Gestern gab’s

11. November 2011

gegenüber von Occupy Frankfurt einen starken Theaterabend: Der große Gatsby in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt. Darauf sei auch hingewiesen, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte nichts mehr zu schreiben. Wird halt nur nicht hier publiziert.


Romane auf der Bühne

16. Oktober 2011

Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.


Betrug?

2. September 2011

Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman „ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen“, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem „betrogenen Betrüger“, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?

Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.

In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von „Modulhandbüchern“ geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.

Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.

Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.


Härte

27. August 2011

Manchmal will ein kleiner Philologe ein harter Kerl sein. Aber weil er tatsächlich ein Einfaltspinsel und Schisser ist, mischt er sich beim Auswärtsspiel nicht unter die Ultras der Heimmannschaft, sondern geht in die Buchhandlung seines Vertrauens und verlangt was Hartes, was richtig Hartes.

Die junge Aushilfe bietet dem Käsegesicht Mankell an. Es stottert verlegen und stammelt was von „Ne, n‘ Krimi wollte ich eigentlich nicht.“ Zum Glück greift die Besitzerin ein. Sie kennt ihre Schnullis: „Nehmen Sie das hier, 35 Tote von Álvarez, der große Kolumbien-Roman der Gegenwart. Suhrkamp. Knallharte Realität. Abrechnung und Liebeserklärung zugleich.“

Und so sitzt der kleine Philologe, der so gerne richtig hart wäre, in seinem Sesselchen weit entfernt vom bösen Kolumbien, wo offensichtlich ohne Unterlass gekifft und gekokst wird, vergewaltigt und verprügelt. Alle sind total cool und haben dauernd Sex. Manche wollen die Welt ändern, die meisten aber nur Geld machen und Spaß haben. Ein paar liebenswerte Melancholiker trifft man auch.

Was soll unser Philologe sagen? So viele Tote gab’s lange nicht mehr in einem Buch, das er gelesen hat. Im Vergleich zu Mankell sind die Todesarten weniger bestialisch. Sie sind meistens schlicht effektiv, manchmal auch sadistisch. Sieht man einmal davon ab, dass der Roman aus ganz vielen verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt wird (was natürlich auf die Dauer nervig ist, weil man zu Beginn jedes Kapitels wieder überlegen muss, wer jetzt gerade spricht), ist er ästhetisch nicht besonders spektakulär.

Aber der kleine Philologe ist ausdauernd und liest die ganzen gut 500 Seiten. Weil er letztlich doch ein harter Junge ist, ein ganz harter. Wenn die gegnerischen Ultras wüssten, wie das in Kolumbien abgeht und was er darüber jetzt alles weiß, dann würden die aber sowas von weiche Knie bekommen. Das kann ich Euch sagen. Also macht Euch schon mal vom Acker, mir macht keiner mehr was vor. Schließlich habe ich Álvarez‘ Roman von vorn bis hinten gelesen. Da könnt ihr mit Euren Bengalos und Schlachtgesängen aber sowas von nicht mithalten, das sag ich Euch aber.


Aller Welt Freund

23. August 2011

Als ich in diesen Tagen Aller Welt Freund von Jurek Becker gelesen habe, hat mich das Nachwort genervt. „Selbst schuld, wer liest schließlich schon Nachworte!?“, könnte ich mir jetzt sagen. Die Antwort lautet natürlich: zumindest die, die selbst welche schreiben. Doch wie auch immer. Ich habe mich auf jeden Fall geärgert. Denn dieses Nachwort ist typisch für die Auseinandersetzung mit DDR-Literatur. Der Roman erschien Anfang der 80er und im Nachwort zu meiner Ausgabe (Leipzig: Faber & Faber 2002) wird sofort losgelegt mit einer klaren politischen Verortung Beckers zwischen Ost und West:

Auch er ist weggegangen. Auch er hatte in den Siebzigern das eine gegen das andere deutsche Land eingetauscht. Wie manche vor ihm und viele andere nach ihm. In seinem Paß, den für mehr als ein Jahrzehnt noch Farbe und Emblem der Deutschen Demokratischen Republik zieren sollten, befand sich ein Visum, das ihm die unbeschränkte Aus- und Einreise erlaubte. Diesen Paß, ein Privilegium, besaß er, ein für damalige Verhältnisse Privilegierter, seit Anfang der Siebziger. (S. 171)

Als ich das Nachwort las, habe ich mich nicht etwa geärgert, weil einer mit einem Privileg naturgemäß ein Privilegierter ist (und auch nicht über die ach so gebildet daherkommende lateinische Schreibweise). Solche sprachlichen Nervereien passieren schon mal. Nein, es war, weil Beckers kurzer Roman in manchen Situationen nicht nur komisch ist (und dementsprechend ganz und gar unmelancholisch), sondern mir geradezu aktuell erschien (was mir selten passiert und mich eigentlich auch gar nicht so sehr interessiert). Auf jeden Fall: Nichts von Ausreise, Einreise, Stasi, Knast, was weiß ich. Nein, ganz anders. Aus der Ich-Perspektive wird geschildert, wie ein depressiver Redakteur nach einem gescheiterten Suizid-Versuch die ersten Tage verbringt. Aktuell ist der Roman dabei nicht nur, weil man an den Gedanken des Erzählers beeindruckend genau teilhat, sondern weil die Menschen um ihn herum vielfach so unkompliziert sind, geradezu vorbildlich. So geht z.B. der Chef regelrecht freimütig mit den Problemen seines Mitarbeiters um:

Der Mann, von dem ich spreche, ist ein Kollege von Ihnen. […]. Heute nennt er die ganze Geschichte seine depressive Phase. Ich will offen zu ihnen sein, mein Junge: Vor kurzem habe ich ihn gefragt, was für Ratschläge man einer Person geben könnte, der es ähnlich geht wie damals ihm. (S. 156)

Nun kann ich es sehr gut verstehen, dass man in einem Buch, das in einer Reihe namens DDR-Bibliothek erscheint, immer wieder zu historischen Verortungen ansetzt. So wird dann auch in dem Nachwort über Beckers Weggang aus der DDR berichte und über die Schwierigkeiten der Publikation von Aller Welt Freund in der DDR. Aber muss man das wirklich? Kann man nicht einfach mal über ein gutes Buch schreiben, dass es gut ist, ohne zu erwähnen, dass es zu einer Zeit erschienen ist, als zwei deutsche Staaten kooexistierten (kann man sich schließlich ausrechnen), ohne mit dem Zeigefinger auf Beckers gewiss nicht immer leichte Situation hinzuweisen. Weder Ostalgie noch Anklage, das wär’s. Aller Welt Freund ist gerade deswegen ein starkes Buch, weil es weder glorifiziert noch offen kritisiert, sondern den Leser mit diesem Erzähler ganz allein lässt. Und diese Zweisamkeit kommt bestens aus ohne historisches Tralala.


Kolbes Erinnerungen an Vineta

17. August 2011

Das Literarische Zentrum Gießen war so nett, einige Gedanken von mir über Uwe Kolbes neue Essay-Sammlung online zu stellen. Auch wenn ich mir damit selbst untreu werde: wird kein einmaliger Seitensprung sein.


Blut, Schweiß und ???

20. Juni 2011

Ekkehart Krippendorff hat letztens im Freitag (Nr. 22, S. 15) die Frage aufgeworfen, warum wir im Theater nicht mehr weinen. Ich habe mich natürlich sofort gefragt, wann ich zum letzten Mal im Theater geweint habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, ist das schon sehr lange her. Ich war acht Jahre alt, als Winnetou direkt vor meinen Augen auf der Freilichtbühne in Elspe erschossen wurde. Ich kämpfte mit den Tränen, hatte sie aber noch unter Kontrolle. Winnetou wurde abgedeckt, Old Shatterhand trat an den Bühnenrand und hielt eine Trauerrede. Er schloss mit den Worten: „Winnetou ist tot, aber in unseren Herzen lebt er weiter.“ Und in dem Moment ritt Winnetou wieder am oberen Rand der Freilicht-Bühne hervor. Da konnte ich nicht mehr – zumal natürlich punktgenau die Winnetou-Melodie von Martin Böttcher erklang.

Ich erzähle das hier nicht, weil ich mich über Krippendorf lustig machen will. Ich finde Wirkungsästhetik in vielerlei Hinsicht eine spannende Sache. Aber mir fiel diese Situation sofort ein, weil sie zeigt, dass es solche und solche Tränen gibt: Krippendorf meint, wenn er von Tränen spricht, Lessings Mitleidsästhetik. Sie ist im Kern eine politische Theorie. Meine Tränen aber hatten mit Mitleid in diesem Sinne nichts zu tun, sondern mit Traurigkeit und Rührung durch Pathos. Die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen sind natürlich nicht immer klar zu ziehen, aber ich bin mir schon sicher, dass ich kein Mitleid fühlte bei meinem Tränenausbruch. Ich weinte auch nicht, weil ich in Winnetous Tod sowas wie das Ende der Humanität symbolisiert sah. Ich weinte, wie andere in Titanic weinten.

Es gibt also unterschiedliche Motivationen für Tränen. Und es gibt auch sowas, das vielleicht Tränen-Konjunkturen genannt werden könnte. Das Beispiel, das Krippendorf nennt (die Reaktionen auf Schillers Räuber), stammt aus einer Zeit, als es eine ganz andere soziale Akzeptanz von Tränen im Theatersaal gab als heute. Wer heute medial zu großen Emotionen angeregt werden will, dem fällt nicht gleich das Theater ein. Meistens legt er eine DVD ein. Das war im 18. und 19. Jahrhundert selbstredend nicht möglich und so ging man dafür ins Theater. Man kann also beklagen, dass das Theater in diesem Bereich seine Vorherrschaft an den Film abgegeben hat. Die Frage ist nur, ob Krippendorffs Hinweise damit schon erledigt sind.

Im Kern formulieren sie nämlich ein ganz anderes, ein strukturelles Problem jenseits des Medienwandels. Der Hinweis auf die Tränen des 18. Jahrhunderts mag dem ersten Eindruck nach erscheinen wie eine um ein paar Aspekte der Wirkungsästhetik erweiterte Werktreue-Debatte. Doch darum geht es nicht. Krippendorf hat sehr präzise zur Kenntnis genommen, dass die derzeit erfolgreichen Theatermodelle just der Gegenentwurf zum oben skizzierten Theaterverständnis sind. Sie firmieren vielfach unter dem Schlagwort ‚Diskurs‘. Auch dazu gibt es derzeit, gegen Ende der Theatersaison, zahlreiche Überlegungen. So hat diese Woche dradio Kultur einen Beitrag über das Theater als „Theorie-Tanker“ gesendet.

Krippendorffs Artikel wirft letztlich nichts anderes als die Frage auf, warum dieses Theater entgegen seinem Anspruch kaum politische Wirkung zeitigt. Seine Antwort lautet schlicht, dass politische Wirkung ohne emotionale Beteiligung kaum erreicht werden kann. Das ist bestimmt ein berechtigter Einwand. Das Problem seiner Kritik scheint mir nur zu sein, dass es anders als zu anderen Zeiten im Moment sehr schwer zu sagen ist, wie sowas wie eine Emotionalisierung des Theaters erreicht werden kann.

Der ‚Theorie-Tanker‘ ist schließlich nicht selten eine Mischung aus antimimetischer Ästhetik und einer Portion postmoderner Ironie. Die meisten Theatererfolge feierte er letztlich schon in den 1990er Jahren. Wenn man sich an sie erinnert, sollte man nicht so tun, als wären sie ohne emotionale Beteiligung ausgekommen. Aber sie setzten eben nicht auf Gefühle, die man vielleicht auf den gemeinsamen Nenner ‚Mitleid‘ bringen kann, sondern eben auf ironische Distanzierung.

So gesehen zielt der Angriff Krippendorffs eben doch ins Leere, weil er unterstellt, dass die Theatermacher Gefühle einfach außer Acht ließen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht findet sich derzeit schlicht kein gemeinsamer Nenner, so dass alles disparat erscheint und weder eine neue Tränen-Konjunktur am Horizont heraufzieht, noch von den Harald Schmidts des Theaters die alte Strahlkraft ausgeht.

Eine Lösung könnte vielleicht eine Rückbesinnung auf eine möglichst vielfältige, den Zuschauer durch den Reichtum der Ideen überfordernde Ästhetik sein, die dem Diskurs ebenso wie dem Mitleid eben nicht absagt, aber auch nicht das eine oder das andere in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Ästhetik versucht eben gerade nicht, primär durch die Referenz auf das Außerhalb des Theaters zu überzeugen, sondern dadurch, dass es eine im besten Sinne des Wortes phantastische Gegenwelt erzeugt. Kulturwissenschaftler würden eine solche Form des Theaters mit Foucault vielleicht als Heterotopie bezeichnen.

Anlass für diesen Gedanken war die Uraufführung von Tom Peuckerts Gedächtnisambulanz in der Regie von Patrick Schimanski. Was da in Bielefeld geleistet wurde, war nicht weniger als ein surrealer Theaterabend, dessen Stärke gerade darin bestand, dass er so vielfältig war, dass wohl in jedem Zuschauer andere Assoziationen ausgelöst wurden und so die emotionale Beteiligung auch ganz unterschiedlich ausfallen konnte. Als die Zuschauer aus dem Theater traten, schienen einige noch ganz betroffen zu sein, andere angesichts der Bilderflut erschlagen, andere wiederum sprachen über eigene Erfahrungen mit Demenz-Kranken. Und der kleine Philologe freute sich zudem noch über die mal versteckten, mal offensiven Anspielungen auf die große und kleine Literatur in Peuckerts kurzem Stück.

Vielleicht besteht die große Herausforderung des Theaters eben darin, dass es nicht überlegt, ob es die großen Gefühle an- oder ausschalten soll, sondern darin, Theater so zu machen, dass die, die Gefühle anschalten wollen, das auch tun können, während die, die es nicht wollen, sie auch ausgeschaltet lassen können, ohne sich gleich über die ‚Anschalter‘ lustig machen zu müssen.


Wer

15. April 2011

möchte sie nicht kennenlernen, die schrägen Enkel der Liz Taylor?