Gelehrte Polemik heute

Gerd Fritz hat vor einigen Monaten sehr kluge Überlegungen zur Funktion der Kontroverse in den Geisteswissenschaften angestellt (vgl. http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/). Ergänzend muss aber auch über die Frage nachgedacht werden, wie wir in den Geisteswissenschaften insgesamt die Akzeptanz von vergleichsweise ‚weichen‘ und auch instabilen Formaten wie dem weblog steigern können. Ein grundlegendes Problem ist schon der Umfang. Webformate sind für intensive Auseinandersetzungen kaum geeignet, weil die Leser kurze Artikel und klare Positionen (also keine differenzierten Meinungen) bevorzugen.

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4 Responses to Gelehrte Polemik heute

  1. gerd fritz sagt:

    Ja, dieses Umfangsfrage ist interessant. Einerseits ist es sicherlich richtig, dass für die digitalen Formate kürzere Postings die Norm sind. Aber es gibt z.B. in Blogs wie dem Language Log von Libermann und Pullum, der sehr gut besucht wird, viele Postings in der Länge von umgerechnet ca. 3 Druckseiten. Da kann man schon einiges sagen. Selbst in Mailinglists sind solche Beiträge nicht ungewöhnlich, ebenso in Open Peer Review Journals. Also zumindest bis zu dieser Grenze können Postings problemlos gehen. Andererseits kennen Wissenschaftler ja schon einige Kurzformen, beispielsweise den Abstract, den man zur Begutachtung an Kongressveranstalter schickt, oder die Kurzrezension. Vielleicht sollten wir versuchen, kurze, knackige Texttypen zu entwickeln, mit denen man zu interessanten Themen ein paar Essentials sagen kann.

  2. kaibremer sagt:

    Da kann ich Ihnen nur zustimmen, lieber Herr Fritz. Aber wie entwickelt man Texttypen? Letztlich bleibt uns nur learning by doing bzw. die Nachahmung sich etablierender Formen, oder? Oder kann man Texttypen auch anders entwickeln? Ich vermute mal, dass die Formate sich inzwischen derart schnell ändern, dass jede Entwicklung ohne Anbindung an die Praxis zum Scheitern verurteilt ist.

  3. gerd fritz sagt:

    Wie entwickelt man Texttypen? Das ist eine wunderbare Frage. Normalerweise entwickeln sich die Texttypen ja als Produkte der unsichtbaren Hand „wie von selbst“, wenn viele Leute dieselben kommunikativen Aufgaben zu lösen haben. Einer sieht einen Text von einem Format, das ihm gefällt, das irgendwie „passt“ und ahmt ihn nach usw. Niemand hat eigentlich die Intention, einen Texttyp zu entwickeln, aber er entwickelt sich halt. Eine Bedingung dafür scheint ja gegeben zu sein: Viele Wissenschaftler haben ähnliche kommunikative Aufgaben. – Aber es gibt natürlich auch ein gezieltes Experimentieren – Sie tun das, ich tue das dann und wann und viele andere tun es auch. Ein wichtiger Punkt scheint mir darin zu bestehen, dass man die geeigneten Themen findet. Was brennt den Leuten in unserer Community auf den Nägeln? Traumhaft wäre, wenn man mit wissenschaftlichen Blogs eine aktuelle Diskussion führen könnte, ohne technischen Apparat und Fußnoten, aber ernsthaft. Eine Art virtuelle Tagung. (In manchen Mailinglists gibt es „Roundtables“ zu attraktiven Themen, z.B. in der Shakspere discussion group. Shakspere – kein Druckfehler, Originalschreibung aus dem Taufregister!) Vielleicht könnte man sogar Themen kreativ weiterentwickeln und Agenda Setting betreiben. (A propos „in unserer Community“: bilden die Germanisten noch eine Community? Die Kontroversenforscher schon eher!)

  4. kai bremer sagt:

    Das Stichwort ‚Ernsthaftigkeit‘ scheint mir besonders wichtig. Um blog-Beiträge und Kommentare zum Leben zu erwecken, sollte man m.E. vor allem authentisch sein. Und authentisch heißt hier zunächst: der Sache angemessen. Das ist letztlich also ein rhetorisches Problem. Ich habe den Eindruck, dass viele Wissenschaftsblogs auf der Suche nach einem angemessenen Ton sind. Gerade weil es um ‚etwas‘ geht, bleibt der Ton sachlich. Zugleich aber kennt man vor allem die erfolgreichen blogs, die einen anderen, viel lebendigeren und oft auch polemischen Stil pflegen. Ich denke aber, dass man sich daran nicht zu sehr orientieren sollte. Solche blogs haben ein ganz anderes Publikum. Wenn wir blogs als Format für unsere Community erschließen wollen, müssen wir uns auch am Stil orientiert, der darin sonst üblich ist.
    Tja, aber das wirft natürlich erst recht die Frage auf, ob die Germanistik (noch?) eine Community ist. Manchmal habe ich ja den Eindruck, dass jeder Lehrstuhl seine eigene Community bildet…
    Vielleicht hilft (zumindest mittelfristig) gerade das Bloggen, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

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