Kein Staub, nirgends

Endlich wieder Philologe sein, denke ich mir, da ich heute morgen in den Bus steige. Mein Ziel: das Archiv der AdK, im Schatten der Charité. Als ich das letzte Mal da war, war auch Sommer, auch damals wehte ein kräftiger Wind durch die Straßen. Das hatte kuriose Folgen: Die Heiner-Müller-Archivalien wurden mir in leichten Papiermappen serviert und da Archivmitarbeiter dauernd durchlüfteten (was eigentlich sehr angenehm war), hatte ich permanent Sorge, dass mir die wertvollen Papiere um die Ohren fliegen. Schließlich lagen lauter Originale vor mir, und die Sicherheitskopien lagen eigentümlicherweise direkt dabei …

Ich trete in den Lesesaal im 2. Stock, die Fenster sind wieder offen. Wird wohl wieder ein hektisches Arbeiten, denke ich mir. „Müller ist jetzt digital.“ Der nette Herr in der Auskunft sieht mein ratloses Gesicht und führt mich zu einem der hinteren PC-Plätze. Freundlich erklärt er mir, wie ich den digitalen Müller mir erschließen kann – genau so, dass ich mir nicht wie ein Depp vorkomme und trotzdem alle meine Fragen beantwortet sind. Perfekter Service. Bin wirklich beeindruckt. Dann mal ans Werk.

Meinetwegen können die Fenster jetzt immer offen sein, so macht das Arbeiten echt Spaß. Aber schon nach kurzer Zeit frage ich mich, warum ich in einem Archiv sitze und mir ein jpg nach dem anderen ansehe und keine echten Archivalien. Leuchtet natürlich sofort ein, dass man die Bestände digitalisiert und damit in jeder Hinsicht sichert. Ich brauche auch keine Angst mehr zu haben, dass mir das Zeugs um die Ohren fliegt.

Müllers Schrift verliert am Bildschirm jede Aura, die ich mir beim Lesen der Originale immer eingeredet habe, und mutiert zur Klaue, die mich die Vergrößerung hochfahren lässt. Alles ganz pragmatisch, ganz clean und ganz effizient. Der Philologe hält sich aber letztlich für ein Trüffelschwein. Ohne Dreck, keine Trüffel – weiß doch jeder. Obwohl ich schon viel im Staub gewühlt habe, habe ich natürlich nie einen Trüffel gefunden, sondern immer nur Detailbeobachtungen gemacht, das weiß ich. Aber die Hoffnung auf die Trüffel kam trotzdem mit jeder neuen Mappe wieder auf. Sie ist nun futsch.

Zwar sind die Leute hier so dermaßen hilfsbereit, dass sie mir gewiss auch die Original-Mappen besorgen, wenn ich mir eine Begründung aus den Fingern sauge, aber das, was mich heute interessiert, kann ich – das muss ich mir eingestehen – auch mit Hilfe der jpgs beantworten. Also kein gefühltes ‚Philologe-Sein‘, das ist wohl der Preis für gute Arbeitsbedingungen.

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5 Responses to Kein Staub, nirgends

  1. stromgeist sagt:

    Nach Benjamnins Kunstwerkaufsatz ist der Verlust der Aura wohl keineswegs nur eingebildet: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verkümmert, das ist seine Aura.“ Benjamin hatte freilich versucht, darin ein emanzipatorisches Potential zu antizipieren. JPG-Dateien hatte er dabei sicherlich nicht vorausgesehen. Aber die Trüffelschweinmetapher gefällt mir und sie läßt sich, wie ich finde, auch auf’s Digitale übertragen – hier werden die Trüffel aber wohl eher in den Zusammenhängen als in den Details zu finden sein. Vielleicht fehlen einfach nur noch die richtigen digitalen Riechkolben, um die Entwertung der okkularen Quellenerkungung durch die Vorzüge neuer Schnüffelprothesen auszugleichen. Suchfunktionen für digitale Dokumente sind ja schon ein mächtiges Werkzeug. Für Bilder fehlt derart Ausgereiftes noch – aber es wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen (wie z.B. die Google Gesichtserkennung ahnen läßt). Vielleicht lassen sich damit ja eines Tages noch ganz ungeahnte Erkenntnisse aus Archivalien gewinnen, so wie einst Johannes Kepler aus der schieren Menge an Daten der astromonischen Beobachtungen des Tycho Brahe die elliptische Bewegung der Planeten schloss. Philologie als hermeneutisches Datamining scheint mir geeignet zu sein, die Trüffelphantasie aufrechtzuerhalten…

    • kai bremer sagt:

      ‚Hermeneutisches Datamining‘ ist natürlich eine nette Idee von Dir und ein kluger Versuch, Archiv-Arbeit zu retten. Aber ist das dann nicht nur noch die Ausführung von Arbeiten, die potentiell schon angelegt sind und das Moment der Überraschung verloren haben? Und macht nicht die Hoffnung auf Überraschung einen Teil der Aura aus?
      Was mich bei dem Umgang mit den Archivalien am Rechner am meisten beschäftigt, ist, dass mir die Abhängigkeit von der Auswahl der Archivare vor Augen geführt wird. Wenn ich z.B. Mappen mit Typoskripten und Manuskripten vor mir habe, kann ich entscheiden, ob ich die vom Autor an den Rand notierte Telefonnr. in meine Überlegungen miteinbeziehe oder nicht. Wenn ich am Rechner jpgs lese hat der Archivar ggfs. schon beschlossen, dass diese Nummer unwichtig ist und hat sie dementsprechend nicht verfilmmt – oder er hat sie verfilmt und ich frage mich, ob er ihr Bedeutung beigemessen hat. D.h., Fokus und Konzentration werden unweigerlich verschoben – nicht zwingend zum Schlechteren oder Besseren, aber ich bin permanent aufgefordert, meinen eigenen Aufmerksamkeitsgrad und -fokus zu reflektieren und zu relativieren. Und das allein führt schon zum Verlust von ‚Aura‘ o.ä. Vielleicht führt das sogar zu einer optimierten Entdeckung von Trüffeln – aber wer will schon das Auge einer Trüffelsuchmaschine sein?

  2. jge sagt:

    Da ich gerade Deine Einträge von hinten nach vorn lese, muss ich jetzt an Deinen Hinweis auf Robert Darnton denken. Die Krönung des freien Zugangs wäre doch: Müller original im Web.

    Was das Verfilmen angeht, so solltest Du Sorge haben können, das nicht jeder Schnipsel, der in der Mappe lag, verfilmt wird, aber die Blätter sollen eigentlich, sage ich Dir als Mitarbeiter einer Gedächtnisorganisation, komplett, mit Rand, nach Möglichkeit in Farbe und mit mindestens 300 dpi verfilmt werden.

    Ach, Aura. Die zu sehen ist nur eine Frage der Übung, denke ich.

  3. kai bremer sagt:

    Ach, Aura!
    Es ist Herbst, überall Blätter, Blätter, Blätter und der Nutzer einer Gedächtnisorganisation sorgt sich um die Ränder.
    Wüsst er’s nicht besser, so würd er sagen: Da hast Du ganz recht. So macht man’s. Nur: In Detmold weiß man, wie man’s macht. An anderen Orten offenbar nicht. Wenn Du mal in Berlin bist, kannst Du ja mal nach den ganzen Zettelchen fragen, die HM in seine Bücher legte. Ja, ja so sind die Menschen – um einen Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur zu zitieren und vielleicht ein wenig Herbst-Aura in diesen Kommentar einzutragen.

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