Wahrheit und Streit

In der großartigen Reihe ‚Hörsall‘ vom Deutschlandradio Wissen, über die ja auch schon viel berichtet wurde,  habe ich gestern drei Beiträge aus den 50er Jahren zur Nutzung der Atomkraft gehört. Der erste stammt von Carl Friedrich von Weizsäcker. Er ist leider schon nicht mehr in der Podcastliste des dradios abrufbar. Wofür zahlt man eigentlich GEZ-Gebühren?

Doch wie auch immer. Von Weizsäcker eröffnet seinen Vortrag, in dem er die Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften auf Descartes zurückführt und diese Trennung dann auf die Heisenbergsche Unschärferelation bezieht (!), mit der Bedeutung des Streits für die Geisteswissenschaft als Erkenntnismittel der Wahrheitsfindung.

Wenn ich mir nun überlege, was ich letztens im Rückgriff auf Münkler über die Tendenz zunehmend fehlender Streitbereitschaft bei Intellektuellen seit dem 19. Jahrhundert gesagt habe, dann kann die Konsequenz des Verständnisses von Streit, wie es von Weizsäcker hier hat, ja nur sein, dass den Geisteswissenschaften das Interesses an der Wahrheit abhanden kommt bzw. gekommen ist. Doch trifft das zu? Geht es im Streit wirklich nur nur um Wahrheit (und die Frage, was das denn überhaupt ist, lasse ich mal besser gleich außen vor)?

Man streitet bekanntlich nicht nur um die Wahrheit eines Arguments. Streit ist immer auch eine Machtfrage. Das unterschätzt von Weizsäcker in seinem hervorragenden Beitrag entschieden. Dass die sog. Diskussion um die Atomenergie, die ja nichts als ein Streit ist, dafür ein Paradebeispiel par excellence abgibt, dürfte klar sein.

Doch unabhängig davon, wie zentral Wahrheit jetzt im Streit ist oder nicht: Wenn man von Weizsäckers Beitrag hört, bedauert man vor allem, dass der Streit um die Atomenergie nicht auf dem intellektuellen Niveau fortgeführt wird, auf dem er in den 50ern zumindest kurz einmal stand.

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