Museum und Archiv

Wer Handschriften von Schriftstellern lesen möchte, muss in Deutschland ins Archiv gehen. Nun sind Archive bekanntlich keine Museen. Ins Museum geht man, um in der Freizeit ein wenig das zu genießen, was man Allgemeinbildung nennt. Ins Archiv dagegen geht man, weil man eine bestimmte wissenschaftliche Frage hat und diese beantworten will. Im Archiv wird also wissenschaftlich gearbeitet.

Was aber tun die, die eine Handschrift nicht gleich bearbeiten, sondern schlicht einmal eine oder gar gleich mehrere in ihrer Freizeit lesen oder auch nur ansehen wollen? Ihnen bleibt nur der Weg in eins der großen Archive – immerhin habe sie meistens einige Ausstellungsräume. Das gilt insbesondere für die vier großen Literaturarchive: das Archiv der Akademie der Künste in Berlin, das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Marbach hat zudem mit dem Literaturmuseum der Moderne den Weg gewiesen, wie eine kluge Verbindung aus Archivbeständen und Museum aussehen kann.

Aber das, was den Schriftsteller im Kern ausmacht, ist weiterhin bemerkenswert peripher: Ein Museum in erster Linie für Handschriften aller Epochen gibt es in Deutschland nicht. Man kann ins entlegenste Kaff kommen und findet ein Literaturmuseum. Das ist dann meist ein Haus, in dem irgendein Schriftsteller geboren wurde, den heute kaum noch jemand kennt und der zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr mit seinen Eltern diese trostlose Gegend für immer verlassen hat. Das vermeintliche Museum hat also meist nicht vielmehr als eine Kopie vom Taufregister zu bieten und vielleicht noch ein vergilbtes Photo vom Nachbarn oder Onkel. An der Kasse werden immerhin ein paar Bücher verkauft, und wenn man viel Glück hat, findet man dort ein Buch, das lange schon vergriffen ist. Über die Arbeitsweise des Schriftstellers, also über sein Schreiben, erfährt man dagegen wenig.

Vor allem aber erfährt man in solchen Dichter-Museen über das Schreiben im Allgemeinen nichts: Wie hat es sich entwickelt, welche Formen des schriftstellerischen Schreibens gibt es? Sind Schriftsteller eher diszipliniert oder krickeln sie herum? Welche technischen Hilfsmittel haben sie zu welchen Zeiten bevorzugt? Haben sie ganz viele Notizen angelegt oder scheint alle ihre Ideen immer schon im Kopf zu sein?

Man lernt sehr viel über einen Schriftsteller, wenn man sich einmal in Ruhe einen Nachlass im Archiv anschaut. Das ist klar. Aber den Vergleich ermöglicht das noch lange nicht. Das kann nur ein Museum leisten, dessen Kuratoren viele Nachlässe kennen und mit der Geschichte des Schreibens vertraut sind. Ein Museum, das all das auf spannende Weise vermittelt, gibt es in Deutschland nicht.

Offenbar ist man hier der Meinung, dass das außer ein paar Philologen eh niemanden interessiert. Wenn man sich aber einmal klar macht, wo überall Schriftsteller-Museen und -Sammlungen sind und dass es andererseits in diesem Land kein einziges Museum gibt, das sich der Schrift widmet, so wird rasch die Diskrepanz deutlich. Ich glaube auch nicht, dass das ein Museum nur für ein paar Freaks wäre. Wie spannend alte Handschriften sein können, weiß jeder, der einmal in den Schulheften der Eltern gewühlt hat.

In Frankreich ist man einen anderen Weg gegangen. Dort gibt es seit einigen Jahren das Musée des Lettres et Manuscrits. Es zeigt nicht nur Handschriften berühmter Schriftsteller, sondern eben auch Briefe und andere Handschriften seit dem Mittelalter. Allen, denen der Weg nach Paris zu weit ist, präsentiert sich das Museum im Netz. Dort kann man zum Beispiel mit einer virtuellen Lupe über den Handschriften herumfahren und sich ein wenig als Hobby-Kodikologe versuchen, wobei man gut beraten ist, die Ansicht im Browser hochzufahren, sonst erkennt man oft gar nichts. Aber das ist nicht so schlimm. Dass eine Internet-Präsenz keinen Museumsbesuch ersetzen kann, ist eh klar.

Warum hat Deutschland ein solches Museum nicht? Es müsste eins sein, das nicht auf eine bestimmte Epoche konzentriert ist und das zu zeigen versucht, wie sich die Geschichte eines Landes in seiner Schriftgeschichte spiegelt. Wäre doch spannend, wenn man mal sehen könnte, ob sich Notizen von Kaisern und Königen sehr von einer Merkel-SMS unterscheidet.

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