Wenn die Warteschlangen vor „Verblendung“ zu lang sind: Radikal lesen!
Dogland remixed
5. Januar 2012Es ist schon eine Weile her, da ist Memo durch Baumheide gestreunt – einem sog. sozialen Brennpunkt im Nordosten von Bielefeld. Memo war Türsteher in einem Club, saß verloren an Bushaltestellen herum, hörte Eminems Cleaning out my closet und hatte seinen Vater früh verloren. Seine Mutter war so knapp bei Kasse, dass sie nicht mal einen Grabstein kaufen konnte.
Dargestellt wurde das in den Theaterstücken Dog eat Dog sowie Dogland von Nuran David Calis; vor einiger Zeit habe ich Memo mal etwas unfreundlich als „Hamlet von Ostwestfalen“ bezeichnet (vgl. Theater heute 12/2005, S. 39f.).
Jetzt ist Calis‘ erster Roman Der Mond ist unsere Sonne erschienen, dessen Handlung der der Stücke eigentümlich nahe ist. Alen aus Baumheide arbeitet als Türsteher im Glashaus, gegen Ende nimmt seine Freundin Flo Abschied an einer Bushaltestelle und ein Grabstein für den Vater fehlt auch. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob Calis eigentlich nichts anderes einfällt, als leicht variiert die immer gleiche Geschichte zu erzählen, die zudem zumindest zum Teil auch seine ist. Aber dieser Eindruck verflüchtigte sich gleich wieder, weil rasch deutlich wird, dass das Buch nicht etwa ein episch ausgebreitetes Cover der Stücke ist (so eine Art ‚das Buch zur Aufführung‘), sondern ein beeindruckender Remix.
Denn Calis hat den Stil der Darstellung gegenüber den Theaterstücken fundamental verändert. Natürlich klingen immer wieder Hip-Hop-Anspielungen an, die er beherrscht wie vielleicht kein anderer seriöser deutscher Autor. Aber anders als in den Stücken dominiert im Roman nicht der Dialog, sondern der innere Monolog. Während man sich bei den Theaterstücken immer wieder fragt, was Memo umtreibt und wie es in seinem Kopf aussieht, versteht man Alen sehr – auch wenn er selbst das kaum glauben und das als Mitleidsgequatsche abtun würde.
Calis schafft das durch ein Ensemble von Erinnerungssplittern und längeren Schilderungen, die durch einen sachlichen, gänzlich unpathetischen Ton bestechen. Dabei geht es um zwei Fragen, die schon in den beiden Stücken wesentlich waren und vielmehr miteinander zu tun haben, als man zunächst meinen könnte: Was ist Heimat? Und: Gibt es heute noch sowas wie Tragik?
Calis stellt sich beiden Fragen ausführlich, jedoch niemals langatmig, pathetisch oder gar kitschig. Das macht seinen Debutroman sehr lesenswert – gerade weil seine Antworten auf die Fragen schonungslos ausfallen, schnell und hart.
oder lyrik
30. Dezember 2011Durch einen Zufall bzw. einen aufmerksamen dtv-Mitarbeiter bin ich vor ein paar Wochen auf Judith Zanders Gedichtsammlung oder tau aufmerksam geworden. Schon das zweite Gedicht hat mich sehr neugierig gemacht, weil es unvermittelt plattdeutsch endet: „tja dien mudder“. Mit dieser unscheinbaren Wendung eröffnet sich die nordostdeutsche Landschaft, die Gegenstand vieler Gedichten von Zander ist – so wie auch das dem Band titelgebende Gedicht oder tau, bei dem selbstredend ‚Odertau‘ mitzulesen ist.
Zander schreibt, sonst würde ich hier auch kaum auf ihr Buch hinweisen, keine Heimatlyrik. Vielmehr nutzt sie die Landschaft, um sich zugleich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Ihre Lyrik weiß, obwohl die Autorin erst neun Jahre alt war, als die Mauer fiel, von LPGs, von Mähdreschern und Legebatterien.
Zugleich aber ist Zander keine Erzählerin, sondern vielmehr eine Sammlerin von vielerlei Eindrücken – Geräuschen, Gerüchen, Lektüren, Augenblicken. Sie sammelt akustische Momente und spielt mit Erinnerungen an andere Gedichte. Manche dieser Erinnerungen scheinen der Autorin bewusst zu sein, so verweist sie im Anhang auf Hölderlin, Sarah Kirsch und Sylvia Plath. Andere werden nicht klar markiert. So stößt man unvermittelt auf ein Sonett, das ironisch mit seiner eigenen Formtradition spielt, zugleich an Barock- und Pop-Literatur erinnert und dabei noch entspannt mit einer alltäglichen Phrase spielt: „flache Bälle // sind schwer zu spielen“. Das mag wohl sein – aber wie der belohnt wird, der’s versucht, weiß zumindest der fußballerfahrene Leser auch.
Ergänzend dazu nimmt Zander ihre Leser immer wieder an die Hand und führt sie fort aus dem Nordosten Deutschlands, mal in die Ferne nach Finnland und Indien, schließlich aber auch ins nicht ganz so weite Bitterfeld. Dabei wird man den Eindruck nicht los, das zumindest das Ich ihrer Gedichte sich in Sachsen-Anhalt wohler fühlt als in der Ferne. Der ironische Unterton, die souveräne Stimmenvielfalt Zanders wirkt konzentrierter, wenn das Ich über die Fremde spricht. Eleganter und zugleich entspannter aber klingt oder tau, wenn es um die Landschaften zwischen Saale, Oder und Ostsee geht.
So lässt Zanders lyrisches Debut eine Ahnung davon aufkommen, dass die Lyrik eines Kunert oder auch eines Kolbe, Lyrik also, die Formbewusstsein nicht mit Verseschmiederei verwechselt und Geschichtsbewusstsein nicht mit Nostalgie, dass diese Lyrik auch weiterhin nicht nur wertgeschätzt, sondern durch neue Stimmen erweitert wird.
Sisyphos-Müller
3. Dezember 2011Vor knapp einem Jahr hat Kristin Schulz eine beeindruckende Sammlung von vier Mp-3-CDs mit 36 Stunden O-Ton von Heiner Müller im Alexander Verlag veröffentlicht. Diese Sammlung ist in den folgenden Monaten mehrfach rezensiert worden – teilweise sogar sehr bald nach dem Erscheinen, so dass ich mich immer wieder gefragt habe, wer die CDs wirklich durchgehört hat; ob also die Kritiker wirklich in der Lage waren, sich ein zuverlässiges Urteil zu bilden.
Letzte Woche habe ich die letzten Tracks gehört – allerdings möchte ich gleich eingestehen, dass ich immer wieder einmal beherzt zum nächsten Track gesprungen bin, wenn mich der aktuelle gelangweilt hat oder er schlicht zu schwer zu verstehen war (die Qualität der frühen Aufnahmen entspricht nicht immer gegenwärtigen Standards). Dazu kommt noch, dass Tracks teilweise sehr umfangreiche Lesungen Müllers von anderen Autoren (Benjamin, Brecht, Kafka) bieten. Das ist vielleicht für den interessant, der gerade eine Studie zu Müllers Rezeption von X oder Y schreibt – aber warum sollte man sich das sonst anhören? Auch wiederholen sich seine Pointen und Analysen auf die Dauer. So kommt denn beim Hören immer mehr der Eindruck auf, dass die Tondokumente zwar auf jeden Fall durch das Heiner-Müller-Archiv hätten zugänglich gemacht werden müssen, aber warum sie auf dem freien Buchmarkt angeboten werden müssen, das leuchtete mir, je länger ich zuhörte, immer weniger ein, obwohl ich nun wirklich die für ein solches Vorhaben notwendige Begeisterung für Müller mitbringe.
Als ich dann aber die letzte CD einlegte, kam auf einmal die große Überraschung. Da ich längst schon nicht mehr in dem hilfreichen Buch zu den CDs nachlas, was mich erwartet, war ich sehr erstaunt, als auf einmal neben der Stimme Müllers eine zweite zu hören war. Die CD macht auf mit einer Brecht-Lesung von Ekkehard Schall und Müller, in der sich Schalls zerbrechlicher Moritat-Gesang und Müllers trockener, emotionsfreier Leseduktus abwechseln, was sehr reizvoll wirkt. Im Anschluss an diese Lesung folgt eine Diskussion, an der u.a. auch der jüngst verstorbene Friedrich Kittler teilnimmt. Es schließen sich kurze Gedicht-Lesungen an, die Müller nach seiner Speiseröhren-OP im Rahmen eines Fernsehgesprächs mit Alexander Kluge gehalten hat. Schließlich sind auch seine letzten öffentlichen Äußerungen wie etwa die Büchner-Laudatio auf Durs Grünbein zu hören.
Diese letzte CD wird damit – vermutlich ungewollt und nur wegen der chronologischen Anordnung der Dokumente – zu einem mehrere Stunden dauernden memento mori. Das geht deswegen so sehr unter die Haut, weil Müller sich nicht mehr mit Zynismus und Sarkasmus panzert. Wenn er im Gedicht über sein Spätwerk nachdenkt, dann geschieht das offensichtlich im Bewusstsein, eine großes (wenngleich auch kein umfangreiches) Werk hinterlassen zu haben. Zugleich stellt er sich aber nicht nur seinem Tod. Er kehrt zu seinen Anfängen zurück, indem er noch einmal betont, dass seines Erachtens nach politisch alles auf die Frage „Selektion oder Revolution?“ hinausläuft. Wie früh er diese Frage schon gestellt hat, wird erst beim Hören dieser CDs wirklich deutlich – und das macht klar, wie sehr Müllers Werk dem des Sisyphos ähnelt. Glücklicherweise scheint er darunter nicht so sehr gelitten zu haben wie sein berühmter Ahnherr.
Gestern gab’s
11. November 2011gegenüber von Occupy Frankfurt einen starken Theaterabend: Der große Gatsby in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt. Darauf sei auch hingewiesen, damit Ihr nicht glaubt, ich hätte nichts mehr zu schreiben. Wird halt nur nicht hier publiziert.
Romane auf der Bühne
16. Oktober 2011Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.
Betrug?
2. September 2011Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman „ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen“, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem „betrogenen Betrüger“, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?
Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.
In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von „Modulhandbüchern“ geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.
Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.
Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.
Veröffentlicht von kai bremer