Roman-Adaptationen auf dem Theater kommen nicht immer gut an. Dass man die Vorbehalte dagegen aber nicht zur Regel machen sollte, zeigt die deutsche Erstaufführung von Sofi Oksanens Fegefeuer, die ich gestern gesehen habe.
Kulturwissenschaft und Kulturgeschichte
30. September 2011Bevor ab Montag wieder über Gelehrte Polemik nachgedacht wird hier noch kurz ein paar Gedanken zu Kulturgeschichte und Kulturwissenschaft, ausgelöst durch einen konzentrierten Sammelband. Leider können die H-Soz-u-Kult-Beiträge immer noch nicht diskutiert werden. Kritik, Widerspruch und Zustimmung deswegen gerne hier!
Betrug?
2. September 2011Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman „ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen“, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem „betrogenen Betrüger“, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?
Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.
In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von „Modulhandbüchern“ geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.
Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.
Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.
Härte
27. August 2011Manchmal will ein kleiner Philologe ein harter Kerl sein. Aber weil er tatsächlich ein Einfaltspinsel und Schisser ist, mischt er sich beim Auswärtsspiel nicht unter die Ultras der Heimmannschaft, sondern geht in die Buchhandlung seines Vertrauens und verlangt was Hartes, was richtig Hartes.
Die junge Aushilfe bietet dem Käsegesicht Mankell an. Es stottert verlegen und stammelt was von „Ne, n‘ Krimi wollte ich eigentlich nicht.“ Zum Glück greift die Besitzerin ein. Sie kennt ihre Schnullis: „Nehmen Sie das hier, 35 Tote von Álvarez, der große Kolumbien-Roman der Gegenwart. Suhrkamp. Knallharte Realität. Abrechnung und Liebeserklärung zugleich.“
Und so sitzt der kleine Philologe, der so gerne richtig hart wäre, in seinem Sesselchen weit entfernt vom bösen Kolumbien, wo offensichtlich ohne Unterlass gekifft und gekokst wird, vergewaltigt und verprügelt. Alle sind total cool und haben dauernd Sex. Manche wollen die Welt ändern, die meisten aber nur Geld machen und Spaß haben. Ein paar liebenswerte Melancholiker trifft man auch.
Was soll unser Philologe sagen? So viele Tote gab’s lange nicht mehr in einem Buch, das er gelesen hat. Im Vergleich zu Mankell sind die Todesarten weniger bestialisch. Sie sind meistens schlicht effektiv, manchmal auch sadistisch. Sieht man einmal davon ab, dass der Roman aus ganz vielen verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt wird (was natürlich auf die Dauer nervig ist, weil man zu Beginn jedes Kapitels wieder überlegen muss, wer jetzt gerade spricht), ist er ästhetisch nicht besonders spektakulär.
Aber der kleine Philologe ist ausdauernd und liest die ganzen gut 500 Seiten. Weil er letztlich doch ein harter Junge ist, ein ganz harter. Wenn die gegnerischen Ultras wüssten, wie das in Kolumbien abgeht und was er darüber jetzt alles weiß, dann würden die aber sowas von weiche Knie bekommen. Das kann ich Euch sagen. Also macht Euch schon mal vom Acker, mir macht keiner mehr was vor. Schließlich habe ich Álvarez‘ Roman von vorn bis hinten gelesen. Da könnt ihr mit Euren Bengalos und Schlachtgesängen aber sowas von nicht mithalten, das sag ich Euch aber.
Aller Welt Freund
23. August 2011Als ich in diesen Tagen Aller Welt Freund von Jurek Becker gelesen habe, hat mich das Nachwort genervt. „Selbst schuld, wer liest schließlich schon Nachworte!?“, könnte ich mir jetzt sagen. Die Antwort lautet natürlich: zumindest die, die selbst welche schreiben. Doch wie auch immer. Ich habe mich auf jeden Fall geärgert. Denn dieses Nachwort ist typisch für die Auseinandersetzung mit DDR-Literatur. Der Roman erschien Anfang der 80er und im Nachwort zu meiner Ausgabe (Leipzig: Faber & Faber 2002) wird sofort losgelegt mit einer klaren politischen Verortung Beckers zwischen Ost und West:
Auch er ist weggegangen. Auch er hatte in den Siebzigern das eine gegen das andere deutsche Land eingetauscht. Wie manche vor ihm und viele andere nach ihm. In seinem Paß, den für mehr als ein Jahrzehnt noch Farbe und Emblem der Deutschen Demokratischen Republik zieren sollten, befand sich ein Visum, das ihm die unbeschränkte Aus- und Einreise erlaubte. Diesen Paß, ein Privilegium, besaß er, ein für damalige Verhältnisse Privilegierter, seit Anfang der Siebziger. (S. 171)
Als ich das Nachwort las, habe ich mich nicht etwa geärgert, weil einer mit einem Privileg naturgemäß ein Privilegierter ist (und auch nicht über die ach so gebildet daherkommende lateinische Schreibweise). Solche sprachlichen Nervereien passieren schon mal. Nein, es war, weil Beckers kurzer Roman in manchen Situationen nicht nur komisch ist (und dementsprechend ganz und gar unmelancholisch), sondern mir geradezu aktuell erschien (was mir selten passiert und mich eigentlich auch gar nicht so sehr interessiert). Auf jeden Fall: Nichts von Ausreise, Einreise, Stasi, Knast, was weiß ich. Nein, ganz anders. Aus der Ich-Perspektive wird geschildert, wie ein depressiver Redakteur nach einem gescheiterten Suizid-Versuch die ersten Tage verbringt. Aktuell ist der Roman dabei nicht nur, weil man an den Gedanken des Erzählers beeindruckend genau teilhat, sondern weil die Menschen um ihn herum vielfach so unkompliziert sind, geradezu vorbildlich. So geht z.B. der Chef regelrecht freimütig mit den Problemen seines Mitarbeiters um:
Der Mann, von dem ich spreche, ist ein Kollege von Ihnen. […]. Heute nennt er die ganze Geschichte seine depressive Phase. Ich will offen zu ihnen sein, mein Junge: Vor kurzem habe ich ihn gefragt, was für Ratschläge man einer Person geben könnte, der es ähnlich geht wie damals ihm. (S. 156)
Nun kann ich es sehr gut verstehen, dass man in einem Buch, das in einer Reihe namens DDR-Bibliothek erscheint, immer wieder zu historischen Verortungen ansetzt. So wird dann auch in dem Nachwort über Beckers Weggang aus der DDR berichte und über die Schwierigkeiten der Publikation von Aller Welt Freund in der DDR. Aber muss man das wirklich? Kann man nicht einfach mal über ein gutes Buch schreiben, dass es gut ist, ohne zu erwähnen, dass es zu einer Zeit erschienen ist, als zwei deutsche Staaten kooexistierten (kann man sich schließlich ausrechnen), ohne mit dem Zeigefinger auf Beckers gewiss nicht immer leichte Situation hinzuweisen. Weder Ostalgie noch Anklage, das wär’s. Aller Welt Freund ist gerade deswegen ein starkes Buch, weil es weder glorifiziert noch offen kritisiert, sondern den Leser mit diesem Erzähler ganz allein lässt. Und diese Zweisamkeit kommt bestens aus ohne historisches Tralala.
Kolbes Erinnerungen an Vineta
17. August 2011Das Literarische Zentrum Gießen war so nett, einige Gedanken von mir über Uwe Kolbes neue Essay-Sammlung online zu stellen. Auch wenn ich mir damit selbst untreu werde: wird kein einmaliger Seitensprung sein.
Stille?
11. August 2011Wenn George Steiner ein neues Buch publiziert, wird es wahrgenommen. Er ist einer der wenigen Philologen, dessen Studien weltweit erfolgreich verlegt werden, dessen Artikel über Fachkreise hinaus breite Resonanz finden. Den Höhepunkt der Wertschätzung in Deutschland erfuhr er vor einigen Jahren, als Außenminister a.D. Joseph Fischer eine Laudatio auf den Komparatisten aus Oxford hielt. In Fachkreisen hatten seine Bücher längst für viel Furore gesorgt und waren breit diskutiert worden.
Ich erinnere hier nur an sein emphatisches Plädoyer für die Präsenz des Kunstwerks in Von realer Gegenwart, das vor nunmehr beinahe 20 Jahren just zu dem Moment erschien, da der postmoderne Diskurs die direkte Beschäftigung mit der Literatur zu überlagern drohte. Steiner misst darin jeglicher wissenschaftlichen Auseinandersetzung etwa mit Literatur einen sekundären Status bei, da sie den Kunstgenuss immer nur vermitteln, bestenfalls erklären, nie aber ersetzen kann. Steiner wurde dadurch zu einem der Wegbereiter der Rephilologisierung, ohne dass man das damals schon so nannte und ohne dass dies später weiter reflektiert wurde.
Irritierend an der öffentlichen Beigeisterung für Steiner ist selbstredend, dass seine Essays und Studien damit faktisch einen performativen Widerspruch bilden, da sie einerseits für das Primäre der Kunsterfahrung plädieren und gleichzeitig selbst Ausdruck eben dieser sekundären Beschäftigung sind. Manche wohlmeinende Kritiker versuchten das dadurch zu retten, dass sie Steiner zum Künstler verklärten. Doch sein zweifellos brillanter Stil sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Tätigkeit weiterhin ‚sekundär’ in seinem Sinne bleibt.
Mich hat diese Diskrepanz von der Lektüre seiner Bücher jedoch nie abgehalten, weil seine Beobachtungen am Text vielfach zum Besten gehören, was man an zeitgenössischen philologischen Studien lesen kann und weil ich angesichts der Breite seiner Kenntnisse immer wieder nur bewundernd in die Knie gehe. Daneben war sein Buch Von realer Gegenwart für mich ein Schlüsseltext, weil in ihm der Dialog zwischen Literatur und ihrer wissenschaftlichen Analyse glückte – das Nachwort zur deutschen Ausgabe hat Botho Strauß geschrieben. Es zählt nach meinem Eindruck zum Klügsten, was in den Jahren nach 1989 an Poetologischem über deutsche Literatur formuliert wurde (leider steht Strauß’ Essay bis heute im Schatten des Anschwellenden Bocksgesangs).
Doch diese individuelle Wertschätzung ändert nichts daran, dass bei der Steiner-Lektüre ein widersprüchlicher Eindruck bleibt, der sich aus der geschilderten Hierarchisierung ergibt und der sich im Fall seines neuen Buches noch verstärkt: Der Titel Im Raum der Stille: Lektüren klingt einfach nur nach Betroffenheitskitsch, nach Selbstfindungsseminar und Meditation. Ihm ist zudem auch wieder ein performativer Widerspruch eigen, denn mit der Publikation wird der stille Raum der Lektüre verlassen und der der Mitteilung betreten, was nicht schlimm wäre, würde hier nicht der Habitus des Gelehrten in seiner Klause gepflegt, die just im Fall Steiners nun so gar nicht passt – gerade weil er ein Philologe ist, der die Öffentlichkeit, die Leser sucht, weil er für das Lesen begeistern will.
Zudem führt der Untertitel Lektüren den Leser auf die falsche Spur, denn in den meisten Artikeln, die Steiner ursprünglich für den New Yorker geschrieben hat, geht es gerade nicht in erster Linie um die Texte, sondern um die Autoren. Steiner beweist in dem Buch eben gerade nicht aufs Neue, dass er ein Meister der Lektüre ist, sondern dass er ebenso beeindruckend in der Lage ist, die historische Spezifik von und die biographischen Momente in literarischen Texten zum Klingen zu bringen. Manchmal ist es auch schlicht eine virtuos arrangierte Blütenlese, ergänzt um einige kluge Überlegungen (wie etwa im Aufsatz zu Karl Krauss und Thomas Bernhard).
Doch so ansprechend Steiners Stil ist und so kenntnisreich sein literarischer Fundus ist, so bleibt bei diesem Buch ein weiteres Problem: Steiner hat die Texte für ein zeitgenössisches Ostküsten-Publikum zwischen 1967 und 1992 geschrieben. Dementsprechend referiert er immer wieder historische Zusammenhänge und Textinhalte – zum Teil mit deutlichem Entdeckergestus. Ein zeitgenössischer deutscher Leser seines bei Suhrkamp publizierten Buches fühlt sich dagegen immer wieder verschaukelt, wenn ihm Dinge mitgeteilt werden, die er längst kennt und vielfach selbst gelesen hat – schließlich müssen weder Bernhard noch Celan irgendwem in Deutschland bekannt gemacht werden, der ein Steiner-Buch kauft.
Zudem sind diese Lektüren zum Teil nicht derart zeitlos, wie es Steiners Texte sonst sind. Das liegt natürlich daran, dass sie ursprünglich für die Zeitung geschrieben worden sind. Doch kann man Texte andererseits auch redigieren. Aber das ist nicht geschehen und deswegen fragt man sich bei der eigenen, nicht stillen, sondern zunehmend grummelnden Lektüre, warum etwa der Essay über Hermann Broch nicht zumindest etwas bearbeitet werden konnte. Weil das nicht passiert ist, reibt man sich nun verwundert die Augen, wenn das gegenwärtige New York mit seinen Punks mit dem Wien der klassischen Moderne verglichen wird. Die Irritation löst sich auf, wenn man im Anhang nachliest, dass der Text erstmals Mitte der 80er publiziert wurde – aber inwieweit kann er dann heute noch Gültigkeit beanspruchen? Zumal er abschließend dazu auffordert im folgenden Jahr – also 1986 – Broch zu lesen. Vermutlich hat sich aus Steiners Sicht dieser Appell inzwischen ja nicht erledigt. Doch warum sollte man das heute tun, wo Punks längst nicht mehr das New Yorker Stadtbild prägen (wenn sie’s denn überhaupt je getan haben)? Steiner hat vor fünf Jahren darüber nachgedacht, dass Denken traurig macht. Lesen manchmal auch.
Lesen lernen
11. Juli 2011Lange Zeit dachte ich, dass die Erforschung der Philologiegeschichte eine recht neue Sache ist. Das lag bestimmt daran, dass die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik eigentlich erst in den letzten 20 Jahren richtig Fahrt aufgenommen und dabei einige schlagzeilenträchtige Ergebnisse zu Tage gefördert hat. Mich interessiert Wissenschaftsgeschichte besonders, wenn sie Methodengeschichte ist. Deswegen habe ich während des Studiums beispielsweise die vier Bände Geschichtsdiskurs von Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen und Ernst Schulin gern gelesen, weil man an ihnen studieren kann, wie die Beschäftigung mit der Fachgeschichte in eigene Methodenreflexionen umschlägt. Leider sind die Bände längst vergriffen, so dass ich hier auf einen Link auf die Verlagsseite verzichte.
Als Uwe Wirth und ich vor etwa drei Jahren den Reader mit Texten zur Philologiegeschichte anfingen vorzubereiten, wurde mir wieder deutlich, wie sehr meine Wahrnehmung in disziplinären Schubladen festsitzt und wie intensiv die Philologie schon Wissenschaftsgeschichte betrieben hat, lange bevor man das so nannte. Besonders angetan war ich damals von Wilamowitz‘ Geschichte der Philologie, von der wiederum ausgegangen werden kann, um etwa die philologiegeschichtlichen Bemühungen des 19. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen.
Nun habe ich in diesen Tagen Jean Bollacks Essay über Jacob Bernays gelesen, der nicht nur deswegen faszinierend ist, weil der Autor die gleichen Initialen wie sein Gegenstand hat. Er ist sehr gut zu lesen, weil Bollack einen wunderbar lesbaren Stil pflegt, der zur Beschäftigung mit diesem dem ersten Eindruck nach fernen Gegenstand einlädt und der ihm damit auch ästhetisch gerecht wird. Guter Stil scheint mir insgesamt ein Merkmal philologiegeschichtlicher Studien zu sein, die sich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen. Ein anderes Beispiel dafür ist die Einleitung von Jürgen Paul Schwindt zur Neuauflage von Creuzers Das Akademische Studium des Alterthums.
Wenn man sich diese Studien durchliest, fällt neben der Stilsicherheit das historische Bewusstsein der Philologen heute und damals auf. Es geht weniger um die Rekonstruktion dessen, was war, sondern viel mehr um die Deutung. So schrieb Bernays bezeichnenderweise ein Buch über Scaliger. Wenn also die Beschäftigung mit der Fachgeschichte wahrlich nichts Neues ist, sondern offenbar schon älter, und wenn davon langfristig zahlreiche Impulse ausgehen, dann stellt sich die Frage, warum das so ist.
Bollack gibt darauf eine banale wie überzeugende Antwort: „Ein Buch ist immer die Geschichte seiner Lektüre.“ (S. 57) Wenn ich mich mit der Geschichte des eigenen Faches auseinandersetze, erfahre ich viel darüber, wie vor mir gelesen wurde und warum was wie gelesen wurde. Das ist zwar nicht weiter spektakulär, aber man macht es sich viel zu selten bewusst. Bollack führt das am Beispiel von Bernays vor, indem er die Zeitabhängigkeit von Deutungen kenntlich macht (bis hin zu einer steilen Thesen zu Schadewaldts wichtigem Aufsatz zu Furcht und Mitleid, auf die hier vielleicht ein anderes Mal eingegangen wird; vgl. bei Bollack S. 78).
Das große stilistische Bewusstsein von Autoren wie Bernays, aber auch Bollack oder Schwindt ist nun zugleich Voraussetzung dafür, dass die Beschäftigung mit dem Lesen anderer nicht nur selbstbezogen ist, sondern auch als Einladung begriffen werden kann – hier teilt jemand die eigene Freude an einem Buch, also an den Lektüren eines Dritten, seinen eigenen Lesern mit. So gesehen ist es vielleicht gar nicht überraschend, wenn ich mir gut vorstellen kann, dass in wenigen Jahren wissenschaftliche Blogs und ähnliche Formate ein bevorzugter Ort für wissenschaftsgeschichtliche Erörterungen sein dürften. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Klartext gesprochen wird. Bollack schreibt: „Bernays überträgt das moderne Modell des aufgeklärten Herrschers auf die griechische Welt. Ihm zufolge hat Platon es in seinen sizilianischen Träumen vorweggenommen.“ (S. 82) Prägnanter kann man Bernays Darstellungsweise und die Kritik daran nicht auf den Punkt bringen. Zugleich aber macht diese Feststellung deutlich, warum es so wichtig ist, sich mit der Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Erst die Kritik macht es möglich, von einem Vorgänger zu lernen, ohne ihn zu verraten.
Veröffentlicht von kai bremer