Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei – als ich letztens einem biederen Bekannten erzählte, dass ich demnächst ein Stück mit diesem Titel sehe, sah er mich fassungslos an. Vermutlich hätte ihm der Theaterabend gestern auch deswegen nicht gefallen, weil In Osnabrück in Heiner Müllers Stück Gundling seinen Jacob Paul herausholt und mit ihm spielt. Eine solche Szene erfüllt für schlichte Gemüter genau das Vorurteil, das sie gegenüber zeitgenössischem Theater pflegen. Dabei war es nur ein Bild, das sich wunderbar in einen tollen Theaterabend mit großen Bildern einfügte. Wie, das beschreibe ich auf nachtkritik.
Laubpuster
1. September 2014Nach einem ausgefallenen Sommer wie diesem ist es Zeit, sich für den Herbst zu rüsten. Also wird es allüberall demnächst wieder den Laubpuster-Terror geben. Gestern gab es davon schon mal einen Vorgeschmack im Theater Bielefeld.
Erinnerungen
28. Juli 2014Habe endlich einen Rückblick auf eine Lesung und ein paar Gedanken zu Moritz Rinkes Erinnerungen an die Gegenwart niederschreiben können, die das Literarische Zentrum Gießen dankenswerterweise im Blog und als PDF publiziert hat.
Aspekte der Fremdheit
16. Juli 2014Auch wenn hier viel zu lange nichts passiert ist, ist es nicht so, dass ich nicht geschrieben habe. Nur eben nicht hier. Gestern benötigte ich zum Schreiben ausnahmsweise wieder Papier und meinen Füller samt Tinte.
Papier war allerdings aus, die Patrone zeigte bedrohlich wenig Tinte an. So dachte ich mir: ein Anlass, um mit der Hand zu schreiben, der will gefeiert sein. Also auf in den nächsten mir bekannten Laden, in dem es Papier und Tinte gibt. Der Laden, der mir sofort einfiel (nicht weil ich ihn regelmäßig besuche, sondern weil er in der Nähe meiner Bank liegt), hat viele Fenster, die mit bunt bedruckten Karten, Büttenpapier und aufwendigen Schreibutensilien dekoriert sind.
In dem Laden findet sich eine kleine Sitzecke, in der Kaffee und vor allem Tee getrunken wird. Tee gibt es in dem Laden auch zu kaufen. Kaffee, soweit ich gesehen habe, nicht. Die Tische in der Sitzecke sind klein, man kann an ihnen also nicht richtig schreiben. Die Kaffee- und Teeecke ist also eine zum bloßen Verweilen.
In dem Laden gibt es ferner ein paar Bücher auf einem zentralen Auslagetisch, auf dem in Feinkostläden besonderes Gebäck und Marzipanschweinchen präsentiert werden. Die Bücher, die dort lagen, nennt man im Fachjargon Geschenkbücher. Sie sind hübsch bedruckt, einige sind aus handgeschöpftem Papier – irgendwie Ratgeberliteratur, die sich mir nicht erschließt.
Wenn ein Mann den Laden betritt, scheint das bemerkenswert. Aus den Blicken der Frauen vor und hinter dem Tresen sprach offensichtlich Erstaunen. Eine ältere Dame begrüßte mich freundlich: „Sie suchen sicher ein Geschenk.“ „Danke, ich komm schon zurecht.“
Kam ich aber nicht. Die Aufstellung der Notizbücher überforderte mich, weil sie über verschiedene Wände verteilt waren. Meiner Meinung nach normale Hefte wurden in einem Regal präsentierte, in das außer mir kein in dem Moment im Laden anwesender Mensch problemlos einen Blick hätte werfen können. Die Auswahl an meiner Meinung nach normalen Notizbüchern war eher mau (blanko fand ich gar nicht). Dafür waren die Umschläge der vorrätigen Bücher umso vielfältiger. Dummerweise stehe ich jedoch bei Notizbüchern eher auf farbliche Einfalt, sicher nicht auf neon oder betont-natur-rot-orange-was-weiß-ich. Immerhin aber wurde ich fündig (liniert).
Schwieriger gestaltete sich die Suche nach der Tinte. Schließlich gab ich auf und fragte die freundliche Dame. Meiner Meinung nach normale Fünfer-Patronenpäckchen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kenne, schien es gar nicht zu geben. Sie wurden mir zumindest nicht angeboten. Dafür aber viele kleine Tintenfässchen, die mich ein wenig an Revell-Farbtöpfchen erinnerten: „Ne, ganz normale Parker-Patronen. In schwarz.“ „Parker haben wir nicht, aber dahinten sind welche, die müssten auch passen.“ Ich habe dann nur drei Notizbücher gekauft.
Am letzten Wochenende habe ich ein Seminar zur Interkulturellen Literaturwissenschaft gegeben. In den Erzählungen und Romanen, die wir behandelt haben, werden viele Fremdheitserfahrungen verarbeitet, die sich in erster Linie durch Migration oder durch steten Wechsel der Lebensstationen ergeben. An einem Ort Fremdheit zu erfahren, der mir an sich seit der Grundschulzeit vertraut schien, hat mich noch mehr beeindruckt als die literarischen Schilderungen.
Rara
28. März 2014Wie alle Menschen der Bibliothek bin ich in meiner Jugend gereist, ich bin gepilgert auf der Suche nach einem Buch, vielleicht dem Katalog der Kataloge…
Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel
Kennst Du die Suche nach einem Buch? Manchmal endet sie ganz unvermittelt. Du suchst das Buch schon lange, hast es vielleicht sogar vergessen und auf einmal steht es vor Dir: in einem Regal einer Bibliothek. Eigentlich hast Du ein anderes Buch gesucht. Doch weil Dich immer noch die gleichen Themen und Fragen beschäftigen, kommst Du zufällig in die Nähe des lange schon gesuchten Buchs. Da steht es. Vielleicht erkennst Du es sofort, vielleicht brauchst Du eine paar Sekunden. Egal. Hättest Du zuvor einen Blick in den Katalog geworfen, wäre Dir die Überraschung erspart geblieben – und auch das Glück, das Buch plötzlich in den Händen zu halten.
Manchmal kommt dieses Glück nicht plötzlich, sondern in einer Form, mit der Du nicht gerechnet hast. Einmal, in Tübingen, wartete eine Polemik aus dem 16. Jahrhundert auf einen Doktoranden, der eine Leselücke zu schließen beabsichtigte. Wie bestellt, lag das schmale Büchlein vor ihm. Dem ersten Eindruck nach war es, wie erwartet. Aber dann leise Zweifel: Es war etwas eigentümlich eingebunden und auch etwas dicker als gedacht. Beim ersten Durchblättern zeigte sich, dass ein Bogen fehlte bzw. ersetzt worden war durch eine akurate Abschrift des gesamten Bogens, die an dessen Stelle eingebunden worden war. Undenkbar heute, auch in handwerklicher Hinsicht: Später erst (in einer anderen Bibliothek) wurde ihm nämlich deutlich, wie exakt der Kopist gearbeitet hatte, Zeile für Zeile – ganz so, als wär’s eine heilige Schrift und nicht das Pamphlet eines elenden Streithammels.
Manchmal kommt dieses Glück erwartet. Das tut ihm keinen Abbruch. Vor vielen Jahren habe ich Helmut Zedelmaiers großartige Studie Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta gelesen. Wenige Tage später kam ich nach Göttingen, wo eben die historische Aufstellung des Altbestands erfolgt war. Hier ereilte mich ein doppeltes Glück: da mir die Systematik klar war, musste ich in den Katalog schauen, welche Signatur Possevinos Bibliotheca selecta hat. Ich konnte einfach die Regale abgehen und hielt das Buch schon bald in den Händen, um mir klar zu machen, was Zedelmaier erörtert hatte und was ich zudem von dem Buch wissen wollte.
Dieses Glück aber war und ist abhängig vom Pilgern, von der Sehnsucht oder wie auch immer Ihr es nennen wollt. Es ist Folge der Hoffnung darauf, dass sich endlich eine Wissenslücke schließt oder dass sich vielleicht sogar ein ganz neuer Einblick ergibt. Dieses Glück entsteht aber nicht deswegen allein, sondern weil das Buch nicht einfach verfügbar war, weil es Mühe gemacht hat, weil man den Eindruck hat, es sich geduldig erarbeitet zu haben – nicht in intellektueller Hinsicht, sondern ganz physisch. Vielleicht korrespondiert diese Mühe mit der Einsicht, wie wundersam es ist, dass das Buch es durch die Jahrhunderte geschafft hat (manchmal leicht versehrt und doch wertgeschätzt, wie die Streitschrift in der Tübinger UB).
In dem Moment aber, da alles verfügbar ist, hat das Glück ausgespielt. Borges war das schon klar:
Es gibt amtliche Sucher, Inquisitoren. Ich habe sie in der Ausübung ihres Amtes gesehen: Sie sind immer erschöpft; […]; sie sprechen mit dem Bibliothekar von Galerien und Treppen; manchmal greifen sie nach dem nächststehenden Buch und blättern darin […]. Offensichtlich erwartet niemand, irgend etwas zu entdecken.
Lektüre und Ereignis
18. März 2014Auf nachtkritik.de befasse ich mich mit einem Buch von Anna Häusler, das Ereignisse in den Arbeiten von Schleef und Goetz untersucht. Dirk Pilz ergänzt den Artikel gleich noch wunderbar durch eine gute erste Übersicht über die jüngere Ereignis-Forschung. Wer also nach dem Ereignis Leipziger Buchmesse noch nicht genug Lektüre hat, mag sich angesprochen fühlen.
Realismus
17. Februar 2014
Wie Ihr sehen könnt, war ich gestern mal wieder im Theater. Im U2, der kleinsten Bühne vom Theater Münster, gab es drei Einakter von Tennessee Williams. Wie’s war, lest Ihr auf Nachtkritik.
Willkommen in der Pathologie!
26. Januar 2014Was ein allegorisches Schauermärchen zum All-Age-Drama macht, lest Ihr auf nachtkritik.
Veröffentlicht von kai bremer 
