Kind in der Krippe sehen würden, wenn die Engel sie nicht belehren würden.

An den Satz muss ich denken, wenn ich an Tagen wie gestern Politiker von ‚den‘ Menschen faseln höre. Sind sie selbst keine Menschen? Meinen sie, dass sie ähnlich wie der Bibel-Erzähler allwissende Wesen sind, die außerhalb des Geschehens stehen?

Man kann dieses Gerede noch steigern, indem man nicht von ‚den‘ Menschen spricht, sondern pars pro toto nur von ‚dem‘ Menschen: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ Wenn irgendein Vertreter der selbsterklärten ‚politischen Klasse‘ so spricht, dann ahmt er nicht nur biblischen Duktus nach und spielt den Seelsorger. Er tut zugleich so, als sei er nicht selbst Teil der Gesellschaft, und diskreditiert sich damit eigentlich als Bürgervertreter.

Kurzum: Mich nervt diese Art des politischen Geredes, weil ich sie als zutiefst undemokratisch empfinde.

Und wenn etwas stört, dann wird man dafür sensibel und stört sich daran immer öfter. Vielleicht ist deswegen bei mir der Eindruck entstanden, dass dieses Gerede erst in den letzten zwei, drei Jahren aufgekommen ist und zuletzt deutlich zugenommen hat. Am Wochenende nun habe ich Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman (zuerst 1985) gelesen, in dem der DDR-Funktionär Kunze jenen eben zitierten Satz sagt: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ (In meiner Neuausgabe Leipzig 2000, S. 138).

Braun lässt Kunze diesen Seelsorger-Satz sagen, nicht nur um dessen Formelhaftigkeit, sondern auch um die Abgehobenheit der politischen Klasse von der DDR-Bevölkerung bloßzustellen. Aus dem selbsterklärten Menschenversteher wird einer, der die Menschen gerade nicht versteht, weil er deutlich zwischen ihr und sich trennt. Das Gerede demaskiert den Sprecher. Deswegen habe ich mich diebisch über diesen Fund gefreut, weil ich mich in Zukunft nicht mehr über die sprachliche Unbedarftheit von Politikern, die durch ihre Wortwahl gerne innovativ wirken möchten, ärgern muss. Ich werd‘ mir sagen, dass das schlicht Kunze-Retro ist, eine intertextuelle Verneigung vor einem großen DDR-Roman, ein ironisches Augenzwinkern unter Braun-Lesern – und auf einmal wird die Welt viel schöner und bunter sein.

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3 Responses to Kunze-Retro!

  1. jge sagt:

    „Ehre sei Gott …“ sagen die Engel, nicht der Erzähler, der gibt die wörtliche Rede nur wieder …

  2. jge sagt:

    Tschuldigung, ich wollte nicht beckmessern. Ich hatte einen viel längeren Kommentar da stehen, aber den hat WordPress geschluckt. Da stand zuerst. „Volle Zustimmung“ … und eine Bemerkung darüber, dass „der Wähler“ „draußen in den Wahlkreisen“ mir auch sauer aufstößt, weil die gleiche Art der pauschalen Distanzierung (the Other?) da drin ist.

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