Meinungsstark

Letztens war ich in Husum. Was macht ein kleiner Philologe in Husum? Theodor Storm gucken. Zumindest ein wenig. War zu heiß, um in Ruhe Theodor Storm zu gucken. Also habe ich einen Buchladen aufgesucht und die neue Biographie von Theodor Storm gekauft. Hatte ein paar Tage zuvor einige Worte darüber gelesen, die ganz vielversprechend waren.

Und da ich zuletzt mit Biographien ganz gute Erfahrungen gemacht habe (vor drei, vier Monaten habe ich begeistert Kurzkes Büchner-Biographie gelesen), habe ich mich gleich an Jochen Missfeldts Storm-Biographie gemacht.

Kurzkes Buch hat mindestens zwei starke Thesen: Es geht ihm um das Geniehafte Büchners, wie der Untertitel schon verheißt. Und es geht ihm darum, Büchner den Salon-Revolutionären zu entreißen, was seinerseits schon beinahe revolutionär ist.

Missfeldts Buch tritt schon im Untertitel bescheidener an: „Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“. Was vermutet man bei einem solchen Titel? Anbindung an die Zeit – sowohl in politischer Hinsicht als auch im Hinblick auf Storms Vernetzung im Literarischen Leben. Das habe ich zumindest erwartet. Zweiteres wird auch geliefert. Missfeldt dokumentiert zuverlässig Storms ‚kollegialen‘ Austausch etwa mit Fontane oder Keller. Vielleicht hätte zudem noch ein wenig mehr über das Literarische Leben an sich – Verlagswesen, Kritik in Zeitungen und Zeitschriften – gesagt werden können, aber das mag Geschmackssache sein. Über die politischen Umstände erfährt man ein wenig, aber wenn man wie ich in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht gerade sattelfest ist, lädt Missfeldts Buch doch an der einen oder anderen Stelle ein, noch mal einige Details etwa zu den Einigungskriegen nachzuschlagen, weil die Biographie Informationen dazu nur punktuell liefert.

Aber all das betrifft Gewichtungsfragen, die vermutlich jeder Leser einer Biographie für sich etwas anders beantworten würde. Viel nerviger ist der Habitus von Missfeldt. Im Gegensatz zu Storm hat er nämlich z.B. richtig Ahnung von der Kindererziehung und macht das auch unmissverständlich klar: „Aber auch das Sparen will gelernt sein, schreibt Ernst [Storms Sohn] an seine Verlobte. In meinem elterlichen Hause habe ich es nicht gelernt. Da hat er auf seine Weise Recht, denn der Vater stopfte in seinem Fürsorge-Eifer und Standesdünkel […] stets die Löcher, die der Sohn ins Portemonnaie riss. Darauf konnte der Sohn bauen; gelernt hat er dabei nichts.“ (S. 399)

Missfeldt ist auch sonst nicht urteilsscheu, über die Novelle Bötjer Basch schreibt er: „Webfehler und dünne Stellen im Text sind die Folge; sie sind aber nicht ausschlaggebend angesichts der liebenswerten Schicksalsgestaltung und sprachlichen Schönheit der Novelle.“ (S. 433) Über Storms vorletzte Novelle Ein Bekenntnis heißt es: „Die mitreißende Schilderung vom Leiden und Sterben der jungen Elsie Jebe gelingt ihm nicht immer ohne Anklang von Sentimentalität und Kitsch. Elsie Jebe, geborene Füßli, ist zu sehr ein mit Stormhand geknetetes Frauenwesen.“ (S. 436)

Ein Biograph darf eins ganz bestimmt nicht: sich immer und immer wieder in Lobhudelei ergehen. Das macht Missfeldt erkennbar nicht und das ist natürlich gut und richtig. Ein Biograph muss kritisch Distanz wahren, auch das macht er. Aber er macht es in dieser eigentümlich subjektiven Form der Literaturkritik, die zudem gerne ihrerseits metaphorisch daherkommt und dadurch latent uneindeutig ist. Missfeldt behelligt den Leser fast über das gesamte Buch hinweg mit seinen Geschmacksurteilen. Das nervt nicht nur, das geht auch am Anspruch einer Biographie vorbei, die schließlich in erster Linie ein historisches Genre ist.

Nichts gegen Literaturkritik: Es wäre klasse gewesen, wenn Missfeldt z.B. umfangreich die Rezeption Storms in der Literaturkritik seiner Zeit rekonstruiert hätte – zur etwas spärlichen Berücksichtigung des Literarischen Lebens habe ich mich ja schon geäußert. Auch hätte er noch ausführlicher schreiben können, inwieweit Storm mit einer Novelle vielleicht seine eigenen poetologischen Ansprüche nicht erfüllt hat. Wenn Missfeldt wie zitiert Storm „Sentimentalität“ vorwirft, kann man natürlich fragen, ob Storm die abgelehnt hat. Wenn dem so wäre, könnte daraus ein Kritikpunkt werden. Aber das macht Missfeldt eben nicht. Was der Verfasser der Biographie hingegen von einzelnen Werken hält, das kann meinetwegen am Rande mal durchscheinen. Aber dem Leser regelmäßig die eigene Meinung vorzulegen, das sollte man in einer Biographie schlechterdings nicht tun.

Das nächste Mal gehe ich dann doch ins Storm-Haus und lese mir in Ruhe die Tafeln durch. Die werden mich bestimmt nicht mit den Privatmeinungen ihrer Verfasser zu Storm behelligen, sondern es mir überlassen, dass ich mir zu Storm eine Meinung bilde – oder ich lese schlicht mal wieder einige seiner Gedichte und Novellen.

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