Gar nicht so feine Unterschiede – oder: Prousts Dramaturgen

Als ich vor kurzem den 4. Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gelesen habe, stutzte ich bei folgendem Satz:

Ungewiss, ob Ibsen oder d’Annunzio tot waren oder noch lebten, sah er bereits Schriftsteller und Bühnenautoren seiner Frau Besuche machen und sie in ihre Werke einbringen.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4: Sodom und Gomorrha. Übers. v. Bernd Jürgen Fischer. Stuttgart 2015, S. 97).

Zwei Formulierungen irritierten mich. Einmal ‚in ihre Werke einbringen‘. Ich habe wohl verstanden, was gemeint ist. Doch ist diese Wendung eigentümlich unkonkret und unkonventionell. ‚Eingehen lassen‘ oder ‚Eingang finden‘ schienen mir spontan bessere Lösungen.

Zudem stutzte ich ob des Paars ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘. Warum stand da nicht ‚Dramatiker‘, dachte ich sofort. Klar: weil Dramatiker auch Schriftsteller sind. ‚Bühnenautoren‘ sind selbstredend auch ‚Schriftsteller‘, aber ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘ reflektiert immerhin die unterschiedlichen Publika der beiden – einmal die Leser, einmal die Zuschauer. Also erst einmal schauen, was Proust selbst schreibt:

Incertain si Ibsen ou d’Annunzio étaient morts ou vivants, il voyait déjà des écrivains, des dramaturges allant faire visite à sa femme et la mettant dans leurs ouvrages.
(so in der Ausgabe von 1919, S. 89).

Selbst wenn man wie ich nicht gerade gut Französisch beherrscht, bemerkt man gleich, wie sehr die Übersetzung mit diesem Satz kämpft. War das ein Beispiel dafür, weswegen nicht wenige Kritiken die neue Reclam-Ausgabe, die ich lese, zwar begrüßt, sich jedoch letztlich festgelegt hatten, dass die Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens besser sei? Also mal sehen, wie sie übersetzt hat:

Ungewiß, ob Ibsen oder d’Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4.1: Sodom und Gomorra. Übers. von Eva Rechel-Mertens. Frankfurt/M. 1982, S. 98).

‚In ihren Werken nennen‘ ist zwar meinem Eindruck nach zu prosaisch für Prousts Stil, aber ein wirkliches Urteil traue ich mir hier nicht zu. Auf jeden Fall trifft es den umschriebenen Umstand deutlich klarer als das bei der Übersetzung von Fischer der Fall ist.

Bemerkenswerter finde ich das Begriffspaar ‚Schritsteller und Dramaturgen‘. In Seminaren und in Pausengesprächen im Theater erlebe ich es immer wieder, dass ‚Dramatiker‘ und ‚Dramaturgen‘ nicht unterschieden werden bzw. dass manche Menschen ‚Dramaturg‘ sagen, obwohl sie ‚Dramatiker‘ meinen (umgekehrt übrigens nie). Je nach Gesprächssituation kann man das korrigieren – im Seminar regelmäßig, in der Theaterpause mag das die Höflichkeit verbieten. Allerdings ist mir diese begriffliche Unbeholfenheit bisher noch nie in seriösen Texten begegnet. Dass die so sehr gelobte Übersetzung von Rechel-Mertens diesen Bock schießt, hat mich deswegen irritiert. Immerhin zeugt er nicht nur von der Unkenntnis des Berufsstand ‚Dramaturg‘. Er zeugt auch davon, dass Rechel-Mertens sich in ihrer Wortverwendung absolut gewiss gewesen sein muss. Denn natürlich hätte ihr der Blick in jedes x-beliebige Wörterbuch gezeigt, dass der ‚dramaturge‘ im Unterschied zum ‚Dramaturg‘ nichts anderes macht, als Dramen zu schreiben.

Bleibt freilich das Problem, wie man ‚dramaturge‘ an dieser Stelle übersetzt. Bemerkenswert ist, vermute ich, zunächst, dass Proust nicht von ‚poète‘ oder ’nouvelliste‘ spricht. Die Herzogin von Guermantes, von der hier berichtet wird, fand also, so darf man mutmaßen, Eingang in längere literarische Erzählungen und in Dramen. Wenn man sich weiterhin klar macht, wie leidenschaftlich der autodiegetische Erzähler ins Theater geht, sollte man ‚dramaturge‘ möglichst gleichlautend und also mit ‚Dramatiker‘ übersetzen. Natürlich ist die geläufigste Übersetzung für ‚écrivains‘ ‚Schriftsteller‘, aber aus den oben genannten Gründen fügt sich das nicht gut neben ‚Dramatiker‘. Deswegen wäre an sowas wie ‚Roman-Autor‘ zu denken, womit zugleich das Problem umschifft wäre, das sich ergeben hätte, wenn man ‚Romancier‘ gebraucht hätte. Elegant ist ‚Roman-Autor‘ zweifellos nicht, aber sicherlich besser als ‚Dramaturg‘, wenn ‚Dramatiker‘ gemeint ist.

 

 

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