E-Books

In letzter Zeit  habe ich zweimal erlebt, dass ein Bekenntnis zum ‚echten’ Buch abgelegt wurde, obwohl das in keiner Weise zum Anlass der Veranstaltung passte – einmal bei der Eröffnungsrede einer Tagung, einmal bei einer Festveranstaltung. Der Zweck der Bekenntnisse war derselbe: Der Redner wollte den im Auditorium versammelten Literaturwissenschaftlern und Historikern zurufen: „Ich kenne Ihr Medium und bin auf Ihrer Seite!“ Ganz so, als bedrohte das E-Book die Geisteswissenschaften. Dieses Bekenntnis wurde dann in beiden Fällen um eine private Nuance ergänzt: „Auf meinem Nachttisch liegt auch weiterhin das gute alte Buch!“

Doch warum dieses Bekenntnis? Zumal sich die Frage stellt, ob Redner und Auditorium überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Ich kenne zumindest niemanden, der einen E-Book-Reader besitzt. Ich habe sie mir zwar auf der CeBIT angesehen, und von Zeit zu Zeit sieht man mal einen im Zug, aber das war’s. Einen Boom haben sie wahrlich nicht ausgelöst. Und erst recht keine Revolution, die ein Bekenntnis notwendig machen würde. Aber vielleicht ändert sich das ja bald, wenn elektronische Bücher anfangen, die Möglichkeiten des Mediums auch wirklich auszureizen – Perlentaucher hat darüber jüngst geschrieben. Sieht aber nicht so aus, als würde das das Ende der geisteswissenschaftlichen Arbeit bedeuten. Vielleicht geben elektronische Bücher der Forschung auch ganz neue Impulse. Wir werden sehen.

Auf jeden Fall sieht es aber derzeit, wie gesagt, noch ganz anders aus. E-Books sind nicht gerade das, was man einen Erfolg nennt. Das liegt gewiss nicht zuletzt daran, dass die Reader nicht ganz billig sind. Warum soll ich mir ein Gerät kaufen, das fast so viel kostet wie ein Netbook, um dann Bücher-Datensätze zu kaufen, die meistens genauso teuer sind wie die gedruckten Bücher (Buchpreisbindung!)?

Klar: Man kann sich bei google books inzwischen unheimlich viele alte Bücher als pdf- oder epub-Datei herunterladen. Aber das ist ein wenig wie mit den Gesamtausgaben, die man sich irgendwann mal ins Bücherregal stellt: Man ist ganz froh, in ihnen nachlesen zu können, aber man kauft sich keine Gesamtausgabe, um sie in der Freizeit mal kurz durchzulesen (bei Büchner oder Kleist kann man das noch versuchen, aber bei Goethe?).

Nein, google books ist kein Argument für einen E-Book-Reader, und mir fiel bisher auch partout kein anderer ein. Aber seit einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen kenne ich zumindest ein Argument fürs E-Book. Ich habe mir nämlich aus Neugier den Datensatz von Andre Hesses Die Schwester im Jenseits gekauft und mir dazu die Adobe Digital Editions heruntergeladen – ein Leseprogramm für epub-Dateien.

Ich saß abends im Zug und hatte irgendwann Lust, den Krimi zu lesen. Dann habe ich meinen Rechner aufgeklappt, die Ansicht auf maximale Vergrößerung gestellt und angefangen zu lesen. Eine wunderbare Sache. Die Buchstaben waren natürlich viel größer als bei jedem Taschenbuch und die Hintergrundbeleuchtung vom Bildschirm machte mich komplett unabhängig vom funzeligen Oberlicht im IC. Natürlich kann man sich mit dem Rechner auf den Knien nicht so gut in den Sitz lümmeln, aber daran war, da ich einen Gangplatz hatte und dort viele Menschen ohne Reservierung hockten, eh nicht zu denken. Ich bin mir seit dieser Fahrt sicher: Der (übrigens hervorragende) Krimi von Hesse war nicht das letztes E-Book, das ich mir gekauft habe. So, jetzt habe ich auch mal eine Bekenntnis abgelegt! Auch wenn der Nachttisch eine Domäne von Papier-Büchern bleiben wird, die nächste Bahnfahrt kommt nämlich bestimmt.

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5 Responses to E-Books

  1. Andre sagt:

    Klassische Bücher müssen eBooks wirklich nicht fürchten. Anders sieht es jedoch bei Tageszeitungen aus. Die werden inzwischen sowieso vielmehr online gelesen und es macht eigentlich auch wenig Sinn tagesaktuelle Informationen auf Papier zu drucken, dass unhandlich zu handhaben ist und durch Druck, Auslieferung und Entsorgung auch noch unnötig Ressourcen verschwendet.

  2. teleolog sagt:

    Hand aufs Herz: Wo liegt eigentlich das Problem? Gerade wenn man die Causa E-Book in Kombination mit den Tageszeitungen denkt. Ich erwarte sehnsüchtig den Tag, an dem mir beispielsweise die Süddeutsche Zeitung ein E-Paper-Abo im Verbund mit einem E-Book-Reader anbietet. Der Verlag spart sich die Distributionskosten für das Holzmedium und kann damit den Reader subventioniert an seine Abonnenten abgeben. Die neueste Ausgabe der Zeitung gelangt per W-Lan oder UMTS auf das Lesegerät und wenn ich mich sowieso schon auf der Seite befinde, schau ich vielleicht auch gleich noch im obligatorischen Buchshop des Verlages vorbei. Und wenn ich das Gerät schon habe, stört mich auch die Buchpreisbindung nicht mehr.

  3. kai bremer sagt:

    @teleolog: Ich sehe auch kein Problem – machte das den Eindruck? Nein, gerade wenn man an die Zeitungen denkt (Andre hat da ganz recht), spricht wenig gegen die Geräte, wenn die Anschaffungskosten nicht so hoch wären. Nur frage ich mich, warum das von Dir skizzierte Vorgehen bisher niemand erprobt hat? Vielleicht spricht ja doch mehr gegen e-Zeitungen + Reader, als man so denkt?

    • teleolog sagt:

      Meine Reaktion galt mehr den, in deinem Blog angesprochenen, Bedenkenträgern. Und genau diese mag ich inzwischen nicht mehr sehen und hören. Wie wäre es beispielsweise, wenn all die Arbeitszeit und Kreativität nicht mehr für die immer wieder gleichen kulturpessimistischen Ergüsse aufgewendet, sondern stattdessen endlich ein tragfähiges betriebswirtschaftliches Konzept für eine e-Zeitung entwickelt würde? Von daher hier mein Plädoyer: Alle Podiumsveranstaltungen und Leitartikel die im Titel die Phrase „Zukunft des Journalismus“ enthalten, sollten von den Verlegern unterbunden werden.

  4. kai bremer sagt:

    Jetzt ist mir wieder eingefallen, dass da doch was war, was für echte Zeitungen spricht: http://blogs.sueddeutsche.de/gehtsnoch/2010/04/04/kritiken-recycling-im-blumenladen/

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