Kritiker-Inszenierung

29. Januar 2018

Vor einigen Jahren stand ich im oberen Foyer des Schauspiels Frankfurt. Gleich sollte Schnitzlers Liebelei gegeben werden. Ich würde drüber schreiben. Für nachtkritik.de. Damals – in seinem vierten Jahr – zwar schon als theaterkritrischer Blog bekannt, aber längst noch nicht die überregionale Kapazität, die es heute ist.

Das wurde mir im Kontrast deutlich. Kurz nach mir schritt ein zweiter Kritiker die Treppe hinauf: Gerhard Stadelmaier. Falk Schreiber hat auf nachtkritik.de jüngst in Erinnerung gerufen, für was insbesondere Stadelmaier, aber auch einige andere standen, als etwa Falk oder ich anfingen, Kritiken zu schreiben.

Erst war ich versucht, ihn anzusprechen. Konnte man ihn begrüßen mit: „Hallo Herr Stadelmaier, ich bin auch Theaterkritiker und wir haben auch noch denselben Doktorvater! Darf ich Sie auf ein Glas Wein einladen?“

Doch dann sah ich, dass das nicht angemessen gewesen wäre. Stadelmaier betrat den Aufgang zum Theater nicht einfach. Nein. Stadelmaier wandelte die Treppe hinauf, wie es kurz vor ihm Michel Friedman und Bärbel Schäfer getan hatten: Ein Wink nach links, ein Scherz nach rechts, langsames Schreiten als Ausdruck höchster eigener Bedeutung und großer Huld, die dem zu dieser Zeit so erfolgreichen Schauspiel Frankfurt zuteile wurde.

Ich musste an einige seiner Sätze über Lessing denken:

Lessing war bis zum Wahnsinn in Schriften, Bücher, Thesen, Antithesen, Fragen und Streit verliebt. Er genoß fast erotisch jeden öffentlichen Auftritt im Kampf um die Wahrheit oder das, was andere als er für die Wahrheit hielten, er aber nur für eine Gelegenheit hielt, weiterzukommen, frischer zu denken, ungenierter zu polemisieren, sich im Gedankenfluß zu baden.

(Gerhard Stadelmaier: Traumtheater. Vierundvierzig Lieblingsstücke. Frankfurt/M. 1997, S. 211).

Stadelmaiers Charakterisierung Lessings als wenig an der Wahrheit interessierten, sondern in erster Linie zügellos selbstverliebten Kritiker und Denker ist mir bis heute suspekt. Auch entspricht es kaum dem Lessing-Bild, das die meisten zeichnen würden, die wie er und ich bei Wilfried Barner studiert haben – auch wenn der immer wieder betont hat, wie anmaßend Lessings Polemik oft war.

Wer Stadelmaiers Kritiken, aber auch seine Bücher über das Theater kennt (mit Ausnahme seiner Lessing-Dissertation), hat nicht selten den Eindruck, dass er immer auch von sich selbst spricht, wenn er über Lessing schreibt. Das liegt zunächst, so darf man sicher festhalten, an Lessings wie Stadelmaiers Wertschätzung der Polemik. Peter-André Alt hat das in seiner Laudatio zur Verleihung des Deutschen Sprachpreises an den Kritiker auf den Begriff der ‚kalkulierten Explosionen‘ gebracht (abgedruckt in der FAZ vom 24.9.2016, Nr. 224, S. 22). Das trifft das Gemeinsame von Lessing und Stadelmaier, denke ich, sehr gut. Aber es gibt doch mindestens einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden. Zwar ist auch Stadelmaier, das deutet mein Hinweis auf seine akademische Sozialisation bereits an, ein mit allen Wassern der Gelehrsamkeit gewaschener Kritiker. Aber sein Umgang mit seinem akademischen Fundament ist doch ein ganz anderer als der Lessings. Das führt bereits vor, wie er in der FAZ anlässlich des 70. Geburtstags an Wilfried Barner erinnerte:

Seine überlaufenen Seminare waren schwafelfreie Oasen kritischer Sachlichkeit, gedanklicher Schärfe und intellektueller Distinktion. Sein Hausheiliger: Lessing. Dessen kritische Schriften, Polemiken, Dramen, dessen Methoden freier Beweglichkeit und des Verbotes des Denkverbotes, aber auch dessen Lust, in ältesten Papieren neuestes Entwicklungen anzustoßen und vor allem: wirken zu wollen, nutzte Barner als Humus einer nützlichen Wissenschaft.

(FAZ vom 2.6.2007, Nr. 126, S. 23).

Stadelmaiers Geburtstagsgruß hat mich damals sehr erfreut, er trifft sehr gut die verschiedenen Forschungsschwerpunkte Barners und seine Art zu lehren. Gleichwohl bin ich mir sicher, dass Barner sich zumindest an der Bezeichnung Lessings als ‚Hausheiligem‘ gestoßen hat. Was für ein katholischer Gedanke! Und dann noch ein zutiefst unkritischer.

Und so weist denn die Wendung vom ‚Hausheiligen‘ darauf hin, dass das Verhältnis von Barner und Stadelmaier kein unproblematisches ist – zumindest im Hinblick auf Stadelmaiers Umgang mit Barner. Barner, so scheint mir, hat das Verhältnis vergleichsweise pragmatisch betrachtet. Er zitiert Stadelmaiers rezeptionsästhetische Dissertation über Lessing auf der Bühne der 1970er Jahre sehr regelmäßig in seinen eigenen Lessing-Studien.

Im Unterschied dazu ist Stadelmaiers Umgang mit Wilfried Barner höchst ambivalent. Zwar gibt es das wertschätzende Porträt zum 70. Geburtstag. Aber in seinem autobiographischen Roman Umbruch von 2016 ergibt sich ein anderes Bild.

Ausführlich schildert das Ich die Faszination, die es früh erfasst hat, wenn es im Theatersaal oder aber in Redaktionsbüros sitzt und sich so ganz am Puls der Zeit fühlt. Umbruch ist, das ist eigentlich ganz putzig, mehr ein Coming-of-Age-Roman als ein Bildungsroman. Diesen Eindruck unterstützt gerade auch der Erzähler, da er den Protagonisten altväterlich immer nur ‚der junge Mann‘ nennt. Die Befreiung aus der provinziellen schwäbischen Enge vollzieht sich in dem Roman zyklisch wie bei Andreas Maier in allmählicher Erweiterung des Horizonts: erst das Dorf, dann die Kreisstadt, die Universitätsstadt, die Landeshauptstadt und schließlich die Großstadt, die – wenn ich mich recht erinnere – nie Frankfurt genannt wird.

Allein aufgrund dieser Raum gewordenen Dynamik hätte sich ein näherer Hinweis auf das Studium angeboten. Und es ist auch nicht so, dass die Universität unerwähnt bleibt. Aber letztlich nutzt das Roman-Ich sie ausschließlich, um sich über deren Politisierung lustig zu machen. Anders als Stadelmaier in der FAZ-Laudatio vor zehn Jahren erwähnt das Ich des Romans nicht, dass es in den 70ern in Tübingen jüngere Professoren gab, die Wissenschaft und frischen Wind zu vereinen wussten. Dass zudem das Vorbild des Ichs, nämlich der empirische Autor, der Universität sogar so nahe stand, dass er eine Dissertation bei dem Lessing-Forscher schlechthin geschrieben hat, bleibt gänzlich unerwähnt.

Natürlich ist ein Roman kein Abbild der Wirklichkeit. Aber selbstverständlich legt der Roman eine autobiographische Lektüre angesichts der zahlreichen Parallelen und intimen Details nahe. Umbruch ist eine in Romangestalt daherkommende Selbstinszenierung, die alles darauf konzentriert, ein Bild vom theaterkritischen Self-Made-Man zu zeichnen. Ein solcher Umgang mit der eigenen akademischen Sozialisation war Lessing ganz und gar fremd. Das belegen seine literarischen Arbeiten wie seine Kritiken eindrücklich.

Diese Überlegungen gehen zurück auf einen Vortrag, den ich zunächst anlässlich des 80. Geburtstags von Wilfried Barner am 3. Juni 2017 in Göttingen gehalten habe. Für die Diskussion und Kritik danke ich den Teilnehmern des Kolloquiums sehr. Als ich nun Falk Schreibers Essay auf nachtkritik.de las, schien mir dies eine gute Gelegenheit, die Überlegungen zu überarbeiten und hier zu publizieren.

Authentizität

31. Oktober 2017

Wolfgang Engler, der langjährige Leiter der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, hat ein Buch über das zeitgenössische Bedürfnis nach Authentizität geschrieben. Auf nachtkritik habe ich mir dazu vor einigen Tagen ein paar Gedanken gemacht.


Luther auf der Bühne

11. Oktober 2017

Meinen ersten Luther-Vortrag habe ich im März gehalten; Schluss ist mit den Reformationsfeierlichkeiten ist zumindest für mich Ende November mit einem Abend-Vortrag. Dazwischen lagen weitere Diskussionen, Vorträge, Ausstellungsbeiträge und -besuche. Am letzten Wochenende habe ich dann zudem das Luther-Stück von Feridun Zaimoglu in Kiel besucht. Es hat der Reformation eine bemerkenswerte Facette abgerungen und war insgesamt sehr überzeugend. Wie’s genau war, habe ich auf nachtkritik ausgeführt.


Die Milchstraße

18. September 2017

hat geknurrt. Doch meinte sie mich? Ich weiß es nicht. Wie es ist, wenn sie knurrt, könnt ihr in Bielefeld sehen und auf nachtkritik.de lesen.


85 Dinge im Literaturhaus-Garten

21. März 2017

Es gibt einen Vers von Donald Berger, den ich einfach nur zitieren möchte. Er ist aus seinem Gedicht I Forget:

At the café outside Literaturhaus once, Monika Rinck took at least 85 things from her pocketbook and covered the table with them, and then she did it again.

Donald Berger: The Long Time. Die währende Zeit. Übers. v. Christoph König. Göttingen 2015, S. 42.

Ich stelle mir das als Gemälde von Max Liebermann vor: „Monika Rinck zeigt Donald Berger den Inhalt ihrer Handtasche (zum zweiten Mal)“.


Erdung

18. März 2017

Vielleicht das berühmteste der Sonette an Orpheus, das ‚Reiter-Sonett‘, beginnt folgendermaßen:

Sieh den Himmel. Heißt kein Sternbild „Reiter“?

(Über „Die Sonette an Orpheus“ von Rilke. Hg. v. C. König, K. Bremer. Göttingen 2016, S. 66).

Das Sonett ist nicht zuletzt deswegen so berühmt, weil es dazu eine besonders umfangreiche Deutungsgeschichte gibt (vgl. u.a. dazu ebd., S. 66-71 Christoph Schmälzle). Eine Pointe dieses Gedichts ist, dass das Pferd des Reiters nie ausdrücklich genannt wird und dass es gleichwohl schon mit dem ersten Vers präsent ist. Schließlich kann es einen Reiter ohne Reittier gar nicht geben.

Wie eine spielerische Antwort darauf erschien mir nun ein Gedicht Tranströmers, das ich jüngst gelesen habe. Die letzte Strophe seines Gedichts Caprichos, dessen Titel natürlich gleich an Goya denken lässt, lautet:

Im Raum da oben:
geräuschlos trabend, stiebend und schwarz,
ungesehen und ungebunden,
den Reiter abgeworfen:
ein neues Sternbild, das ich „Pferd“ nenne.

(Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel. München 1997, S. 38).

Diese Verse sind meinem Eindruck nach ein wunderbares Beispiel für die Leichtigkeit von Tranströmer. Er ironisiert die Reflexion bei Rilke, ohne sich darüber lustig zu machen. Tranströmers Ich blickt ebenfalls in den Himmel. Was bei Rilke Ausgangspunkt der Reflexion ist, ist bei Tranströmer jedoch Schlusspunkt: Nachdem das Ich zuvor durch abendliche Straßen gegangen ist, erlebt es nun die angenehme Einsamkeit. Es betrachtet entspannt den Himmel und erfreut sich an der Geschichte, die es dort sieht.

Dieser lakonische Reflex auf Rilke findet sich bei Tranströmer wiederholt. In Der halbfertige Himmel von 1962 ‚geht‘ gleich zweimal ein Baum: einmal am Beginn von Der Baum und die Wolke („Ein Baum geht umher im Regen“, ebd., S. 54), einmal am Ende von Der Klang („und die ruhigen Schritte eines Baumes, die ruhigen Schritte eines Baumes.“ ebd., S. 56). Das erinnert an den berühmten Beginn von Rilkes Sonetten (I,1: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung.“). Doch anders als bei Rilke schildern Tranströmers Gedichte dann nicht, was das Gehen bzw. die Schritte auslöst. Bei Tranströmer bewegen sich die Bäume fort, ganz selbstverständlich und ohne Ursache. Bei Rilke folgt das Steigen aus dem Gesang von Orpheus. Tranströmers Verse wenden sich gewissermaßen vom Künstler ab – von Orpheus, vom Reiter –  und der Natur zu. Aber indem sie das mit Metaphern machen, die an Rilke erinnern, halten seine Verse zugleich das Bewusstsein wach, dass es sich bei ihnen nicht um bloße Naturlyrik handelt, wie man beim oberflächlichen Lesen zunächst meinen kann.


„… damit es grün bleibt“

24. Februar 2017

In Heiner Müllers Mauser gibt es einen paradoxen Vers, der mich immer wieder fasziniert hat:

                                 wissend, das Gras noch
Müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt.

(Heiner Müller: Mauser, in: ders.: Werke 4. Frankfurt/M. 2001, S. 245)

Hans-Thies Lehmann und Susanne Winnacker haben im Heiner Müller Handbuch (S. 255) diesen Vers überzeugend auf Der stille Don des Nobelpreisträgers Scholochow bezogen: Revolution als Gärtnerarbeit, Drecksarbeit im wahrsten Wortsinn. Das mag in dem Roman metaphorisch ganz hübsch hinhauen, ist ja auch leicht variiert für andere Lebensanschauungen entwickelt (‚Arbeit im Weinberg des Herren‘). Aber Müllers Vers bleibt gleichwohl paradox. Schließlich grünt nichts mehr, wenn man das Gras ausreißt – es sei denn, man sät es neu. Hier aber grünt es, weil es ausgerissen wird. Das Grün folgt auf die Zerstörung vom Gras. Die Ambivalenz des Verses entsteht, weil unsicher bleibt, ob ‚grün‘ hier synonym für das Gras steht oder ob es für etwas Neues steht, das Hoffnung spendet.

Das fiel mir wieder ein, als ich letztens folgende predigthafte Sätze in Prousts Die wiedergefundene Zeit gelesen habe:

Victor Hugo sagt:
„Das Gras muss sprießen, und die Kinder müssen sterben.“
Ich aber sage, dass das grausame Gesetz der Kunst fordert, dass die Wesen sterben und dass wir selbst sterben, indem wir alle Leiden ausschöpfen, auf dass nicht das Gras des Vergessens sprieße, sondern das des ewigen Lebens, das dichte Gras fruchtbarer Werke, auf dem Generationen fröhlich, ohne Sorge um die, die darunter ruhen, ihr „Frühstück im Grünen“ veranstalten werden.

(Marcel Proust: Die wiedergefundene Zeit. Stuttgart 2016, S. 488f.)

Ich weiß nicht, ob Müller Proust je gelesen hat oder ob er ihm zumindest vermittelt durch Benjamin bekannt war (was ich immerhin für wahrscheinlich halte). Ich will auch gar nicht nahelegen, dass Müller mit dem Vers aus Mauser auf Hugo oder Proust anspielt (obwohl der gemeinsame messianische Duktus hier frappiert). Immerhin aber kann die Passage von Proust veranschaulichen helfen, Müllers paradoxe Metaphorik zu verstehen. Prousts Gras steht für sorglose Kontinuität des Bürgerlichen durch die Kunst. Eben dem will der Protagonist in Müllers Lehrstück ein Ende setzen durch etwas gänzlich Neues, weil aus seiner Sicht das Bürgertum kein Hoffnungsträger mehr ist und weil die Toten die Lebenden nicht mehr sorglos leben lassen.


Volksbühne Berlin

8. Dezember 2016

Eigentlich steht bei meiner Rundreise durch die Berliner Bühnenlandschaft das heutige Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf dem Programm. Aber da die Debatte um die Neuausrichtung der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz weiterhin virulent ist, dachte ich mir, dass ich meinen Beitrag dazu vorziehen sollte. Beginnen wir vielleicht mit einem alternativen Blick. Ich hatte letztens das Glück, den amerikanischen Lyriker Donald Berger folgendes Gedicht lesen zu hören:

People’s Stage

I love how you looked on that day.
I didn’t know you and still
Don’t know you,
The day of the walking X’s, no, the walking wheels.

I have to be home before two.
I let in a miniature face.
The shadow under the S-Bahn bridge is cold.
The man-sized graffiti almost a comfort.

Take those thoughts of a hand the fireflower put it
Over the window that reads, in English,
The Unknown Friends.

(Donald Berger: The Long Time. Die währende Zeit. Poems/Gedichte. Aus d. Englischen v. Christoph König. Göttingen 2015, S. 10).

Als ich schon vor längerer Zeit die Volksbühne nachgebaut habe, hing mir – wie so vielen – noch der Tod von Bert Neumann nach. Ich wollte deswegen auf jeden Fall auch das große ‚OST‘ auf dem Dach der Volksbühne realisieren, was bei Lego ja nicht so leicht ist, weil Lego insgesamt kein Freund von Biegungen, sondern von Ecken und Kanten ist. Dementsprechend war aber der Rest der Volksbühne verhältnismäßig gut zu realisieren.

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Was ich damals hingegen nicht nachgebaut habe, war das ‚Räuber-Rad‘ oder auch ‚laufende Rad‘ aus Castorfs Räuber-Inszenierung (die ich leider nie gesehen habe). Dass ich’s nicht gebaut habe, war auch dem Umstand geschuldet, dass das Rad auf dem Vorplatz steht. Bergers Gedicht aber hat mich daran erinnert, wie sehr das Rad den Besuchern der Volksbühne schon früh signalisiert, dass sie jetzt einen besonderen Raum betreten – einen Raum, in dem andere, nicht-bürgerliche Ordnungen und die ganze Energie des Sturm und Drang herrscht.

Dieser Raum, den die Volksbühne bis heute besetzt, symbolisiert ideal, was sich seinerzeit schon Ivan Nagel und seine Mitstreiter von dem Haus erhofften, als sie das bis heute wirkungsmächtige „Gutachten“ (das ja eher ein Masterplan für die Berliner Theaterlandschaft war) vorlegten:

Das hässlichste große Theater Berlins ist (ebenfalls deshalb) am besten geeignet, um ein junges Theater zu gründen: mit ästhetischer Innovationslust, politischer Schärfe wie (und sicher ganz anders als) die einstige Schaubühne am Halleschen Ufer. In diesem Haus, mit der U-Bahn vor den Pforten, zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg gelegen, den Platz mit dem Programmkino Babylon teilend, dem Liebknecht-Haus brisant benachbart, aus Art déco- und SED-Bau mit kostbar scheußlichem Material zusammengesetzt, ließe sich etwas bewegen. Das Haus ist nicht nur auf der Hauptbühne, sondern in drei Foyers und einer Studio-Bühne bespielbar: in seiner besten Nachkriegs-Zeit haben das Benno Besson, Manfred Karge/Matthias Langhoff, Heiner Müller vorgeführt – in Ostberlin unvergessen.

(Ivan Nagel: Streitschriften. Politik, Kulturpolitik, Theaterpolitik. Berlin 2001, S. 133).

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Verteidiger der aktuellen Entscheidung zur Neuausrichtung der Volksbühne erinnern gerne daran, dass auch das Gutachten von 1991 für viel Widerstand gesorgt hat. Das ist zweifellos richtig. Nur artikulierte sich der damals vor allem, weil die Westberliner Theaterlandschaft beschnitten wurde. Die Entscheidung, Castorf die Volksbühen zu überantworten, wurde zwar nicht immer begrüßt, aber im Zentrum der Debatte stand diese Entscheidung nicht.

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Dieser Blick zurück auf das Gutachten von Nagel führt vor, dass die Vorschläge damals auf der Basis von verschiedenen klar benennbaren Kriterien formuliert wurden: die neue Leitung sollte ein historisches Bewusstsein für den genius loci haben, ästhetisch innovativ, politisch ’scharf‘ sowie ‚jung‘ sein, was sich sowohl auf die Belgeschaft als auch das Publikum beziehen dürfte. Die künstlerische Spannung ergab sich also allein schon aus diesen Voraussetzungen: aus der ästhetischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Ziel, dafür mit ‚anderen‘ Mitteln ein ‚anderes‘ Publikum zu gewinnen.

In Berlin wurde knapp ein Jahrzehnt später, mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung an der Schaubühne, erneut versucht, eine solche Grundspannung zu erzeugen. Auch die Besetzung der aktuellen Intendanz am Gorki, mit Shermin Langhoff seit 2013, war von einer solchen Innovationslust gekennzeichnet. Die aktuellen Entscheidungen in Berlin hingegen orientieren sich ganz augenscheinlich an einer ganz anderen Größe, nämlich am vermeintlichen Publikumsgeschmack. Das hat dazu geführt, dass auf einmal eine Riege älterer und alter Männer zusammen mit Sasha Waltz die Leitung aller demnächst vakanten Häuser überantwortet wird – in der Hoffnung, dass die das schon richten werden, weil sie’s bisher ja auch nicht schlecht gemacht haben.

Dass das bei der Volksbühne besonders viel Widerstand ausgelöst hat – und das sollte man sich in aller Deutlichkeit klar machen –, ist nicht nur dem Umstand zu verdanken, dass Castorf in den letzten 25 Jahren ein ganz einzigartiges Theater mit ganz speziellen Publikumsbindungen geschaffen hat. Es ist auch dem Umstand geschuldet, ästhetische Fragen nicht nur aktuell-diskursiv, sondern auch historisch zu reflektieren und so Ausdrucksformen Raum zu geben, die beispielsweise Nagel sicherlich fern standen. Offenbar ästhetisch wie politisch großzügig hat er gleichwohl ein Theater ermöglicht, das inzwischen ein Viertjahrhundert der Theatergeschichte Berlins geprägt hat. Man kann sich nur wünschen, dass mit dem heutigen Tag eine solche Hellsichtigkeit wieder in die Kulturpolitik Berlins einkehrt.

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