Gestrandet

Vor ein paar Tagen habe ich in einer kleinen Buchhandlung ein Bändchen mit vier Erzählungen von Wolfgang Hilbig gefunden, Grünes grünes Grab aus dem Jahr 1995, noch mit DM-Auszeichnung, wie aus einer anderen Welt. Und das Büchlein nahm mich gleich an die Hand und führte mich in noch eine andere Welt. In der ersten Erzählung, Fester Grund (datiert auf 1984), verpasst ein Mann in Leipzig seinen Zug nach Berlin und muss drei Stunden in der Bahnhofskneipe warten. Die hatten noch Zeit, denke ich. Die Geschichte schildert, wie der Ich-Erzähler wartet, ein paar Kaffee mit Weinbrand trinkt und eigentlich nur raus aus dieser Stillstandshalle will, in der es anderen so gut gefällt. Trotzdem bleibt er sitzen, obwohl er weiß, dass sein nächster Zug ihn gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zu seiner Tochter bringen wird. Ohne Zweifel eine Allegorie auf die DDR, auf die „Übergangsgesellschaft“, wie sie Volker Braun so beeindruckend zur gleichen Zeit dramatisierte.

Als ich die Geschichte lese, sitze ich im zugigen Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Die Bahn kann mir, da der Zug, der mich hierher brachte, 20 Minuten Verspätung hatte, erst wieder eine Verbindung in gut zwei Stunden liefern. Es ist nicht all zu spät am Abend, mein Zug nach Gießen kommt vorher an Marburg vorbei. Zwei Uni-Städte und trotzdem keine Verbindung im Stundentakt, außer freitags – wenn alle Welt Marburg und Gießen verlässt und nicht etwa dahin will. Heiliger Fahrplan. Ich bin ratlos. Soll ich’s auch mal mit Kaffee und Weinbrand versuchen? Selbst wenn ich es wollte, solche Wartehallen mit fiesem Filterkaffee, Frittenfett und Fusel in der Luft und auf den Tischen gibt es nicht mehr. Weil die Übergangsgesellschaft nicht mehr ist? Auch im Westen gab es sie. Aber man sieht sie nicht mehr, damit ihr fieser Dunst den freien Blick auf den schicken Sichtbeton nicht mehr behindert.

Advertisements

2 Responses to Gestrandet

  1. Matthias Kremp sagt:

    Ein feinfühliger Abgesang auf die abgeranzten Wartehallen, als noch Tumbleweeds, die vom Wind durch die Szenerie geschickten Strohballen, über den Vorplatz flogen, die Schuhsohlen auf dem durch die Sommerhitze getrockneten Alkohol und dem Gestrigen festklebten… Dann fehlte nur noch der Schaukelstuhl, Zigarette, Bier und ein gutes Buch! Heute existieren nur noch wenige Retardierte vor der Beschleunigung…

  2. kai bremer sagt:

    Ich weiß, ist zu sentimental. Was alte Männer so schreiben, wenn sie verloren auf Bahnhöfen rumhängen …
    Aber ich weiß auch nicht, ob Du mit der Assoziation so recht hast: Zu den Tumbleweeds gehört einer, den es in die Einöde verschlägt, der dort die Ruhe stört und der am Ende umgelegt wird, damit der Scheriff a. die Ruhe wiederherstellt und b. Claudia Cardinale mit nach Hause nehmen darf. Bei Hilbig geht’s dagegen darum, endlich die Ruhe hinter sich zu lassen – von Claudia Cardinale mal ganz zu schweigen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: