kann überzeugen – und manchmal auch nicht. Wie man sie überzeugend ausreizen kann, war gestern im Theater Osnabrück zu sehen.
Die Nathan-Parabel
9. Dezember 2013Einst schrieb der fünfzigjährige Gotthold Ephraim Lessing ein Theaterstück. Das Leben hatte ihm zuletzt sowohl beruflich als auch privat übel mitgespielt, trotzdem legte er mit Nathan der Weise ein Stück vor, mit dem er sich in die Literaturgeschichte geschrieben hat. 1779 war das.
Und weil zu Lessings Zeit dauernd Raubdrucker Bücher von prominenten Schriftstellern kopierten, um damit unabhängig vom Autor Reibach zu machen (ein wirkliches Urheberrecht gab es nicht), entwickelte Lessing ein Subskriptionsprinzip: Er kündigte den Nathan an verschiedenen Stellen an und forderte seine Leser auf, die Erstauflage über Buchhändler zu bestellen.
In diese Erstauflage haben sich jedoch zahlreiche Fehler eingeschlichen. Als es kurz nach dem Erscheinen zu einer zweiten Auflage kam, konnte Lessing einige Fehler korrigieren lassen. Noch im selben Jahr erschien eine dritte, von Lessing autorisierte Auflage. Da er im Februar 1781, also knapp anderthalb Jahre später, starb, wurde keine weitere Ausgabe mehr veröffentlicht, die für sich beanspruchen kann, von Lessing autorisiert zu sein.
Welche Ausgabe aber ist nun der ‚wahre‘ Nathan?
Konstellation und Frage erinnern frappierend an die der Ringparabel im Nathan. Und ähnlich wie dort fällt die Antwort aus. Allerdings nicht ganz, wie ihr gleich lesen werdet. Konkret darüber nachgedacht hat eigentlich nur der Lessing-Kenner und Editionsphilologe Winfried Woesler zusammen mit Dieter Neiteler. Sie haben die Ergebnisse ihrer Arbeit vor knapp 15 Jahren vorgelegt („Zur Wahl der Textgrundlage einer Neuedition von Lessings Nathan der Weise„, in: Lessing-Yearbook 31 (1999), S. 39-64). Ich fasse sie knapp zusammen.
Klar ist zunächst eins: Wie bei der Ringparabel dürfen wir nicht davon ausgehen, dass eine der drei Fassungen vom Nathan der ‚wahre‘ respektive ‚echte‘ Nathan ist – in dem Sinne, dass wir sagen können: So hat sich Lessing das exakt Wort für Wort, Punkt für Punkt gedacht. Den Druck, den der damals berühmte Berliner Verlag Voß verantwortet hat, hat Lessing nur aus der Ferne begleiten können. Die schließlich publizierten drei Fassungen vom Nathan haben im Großen und Ganzen zwar den Vorstellungen des Autors entsprochen. Aber im Detail gibt es von Lessing noch unbedachte Formulierungen und Druckerfehler, die er vermutlich gerne korrigiert hätte, aber nicht hat. Es gibt Hinweise, die das bestätigen. Diese Situation konnte bei allen drei Druckgängen überhaupt nur eintreten, weil es zu umfassenden Fahnenkorrekturen mit mehreren Korrekturdurchläufen, wie es heute gang und gäbe ist, nicht kam.
In der Geschichte der Nathan-Ausgaben ereignete sich nun in etwa eine Dynamik, wie sie ansatzweise auch in der Ringparabel angedeutet wird: Jeder meinte, den wahren Ring zu besitzen, niemand dachte über seine genaue Geschichte nach. Das gilt für die ganz überwiegende Mehrheit der Nathan-Ausgaben. Sie haben zumeist nicht den originalen Druck als Textgrundlage gewählt, sondern die historisch-kritische Ausgabe von Karl Lachmann und Franz Muncker aus dem späten 19. Jahrhundert. Die beiden Philologen legten die dritte Ausgabe zugrunde, weil sie sie als „Ausgabe letzter Hand“ betrachtet haben. Allerdings heißt das im Fall dieser Ausgabe zunächst lediglich, dass Lessing diese Ausgabe autorisiert hat, nicht aber dass sie in besonderem Maße seinem Willen entspricht.
Hätte man in den vergangenen 100 Jahren etwas genauer nachgesehen, wäre vielleicht dem einen oder anderen Nathan-Herausgeber aufgefallen, dass Muncker selbst in einem späteren Band der historisch-kritischen Ausgabe erste Zweifel an dieser Entscheidung angemeldet hat. Trotzdem sind spätere Editoren fröhlich der Entscheidung für die dritte Ausgabe gefolgt.
Einen etwas anderen Weg geht der von Klaus Bohnen und Arno Schilson herausgegebene Nathan im Deutschen Klassikerverlag. Da in dieser von Wilfried Barner verantworteten Werkausgabe stärker als sonst üblich die Rezeption der Werke berücksichtigt werden soll, legt sie die erste Ausgabe, die Subskriptionsausgabe, zugrunde.
Woesler und Neiteler haben überzeugend dargelegt, dass aus verschiedenen Gründen die mittlere Ausgabe diejenige ist, die den Vorstellungen Lessings besonders nahekommt. Sie haben also unsere Parabel nicht dahingehend aufgelöst, dass es die eine ‚wahre‘ direkt vom ‚Vater‘ überantwortete Ausgabe gibt. Aber es gibt immerhin Gründe, warum man sich nicht an die beiden anderen halten sollte, wenn man möglichst ‚viel‘ Lessing haben möchte, sondern an diese mittelere.
Der Aufsatz von Woesler und Neiteler wird bisher zwar in der Fachforschung immer mal wieder erwähnt, er zeitigte bisher aber keine Folgen in der Editionspraxis. Deswegen ist der kleine Philologe froh, dass nun endlich eine Nathan-Ausgabe vorliegt, die diese Überlegungen umsetzt, und auch ein wenig stolz, dass sein Name als einer der beiden Herausgeber dort zu lesen ist.
Uns Herausgebern ist durchaus klar, dass die Ausgabe nicht alle Ansprüche der großen Philologen erfüllt. Aber eine Studienausgabe, die immerhin RECLAMieren kann (soviel Wortspiel muss sein), eine bessere Textgrundlage zu haben als die historisch-kritische Ausgabe, ist ja keine schlechte Sache.
Zeigt sich einst, dass, anders als wir denken, doch davon ausgegangen werden muss, dass alle drei Ausgaben ähnlich weit von Lessings Vorstellungen entfernt sind, würde freilich aus der Nathan-Parabel schließlich doch noch eine wahre Ringparabel mit ‚unwahrem‘ Nathan.
Aktion: Bilanz- und Empfehlungsvergleich
30. November 2013Auf dem befreundeten Blog Notizhefte findet Ihr eine schöne Weihnachtsaktion, von der nicht nur alle profitieren können, die noch keine Ideen für Weihnachtsgeschenke haben, sondern auch die, die noch nach Ideen suchen: Aktion: Bilanz- und Empfehlungsvergleich.
In diesem Sinne einen schönen ersten Advent!
Sensation
26. August 2013Ihr habt bestimmt mitbekommen, dass im September die historisch-kritische Ausgabe von Jüngers In Stahlgewittern bei Klett-Cotta erscheint. Es gab schon einige Vorberichte, die Werbetrommel wird gerührt.
Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit dem Buch befasst hat, wird bestätigen, dass eine solche Ausgabe überfällig ist. Man kann zu dem Buch stehen, wie man will: Es gibt wohl kein zentrales Werk der deutschen Literatur, das häufiger und entscheidender von seinem Autor überarbeitet wurde als In Stahlgewittern. Und genau deswegen ist zunächst mal Freude und gewiss auch eine Portion Dankbarkeit angesagt, dass Helmuth Kiesel dies Unterfangen angegangen ist und nun zum Abschluss gebracht hat.
Über was man sich hingegen ein wenig amüsieren darf, ist die Ankündigung des Verlags. Er erklärt die Ausgabe nämlich zu einer „editorischen Sensation“. Eine ‚Sensation‘ ist m.E. ein Ereignis, das nicht nur außergewöhnlich ist, sondern etwas bietet, womit niemand gerechnet hat. Um klar zu machen, was ich meine: Es war keine Sensation, dass die Bayern die CL gewonnen haben, sie waren gewissermaßen ‚dran‘. Es war aber eine Sensation, dass Guardiola zu den Bayern gekommen ist, weil noch nie ein spanischer Trainer von Rang nach Deutschland gekommen ist – zumal da er zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung kein Wort Deutsch sprach und weil (sorry München) London z.B. dann doch noch ein wenig mehr zu bieten hat.
Als ich die Ankündigung von der „Sensation“ gelesen habe, habe ich mir vorgestellt, wie Jünger selbst wohl bei einer solchen Wortwahl reagiert hätte. Vermutlich hätte ein feines Lächeln seine Lippen umspielt. Aus Respekt vor seinem Verlag hätte er die jungen Leute in dessen Presseabteilung aber vielleicht gewähren lassen.
Auf was ich hinaus will? Eine Sensation ist die Ausgabe selbstredend nicht, eben weil sie, wie gesagt, fällig war. Jeder wusste, dass es verschiedene Ausgaben gibt. Jeder wusste, dass Klett-Cotta die Rechte hat. Jeder wusste, dass Helmuth Kiesel ein hervorragender Kenner Jüngers ist und mehr als nur ein wenig Ahnung von Editionsphilologie hat. Das Buch überrascht einfach nicht, auch wenn es vielleicht begeistern wird. Menschen, die sich mit dem Buch befassen, werden verdammt froh sein, wenn sie nun endlich die historische Genese der Fassungen kompakt mit den zwei Bänden rekonstruieren können. Aber eine bibliophile Sensation sind sie gewiss nicht.
Das war vielleicht die Autobiographie von Mark Twain im letzten Jahr, weil sie anders als im Falle von In Stahlgewittern Texte zutage förderte, mit denen man zwar gerechnet hatte, die aber immerhin niemand kannte. Aufbau nennt sie (und also mit etwas besseren, wenn auch nicht mit wirklich guten Gründen) ebenfalls eine „Sensation“.
Eins freilich sei eingestanden; Jünger hätte darauf vielleicht auch hingewiesen: Im Französischen betont ’sensation‘ weit mehr als im Deutschen, den Eindruck den ein Ereignis auf die Sinne macht. Wenn ich in ein paar Wochen die beiden dicken Bände in den Händen halte, werde ich vielleicht einen Moment beeindruckt sein. So ging’s mir zumindest, als ich Twains Autobiographie erstmals in die Hand nahm. Vielleicht denke ich dann sogar ob des Ausmaßes der Überarbeitungen Jüngers: „Sensationell!“ Aber ob ich das denke oder nicht, dass darf der Verlag gerne mir überlassen. Vielleicht findet sich ja der eine oder andere Leser, der ihm mitteilt, für wie sensationell er das Buch hält. Dann darf der Verlag damit gerne werben.
Einstweilen aber hat er das gemacht, was man nicht unbedingt von ihm erwarten muss, was aber an sich seine vornehmste Pflicht war: nämlich eine historisch-kritische Ausgabe vom kontrovers diskutiertesten Buch in seinem Sortiment und von einem seiner zentralen Autoren.
Meinungsstark
9. August 2013Letztens war ich in Husum. Was macht ein kleiner Philologe in Husum? Theodor Storm gucken. Zumindest ein wenig. War zu heiß, um in Ruhe Theodor Storm zu gucken. Also habe ich einen Buchladen aufgesucht und die neue Biographie von Theodor Storm gekauft. Hatte ein paar Tage zuvor einige Worte darüber gelesen, die ganz vielversprechend waren.
Und da ich zuletzt mit Biographien ganz gute Erfahrungen gemacht habe (vor drei, vier Monaten habe ich begeistert Kurzkes Büchner-Biographie gelesen), habe ich mich gleich an Jochen Missfeldts Storm-Biographie gemacht.
Kurzkes Buch hat mindestens zwei starke Thesen: Es geht ihm um das Geniehafte Büchners, wie der Untertitel schon verheißt. Und es geht ihm darum, Büchner den Salon-Revolutionären zu entreißen, was seinerseits schon beinahe revolutionär ist.
Missfeldts Buch tritt schon im Untertitel bescheidener an: „Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“. Was vermutet man bei einem solchen Titel? Anbindung an die Zeit – sowohl in politischer Hinsicht als auch im Hinblick auf Storms Vernetzung im Literarischen Leben. Das habe ich zumindest erwartet. Zweiteres wird auch geliefert. Missfeldt dokumentiert zuverlässig Storms ‚kollegialen‘ Austausch etwa mit Fontane oder Keller. Vielleicht hätte zudem noch ein wenig mehr über das Literarische Leben an sich – Verlagswesen, Kritik in Zeitungen und Zeitschriften – gesagt werden können, aber das mag Geschmackssache sein. Über die politischen Umstände erfährt man ein wenig, aber wenn man wie ich in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht gerade sattelfest ist, lädt Missfeldts Buch doch an der einen oder anderen Stelle ein, noch mal einige Details etwa zu den Einigungskriegen nachzuschlagen, weil die Biographie Informationen dazu nur punktuell liefert.
Aber all das betrifft Gewichtungsfragen, die vermutlich jeder Leser einer Biographie für sich etwas anders beantworten würde. Viel nerviger ist der Habitus von Missfeldt. Im Gegensatz zu Storm hat er nämlich z.B. richtig Ahnung von der Kindererziehung und macht das auch unmissverständlich klar: „Aber auch das Sparen will gelernt sein, schreibt Ernst [Storms Sohn] an seine Verlobte. In meinem elterlichen Hause habe ich es nicht gelernt. Da hat er auf seine Weise Recht, denn der Vater stopfte in seinem Fürsorge-Eifer und Standesdünkel […] stets die Löcher, die der Sohn ins Portemonnaie riss. Darauf konnte der Sohn bauen; gelernt hat er dabei nichts.“ (S. 399)
Missfeldt ist auch sonst nicht urteilsscheu, über die Novelle Bötjer Basch schreibt er: „Webfehler und dünne Stellen im Text sind die Folge; sie sind aber nicht ausschlaggebend angesichts der liebenswerten Schicksalsgestaltung und sprachlichen Schönheit der Novelle.“ (S. 433) Über Storms vorletzte Novelle Ein Bekenntnis heißt es: „Die mitreißende Schilderung vom Leiden und Sterben der jungen Elsie Jebe gelingt ihm nicht immer ohne Anklang von Sentimentalität und Kitsch. Elsie Jebe, geborene Füßli, ist zu sehr ein mit Stormhand geknetetes Frauenwesen.“ (S. 436)
Ein Biograph darf eins ganz bestimmt nicht: sich immer und immer wieder in Lobhudelei ergehen. Das macht Missfeldt erkennbar nicht und das ist natürlich gut und richtig. Ein Biograph muss kritisch Distanz wahren, auch das macht er. Aber er macht es in dieser eigentümlich subjektiven Form der Literaturkritik, die zudem gerne ihrerseits metaphorisch daherkommt und dadurch latent uneindeutig ist. Missfeldt behelligt den Leser fast über das gesamte Buch hinweg mit seinen Geschmacksurteilen. Das nervt nicht nur, das geht auch am Anspruch einer Biographie vorbei, die schließlich in erster Linie ein historisches Genre ist.
Nichts gegen Literaturkritik: Es wäre klasse gewesen, wenn Missfeldt z.B. umfangreich die Rezeption Storms in der Literaturkritik seiner Zeit rekonstruiert hätte – zur etwas spärlichen Berücksichtigung des Literarischen Lebens habe ich mich ja schon geäußert. Auch hätte er noch ausführlicher schreiben können, inwieweit Storm mit einer Novelle vielleicht seine eigenen poetologischen Ansprüche nicht erfüllt hat. Wenn Missfeldt wie zitiert Storm „Sentimentalität“ vorwirft, kann man natürlich fragen, ob Storm die abgelehnt hat. Wenn dem so wäre, könnte daraus ein Kritikpunkt werden. Aber das macht Missfeldt eben nicht. Was der Verfasser der Biographie hingegen von einzelnen Werken hält, das kann meinetwegen am Rande mal durchscheinen. Aber dem Leser regelmäßig die eigene Meinung vorzulegen, das sollte man in einer Biographie schlechterdings nicht tun.
Das nächste Mal gehe ich dann doch ins Storm-Haus und lese mir in Ruhe die Tafeln durch. Die werden mich bestimmt nicht mit den Privatmeinungen ihrer Verfasser zu Storm behelligen, sondern es mir überlassen, dass ich mir zu Storm eine Meinung bilde – oder ich lese schlicht mal wieder einige seiner Gedichte und Novellen.
Veröffentlicht von kai bremer 








