Erzählung und Erzählungen

Wann wird aus mehreren Erzählungen eine Erzählung?

Vor langer Zeit, als am Prenzlauer Berg noch nicht die Spielplätze blühten, sondern junge Erwachsene Etagenklos spannend fanden, machte sich Ingo Schulze nach New York auf, um Raymond Carver zu entdecken und von dort aus kaleidoskopartig Simple Storys von der Wende zu erzählen. Das waren Geschichten, die im ersten Moment wie einzelne Erzählungen anmuteten, die aber tatsächlich ganz virtuos miteinander verknüpft waren und so ein wunderbares Ganzes erzählten – obwohl sie gerade nicht am Prenzlauer Berg spielten, sondern in der ostdeutschen Provinz. Schulze war und ist ein Meister kleiner Prosaerzählungen, die er immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise zusammenfügt, so dass man am Ende der Lektüre das Buch aus der Hand legt und nur staunt angesichts seiner Fähigkeit, aus Details und kleinen Erzählungen eine große Geschichte, wenn nicht gar einen Roman fügen zu können.

Wie ein Gegenentwurf zu Schulzes Erzählkunst erschienen mir in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende die beiden Bücher mit Erzählungen von Judith Hermann, Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster, obwohl auch sie offenbar an Carver geschult waren. Hermann blickte nicht in die Provinz, sondern auf den Prenzlauer Berg. Sie war die Erzählerin der westdeutschen Kolonialherren und -damen, die niemals aggressiv das fremde Land samt seiner Etagenklos in Besitz nahmen, aber nie versuchten, die Natives zu verstehen, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigten waren. Bezeichnenderweise wurde wohl niemals häufiger in der deutschen Literatur geraucht, als bei Judith Hermann.

Die aus dieser Landnahme resultierende Unübersichtlichkeit versuchte sie gar nicht erst zu einer großen Erzählung zusammenzufügen. Sie schilderte Fragmente, lakonisch, sparsam, oft in Ein-Wort-Sätzen. Das war faszinierend, es hatte den Reiz von Schnappschüssen – so war zumindest immer mein Eindruck. Herrmanns Prosa fing Momente ein, von denen ich immer wieder meinte, dass sie mir irgendwie bekannt vorkamen. So ganz habe ich nie verstanden, wie sie das schafft. Und trotz dieser Faszination habe ich Schulzes Bücher mit ihrer feinen wie umfassenden Komponiertheit immer mehr geschätzt als die Erzählungen von Herrmann.

Trotzdem war ich sehr neugierig, als ich hörte, dass Judith Herrmann ein neues Buch, Alice, veröffentlicht hat. Erstmals erzählt sie darin nämlich eine Geschichte, die der Titelheldin, wie ich irgendwo hörte. Ein Novelle, ein Roman gar von Judith Hermann? Ich war sehr gespannt.

Nun weiß ich nicht mehr, wo ich diese Information gelesen habe. Als ich anfing zu lesen, wurde mir zumindest umgehend klar, dass es sich nicht um die Geschichte von Alice, sondern um fünf Geschichten über Alice handelt, die allesamt um das gleiche Thema kreisen: um den Tod eines von Alice geschätzten oder gar geliebten Mannes.

Diese Männer sind sehr unterschiedlich, leben an unterschiedlichen Orten und Alice‘ Verhältnis zu ihnen war und ist auch ganz unterschiedlich. Gemeinsam haben sie eigentlich nur, dass sie spätestens am Ende des jeweiligen Kapitels, das immer auch den Namen des entsprechenden Mannes trägt, tot sind. Ihrem Verhältnis zu den Männern entsprechend, verhält sich Alice zu den Toden und Toten ganz unterschiedlich. Es ist also in erster Linie die Titelfigur, die den Eindruck erweckt, dass die fünf Erzählungen eine Geschichte in fünf Kapiteln ist. Doch lässt sich tatsächlich derart leicht ein Ganzes erzählen?

Alice ist in vielerlei Hinsicht ein Buch, wie es nur Judith Hermann schreiben kann. Wieder wird sehr sparsam und lakonisch erzählt (manchmal geradezu ignorant, wenn etwa das Kind einer Freundin immer nur „das Kind“ und ein Reisebegleiter nur „der Rumäne“ heißt), wieder haben ihre Figuren nur wenige Verpflichtungen, wieder ist Berlin ein Zentrum der Handlung. Geändert hat sich eigentlich nur, dass die Figuren viel weniger rauchen und dass Alice etwas älter ist als die meisten Hauptfiguren in den ersten beiden Büchern. Man bekommt also scheinbar Gewohntes serviert, das man mag oder auch nicht – wäre da nicht dieser eine Unterschied zum Bisherigen, dass die Erzählungen letztlich eine Erzählung sind.

Und weil Vieles so bekannt ist, wird die Veränderung so bewusst wahrgenommen. Ja, mir erschien es sogar so, dass Hermann mit dem neuen Buch regelrecht experimentiert. Ihre Frage lautet: Wie viele Verbindungen muss ich zwischen einzelnen Erzählungen mindestens herstellen, damit sie nicht mehr als einzelne, sondern als ein Ganzes wahrgenommen werden?

Letztlich zeigt sich, dass es kaum zusätzlicher Verknüpfungen bedarf, wenn im Zentrum jeweils die gleiche Hauptfigur steht, auf die die Erzählung jeweils ganz und gar fokussiert ist. In einigen Kapiteln blitzt kurz einmal die Erinnerung an eine vorherige Geschichte auf, sonst aber ist Alice‘ Gegenwart im wahrsten Wortsinn geschichtslos.

Nur im letzten Kapitel, da der Rumäne wieder in Alice‘ Leben tritt, fügen sich verschiedene Situationen ineinander, stellen sich Beziehungen her, die nicht über Alice laufen. Aus den Geschichten mit einer Frau wird für einen Augenblick zumindest ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte einer Frau – ganz so als wollte Hermann all ihren Kritikern, die ihr immer wieder vorwerfen, dass sie bis heute keinen Roman vorgelegt hat, sagen: „Seht her, ich kann schon die großen Zusammenhänge erzählen, aber ich will es nicht.“ Vielleicht sollte die Kritik das endlich akzeptieren und stattdessen das lesen, was vorliegt.

Alice kehrt dem Rumänen, dessen Zigarettenglut in der Nacht noch lange zu sehen ist, übrigens schließlich den Rücken zu und geht zurück in ihre Wohnung irgendwo in Berlin. Vermutlich hat die kein Etagenklo mehr, aber sonst wird dort alles sein wie immer.

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