Zeitdiagnosen

Letztens lese ich bei Henning Ritter (Notizhefte, Berlin 2010, S. 260):

Arnold Gehlen ist, soweit ich sehe, der einzige, der die Affinität der modernen Literatur zum Kitsch festgestellt hat.

Wow! Wieder so ein Satz, der mich gleich fasziniert. Meinungsstark, pointiert, in die Mitte intellektueller Auseinandersetzungen zielend! Und ungemein klug natürlich auch: Indem Ritter Gehlens Votum wiederholt, bekräftigt er es.

Das Problem an dem Satz ist nur: Gehlen ist damit zugleich nicht mehr „der einzige“, der diese Affinität feststellt. Und so fragt man sich, ob es zwischen Gehlen und Ritter nicht noch einen dritten, vierten, fünften gegeben hat.

Ich denke mal, dass sich eine ganze Reihe von Pessimisten anführe ließe, die ins selbe Horn stoßen. Ich dachte zum Beispiel unvermittelt an Thomas Bernhard und seine Hasstiraden gegen alles mögliche. In seinem Briefwechsel mit Siegfried Unseld (Frankfurt/Main 2009, S. 260) finden sich die folgenden wunderbaren Sätze über die zeitgenössische Literatur:

Die Gleichgültigkeit hilft mir über alle Berge von Unrat.
Man kann nicht genug Gegner sein.
Der Pegel des Stumpfsinns steigt.

Das ist Bernhard von seiner besten Seite: sich erst als der große Gleichgültige ausstellen und dann verbal loskotzen. Ganz großes Kino. Toll ist diese (wie so viele andere) Schimpfkanonaden Bernhards gerade deswegen, weil sie durch den performativen Widerspruch (angebliche Gleichgültigkeit vs. engagierte Haßtirade) ironisch gebrochen wird. Sie legt dadurch die Hybris des Einsamen bloß, der verzweifelt um sich schaut und überall Unrat, Stumpfsinn, Kitsch diagnostiziert. Man möchte ihm sanft die Hand auf die Schulter legen und zuraunen: Stimmt schon, Väterchen, früher war alles besser. Aber man tut’s natürlich nicht, weil klar ist, dass sein Weltschmerz eh nicht zu lindern ist. So hält man die Klappe und erfreut sich am Poltern. Die distinguierten Weltschmerzbekundungen sind dann nur mehr eine weniger komische Variante dieser Zeitgeistkritik.

***

Damit Ihr es nicht beim Klappehalten belasst, folgt jetzt das versprochene Gewinnspiel zum 100. Posting (das das vorliegende ist): Jeder, der hier bis zum kommenden Samstag einen Kommentar hinterlässt, nimmt an der völlig privat und unter Ausschluss von Notaren u.ä. Menschen erfolgenden Verlosung eines Philologie-Readers bei Reclam, eines Rinke-Arbeitsbuches bei Lang und einer demnächst erscheinenden Studienausgabe von Kleists Herrmmannsschlacht bei Reclam teil. Das inhaltliche Niveau des Kommentars erhöht nicht die Chance auf einen Gewinn! Viele Glück!

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9 Responses to Zeitdiagnosen

  1. stromgeist sagt:

    Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum 100. Beitrag! Mein Kommentar zur Sache: Die Pointen großer Worte leben ja in der Regel vom Unrecht der Generalisierung. Von daher kann man auch eine Affinität moderner Kritik zur Tyrannei feststellen. (Die der postmodernen wäre vielleicht die zur Ironie.)
    Wem Bernhards Schimpftiraden gefallen, dem empfehle ich übrigens „Meine Preise“. Sein „performativer Widerspruch“ entfaltet sich in den „Dankes“-Reden zu einer literarischen Boshaftigkeit der besonderen Art.

  2. jge sagt:

    Ich kann leider nicht erkennen, was an dem Satz so bemerkenswert sein soll. — Ritter kenne ich nur aufgrund des Buches zur „Fernen Nähe“. Von Gehlen habe ich noch nicht gehört, dass er sich als Literaturkenner profiliert hätte, aber das mag meine Unbildung sein. So’n Satz ist doch nix wert, wenn man nicht erfährt, /inwiefern/ die „moderne“ Literatur eine Affinität zum Kitsch hat. Heißt das, dass die letzten Bücher von Autoren, die nach 1900 geboren wurden, kitschig waren? Oder meint er eine spezifische Moderne? Spricht er von Literatur aller Sprachen, oder nur von der deutschsprachigen? — Wie kannst du das nur „pointiert“ nennen, es sei denn, du meinst, es sei pointiert wie ein Schrotflintenschuss?

    • kai bremer sagt:

      Da hast Du nicht ganz unrecht: Ritter zitiert im Anschluss an seinen Satz Gehlen ausführlicher, so dass mein Artikel natürlich verkürzend ist. Es geht mir aber weniger um den Gegenstand als um den Habitus. Ich finde es letztlich egal, ob die Pointe aus der Schrotflinte oder dem Präzisionsgewehr abgefeuert wird. Ein solcher Schuss geht immer nach hinten los, eben weil er generalisiserend angelegt ist.

      • jge sagt:

        Was ich eigentlich sagen wollte: Ich kann Deine Faszination bei dem Satz nicht nachvollziehen. Während ich Bernhard ebenfalls großartig finde in seinem verqueren Absolutismus, in seiner monomanischen Widersprüchlichkeit, bin ich geneigt, das Zitierte einfach nur an seinem Gehalt zu messen. Wozu Gehlen (und Ritter) an der Form des Satzes messen? Haben sie das verdient?

  3. jge sagt:

    Studienausgabe von Kleists Herrmmannsschlacht bei Reclam

    Quizfrage: Wieviele Doppelkonsonanten hat der Titel?

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