Vom Drama im Elfenbeinturm

„Die Geschichte der modernen Dramatik hat keinen letzten Akt, noch ist kein Vorhang über sie gefallen.“ Das schreibt Peter Szondi 1956 am Ende seiner inzwischen epochalen Theorie des modernen Dramas. Wer sich aber heute mit dem Drama befasst, bekommt rasch der Eindruck, dass der Vorhang inzwischen doch gefallen ist. Das Drama ist in der literaturwissenschaftlichen Lehre und Forschung meist nur mehr ein Artefakt, das keinerlei Bezug zur Gegenwart zu haben scheint. Eine Dramentheorie wie die Szondis, die nicht zuletzt Folge seiner zahlreichen Theaterbesuche war, ist überfällig. Doch niemand scheint bereit, ihr einen weiteren Akt hinzuzufügen.

Das fehlende Interesse an der Gegenwartsdramatik schlägt sich auch in den Standardwerken zur Dramenanalyse nieder. Der gegenwärtige Boom der deutschsprachigen Lehrbücher für den Universitätsunterricht hat bemerkenswerterweise sich bisher nicht auf die Dramenanalyse ausgewirkt. Wer zum Beispiel als Germanist nach einem Lehrbuch aus der Feder eines Germanisten Ausschau hält, der muss auf das Buch von Bernd Asmuth zurückgreifen. Das Standardwerk im deutschsprachigen Raum stammt vom Anglisten Manfred Pfister.

Das ist natürlich auch gar nicht schlimm, beide Bücher sind inzwischen im Universitätsunterricht etabliert. Und trotzdem befällt mich bei der Lektüre beider Bücher – im Moment unterrichte ich mit dem Asmuths, mit dem Pfisters setze ich mich für eine Studie auseinander – immer wieder ein unbestimmtes Gefühl, das mich fragen lässt: Wo bleibt das Theater?

Woher kommt dieses Gefühl?

In diesen Tagen nun lese ich An Introduction to the Study of Plays and Drama von Sibylle Baumbach und Ansgar Nünning, zwei hochgeschätzte Anglisten aus Gießen. Und endlich weiß ich, was mir bei den beiden anderen Büchern gefehlt hat: die performative Dimension des Dramas auch bei der Analyse zu berücksichtigen – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch konkret durch die Präsenz des Dramas. In dem Buch findet man ganz praktische Hinweise wie etwa den, das Drama immer auch laut zu lesen. Das ist banal und doch sehr effektiv, wenn sich einmal keine Gelegenheit zum Theaterbesuch bietet. Wie heißt es bei Baumbach und Nünning so prägnant:

„Drama does not reside in an ivory tower and neither should you while studying it.“

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