Nur eine Seite…

Gestern abend war in Gießen die Premiere von Heiner Müllers Deutschland-Revue Germania Tod in Berlin. Das Stück stellt in zahlreichen Episoden den frustrierenden Weg der Arbeiterklasse in Deutschland nach. Am Ende stirbt der ‚ewige Maurer‘ Hilse an Krebs – glücklich, aber betrogen. Die Frau, die er für eine Wiedergängerin von Rosa Luxemburg hält, ist in Wahrheit eine Prostituierte, die ihn glücklich sterben lässt, indem sie ihm von den roten Fahnen über Rhein und Ruhr vorschwärmt.

1977 erschien das Stück in Westdeutschland, entstanden war es in verschienden Produktionsphasen zwischen 1956 und ’71, im Berliner Rotbuch-Verlag. Auf die letzte Szene des Stücks, also den Tod vom ewigen Maurer, folgt im Buch auf der nächsten Seite das Kapitel „Ausreisen“. Es wird eröffnet mit einem Gedicht mit dem Titel Motiv bei A.S.

Es ist ein Gedicht zu einer Erzählung von Anna Seghers, Müller wird dieses Motiv aufnehmen und in Der Auftrag dramatisieren. Mit diesem Stück wird die Frage nach dem Fortgang der Revolution gestellt – nach ihrem Fortgang abseits der industrialisierten Staaten.  Im Stück scheitert die Revolution auf Haiti, doch formuliert Sasportas, der farbige Revolutionär, noch angesichts des Scheiterns seine Hoffnung:

„Ich habe gesagt, daß die Sklaven keine Heimat haben. Das ist nicht wahr. Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand. Ich gehe in den Kampf, bewaffnet mit den Demütigungen meines Lebens.  […] Aber der Tod ist ohne Bedeutung, und am Galgen werde ich wissen, daß meine Komplicen die Neger aller Rassen sind, deren Zahl wächst mit jeder Minute, die du an deinem Sklavenhaltertrog verbringst oder zwischen den Schenkeln deiner weißen Hure. Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Mit jedem Herzschlag der Revolution wächst Fleisch zurück auf ihre Knochen, Blut in ihre Adern, Leben in ihren Tod.“

Nur eine Seite nach dem Krebstod der proletarischen Revolution formuliert Müller seinen Traum von einer neuen Revolution. Man darf sich fragen, ob sein Hoffen auf die Revolution angesichts der Katastrophe von Haiti hätte erschüttert werden können. Die Müller-Philologen werden die Antwort darauf wissen, allen anderen bleibt nur mehr Ratlosigkeit.

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