Von damals erzählen

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet jetzt ein drei Bände umfasssendes Buchpaket aus der Reihe „DDR-Bibliothek“ des Leipziger Verlags Faber & Faber an. Diese Bücher sind schon deswegen bemerkenswert, weil sie sehr schön verarbeitet sind. Vor allem aber ist die Auswahl der Texte wirklich hervorragend.

Ich lese in diesen Tagen aus diesem Paket den ersten Band In einem nahen fernen Land. Erzählungen 1949-1969 (Hrsg. von Günther Drommer). Die Geschichten darin sind aber nicht nur gut erzählt und sie geben nicht nur einen breiten Eindruck von der vielfältigen Begeisterung für den ersten deutschen sozialistischen Staat (wie auch dem Zweifel daran).

Mindestens genauso sehr finde ich bemerkenswert, wie oft in den Erzählungen thematisiert wird, was eine Figur im Faschismus und während des Kriegs gemacht hat. Die Figuren unterhalten sich darüber, fragen nach und streiten sich deswegen. Ich weiß nicht, ob das ein Abbild der DDR-Realität in den ersten Jahren nach der Staatsgründung war – auf jeden Fall aber fand in der DDR-Literatur eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte statt.

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich, finde ich zumindest, viele Erzählungen und Romane von Autoren gelesen, die sich mit der ‚Wende‘ befasst haben. Aber mir fällt partout kein Gespräch und keine Erinnerung in einem dieser Texte ein, in dem die Menschen sich länger mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen oder sich zu ihrem früheren Leben in Beziehung setzen – ganz so, als wäre die ‚Wende‘ ein rein äußerlicher Einschnitt gewesen, der zwar die Arbeitswelt verändert hat, aber eben nicht die Weltanschauung. Gewiss war der Einschnitt für die meisten Menschen nicht derart radikal wie das Kriegsende. Aber gibt es wirklich nichts zu erählen? Wie heißt es, fast wie im Märchen, bei Louis Fürnberg in Genosse Soundso (eine Erzählung in dem Band): „So sind die Menschen. Sie reagieren auf das echte Bedeutende mit Kleinigkeiten. Hol der Teufel die Kleinbürgerei.“ Aber vielleicht ist dieser Ausruf zugleich auch der Schlüssel: Der Systemwechsel war halt für die meisten Mensch ein Wechsel von der einen Kleinbürgerei in eine andere. Da gibt es dann vielleicht wirklich nicht viel zu erzählen.

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