Blinde Flecken

Am Wochenende habe ich von Peter Probst Blinde Flecken gelesen. Das Buch war ganz viel versprechend rezensiert worden und klang insgesamt nach einer spannenden Unterhaltung. Irgendwo tauchte sogar das Label „in bester ‚Tatort‘-Manier“ auf. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich auf das Buch gefreut, auch weil Ballauf und Schenk am Sonntag im Fernsehen ermittelten und ich partout keine Lust mehr auf die beiden habe (bzw. auf die fürchterlichen Drehbücher, die den beiden Schauspielern zugemutet werden).

Probsts Ermittler ist ein 50jähriger Ex-Polizist, der dauernd seine Ex-Frau nervt (und sich dann auch noch von ihr verführen lässt – nette Idee immerhin angesichts des Testosteronüberschusses, der in manchen anderen Krimis herrscht). Doch darum geht es leider nur am Rande; als Autor von Beziehungskomödien hätte es Herr Probst vielleicht zu einigem Ansehen bringen können. Doch nein, es musste unbedingt ein Krimi sein.

Ich habe schon nach wenigen Kapiteln begriffen, dass für Werbetexter „‚Tatort‘-Manier“ offenbar gleichbedeutend mit Gutmenschen-Kitsch ist. Im Auftrag eines jüdischen Rechtsanwalts soll der Münchener Ex-Cop ein rechtsradikales Netzwerk auffliegen lassen. An dessen Spitze steht ein smarter Gefängnispsychologe, der mal in der CSU war, die ihm jetzt aber zu links ist. Dieser sympathische Zeitgenosse steuert mal eben nebenbei eine Art braun gepolten Terminator, der mittels einer Handgranate aus dem 2. Weltkrieg (?!?) ein Blutbad bei einer Antifa-Demo anrichten soll/will. Zudem ist ja klar, dass das braune Netzwerk von einer Studentenverbindung aus operiert, wo u.a. Vorträge zu den deutschen Grenzen von 1937 gehalten werden. Ach ja, der Ermittler, der zu Anfang einmal erklärt, dass er über jüdische Kultur nichts weiß (= Hallo Leser! Keine Sorge angesichts des Themas, ich hole Dich bei Deinem Nicht-Wissen ab!), dieser Ermittler lernt im Verlauf Klezmer-Musik schätzen (auch wenn er sie natürlich etwas kitschig findet, damit’s nicht zu klischeemäßig wird) und am Ende erfährt er nach einem Schlaganfall seiner Mutter und rührenden Szenen an deren Krankenbett, dass sie selbst als sog. ‚Halbjüdin‘ verfolgt wurde, was sie aber auf Grund einer komplizierten Geschichte ihrem Sohn niemals gesagt hat.

Immerhin schafft es Herr Probst auf rund 250 völlig linear und überraschungsfrei erzählten Seiten eine kleine Finte einzubauen: Ein Kommissar war vor 15 Jahren mal Mitglied in einer Wehrsportgruppe. Da mutmaßt man natürlich als politisch korrekt geschulter Leser, dass auch die Polizei mit Nazis durchsetzt sein wird und dass unser liebenswerter Ex-Cop John McClane-mäßig wohl oder übel den braunen Augiasstall ganz allein wird ausmisten müssen und dass sich der letztlich von Braunau am Inn bis zum Münchener Polizeipräsidium erstreckt. Aber falsch. Derart radikal ist das Buch dann doch nicht. Der ehemalige Wehrsportler ist ein anständiger Beamter. Wieder was gelernt in der Staatsbürgerkunde.

Leitmotivisch geht’s natürlich um die im Titel angekündigten blinden Flecken, die aber eigentlich gar nicht erzählt werden, sondern auf die immer nur hingewiesen wird. Permanent und penetrant erkennt irgendwer nicht, was dies oder das mit Antisemitismus bzw. jüdischer Kultur zu tun. Zum Glück macht den Figuren und dem Leser dann der jüdische Rechtsanwalt umgehend klar, dass eigentlich immer alles irgendwie mit Antisemitismus zu tun hat. Ich habe mich irgendwann gefragt, ob sich das Thema und das Genre schlicht nicht vertragen. Aber das denke ich eigentlich nicht. Ich habe vor einigen Wochen Partitur des Todes von Jan Seghers gelesen, der das Thema Präsenz des Nationalsozialismus sehr überzeugend in seinen Krimi integriert hat, wie ich finde. Probst dagegen scheint an dem Genre gar nicht interessiert zu sein, sondern ausschließlich am Thema. Wem das ebenso geht, der greife nun aber trotzdem nicht zu dem Krimi, sondern schlicht zu einer gut gearbeiteten Info-Broschüre über Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Die ist auf jeden Fall grundlegender – und mutmaßlich auch differenzierter.

So. Jetzt ist aber gut mit der Frustbewältigung, sonst verrate ich ja noch die letzten ärgerlichen Details dieses Buches, das sich selbst als „Kriminalroman“ bezeichnet, aber eher ein gut gemeinter Beitrag zum friedlichen und harmonischen Miteinander ist. Die einzige spannende Frage, die dieses Buch wirklich aufwirft, ist, zu welchen gesellschaftlich relevanten Themen im nächsten Krimi von Herrn Probst ermittelt wird (der Verlag hat angekündigt, dass weitere folgen). Herr Probst hat bestimmt schon ganz viele Themen im Blick, die er so richtig hübsch mit der kleinen Gutmenschen-Taschenlampe ausleuchten wird, bis es keine bösen blinden Flecken mehr auf der Welt gibt. Am kommenden Wochenende gucke ich wieder Tatort, egal wer ermittelt!

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