im Setzkasten – gestern in Osnabrück auf der Bühne.
Gestern gab’s
11. November 2011gegenüber von Occupy Frankfurt einen starken Theaterabend: Der große Gatsby in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt. Darauf sei auch hingewiesen, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte nichts mehr zu schreiben. Wird halt nur nicht hier publiziert.
Romane auf der Bühne
16. Oktober 2011Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.
Blut, Schweiß und ???
20. Juni 2011Ekkehart Krippendorff hat letztens im Freitag (Nr. 22, S. 15) die Frage aufgeworfen, warum wir im Theater nicht mehr weinen. Ich habe mich natürlich sofort gefragt, wann ich zum letzten Mal im Theater geweint habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, ist das schon sehr lange her. Ich war acht Jahre alt, als Winnetou direkt vor meinen Augen auf der Freilichtbühne in Elspe erschossen wurde. Ich kämpfte mit den Tränen, hatte sie aber noch unter Kontrolle. Winnetou wurde abgedeckt, Old Shatterhand trat an den Bühnenrand und hielt eine Trauerrede. Er schloss mit den Worten: „Winnetou ist tot, aber in unseren Herzen lebt er weiter.“ Und in dem Moment ritt Winnetou wieder am oberen Rand der Freilicht-Bühne hervor. Da konnte ich nicht mehr – zumal natürlich punktgenau die Winnetou-Melodie von Martin Böttcher erklang.
Ich erzähle das hier nicht, weil ich mich über Krippendorf lustig machen will. Ich finde Wirkungsästhetik in vielerlei Hinsicht eine spannende Sache. Aber mir fiel diese Situation sofort ein, weil sie zeigt, dass es solche und solche Tränen gibt: Krippendorf meint, wenn er von Tränen spricht, Lessings Mitleidsästhetik. Sie ist im Kern eine politische Theorie. Meine Tränen aber hatten mit Mitleid in diesem Sinne nichts zu tun, sondern mit Traurigkeit und Rührung durch Pathos. Die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen sind natürlich nicht immer klar zu ziehen, aber ich bin mir schon sicher, dass ich kein Mitleid fühlte bei meinem Tränenausbruch. Ich weinte auch nicht, weil ich in Winnetous Tod sowas wie das Ende der Humanität symbolisiert sah. Ich weinte, wie andere in Titanic weinten.
Es gibt also unterschiedliche Motivationen für Tränen. Und es gibt auch sowas, das vielleicht Tränen-Konjunkturen genannt werden könnte. Das Beispiel, das Krippendorf nennt (die Reaktionen auf Schillers Räuber), stammt aus einer Zeit, als es eine ganz andere soziale Akzeptanz von Tränen im Theatersaal gab als heute. Wer heute medial zu großen Emotionen angeregt werden will, dem fällt nicht gleich das Theater ein. Meistens legt er eine DVD ein. Das war im 18. und 19. Jahrhundert selbstredend nicht möglich und so ging man dafür ins Theater. Man kann also beklagen, dass das Theater in diesem Bereich seine Vorherrschaft an den Film abgegeben hat. Die Frage ist nur, ob Krippendorffs Hinweise damit schon erledigt sind.
Im Kern formulieren sie nämlich ein ganz anderes, ein strukturelles Problem jenseits des Medienwandels. Der Hinweis auf die Tränen des 18. Jahrhunderts mag dem ersten Eindruck nach erscheinen wie eine um ein paar Aspekte der Wirkungsästhetik erweiterte Werktreue-Debatte. Doch darum geht es nicht. Krippendorf hat sehr präzise zur Kenntnis genommen, dass die derzeit erfolgreichen Theatermodelle just der Gegenentwurf zum oben skizzierten Theaterverständnis sind. Sie firmieren vielfach unter dem Schlagwort ‚Diskurs‘. Auch dazu gibt es derzeit, gegen Ende der Theatersaison, zahlreiche Überlegungen. So hat diese Woche dradio Kultur einen Beitrag über das Theater als „Theorie-Tanker“ gesendet.
Krippendorffs Artikel wirft letztlich nichts anderes als die Frage auf, warum dieses Theater entgegen seinem Anspruch kaum politische Wirkung zeitigt. Seine Antwort lautet schlicht, dass politische Wirkung ohne emotionale Beteiligung kaum erreicht werden kann. Das ist bestimmt ein berechtigter Einwand. Das Problem seiner Kritik scheint mir nur zu sein, dass es anders als zu anderen Zeiten im Moment sehr schwer zu sagen ist, wie sowas wie eine Emotionalisierung des Theaters erreicht werden kann.
Der ‚Theorie-Tanker‘ ist schließlich nicht selten eine Mischung aus antimimetischer Ästhetik und einer Portion postmoderner Ironie. Die meisten Theatererfolge feierte er letztlich schon in den 1990er Jahren. Wenn man sich an sie erinnert, sollte man nicht so tun, als wären sie ohne emotionale Beteiligung ausgekommen. Aber sie setzten eben nicht auf Gefühle, die man vielleicht auf den gemeinsamen Nenner ‚Mitleid‘ bringen kann, sondern eben auf ironische Distanzierung.
So gesehen zielt der Angriff Krippendorffs eben doch ins Leere, weil er unterstellt, dass die Theatermacher Gefühle einfach außer Acht ließen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht findet sich derzeit schlicht kein gemeinsamer Nenner, so dass alles disparat erscheint und weder eine neue Tränen-Konjunktur am Horizont heraufzieht, noch von den Harald Schmidts des Theaters die alte Strahlkraft ausgeht.
Eine Lösung könnte vielleicht eine Rückbesinnung auf eine möglichst vielfältige, den Zuschauer durch den Reichtum der Ideen überfordernde Ästhetik sein, die dem Diskurs ebenso wie dem Mitleid eben nicht absagt, aber auch nicht das eine oder das andere in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Ästhetik versucht eben gerade nicht, primär durch die Referenz auf das Außerhalb des Theaters zu überzeugen, sondern dadurch, dass es eine im besten Sinne des Wortes phantastische Gegenwelt erzeugt. Kulturwissenschaftler würden eine solche Form des Theaters mit Foucault vielleicht als Heterotopie bezeichnen.
Anlass für diesen Gedanken war die Uraufführung von Tom Peuckerts Gedächtnisambulanz in der Regie von Patrick Schimanski. Was da in Bielefeld geleistet wurde, war nicht weniger als ein surrealer Theaterabend, dessen Stärke gerade darin bestand, dass er so vielfältig war, dass wohl in jedem Zuschauer andere Assoziationen ausgelöst wurden und so die emotionale Beteiligung auch ganz unterschiedlich ausfallen konnte. Als die Zuschauer aus dem Theater traten, schienen einige noch ganz betroffen zu sein, andere angesichts der Bilderflut erschlagen, andere wiederum sprachen über eigene Erfahrungen mit Demenz-Kranken. Und der kleine Philologe freute sich zudem noch über die mal versteckten, mal offensiven Anspielungen auf die große und kleine Literatur in Peuckerts kurzem Stück.
Vielleicht besteht die große Herausforderung des Theaters eben darin, dass es nicht überlegt, ob es die großen Gefühle an- oder ausschalten soll, sondern darin, Theater so zu machen, dass die, die Gefühle anschalten wollen, das auch tun können, während die, die es nicht wollen, sie auch ausgeschaltet lassen können, ohne sich gleich über die ‚Anschalter‘ lustig machen zu müssen.
Schweizer Standort
4. Januar 2011Für mein Seminar zur Gegenwartsdramaturgie habe ich Frischs Graf Öderland. Eine Moritat in zwölf Bildern gelesen. Das Stück ist eigentümlich emotionsfrei. Die Figuren sind keine Charaktere; Identifikation fällt damit aus. Doch sind sie auch keine Typen; damit fallen Komik und Parabel aus. Die Szenen bauen aufeinander auf, Aktion und Reaktion sind in sich schlüssig. Doch ändert das nichts daran, dass die Fabel dermaßen absonderlich ist, dass ich mich eher an eine Pro7-Mystery-Serie erinnert fühlte, denn an eine überzeugende dramatische Handlung (immer wenn Graf Öderland auf Widerstand stößt, holt er seine Axt raus und zerdeppert ein paar Schädel …). Glücklicherweise sah das Seminar das in den beiden sehr lebhaften Diskussionen anders als der Dozent.
Einen konventionellen Spannungsbogen habe ich auch nicht so richtig gefunden, gleichzeitig aber ist die Dialogführung sehr konzentriert. Das ganze Stück erinnert in seiner Formvollendetheit an das absurde Theater von Beckett, nur dass es nicht absurd ist. Immerhin aber endet es mit einem hübschen performativen Widerspruch. Von allem also ein bisschen. Selten hat mich ein Stück so dermaßen überfordert und gleichzeitig gelangweilt. Warum weckt es nicht meinen Ehrgeiz, es endlich zu verstehen. Vielleicht ist es einfach nur schlecht?
Jetzt lese ich im knappen und trotzdem in jeder Beziehung überzeugenden Sammelband Wir stehen da, gefesselte Betrachter. Theater und Gesellschaft (hg. von Elio Pellin und Ulrich Weber. Göttingen, Zürich 2010) einen wunderbaren Aufsatz von Peter Utz (Die Katastrophe im Blick. Literarische Betrachtungen zur Schweiz auf der Zuschauerbank, S. 15ff.) zu Frischs Überlegungen zum Schweizer „Standort“. Frisch meinte – unter Rückgriff auf verschiedene Vorgänger -, das Schweizer Bewusstsein sei wesentlich vom Zuschauen bei den historischen Tragödien (zumal denen des 20. Jahrhunderts) geprägt. Deswegen grenzte er die Katharsis auch entschieden aus seinen Überlegungen aus.
Diese Information korrespondiert mit einem Gedanken, der auch schon im Seminar geäußert wurde: Wenn man Frischs Überlegungen zum ‚Standort‘ kennt, dann wird Graf Öderland zumindest in einer Hinsicht interessant. Denn hier sitzt nicht nur das Publikum im Theater und sieht dem Aufstieg Graf Öderlands zu einer Art Staatschef unbeteiligt zu. Es gibt zugleich auch Figuren, die dem Aufstieg ihrerseits recht teilnahmslos zuschauen. Das Publikum kann sich gewissermaßen selbst beim Zuschauen zuschauen. Das ist natürlich ein netter Gag und etwas subversiver als beispielsweise Brechts Zeigefinger Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.
Nur kann man diese luhmannsche Freude an der Beobachtung zweiten bzw. dritten Grades heute noch irgendwie vermitteln? Sie setzt eine Lust an der Neutralität voraus, die schon vielen Zeitgenossen von Frisch suspekt war. Trotzdem mag sie in der Schweiz weiterhin lebendig sein. Zugestanden. Aber außerhalb der Schweiz? Gibt es eine Aktualität des Stücks, die es rechtfertigt, Graf Öderland heute noch auf eine Bühne zu bringen? In Basel ist es jüngst versucht worden, an diesem Wochenende folgt auch das Theater in Gießen, was auch Anlass für die Beschäftigung mit dem Stück im Seminar war. Ich bin gespannt, ob man in Mittelhessen eine Löung unabhängig vom Schweizer Standpunkt findet. Ein Probenbesuch vor Weihnachten ließ das zwar hoffen, aber er machte zugleich auch deutlich, dass bei Frisch immer alles wie Reißbrett wirkt.
Moritz Rinke erinnert gern daran, dass Frisch seine Dramen auf einem Bierdeckel konzipieren konnte und er (Rinke) das nicht könne, Frisch deswegen aber bewundere. Als ich die Geschichte vom Bierdeckel zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Friedrich Merz denken. Was die Leute so alles auf Bierdeckel bringen wollen. Mir reicht es voll und ganz, ein Bier ‚drauf abzustellen, damit es nicht auf den Tresen suppt. Frischs Dramatik hat mir die Geschichte auf jeden Fall nicht näher gebracht, aber vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass ich mich im Theater fürs Zugucken interessiere und nicht fürs Zugucken beim Zugucken.
Irrtümer
30. Dezember 2010Vor 15 Jahren starb Heiner Müller. Als gut zwei Jahre nach seinem Tod die Nachricht die Runde macht, dass seine Gedichte den Auftakt zur Werk-Ausgabe bilden werden, bestelle ich das Buch umgehend vor und kann es nach mehreren Nachfragen endlich bei meinem Buchhändler in Göttingen abholen.
1998 war das. In Göttingen nahm man die Trauer nicht wahr, die in Berlin auch zwei Jahre nach seinem Tod vielfach zu spüren war, vor allem an den Theatern dort. Die Distanz erleichterte die Lektüre. In den folgenden Tagen las ich nicht nur den Band, sondern auch alle Rezensionen der Ausgabe in den einschlägigen Tageszeitungen. Noch heute finden sich einige von ihnen in mein Exemplar eingelegt; sie belegen, wie sehr die Gedichte ein Ereignis waren.
Gerade seine letzten Gedichte habe ich wieder und wieder gelesen. Auch kenne ich dazu einige Interpretationen, die meinen Eindruck bestätigt haben, dass diese Gedichte herausragende Auseinandersetzungen mit der Todesliteratur und insbesondere der Todeslyrik verschiedener Epochen und Literaturen sind – vor allem mit der stoischen Literatur Senecas.
Vor einigen Wochen nahm ich den 2005 erschienenen Band „Der Tod ist ein Irrtum“ erstmals in Ruhe in die Hand und las dieselben Gedichte wieder, eingebettet zwischen den Polaroidfotos von Brigitte Maria Mayer und den handschriftlichen, oft schwer leserlichen Notizen Müllers. Diese Rahmung verändert alles – die Gedichte sind andere, wenn sie neben den Fotos des schwerkranken Autors abgedruckt sind.
Müller hat wie kein anderer den Tod des Autors dramatisiert und dadurch einen unvoreingenommenen Blick auf die Bilder unmöglich gemacht. Man kommt sich vor wie ein Voyeur, obwohl man zum Zuschauen eingeladen wird. Kein Gedanke mehr an die Literaturgeschichte, volle Konzentration auf Müller. Nie war mir deutlicher, wie sehr Wahrnehmung variieren können. Eigentlich banal. Nur weiß ich nicht, wie ich damit umgehen, in welcher Ausgabe ich lesen soll, wenn ich die Gedichte wiederlesen möchte. Nicht nur der Tod ist ein Irrtum.
Veröffentlicht von kai bremer