Lesen gefährdet ihre Gesundheit

Schon früh habe ich mit dem Lesen angefangen, noch während der Schule, nicht erst an der Uni. Ich lese also schon lange und das merke ich immer deutlicher. Kein Wunder. Immerhin habe ich früh diese dicken, alten Bücher gelesen, die man zum Schutz der Allgemeinheit nur in Sonderlesesälen lesen darf. Sogar noch nach dem Examen.
Neulich war ich beim Arzt. Bereits beim Reinkommen meinte er: „Sie lesen, oder?“
Ich wurde rot, schaute zu Boden und meinte: „Ja, schon … Aber nicht viel! Und ich treibe auch Sport.“
„Was soll ich groß sagen? Die Folgen vom Lesen sind ja allgemein bekannt. Ich verstehe einfach nicht, wie man heute noch lesen kann. Zum Glück greift die Gesundheitsaufklärung. Meine Patienten unter 20, da liest kaum noch einer. Aber bei den älteren, man wundert sich immer wieder. Aber vielleicht verstehe ich es auch deswegen nicht, weil mich das Lesen nie interessiert hat.“
„Haben sie nie gelesen?“
„Einmal hatte ich ein Mädchen kennengelernt, das gerne gelesen hat. Da habe ich mir ein Sahr…, Sohr… Eins von diesen Intellektuellenbüchern…“
„Suhrkamp!“
„Ja, Suhrkamp, gibt es die noch?“
„Komplizierte Geschichte.“
„Habe ich auf jeden Fall nie fertig gelesen. Aber jetzt zu ihnen.“
Ich schilderte ihm meine Wehwehchen. Aber eigentlich war schon klar, was kommt: mehr Bewegung, gesünder essen, weniger lesen oder es sogar ganz einstellen. Auf keinen Fall mehr diese dicken, komplizierten, wirklich schwer bekömmlichen Bücher. Eine Krimi von Zeit zu Zeit – wenn ich partout nicht ohne könne, dann solle ich mich auf Krimis beschränken. Und auf keinen Fall Lyrik. Die Folgen von Lyrik würden wahnsinnig unterschätzt.
Ich war fertig, denn er war sehr drastisch. Mit hochrotem Kopf verließ ich die Praxis.
Gleichzeitig musste ich mir eingestehen, dass was dran war an seiner Predigt. Das Lesen hat in meinem Leben deutlich Spuren hinterlassen. Über die gesundheitlichen Folgen muss man eh kein Wort verlieren. Aber seit sich die EU die Ächtung des Lesens auf die Fahnen geschrieben hat, wird man als Leser auch sozial zunehmend an den Rand gedrängt. Aus gutem Grund. Lesen macht einsam. Man muss sich nur mal klar machen, was man alles hätte tun können, während man auch nur ein Kapitel gelesen hat. Wie viele Statusmeldungen man hätte kommentieren können in der Zeit, wie viele Likes verteilen, wie viele Tweets abschicken, wenn man voll sozial vernetzt ist und nicht liest. Während der Lektüre eines Buches ist man doch vor allem eins: einsam.
Reflexartig wollte ich zum Taschenbuch greifen. Doch auf offener Straße ein Buch in die Hand nehmen? Wenn mich jemand sieht! Die Sehnsucht nach einem guten Buch als kleinem Trösterchen war riesengroß. An der nächsten Kreuzung war eine Eckkneipe. Aber seit man zum Lesen vor die Tür gehen muss, gehe ich da nicht mehr gerne hin. Da stehen dann all die, die es wirklich nötig haben. Dazu will man ja nicht zählen.
Lesen, das tun eigentlich nur noch Asoziale. Letztens habe ich auf RTL 2 eine Doku gesehen, da wurde sogar im Kinderzimmer gelesen – das ging selbst mir zu weit. Eigentlich bin ich ganz froh, dass inzwischen so deutlich vor dem Lesen gewarnt wird und dass man den Zugang zu Büchern immer mehr erschwert. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der ich zu lesen anfing. In jedem Kaff ein Buchladen, oft auch zwei. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute bestelle ich meine Bücher meistens über das Internet. Der Postbote lächelt zwar immer so wissend, aber gesagt hat er bisher noch nie was.
Wenn Gäste kommen, stehen die erst einmal vor dem Bücherregal: „Hast du die alle gelesen?“ Da wird man doch verlegen: „Nicht alle, aber die meisten.“ Die Blicke meiner Gäste wechseln dann zwischen Mitleid und Entsetzen. Mein Arbeitszimmer zeig ich dann lieber gar nicht erst…

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Es ist wohl an der Zeit, dass ich mir Gedanken mache. Die Blicke meines Hausarztes waren eindeutig. Aber so ganz ohne, das stelle ich mir sehr schwer vor. Die Krankenkasse bietet Kurse an: Nicht-Leser in 6 Wochen. Vielleicht wende ich mich mal an die. Oder ich versuche es sanft und nehme in den nächsten Urlaub nur Krimis mit. Nein noch besser: ich kaufe mir vor Ort nur diese eintönigen Regionalkrimis. Und immer erst den nächsten, wenn ich den vorhergehenden beendet habe.
Habt ihr erfolgreich das Lesen drangegeben? Vielleicht könnt ihr mir hier ein paar Kommentare hinterlassen, welche Erfahrungen ihr so gesammelt habt? Je länger ich drüber nachdenke, um so reizvoller finde ich den Gedanken. Allein das Geld, das ich auf diese Weise sparen könnte.

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10 Responses to Lesen gefährdet ihre Gesundheit

  1. nweiss2013 sagt:

    Ich habe mal gelesen, oh, äh, ja was soll’s, jetzt ist es heraus, ich lese auch. Wie gesagt, ich habe mal gelesen, das Lesen sei eine unheilbare Krankheit, von der man, solange die Sehkraft mitmacht, wie von einer Sucht, nicht loskommt, die einen gepackt hält, wenn sie einen gepackt hat. Also einfach weiterlesen!

    • kai bremer sagt:

      Ja, so sind sie, die Leser: „Wie von einer Sucht“. Der hier vorgenommene Vergleich legt offen, dass der Kommentator sich immer noch nicht eingesteht, dass es eine Sucht IST. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir das Lesen nachhaltig, ich betone: nachhaltig bekämpfen wollen.

  2. Th. sagt:

    Sind die Leser die Raucher von morgen …?

    (In Abwandlung eines Bonmots der SZ über die Leute, die viel sitzen.)

    T.

  3. sus rawitz sagt:

    Tipp: Kauf dir einen Tablet-PC, dann fällst du nicht so auf 🙂 (Ich spreche aus Erfahrung)

  4. saetzebirgit sagt:

    Witzig….so was ging mir heute im Kopf rum als möglicher Beitrag, das hast Du jetzt aber bestens erledigt :-). Anlass/Auslöser bei mir zwei Ereignisse der vergangenen Woche. Eine Kollegin (Verwaltungsjuristin) sah mich mit leicht verächtlichem Gesichtsausdruck an und sagte: „Ich lese keine Romane, dafür habe ich keine Zeit.“. Und meine Schwägerin beim Betrachten meines Bücherregals: „Kannst Du nicht mal was normales lesen?“ (Rosamunde Pilcher?). Man ist schon asozial als Leser, Leserin 🙂
    PS: Ich heiße Birgit und muss täglich lesen.

    • kai bremer sagt:

      Sieh’s positiv: Wer gute Bilder kauft, hat’s noch schwerer: a. kosten die meist noch mehr und b. versteht da so gut wie niemand, dass man sich länger damit beschäftige kann. Auf der Skala der Asozialen ist ist also in beide Richtungen Platz 🙂

  5. Maria Weber sagt:

    Ich habe meine Kindheit mit dem Lesen verbracht, ich war eine richtige Leseratte, ich habe die Bücher so richtig verschlungen, konnte immer schön entspannen und es hat mir sehr viel Spaß bereitet. Ich kann sagen, dass das eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ist und ich habe es niemals bereut so viel Zeit damit verbracht zu haben. Heute lese ich zwar weniger aber dafür immer wieder gerne.

  6. Mila sagt:

    Es gibt nichts besseres, als ein gues Buch! Stressabbau pur!

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