Die Schneekönigin und Worpswede

Wer am Wochenende die Feuilletons aufgeschlagen oder Radio gehört hat, der ist vielleicht schon darauf hingewiesen worden, dass heute Moritz Rinkes erster Roman erscheint: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Am Mittwoch präsentiert Rinke sein Buch und seinen Helden Paul Kück erstmals dem breiten Publikum – und zwar zuerst in seiner Heimat Worpswede, wo das Buch spielt.

Ich bin Rinke in den letzten Jahren einige Male begegnet. Weil ich Worpswede recht gut kenne und mütterlicherseits Mitglied einer der dort ansässigen Kück-Familien bin, hatte ich das große Glück, ein paar Einblicke in Rinkes Arbeit am Roman nehmen zu dürfen. Auch hatte ich das fertige Buch schon zu Weihnachten vor mir. Deswegen kann ich es bereits heute uneingeschränkt empfehlen.

Von Beginn an haben mich die skurril-komischen Details und Einfälle im Roman begeistert, die so typisch sind für Rinke. Der Roman verweigert sich von der ersten Seite an einem planen, in der Gegenwartsliteratur oft so enervierenden Realismus. Was mich aber noch viel mehr überzeugt hat, ist seine Bauweise, die einerseits kleinteilig auf Details wert legt. Gleichzeitig aber verfügt der Roman über zwei Handlungsbögen, die spannend sind und die ganz unterschiedlich entwickelt werden – einmal unvermittelt von Beginn an und einmal ganz langsam en passant. Rinkes große Leistung besteht nach meinem Dafürhalten also darin, dass die Synthese aus dem Kleinteiligen und den beiden Handlungsbögen ganz und gar gelingt. Das war bei einem Autor, der vom Drama und der kleinen Prosa kommt, nicht unbedingt zu erwarten.

Was mich an seiner komischen und trotzdem immer wieder melancholischen Erzählung aber jenseits der Bauweise so eingenommen hat, ist der sensible Umgang mit seinen Figuren. Ich dachte bei der Lektüre immer wieder an das Ende der Schneekönigin: „Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer, wohlthuender Sommer.“ Erst als die Lektüre weit fortgeschritten war, merkte ich, dass meine Assoziation kein Zufall, sondern Folge eines ganz vorsichtigen Spiels mit Andersens Kunstmärchen war und wie wunderbar Rinke zumindest mich verzaubert hat – ähnlich wie das früher Andersen gelungen ist. So ging ich dann mit Paul Kück am Ende durch die frühsommerlichen Kuh-Wiesen und wusste, dass ich mich an seine wundersame Geschichte noch lange erinnern werde. Ich bin mir sicher, dass es vielen Lesern ähnlich ergehen wird.

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