Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative

Heute hat Ralf Klausnitzer einen Artikel publiziert, in dem er sich kritisch mit dem vermeintlichen „Fluch des Geldes“ durch die Exzellenzinitiative auseinandersetzt. Klausnitzer geht in seinem Beitrag u.a. auf einen Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht aus dem letzten Monat ein, der seinerseits die gegenwärtige Symposien-Kultur aufs Korn nimmt.

Beide thematisieren ein Unbehagen an der Inflation geisteswissenschaftlicher Tagungsbände, die durch die Exzellenzinitiative ihrer Meinung nach verstärkt wurde und die inzwischen wohl jeden Geisteswissenschaftler beschleicht und die viele Kollegen auch schon zu missmutigen Äußerungen auf Tagungen hingerissen hat. Im ersten Moment dachte ich, dass die beiden Artikel mal wieder Ausdruck für das fehlende Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften im Hinblick auf ihre Forschungsergebnisse sind. Aber das ist, wenn man die Artikel ganz liest und andere Artikeln der beiden Autoren kennt, auszuschließen.

Das Problem der Äußerungen von Kollegen auf Tagungen ist natürlich, dass immer der Tagungsband einer anderen Tagung, eines anderen Kollegen gemeint ist. Nie der eigene Tagungsband. Schließlich ist der eigene Beitrag stets wichtig, d.h. publikationswürdig. Die fördernden Institutionen geben diesem Impuls recht: Schließlich wurden vor der Publikation Anträge begutachtet; die Ideen haben also eine gewisse Valenz.

In der Diskussion um den richtigen Umgang mit den Tagungsbänden sollte man also vorsichtig sein, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird bzw. dass die Geisteswissenschaften nicht zu der ihnen eigenen Neigung zur Selbstzerstümmelung zurückkehren. Ergebnisse von geisteswissenschaftlichen Tagungen sind in aller Regel publikationswürdig. Doch hat die Publikation nicht höchste Priorität. Sie ist eine Art der Vermittlung, nicht mehr.

Noch wichtiger für die Vermittlung von Gedanken sind aber die Tagungen selbst. Das Unbehagen an den Tagungsbänden darf nicht auf die Tagungen selbst ausgeweitet werden. Gerade weil ein Überblick kaum mehr möglich ist, muss regelmäßig die Gelegenheit zum Austausch unter Kollegen bestehen.

Die Pointe der beiden Artikel ist nun, dass sie trotz einiger Differenzen die gleiche Richtung verfolgen. Beide fordern nämlich letztlich nicht weniger als eine neue Verzahnung von Forschung und Lehre. Klausnitzer fordert: „Neue Ideen sind nicht nur auf Tagungen zu diskutieren, sondern in Lehrveranstaltungen mit Studierenden zu testen. Wissenschaftler sollten weniger Drittmittelanträge ­schreiben und dafür stärker die Arbeiten von Kollegen wahrnehmen.“ Und Gumbrecht meint abschließend: „An den besten amerikanischen Universitäten, denen die neue europäische Exzellenz-Hektik ja nachstrebt, stand die Priorität der Lehre übrigens noch nie in Frage.“

In der guten alten Zeit (also vor Bologna) gab es einen Ort, der gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung bildete. Er trug den etwas muffigen Namen Oberseminar. Das fundamentale Problem ist nur, dass eben diese Lern- und Lehrform vielerorts ein Opfer des sog. Reformprozesses geworden ist. Vielleicht sollte man in Zukunft die Bewilligung von Druckkostenzuschüssen schlicht an die Frage knüpfen: „Was haben Sie zur Wahrung bzw. Wiedereinrichtung von Oberseminaren in den letzten 12 Monaten unternommen?“

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One Response to Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative

  1. […] Vielleicht reicht es schon sie ein wenig zu erden, wie im Blog philology & irony geschehen (Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative I und […]

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