„Was Frauen schauen“

Letzte Woche habe ich Jonathan Safran Foers Extrem laut und unglaublich nah gelesen und mir gleich auch die Verfilmung mit Tom Hanks und Sandra Bullock besorgt. Auf der Schutzfolie der DVD prangte ein runder Aufkleber: „Was Frauen schauen“.

Was soll das sagen?
Vielleicht: In dem Film geht es um Themen, die Frauen interessieren?
Vielleicht auch: Die Film-Ästhetik ist irgendwie ‚weiblich‘?

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Über das bescheuerte Gendering der Werbeindustrie ist in den letzten Jahren schon viel geschrieben worden. Das will ich hier nicht wiederholen, auch wenn mich rosa Überraschungseier, Lego Friends und vermeintliche „Frauen“-Romane immer noch fassungslos machen. Der Aufkleber bestätigt diesen Eindruck, weil er im Hinblick auf den Film schlicht sinnlos ist. Erzählt wird die Geschichte von Oskar, der einige Dinge über seinen Vater herauszubekommen versucht. Der Vater ist 9/11 im World Trade Center gestorben. Oskar hatte ein sehr intensives Verhältnis zu seinem Vater. Der Film hat zwar (wie der Roman) ein einigermaßen versöhnliches Ende, aber er verhandelt weder Themen, die Männer weniger interessieren als Frauen, noch ist die Darstellungsweise irgendwie ‚weiblich‘ (wobei mir da vielleicht auch schlicht die Phantasie fehlt, wie das aussehen könnte).

Warum also dieser Aufkleber? Natürlich hätte ich es besser gefunden, wenn statt „Was Frauen schauen“ auf dem Aufkleber gestanden hätte: „Nach dem Roman von Jonathan Safran Foer“. Das wäre aus meiner Sicht auch deswegen angesagt gewesen, weil sein Name auf dem durchaus textlastigen DVD-Cover nicht zu finden ist. Dass sich die Werbeleute anders entschieden haben, sagt viel über den Status des Autors im Film aus.

Ich habe am letzten Freitag im Theater Osnabrück eine Inszenierung von Foers Roman gesehen. Sein Name war sowohl im Spielplan als auch auf dem und im Programmheft präsent. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, nur die Namen der Regisseurin (Annette Pullen!) und der Schauspieler zu nennen und dann auf die Werbeplakte für die Inszenierung „Was Frauen schauen“ zu texten. Doch habe ich mich nicht nur über mangelnde Anerkennung von Foers Werk geärgert. Er wird für die Rechte königlich honoriert worden sein, so dass diese Petitesse gewiss abgegolten ist. Nein, vielmehr geärgert hat mich, weil dadurch wichtige künstlerische Dimensionen des Films unterschlagen werden – also z.B. wie sich der Film zum Roman verhält (mal ganz davon abgesehen, dass der Roman seinerseits eine Verneigung vor Grass‘ Blechtrommel ist, was wiederum der Film unterschlägt).

Durch „Was Frauen schauen“ wird der Film auf eine völlig abwegige Rezeption reduziert und in seinem künstlerischen Anspruch verachtet. Der Aufkleber gendert also nicht nur unangemessen einen guten Hollywood-Film und diskriminiert Männer, indem er behauptet, dass sie sich für die Themen, die in dem Film verhandelt werden, nicht interessieren. Vor allem spricht aus ihm fehlende Wertschätzung für die künstlerische Leistung des Films selbst. Das nennt man wohl Bärendienst.

 

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2 Responses to „Was Frauen schauen“

  1. Das ist wirklich schräg. Vielleicht meinte man im Marketing, das sei die ultimative Verkaufsförderung (wem Sandra & Tom noch nicht reichen); Frauen kaufen es dann eh, & Schatzi kauft’s, um Mausi ne Freude zu machen oder so.
    Dass ausgerechnet so ein erfolgreicher Autor wie Foer unterschlagen wird, verstehe ich nicht, ebenso dieses Blechtrommelding. Ob die Marketingabteilung Sorge hatte, potenzielle Käufer abzuschecken? (Huch, ne Literaturverfilmung!) Oder hält sie das Publikum insgesamt für literaturuninteressiert? Frage über Fragen! ; )

    • kai bremer sagt:

      Ja, an einen Umweg (Vatti kauft für Mutti) habe ich auch schon gedacht. Andererseits: Wenn die DVD nicht eh online bestellt wird, wird sie heute meist im Supermarkt vertickt. Kauft Vatti da für Mutti die DVDs?
      Deine 2. Frage: denke, dass von Desinteresse für Literatur ausgegangen wird bzw. die eigenen Seherfahrungen verallgemeinert werden.

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