Boulevard

Theaterpause. Nach den ersten fünf Szenen von Botho Strauß‘ Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau. Neunzig Minuten sind vorbei. Neunzig Minuten folgen. Doch keine Ermüdung angesichts des leichten Spiels. Und vor allem angesichts des Dramas, das endlich wieder einmal zeigt, warum Strauß ein großer Dramatiker ist. Knappe, witzige Dialoge. Spiel im Spiel-Situationen und ironische Durchbrechungen der Illusion. Eine Revue, die durch sieben hervorragende Jazz-Musiker gerahmt und begleitet wird. Und der kleine Philologe im Publikum darf sich auch noch freuen, dass er einige intertextuelle Bezüge entdeckt hat, die er besonders komisch findet.

Der Mann vor mir in der Warteschlange an der Bar raunt seiner Frau zu: „Na ja, ist halt schon ein bisschen Boulevard.“ Sie nickt, zögert und meint dann vorsichtig: „Aber mir hat’s gefallen.“ Er: „Aber Tiefgang hat es nicht.“

Tiefgang. Leichtes Spiel ist keine Schenkelklopfer. Ich musste immer wieder lachen, weil Strauß auf ganz vielfältige Art und Weise Alltagsabsurditäten aufnimmt und weiterspinnt. Bei ihm gibt es keinen running gag, aber immer wieder fällt ein ängstlich oder gar hysterisch gehauchtes „Bald!“ – verbunden mit einer Miene, die die freundlichen Wachturm-Verkäufer aufsetzen, um mein Interesse an der Endzeit zu wecken. In diesem „Bald!“ kommt die ganze deutsche Beladenheit zum Ausdruck, die wunderbare Momente nicht wahrnehmen will. Wer im Alltag „Bald!“ sagt, sagt „Tiefgang“ im Theater.

Am Ende von Leichtes Spiel spricht Cornelia Froboess den Schlussmonolog, bestimmt zwanzig Minuten lang. Ein langer Rückblick auf ein Leben mit seinen Abgründen und seinen schönen Facetten. Aber am Ende steht das Alter, die Entmutigung. Kein Untergang, ein langsamer Niedergang. Froboess‘ Käthchen spricht von einem Leben, das eine Revue war, aber jeder Versuch, die Revue noch einmal zu spielen, scheitert. Der Akku ist leer. Zwanzig Minuten lang ein erlahmendes Aufbäumen gegen die Zeit. Vielleicht war das der Tiefgang, nach dem der Herr sich sehnte. Ich bin auf jeden Fall eingenickt.

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