Nun streitet Euch doch nicht…

In der Zeitschrift für Ideengeschichte hat Herfried Münkler Ende letzten Jahres einen Artikel über die Bedeutung des Streitens für die Intellektuellen publiziert („Niederwerfen oder Ermatten?„, ZIG III/4 2009). Münkler stellt darin u.a. klar, dass der Intellektuelle eine recht moderne Erscheinung ist und nicht etwa eine der Vormoderne. Ich finde diesen Hinweis sehr richtig. Auch schon vor der Lektüre des Aufsatzes habe ich mich immer mal wieder gefragt, was den Gelehrten der Frühen Neuzeit vom Intellektuellen der Moderne denn eigentlich konkret unterscheidet.

Münklers Aufsatz hat, obwohl das eigentlich gar nicht sein primäres Anliegen ist, mir darauf eine Antwort gegeben. Er zeigt nämlich, wie sehr der Intellektuelle der Moderne ein „Aufrührer und Ordnungsstörer“ ist. Nun ist das in gewisser Hinsicht der Gelehrte der Frühen Neuzeit auch, denn auch er streitet sich gerne und über alle möglichen Themen. Im Unterschied zum Intellektuellen sucht der Gelehrte aber eigentlich keine Öffentlichkeit außerhalb der Akademie. Er beschränkt sich auf seinesgleichen. Dem Intellektuelle dagegen ist der Elfenbeinturm zu eng, er bricht aus und breitet den Streit so aus. Das setzt aber auch voraus, dass der Intellektuelle eine Sprache spricht/schreibt, die andere verstehen.

Die Streitlust der Intellektuellen des 18. und 19. Jahrhunderts ist aber nach Münkler in eine „Ermattungsstrategie“ im 20. Jahrhundert eingemündet. An die Stelle des Streits, der direkten Auseinandersetzung trat die Tendenz, die eigene Position als Konsensposition zu verkaufen. Streitpunkte werden zu Allgemeinplätzen, von denen nur Außenseiter abweichen. Diese Streittechnik kannte bereits die Vormoderne. Unter den Voraussetzungen der ausgeweiteten Kampfzone in der Moderne scheint das aber verheerende Folgen gehabt zu haben: Wenn ein frühneuzeitlicher Gelehrter den anderen ausgrenzte, hatte dieser meist die Gelegenheit, seine eigene Partei zu mobilisieren und dadurch zum Gegenschlag auszuholen. Der Angreifer musste fürchten, Federn zu lassen wie sein Kontrahent. Der Intellektuelle dagegen vermeidet nach Münkler im Verlauf der Moderne immer mehr die Bereitschaft, auch selbst einzustecken. An die Stelle der öffentlichen Rauflust tritt der gepflegte Hegemonialanspruch, der die eigene Parteilichkeit kaschieren soll. In dieser Hinsicht scheint der Intellektuelle das role model für den Politiker der Gegenwart abgegeben zu haben – man mag’s kaum glauben.

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3 Responses to Nun streitet Euch doch nicht…

  1. jge sagt:

    Warum ist der Intellektuelle der Moderne ein Ordnungsstörer? Mögliche Antworten: a) weil er ein Selbstdarsteller ist. b) weil es ihm um eine Sache geht, die im Elfenbeinturm nicht zu erledigen ist.

    Also: Sokrates ist der erste moderne Intellektuelle, und dann Luther.

    Intellektuelle neigen dazu, sich zu Dingen zu äußern, von denen sie nicht so viel verstehen, aber dafür mit einem importierten theoretischen Hintergrund. Konsensposition? Eher: der Beifall der anderen, die auch nichts verstehen.

    Und noch eine Frage:
    Hat Intellektualität etwas mit Bildung zu tun? Beherrschen von kulturellen Codes?

  2. kai bremer sagt:

    Ich denke, dass Du es Dir mit dem Hinweis auf den Import von theoretischen Hintergründen zu leicht machst. Das klingt bei Dir so, als ob Du meinst: ‚Da gibt es einen Streitpunkt, der gleicht etwas einem anderen und dann beansprucht der Intellektuelle Autorität, ohne sich wirklich auszukennen.‘
    Ich habe Münkler so verstanden (und das leuchtet mir auch ein), dass sich die Öffentlichkeiten ändern (also Habermas‘ Strukturwandel) und dann können Akademiker auch außerhalb des Elfenbeinturms wirken, weil eine Kontroverse nicht mehr nur als akademisch, sondern eben als allgemein-gesellschaftlich angesehen wird.
    Dein Hinweis ist natürlich richtig, dass es Vorformen gibt: die reformatorische Öffentlichkeit ist hier sicherlich anzuführen. Aber sie ist eben auch ein temporäres Ereignis und noch kein dauerhaftes.
    Dass der Intellektuelle zudem durch einen Habitus gekennzeichnet ist, ist klar – das ist wie bei wohl allen sozialen Praktiken, oder?

  3. jge sagt:

    Die Begriffe Soziale Praktik einerseits, Bildung andererseits scheinen mir quer zu einander zu stehen.

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