Symbolik des Sehens

Gestern habe ich Ibsens Wildente im Deutschen Theater Berlin gesehen – von Michael Thalheimer inszeniert. Er hat das Stück wie schon in seinen vorherigen Arbeiten skelettiert, ohne es zu töten. Seine Arbeit gleicht einem Untoten, der anmutig laufen kann, obwohl ihm Muskeln und Sehnen fehlen, und der eigentlich klappern müsste, dass einem angst und bange wird. Nach gut anderthalb Stunden war Schluss, aber man hatte nicht eine Sekunde den Eindruck, auch nur ein Detail des Dramas verpasst zu haben.

Wesentlich für die Inszenierung ist das Bühnenbild. Auf der Drehbühne ist ein gewaltiger Zylinder angebracht, dessen obere kreisrunde Fläche schräg abfällt, so dass man vom Parkett aus mal eine leicht gekrümmte Wand sieht, die den Blick auf den eigentlichen Bühnenraum versperrt und die Schauspieler an die Rampe zwingt. Wird der Zylinder um 90° gedreht, sieht man eine Schräge, die den Blick in den Bühnenraum diagonal von oben links nach unten rechts durchschneidet. 90° weiter sieht man eine Schräge, die von der Rampe nach hinten gewaltig ansteigt, so dass die Figuren, die sich doch so nah sein sollen, nicht nur weit entfernt voneinander, sondern auch in ganz unterschiedlicher Höhe stehen, sitzen, hocken. Olaf Altmann hat dieses geometrische Experiment genial eingerichtet.

Schon dieser Bau kündigt an, dass es hier ums Sehen geht. Jeder, der das Stück kennt, weiß, dass eine derart offensive Thematisierung der Perspektive mit dem Inhalt korrespondiert. Schließlich möchte der wahrheitsverliebte Gregers Werle seinem Freund Hjalmar Ekdal die Augen öffnen: Nicht Hjalmar ist der Vater der süßen Hedvig, sondern Gregers Vater, der ein skrupelloser Mensch war und vielleicht noch ist, weswegen sein Sohn mit ihm bricht.

Gregers Abscheu gegen seinen Vater hat ihn zu einem fürchterlichen Prinzipienreiter gemacht – zu einem Menschen, den man auf keinen Fall in seinem Freundeskreis haben will, denn er verkündet nicht nur schonungslos jede Wahrheit ungefragt. Vor allem geht ihm jedes Taktgefühl für das Gefühlsleben seiner Mitmenschen ab. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das ist Gregers Lebensmotto. Aber wo nur sie herrscht, da folgen die Kollateralschäden zwangsläufig. Nachdem Gregers ihr was von einem Opfer erzählt hat, erschießt sich die kleine Hedvig, um ihre Liebe zu ihren Eltern zu beweisen.

Thalheimer verzichtet in seiner Inszenierung wie üblich auf Aktualisierungen und politische Bezugnahmen, zu denen sich das Stück gewiss eignen würde. Gregers ist ein Wahrheitspedant – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Katastrophe ist privat, und das Private ist nicht politisch.

Dass niemals der Verdacht aufkommt, es könnte anders sein, liegt an Sven Lehmann, der den Gregers ganz dezent und unaufdringlich spielt, so dass die geballte Ladung Wahrheitssehnsucht nicht nur glaubwürdig, sondern regelrecht zwingend erscheint. Lehmanns Gregers ist einer, der von der Ehe seiner Eltern traumatisiert zu sein scheint und seine einzige Lebensaufgabe darin sieht, die Wahrheit ins rechte Licht zu setzen. Dabei wirkt er niemals komisch oder wie die Karikatur eines Pedanten. Gleichzeitig weckt Lehmanns Spiel auch niemals Mitleid für den Mann mit der schweren Kindheit, auf die sonst so gerne verwiesen wird, um erwachsene Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Hedvig sich das Leben nimmt. Gregers ist schuld, gerade weil er weiß, was Leid heißt.

Am Ende schleicht Lehmanns Gregers von der Bühne, gebeugt, voran tastend – ganz so, wie es sein erblindender Vater und seine erblindende Halbschwester Hedvig das ganze Stück über tun. Gerade in dieser Schlussszene zeigt sich noch einmal die ganze schauspielerische Brillanz Lehmanns. Eine leichte Wölbung der Schultern und eine knappe Geste des Tastens genügen, und jeder im Publikum weiß, dass der Mann, der Hjalmar sehen machen wollte, in Wirklichkeit der Blinde ist.

Thalheimer setzt damit einen symbolischen Schlusspunkt, der vielleicht zu viel des Guten ist, weil er das eh schon symbolgesättigte Drama überfrachtet. Letztlich kommt mit dieser Schlussszene etwas zum Ausdruck, was die Inszenierung an Gregers brandmarkt: das von Selbstzweifeln freie Selbstbewusstsein, genau zu wissen, was man sehen muss und was man vom Gesehenen zu halten hat.

Vielleicht aber wollte Thalheimer auch gerade einen solchen Impuls provozieren: sich frei zu machen, von den Menschen, die uns sehen machen wollen und vorgeben, den einzigen Weg zur Wahrheit zu kennen. Dann wäre Thalheimer nicht nur ein Theater-Pathologe sondergleichen, sondern auch ein Regisseur, der sich einem Skeptizismus öffnet, wie er derzeit ganz selten auf dem Theater ist. Schließlich würde dieser Skeptizimus davon leben, dass man genau hinschaut. Das Gegenwartstheater will davon meist nichts wissen und drischt mit dem Vorschlaghammer auf uns ein: Seid skeptisch, seid kritisch! Dazu ist Thalheimers Bühnenkunst ohne jeden Zweifel ein wunderbarer Gegenentwurf.

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